Gießener Jeitnng
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Herausgeber: Albin Klein & Ctto Fischer.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei-Amtes Behörden Gberheffens
Expedition: Seltersweg 83
lHaus Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 12.
(2. Blatt-
Samstag den 14. Januar 1911
T eleph on: Rr. 362.
23. Jahrg.
Ohs wir (vollen!
Von Direktor Pastor Stuhrmann ist in der ersten diesjährigen Nummer der Wochenschrift „Die Arbeit" ein Artikel mit der Ueberschrist „Was wir wollen" veröffentlicht, der weitesten Kreisen aus dem Herzen geschrieben ist. Er lautet u. a.:
Das Neujahrslied für Männer hat schon vor Jahrtausenden der fromme Sänger des alten Bundes vorgesungen, und es lautet: „Mit Gott wollen wir Daten tun!" (Psalm 60, 14). Taten tun wollen — das ist Krastbewußtsein. — Aeußerung männlicher Energie. Wer nichts mehr tun kann, ist schwach und krank; wer nichts mehr tun will, der ist entweder eben- salls krank oder aber ein Feigling oder ein Tagedieb; jedenfalls aber ist er überflüssig in der Gesellschaft von Menschen, in der er lebt oder vielmehr vegetiert. Denn zum bloßen Genießen sind wir nicht in der Welt, sondern wir sind arbeitspflichtige Geschöpfe. Christen — wenn sie anders als das sind, was sie sein sollen — gehören weder zu dieser noch zu jener Menschenklasse. Arbeitslosigkeit wie Tatlosigkeit gibt es für sie nicht. Sie fühlen und haben das Zeug und den Mut, die Kraft und den Willen in sich, zu Taten — nicht bloß zu reden. Reden, den Mund auftun für Ueberzeugungen und Le- bensanschauungen ist etwas Großes. Das goldene Schweigen ist nur zu ost ein bequemer Deckmantel für charakterlose Gesinnungsseigheit.
Mit Gott Taten tun wollen — das ist die höchste und tiefste Lebensaufgabe einer christlichen Persönlichkeit. Es ist auch das Lebensprogramm einer politischen Partei, welche die christlich-sittlichen Lebensgrundsätze zu ausschlaggebenden Faktoren im Staats- und Volksleben machen will. Das neue Jahr steht in einem rot aufflammenden Zeichen. Auf der einen Seite die geschloffene Phalanr der Partei, welche die Todfeindin nicht bloß der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, nicht nur unseres bestehenden Staatswesens, sondern vor allem auch der christlich-sittlichen Weltanschauung und Lebensauffassung und Lebensbetätigung ist, und ihre geschlossene Feuerlinie verstärkt durch die bürgerliche Schutztruppe jenes Liberalismus, der schließlich nur noch in der Klangfarbe sich von der roten Propaganda unterscheidet ! Und auf der anderen Seite eine Zersplitterung der Kräfte, die einem das Herz zerreißen könnte! Ich beneide alle die um ihr gutes Gewissen, welche die Verantwortung für den Lurus tragen zu können meinen, parteipolitischen Subjektivismus und Parlikularismus als höchste Weisheit taktischer Partei- diplomatie treiben zu dürfen. Daß solche Taktik zu einer bodenlosen Zielverschwommenheit und politischen Knochenerweichung nach dem natürlichen Gesetz der Entwicklung führen muß, scheint ihnen nicht klar zu sein. Durch solche Taktik muß man Augenblickserfolge erzielen; aber die innere sittliche Kraft geht zum Teufel und damit die Garantie für die Zukunft. Die vom Mandatshunger diktierte Umschmeichlung der Masse wird sich bitter rächen: die Frucht reift r o t aus ! Die Entwicklung schreitet über alle solche Mischmaschpolitik mit ehernem Fußtritt hinweg. Die Scheidung der Geister wird durch kein Paktieren und kein Kompromiß aufgehalten. Eine Scheidung in links und rechts — politisch ge - sprachen — oder in widerchristlich und christlich — biblisch gesprochen — bahnt sich mit Naturnotwendigkeit an. Was hier neutral bleibenswill, muß zugrunde gehen und wird weggefegt werden. Da tut uns Christlich-sozialen doppelt klare Zielstrebigkeit not ! Unsere Partei — ich spreche es immer wieder aus — ist eine sittliche Notwendigkeit; und gerade im Blick auf die Versuche der letzten Zeit, uns in der alten konservativen Partei aufgehen zu lassen, muß das immer wieder betont werden. Ich bin konservativ bis in