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Hietzener Zeitung

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lHau» Brüder Gchmidt.)

Verlag derGießener Zeitung" G m. b. H.

Nr. 163. Telephon: Nr. 362.

Freitag, den 14. Juli 1911.

Telephon: dir. 362.

23 Jahrg.

Innere Kolonisation.

Eine umfangreiche Siedlungstätigkeit hat in den letz­ten 10 Jahren die im Jahre 1886 gegründete Ansied­lungskommission entfaltet, die ihren Sitz in Posen hat und deren Ausgabe es ist, zur Stärkung des deutschen Elements in den Provinzen Westpreußen und Posen ge­gen polonisierende Bestrebungen deutsche Bauern und Arbeiter auf Baustellen von mittlerem und kleinerem Umfange anzusiedeln. Diese Stellen können zu Eigen­tum, in Zeilpacht oder gegen feste Rente vergeben wer­den. Zur Erweiterung und Festigung des deutschen Grundbesitzes in der Ostmark sind bis jetzt 727 Milli­onen Mark ausgeworfen, und die Festlegung dieser stattlichen Summe hat naturgemäß auf die Vermehrung des bäuerlichen Besitzes in den Provinzen Posen und Westpreußen sehr segensreich eingewirkt, sind doch bis Ende 1910 durch die Ansiedlungskommission insgesamt 18 507 Siedlungen, davon 18 127 Renten- und Pacht­güter, und 380 Arbeitsmietsstellen geschaffen und 14 151 Bauernfamilien angesiedelt worden. Das ist mehr, als sonst in ganz Preußen an innerer Kolonisation zustande gekommen ist.

Auch von den Generalkommissionen, sodann in klei­nerem Umfange von einigen Kreisverwaltungen und end­lich von privaten Ansiedlungsgesellschaften wird die Siedlungstätigkeit mit gutem Erfolge betrieben. Die Generalkommissionen bestehen schon seit dem Jahre 1811, aber erst seit dem Rentengutsgesetz vom Jahre 1891 haben sie ihre kolonisatorische Tätigkeit erfolgreich be­treiben können. Durch dieses Gesetz sind die staatlichen Rentenbanken ermächtigt worden, durch Vermittlung der Generalkommissionen die Mittel für den Erwerb der auf­zuteilenden Güter und teilweise auch zur Herstellung der Baulichkeiten auf den Rentengütern herzugeben. Aus An­trag gibt die Rentenbank ein Darlehn auf das Renten­gut bis zu zwei Dritteln des Wertes in Rentenbriesen gegen Hypotheken, die auf das Gut eingetragen wer­den. Der Verkäufer erhält den Kaufpreis in Renlen- briefen zu 3% Prozent, der Käufer der Rentenstelle hat dagegen eine entsprechende Rente zu 4 Prozent aus diese eintragen zu lassen, wovon % Prozent zur Til­gung binnen höchstens 60 Jahren dient. Die Rente ist dem Verpflichteten gegenüber bei regelmäßiger Zins­zahlung unkündbar. In letzter Zeit werden auch Ar­beiterwohnungen gewerblicher Arbeiter mit einem Stück Gartenland beliehen. Generalkommissionen sind zur Zeit vorhanden für Ostpreußen in Königsberg, für Schle­sien in Breslau, für Brandenburg und Pommern in Frankfurt a. O., für die Provinz Sachsen und einige angrenzenden kleinen Staaten in Merseburg, für West­falen und Teile der Rheinprovinz in Münster, für Han­nover und Schleswig-Holstein in Hannover. Im ganzen sind bis Ende 1909 in Preußen 3139 Güter (im Um­fange von 22 787 Hektar) ganz oder teilweise zur Ren­tengutsbildung verwendet, und zwar sind 15 272 Ren- tengüter aufgelassen worden, die einen Flächeninhalt von 17 166 Hektar hatten. In den Jahren 1900 bis 1910 sind insgesamt 8111 Bauernfamilien angesiedelt wor­den, der relativ größte Teil davon, nämlich 2258, durch die Frankfurter Generalkommission. Es folgen sodann Ostpreußen, Schlesien und Hannover. Bemerkenswert ist, daß außerdem noch von der Generalkommission für Westfalen in den Jahren 1908 bis 1910 247 Arbetter- rentengüter für nicht landwirtschaftliche Arbeiter errichtet worden sind.

