Gießener Peilung
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jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Seilersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer
^h^ des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
£> Behörden Gberhessens
Expedition: Selters weg 85
lHaus Brüder Schmidt.,
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Gcsamtlcitung: Albiu Klein.
Nr. 62
(L Blatt)
Dienstag den 14 März 1911 Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Nur dem Reichstag.
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".)
Zu den Etats der Verwaltung der Reichs-Marine des Reichsheeres und der Reichspost legten die Sozialdemokraten Resolutionen vor, die sich inhaltlich deckten. Die Resolution zum Marine-Etat wurde ohne klärende Debatte in namentlicher Abstimmung angenommen, während sie beim Heeres- und beim Postetat nach einer klärenden Diskussion abgelehnt wurden. Die Wirtschaftl. Vereinigung hat die Resolution bereits beim Marine - etat sowie bei den folgenden Etats abgelehnt. Abgeordneter Behrens begründete im Reichstag die Ablehnung in seiner Rede wie folgt:
„Meine Herren, es liegt uns auch eine Resolution der Herren Sozialdemokraten vor, die unsere Dinge zusammenfaßt. Dieselbe Resolution, will ich voraus bemerken, hat fast wörtlich auch bei dem Etat der Marineverwaltung vorgelegen. Meine politischen Freunde haben diese Resolution abgelehnt und haben dafür für die Resolution Giesberts und Genossen gestimmt. Meine Freunde werden auch diese Resolution Albrecht und Genossen ablehnen und werden wiederum für die Resolution des Zentrums stimmen.
Zu den Gründen der Ablehnung hat die Form der Begründung, die der Herr Abgeordnete Hue dieser Resolution — es ist ja wörtlich dieselbe — bei dem Ma- rineetat gegeben hat, außerordentlich viel beigetragen.
(Sehr richtig! bei der Wirtschaftl. Vereinigung.) Weshalb wir aber aus fachlichen Gründen auch diese Resolution ablehnen, will ich Ihnen erklären.
Die Resolution setzt sich aus drei Teilen zusammen. In dem ersten Teil heißt es, die Heeresverwaltung soll nur Lieferungen und Arbeiten an solche Firmen vergeben, welche in Beziehung aus die Arbeitsbedingungen die gesetzlichen Vorschriften einhalten. Ja, meine Herren, das halten wir einfach für eine Selbstverständ- l i ch k e i t. Das erst in einer Resolution zu fordern, halten wir für überflüssig. Wir verlangen, daß die gesetzlichen Vorschriften durchgeführt werden, und um darüber zu wachen, o b d a s geschieht, dazu sind Instanzen da, deren Aufgabe es ist, wie die Gewerbeaussicht.
(Lachen und Zuruf bei den Sozialdemokraten: Wo?)
— Ja das müßten Sie eigentlich wissen, Herr Kollege Albrecht! Wenn Sie nicht einmal wissen, wo die Ee- werbeaufsicht ist, so kann ich das nur bedauern.
Wir werden bei Gelegenheit des Etats des Reichsamts des Innern darauf zurückkommen, ob die Gewerbeaufsicht in allen Fällen ihre Pflicht erfüllt. Wir glauben aber nicht, daß es der Heeresverwaltung möglich sein wird, in ihren Vertrags-Bedingungen so weit zu gehen, wie es in dieser Resolution gewünscht wird;
(sehr richtig! bei der Wirtsch. Vereinigung) denn Selbstverständlichkeiten brauchen eigentlich nicht erst in Vertragsbedingungen sestgelegt zu werden.
Der zweite Punkt der Resolution sagt, daß die Heeresverwaltung sich nur an Firmen halten soll, die sich verpflichten, zur Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen aus den Abschluß von Tarifverträgen hinzuwirken. Dazu hat seinerseits der Herr Staatssekretär des Reichsmarineamts erklärt — ich weiß nicht, ob der Herr Kriegsminister dieselbe Stelling einnimmt —, daß diese Angelegenheit nicht Sache der einzelnen Ressorts sei, sondern sie sei ein Prinzip, und das müsse vom Reichskanzler in Gemeinsamkeit mit d en verschiedenen Ressorts erwogen und durchgeführt werden. Wir teilen diese Auffassung des Herrn Staatssekretärs des Reichsmarineamis und s i n d der Meinung, daß es wünschenswert ist, a u f diesem Wege die Tarifverträge zu för- d e r n. Wir werden uns bei der geeigneten Stelle an den Herrn Reichskanzler wenden, daß er eine Verständigung zwischen den verschiedenen Ressorks herbeiführt, und daß dann auf der ganzen Linie vorgegangen wird. Wir wünschen auch, daß dann der Herr Reichskanzler sich mit den Bundes-Regierungen in Verbindung setzt, daß bet Vergebung von staatlichen Lieferungen ebenfalls nach dieser Richtung vorgegangen wird. Meine Herren, so weit, die Lieferungsmöglichkeit absolut an diese Bedingung zu knüpfen, können wir nicht gehen, und zwar aus dem Grunde, weil nach unserer Meinung bei allen Lieferungen für das Reich und die Staatsverwaltungen die Qualität des Materials und der Arbeit in erster Linie stehen muß. Wir sind fyeihd) der Meinung, daß diejenigen Werke, die gute Lohn- und Arbeitsbedingungen haben,
die Tarifverträge durch geführt haben auch regelmäßig gute Qualität an Arbeit leisten «erden. An sich ist uns also die Tendenz genehm. Wir werden an der gegebenen Stelle unsere Wünsche zum Ausdruck bringen; an dieser Stelle aber lehnen wir diese Resolution ab.
