Gießener Jettnng
^^^■^^/ I ^^ (Neueste Nachrichten) ((tziestcner Tageblatt)
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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
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Expedition: Zeltersweg 83
lHaus Brüder Schmidt.)
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Gcsamtlcitung: Albin Klein.
Nr. 63
Telephon: Nr. 362.
Mittwoch den 15. März 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Bus dem Reichstag.
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".)
Zum Militäretat führte der Abg. Behrens über die Angelegenheiten der Militär- und Staatsarbeiter u. a. aus:
„Meine Herren, eine Frage, die während der gestrigen Erörterungen mehr und mehr in den Vordergrund rückte, war die Frage der Staatsarbeiterorganisation. Der Herr Vorredner wünschte für die Staatsarbeiter und somit auch für die Heeresarbeiter die unbeschränkte Koalitionsfreiheit. Diesen Standpunkt teilen wir nicht, weil wir meinen, daß es höhere Pflichten und auch höhere Interessen gibt, als nur irgendeinem schönen Grundsatz von der unbeschränkten Koalitionsfreiheit nachzuhängen. Wir betrachten die Heeresbetriebe als einen Teil der Landesverteidigung, und dementsprechend müssen auch die Verhältnisse in diesen Betrieben betrachtet werden. Ein fernerer Gesichtspunkt, der uns nicht für dle absolut unbeschränkte Koalitionsfreiheit der staatlichen Arbeiter eintreten läßt, ist der, daß uns die Beispiele in anderen Staaten, besonders in Frankreich, in den letzten Jahren gelehrt haben, daß die unbeschränkte Ko- alittonsfrecheit weder zum Nutzen für die Arbeiter, noch zum Wohle des Staates oder des öffentlichen und'wirt- fchaftlichen Lebens ist. Die Staatsarbeiterstreiks, die wir in Frankreich erlebt haben, haben uns den Beweis geliefert, daß wir solche Ideen, wie sie der Herr Vorredner und auch der sozialdemokratische Redner gestern ausgesprochen haben, den deutschen Staatsarbeitern nicht empfehlen können. Meine Herren, wir stehen aber auf dem Standpunkt, daß man den Staatsarbeitern das Recht, sich zu vereinigen und zu Verbänden zusammenzuschließen, durchaus gewähren müsse, und dafür werden wir jederzeit eintreten.
Der Herr Vorredner hat darin den Herrn Kollegen Pauli falsch verstanden, wenn er ihm unterstellte, er hätte mit seinen Ausführungen nur die Organisationen innerhalb einzelner Militärinstitute im Auge, aber nicht, die sich über mehrere Institute erstrecken. Wenn der Vorredner damit andeuten wollte, daß Abgeordneter Pauli die sogenannten gelben Vereinigungen meinte, so irrt er. Ich habe Herrn Kollegen Pauli gesprochen, unb derselbe erklärte mir, daß er nicht die Vereinigungen im Sinne der gelben Vereine gemeint habe, sondern die Verbände der Staatsarbeiter als solche. Damit stand auch der Herr Kollege Pauli im ^'Gegensatz zu den Ausführungen des Herrn General Wandel, der in einer seiner Reden sagte, daß man es nicht billigen könnte, wenn ein Verein, z. B. aus Spandau, sich um die Verhältnisse in Hanau kümmerte. Ich halte es sogar für einen Vorzug, wenn wir nicht in jedem Betriebe so und so viel Vereine haben, die dann mit Dutzenden von Petitionen an den Reichstag treten. Der einzelne Abgeordnete ist ja dann kaum in der Lage, die Einzelheiten der vielen Petitionen durcharbeiten und sich ein richtiges Bild von den Verhältnissen machen zu können. Ich bin vielmehr der Meinung, daß die Verbandsbildung in den Militärbetrieben ebenso wünschenswert ist wie in den Eisenbahnwerkstätten, und daß, wenn diese Ver - bände in durchaus loyaler und verständiger Weise die Wünsche ihrer Kollegen in den verschiedenen Betriebs - Werkstätten zusammensassen und das Wichtige von dem weniger Wichtigen trennen und dann nur das Wichtige dem Reichstag vorlegen, das für den Reichstag wertvoller und für die Arbeiter von größerem Erfolg ist, als wenn wir alle einzelnen Wünsche hier berücksichtigen sollen. Es ist aber auch für die Heeresverwaltung angenehmer, weil die Wünsche der Arbeiter schon durch diese selbst geprüft sind. Auch die Verhandlungen im Reichstag würden sich kürzer gestalten, weil wir . dann einen übersichtlicheren Ueberblick über die Verhältnisse bekämen und Wiederholungen über die verschiedenen Werkstätten erspart werden könnten.