Von den Kreisverwaltungen haben sich bisher neun mit der Ansiedlungstätigkeit befaßt, nämlich zwei in Ostpreußen, je eine in Westpreußen und Pommern, die übrigen in Hannover. Diese Kreisverwaltungen siedel­ten in dem letzten Jahrzehnt 486 Bauernfamilien an.

Die privaten Ansiedelungsgesellschaften arbeiten viel­fach mit der Ansiedlungskommission oder den General- kommissionen zusammen. Am erfolgreichsten von ihnen ist die pommersche Landgesellschaft in Stettin gewesen, die seit dem Jahre 1903 1398 Bauernfamilien ange- siedelt hat.

Faßt man alle Kolonisationsbestrebungen zusammen, so ergibt sich eine fast ununterbrochene ziemlich starke Steigerung: während im Jahre 1900 nur 983 Ansied­lungen stattfanden, erfolgten im Jahre 1910 deren 3728. In dem ganzen Jahrzehnt wurden beinahe 30 000 Bauernfamilien angesiedelt, außerdem noch zahl­reiche Arbeiter. Das ist gewiß ein schöner Erfolg, den die Arbeit der inneren Kolonisation bisher aufzuweisen hat, und es ist zu wünschen, daß sie auch fernerhin rüstig vorwärtsschreitet.

Landtagswablvorber« itungen

* Im 5. Landtags Wahlkreis der Prov. Starkenburg soll anstelle von Gcheimeral Haas der dem Bund der Landwirte angehörige Gutsbesitzer S i e f e r t-Frohnhofen kandidieren. Es besteht die Ab­sicht, Geheimerat Haas als Vertreter der Landwirtschaft für die Erste Kammer in Vorschlag zu bringen.

Hur Stadt und Cand.

Gießen, den 14. Juli.

* Andauernd heiheTage werden uns von den Wettergelehrten für die nächste Zeit vorausgesagt. Die Wetterlage ist zunächst als recht beständig zu be­trachten; nach und nach dürfte, sobald die Windrichtung eine südliche geworden sein wird, die Erwärmung wei­tere Fortschritte machen und bei der vermutlich länge­ren Dauer dieses Witterungstypus zu sehr hohen Tem­peraturen führen. Ganz irrig ist übrigens die vielfach verbreitete Anschauung, daß die amerikanischen Hitze­wellen den Atlantik überqueren und nach einiger Zeit Europa erreichen. Wenn es in den nächsten Tagen bei uns noch wärmer werden sollte, so wird das natürlich wieder als Beweis für die Richtigkeit jener Anschauung angeführt werden. In Wirklichkeit ist ein derartiges Wandern der Hitzewellen über den Atlantik völlig aus­geschlossen; unsere sommerliche Hitze bildet sich aus - nahmslos auf dem europäischen Festlande aus, und alle großen atmosphärischen Gebilde, die im Sommer vom Ozean zu uns kommen, führen nicht Wärme, son­dern Kühle mit. Lediglich in der kalten Jahreszeit ver­ursachen die atlandischen Wirbel, die wärmer als die Luftgebilde auf dem Kontinent sind, eine mäßige Zu­nahme der Temperatur und werden so die treibenden Kräfte für die Milde unserer Winter. Im Sommer da­gegen fabriziert sich, wie gesagt, Europa seine Wärme allein und ist auf amerikanischen Import nicht ange­wiesen.