Meine Herren, der letzte Punkt in der Resolution betrifft die Mitarbeit der A r b e i t e r a u s s ch ü s s e bei Festsetzung und Neuordnung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben der Heeresverwaltung. Dieser Wunsch ist auch in der Resolution 759, für die wir stimmen werden, zum Ausdruck gebracht, und somit haben wir keinen Anlaß, dieses einen Punktes wegen dieser Resolution zuzustimmen.
Ob/den Arbeiterausschüssen attf die Lohn- und Arbeitsbedingungen — es kommt hier in der Hauptsache auf die Akkordbedingungen hinaus — ein entsprechender Einfluß eingeräumt werden kann, scheint mir nicht z w e i s e l h a s t. Die Form, wie das geschehen kann, müßte von denjenigen Männern erwogen werden, die mit den Eigenarten der Militärbetriebe besser orientiert sind als ich. Ich will bei dieser Gelegenheit erwähnen, d a ß der Eisenbahnminister im preußischen Landtag erklärt hat, eine Spezialkommission zur Prüfung die- s e r Angelegenheit e i n z u s e tz e n. Vielleicht würde es sich auch für die Heeresverwaltung empfehlen, das in Erwägung zu ziehen.
Hur Stadl und Land.
Gießen, den 14. März
l! !fuebep die Würde der Presse macht der „Zeitungsverlag" aus Anlaß eines Einzelsalles einige zutreffende allgemeine Bemerkungen. Es heißt da: Zu einem Konflikt zwischen Presse und Magistratsdirigent ist es in Iserlohn gekommen. Die Stadt plante die Anlage einer Talsperre von etwa 60 Morgen Größe. Der Plan sollte geheim gehalten werden, doch sickerte er wie es meist zu geschehen pflegt, durch, und ein Blatt unterbreitete das wichtige Projekt der Oeffentlichkeit. Die sichere Kenntnis des Planes benutzte die Terrainspekulation zu Bodenpreissteigerungen, so daß das Projekt schließlich daran scheiterte. In der Stadtverordnetenversammlung vom 29. Dezember wurde dem betr. Blatte die Schuld zugeschoben. Ein Stadtverordneter legte jedoch ganz richtig die Schuld dem Umstande bei, daß der Magistrat es unterlassen habe, die Presse zu informieren. Es sei zu empfehlen, diese rechtzeitig zu unterrichten, daß sie den betreffenden Plan nicht eher zur öffentlichen Kenntnis bringen möge, bis die Sache spruchreif sei. Das lehnte der erste Bürgermeister schroff ab, er gebrauchte dabei die Worte: „Er halte es unter seiner Würde." Ein solches Verhalten wird zwar von manchen Verwaltungen noch beliebt, den Interessen der Allgemeinheit aber entspricht es nicht. Eine Zeitungsredak- tion kann nicht, wie es so vielfach gewünscht wird, bei jeder Notiz ansragen, ob ihre Veröffentlichung angenehm ist. Wer Wünsche an die Presse hat, möge es diese wissen lassen, auch ein Stadtoberhaupt vergibt sich nichts, wenn es so handelt. Die Presse ist kein Lakai, kein Bediensteter, sie darf beanspruchen, daß man ihr die Achtung entgegenbringt, auf die sie ein Recht hat. Hat die Presse Wünsche, muß sie in höflicher Weise vorstellig werden; hat man Wünsche an die Presse, ist es billig, sich ihr gegenüber in gleicher Weise zu verhalten.
!-! Die Einziehung der Zeitungsgelder durch die Briefträger erfolgt in der Zeit vom 15. bis einschließlich 25. des letzten Monats im Vierteljahr, und zwar kostenlos. Die Briefträger 2C. sind zur endgültigen Quittungsleistung über die erhobenes Zeitungsgelder berechtigt. Die Vorteile, die diese Einrichtung für das Publikum bietet, springen in die Augen, wenn man berücksichtigt, daß der regelmäßige Fortbezug der Zeitungen gesichert, der Gang zur Post und das Warten an den Schaltern, die am Vierteljahrsschlusse stark in Anspruch genommen sind, erspart wird.