An die Koalitionsfreiheit hat sich eine Auseinandersetzung zwischen den Herren Kollegen Schirmer und Böhle über die Tendenz der Verbände angesponnen, ^ch stehe durchaus auf dem Standpunkt des Herrn Kolle- gen Schirmer, dah wir in erster Linie uns für solche Organisationen verwenden, ine auf dem Boden der Staatsordnung stehen. Wenn man von diesem Gesichts- DUnft diese Frage betrachtet, dann können wir nicht wünschen daß diese Betriebe, die der Vaterlandsvertei- diqunq dienen, schließlich von Organisationen beeinflußt werden, die am letzten Ende den Willen haben du^heutige Staatsordnung zu stören.(Fort, folgt.)
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 15. März
* Gießen. Die vor kurzem stattgefundenen Versammlung der oberhessischen Vertrauensmänner des
Hilfsverein für die Geisteskranken in Hessen erklärte es für wünschenswert, daß im Zusammenhang mit der Säuglings- und Krüppelfürsorge, die damit eng verknüpfte Idiotenfürsorge speziell durch den Bau der für Grünberg geplanten Jdiotenanstalt weiter gefördert werde. Es soll dabei auf dem Boden einer organisierten Säuglingsfürsorge soweit als möglich der Entstehung der Idiotie vorgebeugt und die Krankheiten, die zur Idiotie führen, schon im Beginn der ärztlichen Behandlung zugeführt werden.
* Die Großherzogin hat am 11. März, als am Geburtstage der verstorbenen Prinzessin Elisabeth folgende Ehrenzeichen für langjährige- treu geleistete Dienste ln em- und derselben Familie an folgende Dienstboten verliehen: Das Goldene Kreuz mit Bril- l anten an Auguste Fritz aus Alsfeld, 40 Jahre bei Fräulein Elisabeth Hauß in Darmstadt: Franziska Krebs aus Klein-Karben, 40 Jahre in der Familie des Herrn Kammerherrn Dr. Freiherrn von Leonhardi in Darmstadt; Wilhelmine Ratz aus Gamba ch, 40 Jahre bei Herrn Stadtverordneten P. Dietz in Friedberg. Das Goldene Kreuz an Luise Klapp aus Ober-Ofleiden, 25 Jahre bei Frau Mathilde Stade in Darmstadt; Katharine Sommerlad aus V e u= e r n, 25 Jahre bei Herrn Pfarrer Vogel in S e e h e i m a. d. Vergstr.; Karoline Cahn aus Münster, Oberlahnkreis, 25 Jahre bei Herrn Markus Rosenthal in Gießen; Elisabeth Meurer aus Lohra, Kreis Marburg, 25 Jahre bei Frau Rendant Edmund Wetter Witwe in Gießen; Karoline Bieger aus Gedern, 26 Jahre bei Herrn Aktuar i. P. Heinrich Jöckel in Orten- berg; Katharina Keil aus Atzenhain, 26 Jahre bei Herrn Kaufmann Karl C. Mayer in Nomberg a. O.; Anna Köberer aus Butzbach, 25 Jahre bei Herrn Medizinalrat Dr. Vogt in Butzbach; Katharina Rühl aus Groß-Eichen, 25 Jahre bei Herrn Konrad Trinkaus 1 in Grünberg; Marie Weilmünster aus Dübel s h e i m, 26 Jahre bei Frau Friedrich Gerlach Ww. in Düdelsheim.