* Gerichtspersonalien. Der Erohher- zog hat den Aktuariatsassistenten bei dem Amtsgericht Gießen Karl Johannes Grünewald zum Ak­tuar bei dem Amtsgericht Alsfeld und den Muari- atsassistenten bei dem Amtsgericht Gießen Heinrich Konrad Wilhelm F a u l d r a h t zum Aktuar bei dem Amtsgericht Lauterbach, sämtlich mit Wirkung vom 15. August 1911, ernannt.

Weiter wurden der Aktuariatsassistent Anton Roth zum Aktuariatsassistenten bei dem Amtsgericht Gießen, der Aktuariatsassistent bei dem Amtsgericht Rieder-Olm Karl Link zum Aktariatsassistenten bei dem Amtsge­richt Gießen ernannt.

* Die BurschenschaftG e r m a n i a" begeht vom 15. bis 18., Juli das 60jährige Stiftungsfest. An der Feier wird auch eine größere Anzahl deutscher und deutsch-öst erreicher Burschenschafter teil­nehmen. Am Sonntag um % 8 Uhr findet ein Um­zug der Burschenschaft statt, der seinen Weg durch die Frankfurterstrahe, Alicestraße, Ludwigstrahe, Goethestr., Süd-Anlage, Seltersweg und Sonnenstraße nehmen wird.

* ) Konkurs. Die hiesigen Hassia-Pneu- .ma 1 ikwerke E. m. b. H., die zwei Jahre bestehen und ihren Gründern einen ansehnlichen Gewinn ein­brachten, sind in Konkurs geraten. Die Forderun­gen der Gläubiger betragen 200 000 Mark, denen Mark 14 000 gegenüber stehen. Die Maschinen im Werte von 20 000 Mark sind von der Stadt für Miete gepfändet.

Der BallonMarburg" ist am Donnerstag morgen 4 Uhr bei Montauville in Frank­reich gelandet. Der Ballon war am Mittwoch abend 9 Uhr in Marburg aufgestiegen. Die Insassen, unter denen sich auch zwei Gießener Herren befanden, sind nachmittags nach Metz zurückgekehrt

* Die Ferien der höheren Schulen beginnen am 5. August und endigen am 18. September, die der Volksschulen fangen am 21. August an und dauern bis zum 16. September. Die akademischen Ferien beginnen am 15. August, das neue Semester mit dem 20. Ok­tober.

-l- Rödgen b. Gießen, 14. Juli. Das gestrige Gewitter, welches mit Hagel begleitet war, hat strichweise in den Fluren viel Schaden angerichtet. Der Blitz schlug in eine Schafherde und tötete 4 0 Tiere. Der Schäfer blieb unverletzt.

G r o ß e n - L i n d e n, 14. Juli. . Durch das stete Anwachsen der Bevölkerungszahl ist die Errichtung

eines weiteren G e m e i n b e b a ct h a u [ c s Bedürfnis geworden. Hierbei kam der Bürgermeister, der Land tagsabgeordnete Leun auf den Gedanken, eine von ihm schon bei Bäckern beobachtete Einrichtung zu verwerten, indem er im zweiten Stock des Backhauses eine Ba d e e i n r i ch t usn g mit verschiedenen Badezellen, in denen Brause', Wannenbäder rc. verabreicht werden, herstellen zu lassen. Die über den Zügen des Ofens ein gebauten Beulen sind an die Wasserleitung angeschlos sen und da das warme Wasser in die Höhe steigt, wäh rend das kalte fällt, wird durch den Druck der Wasser Leitung das erwärmte Wasser in den zweiten Stock in die Höhe getrieben, so daß man bei jeder Badewanne je nach Wunsch kaltes oder warnres Wasser zur Ver fügung hat.

* ) Bad-Nauheim, 14. Juli. Der Maha- radja von Pudukota in Indien ist mit Gefolge im Hotel Kaiserhof zur Kur abgestiegen.