die Knochen, aber ich bin auch christlich-sozial bis ins Mark. Eine Verschmelzung beider Parteien unter dem altkonservativen Banner würde eine Verneinung des Kraftbewußtseins bedeuten, welche tu dem christlichen Sozialismus wirkt und sich seine eigene Form zur Betätigung geschaffen hat und, wenn diese Form heute nicht vorhanden wäre, sich schaffen müßte. Es ist wahrhaftig kein parteipolitischer Parlikularismus, der diese seine Lebensform schalten will; es ist der Ueberzeugungsausdruck der Gewißheit, daß diese eigene Form das notwendige Sammelbassin und die nötige Arbeitsstätte für viele christliche Elemente ist, die sonst mit ihrer Kraft gebunden bleiben würden. Darum keine Legierung von Konservativ und Christlich-so
zial — solcher Prozeß führt zu keiner neuen Krastaus- lösung — wohl aber eine ehrliche Allianz zu gemeinsamem Kamps wider gemeinsame Feinde! Möglich ist sie. Wird sie nicht gewollt — wir wollen sie — dann geht der christliche Sozialismus auch allein feinen Weg zielbewußt, tatenfroh, siegesgewiß. Der Kampf wird in diesem Jahre toben, wie nie zuvor. Die Säulen wanken, und der Boden zittert. Wir aber stehen fest — klar den Blick, sicher das Auge, getrost das Herz, kampfbereit, kriegsgerüstet: wir wissen, was wir wollen, und darum wollen und können wir, was wir wissen ! Wenn wir nicht wüßten, daß uns dennoch, dennoch, dennoch die Zukunft gehört, dann freilich täten wir besser, die Waffen aus der Faust und die Arbeitsgeräte aus der Hand zu legen. Aber noch tragen wir auf dem Helm des Heils die Schrift: „Mit Gott?" Und weil wir sie tragen, darum kennen wir kein Grauen und keinen Kleinmut. Arbeiten wir weiter an dem Ausbau unserer Organisation? Kämpfen wir weiter in der Stille und in der Oeffentlichkeit um die Seele unseres Volkes! Ernst Moritz Arndt's Schlachtgesang vor hundert Jahren soll unser Neujahrslied sein:
„Zu den Waffen? Zu den Waffen?
Als Männer hat uns Gott geschaffen!
Auf, Männer, auf und schlaget drein?
Laßt Hörner und Trompeten klingen, Laßt Sturm von allen Türmen ringen ? Die Freiheit soll die Losung sein!"
Ja, die Freiheit, die Gott will — nicht jene Karikatur, welche der soziale rote Haß zeichnet — die Freiheit, welche Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Treue, Kraft und Leben ist? Dann mag kommen, was will — sei's trüber Tag, sei's heit'rer Sonnenschein, sei es das sinkende Abendrot zusammenbrechender Verhältnisse, sei es das aufflammende Morgenrot einer neuen Wett — unser Siegeslied, das Lied von Männern, jauchzt:
„Wer es mit Gott herzhastig wagt, Wird nimmer aus dem Feld gejagt!"
Aus dem Wahlkreis Wetzlar-Altenkirchen. H
In den letzten Tagen hat sich hier schon ein recht interessanter Wahlkampf entwickelt, in dem unser Abg. Behrens gut abgeschnitten hat. Man lohnt ihm seine gute Arbeit im Reichstag jetzt durch großen Beifall, den er in den einzelnen Versammlungen bekommt. Es wird uns darüber geschrieben:
* * Hochelheim, 7. Jan. Die christlich-soziale Versammlung, in der unser Reichstagsabgeordneter Behrens redete, war so stark besucht, ja überfüllt, daß keine Nadel zur Erde fallen konnte. Das war ein neuer Beweis dafür, welcher großen Beliebtheit sich der Abg. Behrens in der hiesigen Gemeinde erfreut. Der Vortrag des Abgeordneten wurde mit großem Beifall ausgenommen. Der freisinnige Agitator Pfeiffer aus Wetzlar versuchte seine bekannten Verdrehungen an den Mann zu bringen, hatte jedoch bei der Versammlung kein Glück, denn die hiesigen Wähler sind politisch so geschult, daß sie über die freisinnigen Faseleien nur lächeln. Der sozialdemokratische Redner trug, abgesehen von einer die versammelten Landleute beleidigenden Aeußerung, die großen Unwillen hervorrief, seine Sache ruhig vor, ohne jedoch die geringste Zustimmung zu finden. Im Schlußwort widerlegte Abg. Behrens die beiden Gegner. Mit ftischem Humor wies er das Törichte der freisinnigen und sozialdemokratischen Hetzpolitik nach. Die Versammlung war ein rechter Beweis, daß in unserer und den Nachbargemeinden Christlich-sozial guten Klang hat.