)( Gießen, 14. März. Die kaufmännische Reklame und das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb. Vielfach hat sich im Geschästsleben die Sitte ausgebildet, die Aufmerksamkeit des Publikums durch verblüffende Wortzusammenstellungen und Behauptungen zu erregen. Sieht man aber schließlich genauer hin, so findet man zwischen den großgedruckten Worten noch kleingedruckte, welche der ganzen Empfehlung einen anderen Sinn geben. Dieser immerhin recht harmlosen Reklamerekorde wird nunmehr bald der Garaus gemacht werden, wenn auch in anderen Orten als in Wetzlar die Interessentenvereine die erforderlichen Strafanträge stellen. Von der Strafkammer in Wetzlar ist nämlich am 21. Dezember v. J. der Kaufmann Ludwig Steinhäuser, Inhaber des „Rheinischen Kaufhauses", wegen unlauteren Wettbewerbs zu 38 Mk. Geldstrafe auf Grund des folgenden Tatbestandes verurteilt worden: Der Angeklagte ist Inhaber eines Kaufhauses. Er ließ eine Preisliste verteilen, in welcher zahlreiche Lebensmittel angezeigt wurden. Mit großer Schrift war darauf zu lesen: „Amika- Landbutter" nur 1 Mk. Ganz klein stand dabei „Margarine-Ersatz" und „1 Pfd.". Der Angeklagte gab an, jeder Käufer, der „Amika-Landbutter" statt „Amika-Mar- garine-Landbutter-Ersatz" lese, weiß, daß es Margarine sei. Die Strafkammer hat trotzdem eine Gesetzesverletzung als vorliegend erachtet. 'Die Worte „Amika-Landbutter 1 Mk." sind so groß, daß das Publikum nur diese liest und zu dem Glauben kommt, es sei Butter. Daher hat der Angeklagte irreführende Angaben über die Art und Beschaffenheit der Ware gemacht — so heißt es im Urteile. — Die Revision des Angeklagten wurde vom Reichsgerichte als unbegründet verworfen.
* ) W. e i t e r s h a i n. Ein hiesiger Bürger hat am letzten Freitag seiner Ansicht über die „politische Lage" in unserem Wahlkreis durch Abgabe folgenden Stimmzettels dokumentiert:
Ich wähle nit de Werner, Un wähl' aach kee Pärrer
Un aach kaa Prosesser,
's wird doch nit besser, Wenn der Beckmann gewinnt D'r Nochgeschmack kimmt, Wenn die Wahl is vorbei Jst's ganz einerlei.
* Villmar, 12. März. Hier ging gestern ein Pferd durch; der Wagen überfuhr den 91jährigen Schneidermeister Flach, den ältesten Mann des Ortes. Der Bedauernswerte starb an den schweren Verletzungen.
* Langendernbach (Westerwald). Bei einer Revision der hiesigen landwirtschaftlichen Berufsgenos- senschaftskasse wurde ein Defizit von nahezu einer halben Million sestgestellt. Die mit unbeschränk
ter Haftpflicht eingerichtete Kasse zählt 800 Riitglieder, die sich nun natürlich in begreiflicher Aufregung befinden.
* ) Leihgestern. Vergangenen Sonntag fand hier der Delegiertentag für den zu Pfingsten stattsinden- den G e s a n g w e t 1 st r e i 1 statt. Es haben 20 Vereine gemeldet.
* Friedberg. Ein Konflikt zwischen der Reichs- post- und Stadtverwaltung bereitet sich hier vor. Die Reichspost hat einen Platz für Errichtung eines Neubaues an der Mainzertor-Anlage in Aussicht genommen. Die Stadt lehnte den Verkauf des Platzes ab mit der Begründung, die Post gehöre in die Stadt, wo der geschäftliche Verkehr ist. Die in der Stadt vorgeschlagenen Plätze erscheinen nun der Postbehörde teils unzweckmäßig, teils zu teuer. Die Stadt solle wenigstens die Mehrkosten dieser Plätze decken, dies lehnte aber die Stadtvertretung ab, zumal der Zuschuß sich aus Mk. 80 000 bis 100 000 belausen würde. Nun droht die Reichspost damit, den Neubau noch weiter draußen, nämlich am neuen Bahnhof zu errichten.
* Gedern. In der Hitze des Reichstags- wahlkampfes steckte ein hiesiger Geschäftsmann eine Rechnung anstatt eines Stimmzettels in das Wahlkuvert.