- d- Büdingen, 14. Juli. Eine schwere Bluttat trug sich auf dem Erbacher Hof zu. Als der Vorar - beiter Feierabend bot, widersetzte sich ein Kuhschweizer, zog das Messer und brachte dem Vorarbeiter lebensge­fährliche Verletzungen bei. Der Täter wurde verhaftet.

Aus dem Kreise Wetzlar. Mit dem Wetzlarer Ochsenfest" tritt Regen ein, dies hat sich zur Freude aller Landwirte und Gartenbesitzer diesmal wie­der bestätigt. Die gesamte Vegetation draußen, die durch die Trockenheit der letzten Wochen sich nicht recht entfalten konnte, atmet jetzt wieder freier aus. Die Zeit der Kornernte ist da, an welche sich unmittelbar tu gesamte Fruchternte anreihen dürfte. Dazu gibt es noch viele Gemüsefelder mit Kraut und Kohlrabi zu be­stellen. Da reicht für den Bauersmann ein achtstündi­ger Arbeitstag nicht aus, da heißt es Ueberstunden ma­chen, und wie gerne tut er dies, wenn ihm nur die Witterung hold ist.

- n- R o d h e i m a. d. Bieber, 13. Juli. Im Kreise Biedenkopf bestehen bis jetzt 9 freiwillige Feuerwehren, die nächsten Sonntag hier in Rodheim ihren Bezirks­seuerwehrtag abhalten, wozu die Vorbereitungen im Gange sind. Da auch aus Hessen und dem Kreise Wetzlar mehrere Wehren ihr'Erscheinen zugesagt haben, so wird sich die Veranstaltung zu einem großen Fest gestalten. Der Festplatz, in unmittelbarer Nähe der Haltestelle gelegen, erhält elektrische Beleuchtung und als Festmusik wurde eine Gießener Kapelle angeworben.

- m- Limburg, 14. Juli. Hier kommen am näch­sten Sonntag Vereine aus Frankfurt mit den Lahnver­einen und der Mainzer Rudergesellschaft zusammen. Im 1. Vierer sind die stärksten Gegner Frankfurter Germa­nia, Mainzer Rudergesellschaft und Homberger Ger­mania. Im Lahnvierer wird Gießen sein Rennen gewinnen können. Der Gastvierer bringt eine Wieder­holung des Großen Vierers und im Zweiten Vierer hat der Frankfurter Ruderklub Aussichten, feinen stärk­sten Gegner, die Düsseldorfer Germania, matt zu setzen. Die Vorrennen sollen um 7 Uhr beginnen und um 11 Uhr beendet sein.

*) Frankfurt, 14. Juli. Die Maul- und Klauenseuche wurde gestern wiederum bei einem Antrieb von Großvieh im Viehhof festgestellt. Der Vieh­hof wurde gesperrt, das verseuchte Vieh sofort abge­schlachtet.

) Frankfurt, 14. Juli. Der Kaiser hat das für Müller, früherer Zeugfeldwebel bei der Hanauer Pulverfabrik, von seinem Vater und seinem früheren Pfarrer eingereichte Gnadengesuch abschlägig be- schieden und das am 1. April vom Oberkriegsgericht über Müller wegen Mordes verhängte Todesurteil be­stätigt_________________________________________________

ßescbälilkb«.

Die Fabrikate der A d l e r w e r k e, vorm. Heinr. Kleyer A.-E., Frankfurt a. M., haben auf der Ge­werbe-, Industrie- und Kunstausstellung, die seit dem 24. Mai 1911 in Krefeld stattsindet, da­durch gebührende Anerkennung gefunden, daß den aus­gestellten Erzeugnissen, Fahrrädern und Schreibmaschi­nen die höchste Auszeichnung, nämlich die G o l den e Medaille, verliehen wurde. Während die Adler- Fahrräder diese Prämie noch mit einem Konkurrenzfa- brifat teilen, blieb die Adler-Schreibmaschine unter sieben wetteifernden Marken die einzige, die von dem Spezial-Preisrichter-Kollegium mit dieser Auszeich­nung bedacht wurde.