— Gießen, 14. März. In der Zweiten hessischen Kammer wurde gelegentlich der Beratung des Schul- etats der Regierung der „deutsche Gruß" (Grüßen durch Handanlegen) zur Einführung in den Schulen empfohlen. Den Vorschlag machte ein der städtischen Grußver- einsbewegung fernstehender Abgeordneter, der volkstümliche Vertreter eines Bezirkes in der Wetterau. Dies ist insofern interessant, als man, zur Verteidigung des Hut- abnehmens behauptet, es sei eine „tief im deutschen Volkstum eingewurzelte Sitte, die dem Volke erhalten bleiben müsse."
*) Gießen. Kommenden Donnerstag, abends 8% Uhr hält der V e r k e h r s v e r e i n im „Hotel Schütz" seine Jahres-Hauptversammlung ab.
* Gießen. Am Sonntag feierten der Möbeltransporteur Johannes Keßler und seine Ehefrau in voller Rüstigkeit das goldene Ehejubiläum.
* Friedberg. Die Erweiterung des Bahnhofes zieht große Neuerungen im Bahnbetriebe unserer Stadt nach sich. So soll z. V. die große Kurve, die bei der Einfahrt in den neuen Bahnhof eine große Gefahr für die Schnellzüge bedeutet, völlig Wegfällen, indem man die Aus- und Einfahrtsstelle mit der Rosentalbrücke auf gleiche Höhe bringen und um das doppelte verbreitern wird. Auch wird die Strecke Friedberg-Bad-Nauheim 4glei[ig ausgebaut werden. Allerdings werden die vorgesehenen Kosten von 7 Millionen bei weitem nicht reichen.
* Frankfurt. Wie stark der letzte Kälterücksall war, zeigt folgender Fall: Am Samstag abend wurde hier eine zwanzigjährige Frau gesunden, die völlig steif gefroren war. Die Rettungswache brachte sie bewußtlos nach dem städtischen Krankenhaus.
* Mainz. Wegen Unterschlagung von 20 000 M. und Urkundenfälschung zum Nachteile der Gutenberg - Kasinogesellschast wurde der langjährige Verwalter G. Müller verhaftet.
* Vom Westerwald. Der Sturm hat in den letzten Tagen furchtbar gewütet. Viele Bäume sind teils entwurzelt, teils sind sie eines großen Teiles ihrer Aeste beraubt worden. In Mademühlen ist eine Scheune eingestürzt.
Soziales.
Soziale Arbeit der evangelischen Geschäftsstelle.
In der vierten öffentlichen Versammlung, die von der Evangelischen Geschäftsstelle für soziale Arbeit zu Essen in diesem Winter veranstaltet wurde, sprach am Freitag abend Herr Liz. M u m m-Berlin über die deutsche Heimarbeiterinnenbewegung. Der geschichtliche Rückblick über die Entwickelung der Heimarbeit war hochinteressant. Vergessen wurde weder die Handweberei im Rie- sengebirge noch auch die Girkhauser Löffelschnitzerei und die Bottenhorner Strumpsstrickerei. In das eigentliche Problem führte dann die Schilderung der modernen Damen- und Herrenkonfektion in den großen Städten ein. Die Ursachen für die traurigen Verhältnisse in der Heimarbeit wurden erörtert und Johann die Mittel zur Abhilfe gewiesen. Der Redner zeichnete die Entwickelung des christlichen Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen von seinen bescheidensten Anfängen bis heute. Ferner erörterte er die Staatshilfe in ihren einzelnen Zweigen. Mit der Mahnung zum treuen Zusammenhalten und charaktervollen durchhalten und aushalten schloß der Redner seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen. Nach der Besprechung, an der sich Frl. Pickert und die Herren Recht und Nöller beteiligten, gelangte die folgende Entschließung zur einstimmigen Annahme. „Die heutige zahlreich besuchte öffentliche Versammlung, einberufen von der Ev. Geschäftsstelle für soziale Arbeit, dankt allen Abgeordneten, die wie Franz Behrens, Dr. Burckhardt und Johann Giesberts beim Hausarbeitergesetz, Neichsversicherungsordnung und Arbeitskammergesetz für das Interesse der Hausarbeiter und Heimarbeiterinnen eingetreten sind und hält es für nötig, daß die Forderung des deutschen Heimarbeitertages vom 12. Januar d. J. zur Verwirklichung gelangt. Wir fordern die Heimarbeiter in Essen auf, sich der hiesigen Orts - gruppe des Gewerbevereins in der Heimarbeit Deutschlands allerseits anzuschließen." — Die gut verlaufene Versammlung endigte damit, daß zu Gunsten der Erholungskasse für die Heimarbeitergruppe Essen eine Tellersammlung veranstaltet wurde, die einen reichlichen Ertrag zu verzeichnen hatte.