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„Die Bauern mit den dicken Bauchen sitzen auf der ersten Bank in der Kirche",
das war der prägnante Satz, mit dem der sozialdemokratische Reichstagskandidat Kremser für Kreis Wetzlar-Attenkirchen, seine Darlegungen in der Versammlung der christlich-sozialen Partei in Hochelheim einleitete. Im übrigen sprach er dann aber nicht über die Stellung seiner Partei zur Religion, sondern über das Vermieten der Kirchenstühle in „seiner Heimat". Die für die Landwirte so verletzenden Sätze wurden von der Versammlung mit heftigen Unwillen zurückgewiesen. Im übrigen erging sich der sozialdemokratische Redner in einer Preispolitik für landwirtschaftliche Produkte, die zu töricht war, um auf Landwirte Eindruck zu machen. Die sonderbare „Landwirtschaftspolitik" des sozialdemo
kratischen Reichstagskandidaten wurde dann von Reichstagsabgeordneten Behrens schlagfertig aus ihren wahren Wert zurückgeführt und die unrichtigen Darlegungen des Sozialdemokraten widerlegt. Abgeordneter Behrens frug den Sozialdemokraten zu dessen sichtlichen Verlegenheit, weshalb er denn den Landwirten die programmatischen Beschlüsse und Reden auf dem Breslauer sozialdemokratischen Parteitage zur Bauern - frage verschweige? Ob es denn nicht wahr sei, daß der wissenschaftliche Führer der Sozialdemokraten Karl Kautzky u. a. ausführte : „F ü r die Erhaltung des Bauern st ander einzu- treten haben wir keinen Grund, denn das könnte nur geschehen, indem wir sie in ihrem Besitz b esestigen, also ganz entgegengesetzt verfahren, wie sonst". Der Beschluß dieses Parteitages war denn auch wörtlich: „Der vorgelegte Entwurf eines Agrarprogrammes ist zu verwerfen, denn dieses Programm stellt der Bauernschaft die Hebung ihrer Lage, also die Stärkung ihresPrivateigentums inAussicht." Also trotz aller schönen Reden sind und bleiben die Sozialdemokraten Feinde der deutschen Landbevölkerung.
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Ein interessantes Geständnis
In der Hochelheimer Versammlung am 7..Jan. machte der Abgeordnete Behrens in seiner Rede aus die sonderbare Tatsache aufmerksam, daß die Freisinnigen seiner Zeit, als die Liberalen im preußischen Landtag die Mehrheit hatten, keine Versuche gemacht hätten, ein besseres Wahlrecht einzusühren. Der Führer der Fortschrittlichen Volkspartei im Kreise Wetzlar, Fabrikant Pfeiffer, antwortete darauf mit der bezeichnenden Behauptung, „daß damals, als die Liberalen die Mehrheit im Landtage hatten, seien die Wähler auch noch rückständig g e w e s e n." Unter allgemeiner Heiterkeit der Versammlung stellte daraus Abg. Behrens fest, daß nach Ansicht des Herrn Pfeiffer also nur eine rückständige Wählerschaft liberal wähle. Er stimme in dieser Ansicht Herrn Pfeiffer, der es als liberaler Führer ja wissen müsse, vollkommen zu. Da heute die Wähler aufgeklärter seien, deshalb könnten die Liberalen keine Geschäfte mehr machen. -e-
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-e- U l m. Die hier stattgesundene ch r i st l i ch - soziale Versammlung, in der unser Reichstags- abgeordneter Behrens sprach, war überaus stark besucht. Der eineinhalbstündige Bericht unseres Abgeordneten wurde mit großem Beifall ausgenommen. Aus Wetzlar war der Allerweltsredner Pfeiffer gekommen, um die bekannten freisinnigen Steuerredensarten von Stapel zu lassen. Da er sich gewissermaßen als der Vormund der ländlichen Wähler aufspielte, so wurde ihm unter lebhafter Zustimmung der Versammlung vom Abgeordneten Behrens bedeutet, daß er die liberalen Herren aus Wetzlar keineswegs als V o r m ü n d e r der Wähler im Landkreise anerkennen könne. Die Wähler in den Landorten seien politisch geschult genug, um ihre Sache selbst zu führen, dazu seien die Wetzlarer liberalen Herren nicht nötig. Wichtig war folgende F e st- st e l l u n g. Abg. Behrens erklärte, es sei ihm mehrfach mitgeteitt, daß von liberaler Seite im Wahlkreise verbreitet würde, er habe für die Tabaksteuer, für die Kaffeesteuer, für die Zündholzsteuer gestimmt. Das sei unwahr. Um diesen Verläumdungen ein Ende zu machen, erkläre er jeden, der ihm diesen unwahren Vorwurf mache für einen groben Lügner. Da der Vorwurf „grober Lügner" eine Beleidigung sei, so fordere er diejenigen, die dieser Vorwurf trifft, auf, ihn zu verklagen, damit an Gerichtsstelle fest» gestellt werden könne, ob er für Tabak-, Kaffee- und Zündholzsteuer gestimmt habe. Nach dieser Erklärung sprang Herr Pfeiffer erregt auf und erklärte, daß er Herrn Behrens den Vorwurf nicht gemacht habe. Herr Behrens nahm darauf von dieser Erklärung des Herrn Pfeiffer Kenntnis und stellte fest, daß Herr Pfeiffer damit anerkenne, daß Abg. Behrens in diesen Steuerabstimmungen vollkommen korrekt gehandelt habe. Da Herr Pfeiffer anscheinend für die Freisinnigen kein reines Gewissen hatte, so wehrte sich Herr Pfeiffer gegen diese logische Schlußfolgerung. Die Versammlung, die von Herrn Behrens angerufen wurde, stimmte den Ausführungen des Abg. Behrens zu.