* Frankfurt. Der Verein „Arbeiterjugend" ist vom Polizeipräsidenten aufgelöst worden, weil er nach seinen Bestrebungen und Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei als politischer Verein zu betrachten sei.
* Frankfurt a. M. Zum ersten Male ist es gelungen, durch elektrische Wellen eine Verständigung zwischen einem schwebendenBallon und der Erde herzustellen. Vom benachbarten Griesheim stieg ein Freiballon auf und die ihm nachgesandten elektrischen Wellen wurden von der mitgenommenen Empfangsstation ausgenommen. Bis 600 Meter war die Verständigung sehr gut.
* Offenbach. Die verheiratete 39jährige Ehefrau Maas aus Gedern, die sich bei ihren Verwandten aufhielt, hat sich in deren Wohnung erhängt.
* ) Aus Rheinhessen. Aus Anregung der hessischen Regierung wird der bekannte v o g e l k u n - d i g e Freiherr v. Berlepsch noch im Laufe dieses Monats eine Rundreise durch das rheinhessische Weinbaugebiet unternehmen, um die Anlagen zum Schutze der Vögel zu besichtigen und sein Gutachten darüber abzugeben.
* Frankfurt. Im Kaisersaale des Römers fand unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters Dr. Adickes die grundlegende Versammlung für das 17. Deutsche Bundesschießen statt, das als goldenes Jubi- läumsschießen im nächsten Jahre hier gefeiert werden soll. Die einzelnen Ausschüsse sind bereits in der Bildung begriffen. Den Vorsitz im Ehrenausschuß hat der Oberbürgermeister, den im geschästssührenden Ausschuß der Stadtverordnetenvorsteher Geh. Justizrat Dr. Friedleben übernommen.
* Sprendlingen, 12. März. Heute fand hier eine Vertrauensmännerversammlung des Wahlkreises Bingen-Alzey statt. Nach 2ftünbiger Beratung stellte die Versammlung, die von mehr als 200 Personen besucht war, einstimmig Herrn Dr. Becker als Kandidaten auf.
* Offenbach. Ein eigentümliches Mißgeschick widerfuhr einer in der Löwenstraße wohnenden Familie, die ihre Ersparnisse in Höhe von 1200 Mark in der Bettmatratze ausbewahrte. Als nun dieser Tage die Matratze einer Reparatur unterzogen werden sollte, hatte man in der Eile vergessen, das gesparte Geld aus dem Versteck hervorzuholen. Erst gestern merkte man den Verlust. Die 1200 Mark aber blieben verschwunden und konnten trotz der Inanspruchnahme der Polizei nicht gefunden werden._____________________________________
Eine glänzende Haaresfülle
ist nicht jedermann beschert. Selbst die sorflfältigste Pflege, die man dem Haar angedeihen läßt, erweist sich erfolglos ; wie gründlich man es auch wasche und bürste, es erkält nie jene bei Frauen und Kin« dern so gern gesehene glänzende Fülle, solange die Bildung von KopfschupvlN an der Lebenskraft der Haarwurzeln nagt. Häufiges Bürsten und etwa alle zwei bis 3 Wochen eine Waschung sind zwar eine wertvolle Hülse zur Erlangung schönen Haares, sie können.aber die Schuvpenbildung nicht verhindern Als ein vortreffliches Mittel hiergegen kann die laut nachstehendem Rezept bereitete Mischung empfohlen werden, welche m n zweimal täglich in die Kopfhaut einzureib n hat: 1 Gramm krist. Mentol wird in 85 Gramm Bay-Rum aufgelöst und dann werden 30 Gramm Livola de Composèe htn- zugefüat. Ein Teelöffelchen voll besseren Parfüms gibt ihm den gewünschten Wo hlgeruch Dies Rezept beseitigt nicht nur die Schuppen, man spricht ihm auch wirklich bemerkenswerte, den Haarwuchs fördernde Eigeilchaften zu. ES kann von jedem Apotheker oder Tro giften zusammengestellt werden. Sein Erfolg liegt in seiner regelmäßigen Anwtndung. Man lürfte das Haar örter« und nehme von Zeit zu Zeit eine Waschung vor. Heiße Lockenscheren sind zu vermeiden, denn sie geben dem Haar ein glanzloses, lebloses Aussehen.