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Nr. 162

Telephon> Nr. 362.

Donnerstag, den 13. Juli 1911.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Kriegemreine und Reicbsiagswabkn.

Die Wahlprüfungskommission des Reichstages hatte bekanntlich im vorigen Jahre einige Wahlen beanstan­det in der irrigen Meinung, daß die ^riegeroereine amt­liche, halbamtliche oder amtlichem Einflüsse unterliegende Vereine seien, daß es deshalb als unzulässige Wahlbe- einflussung anzusehen sei, wenn Vorstände von Krieger- vereinen oder Kriegerverbänden bei Wahlen zu gesetz­gebenden Körperschaften sich in Form von Aufrufen an ihre Mitglieder wendeten, und daß infolgedessen Wah­len, bei denen dies festgestellt worden sei, für ungültig erklärt werden müßten. Wenn auch das Plenum des Reichstages sich die Anschauungen seiner Kommission nicht zu eigen machte, so geht doch aus den Verhand­lungen hervor, daß das Wesen der Kriegervereine selbst in bürgerlichen Kreisen noch immer nicht so bekannt ist, wie es im beiderseitigen Vorteil wünschenswert wäre. Zur Aufklärung heißt es deshalb im Jahresberichte des Kreis-Kriegerveraandes Quedlinburg:

Die Kriegervereine sind freie Vereine, wie andere auch, gebildet von freien Männern, die aber alle beseelt sind von dem gleichen Gedanken, dahGott, König und Vaterland über alles zu stellen seien, die auch im Vür- gerkleide den gelobten Fahneneid halten wollen und die bemüht sind, die Kameradschaft, die sie während ihrer Dienstzeit geübt haben, auch über diese hinaus zu pfle­gen. Sie haben sich ihre Satzungen selbst gegeben und können, selbstverständlich im Rahmen derselben, frei schal­ten und walten. Wer einem Kriegervereine beitritt, übernimmt damit die Verpflichtung, nach seinen Sat­zungen zu handeln und ihre Bestimmungen stets zu be­obachten. Das ist der einzige Zwang, den die Krieger­vereine auf ihre Mitglieder ausüben, ein Zwang, der auch von jedem anderen Vereine, welcher Art er auch immer sein mag, auf seine Angehörigen ausgeübt wird. Wenn die Kriegervereine trotzdem eine gewisse Sonder­stellung einnehmen, so ist diese in ihrer Eigenart und Zusammensetzung begründet.

Von ihren Gegnern wird immer und immer wie­der behaupte,, die Kriegervereine trieben Politik, wenn sie nach ihren Satzungen verfahren und die Umsturz - Partei bekämpfen. Kein Vorwurf ist lächerlicher als die­ser. Das Politisieren ist den Kriegervereinen als solchen aufs strengste untersagt, und der würde bald der be­hördlichen Auflösung verfallen, der sich um dieses Ver­bot nicht kümmern wollte. Aber niemand kann es ihnen verwehren, wenn sie gegen die Sozialdemokratie vor­gehen und zur Zei, der Wahlen ihre Mitglieder auf- fordern, einmütig gegen sie ihre Stimmzettel abzuge­ben. Das zu tun, ist nicht nur ihr gutes Recht, son­dern die Erfüllung ihrervaterländischen Pflicht, die jedes einzelne Mitglied eines Kriegervereines bei seinem Ein­tritt in diesen freiwillig übernommen hat.

Wie es jedes Soldaten Ehrenpflicht ist, den König und das Vaterland gegen den äußeren Feind zu schüt­zen und zu verteidigen, so ist es jedes mationalgesinn- ten Mannes und vor allen Dingen jedes alten Solda­ten Ehrenpflicht, den Kampf gegen den inneren Feind zu führen, der noch weit gefährlicher ist als jener. Der äußere Feind stellt sich zu ehrlichem Kampfe in offener, freier Schlacht und kämpft mit ehrlichen Waffen. Des inneren Feindes Waffen aber sind Falschheit und Hin­terlist, Verleumdung und Lüge, Waffen, die um so ge­fährlicher sind, als ihnen schwer beizukommen ist. Da­rum muh der Kampf der Kriegervereine gegen die Um- sturzpartei ununterbrochen und mit Nachdruck geführ, werden, und darum ist es die Pflicht jedes einzelnen Mitgliedes, bei deff Wahlen seinen Stimmzettel gegen die Umsturzpartei abzugeben. Wen ein Kriegervereins - Mitglied sonst wählen will, das bleibt ihm vollständig frei überlassen; dafür müssen ihm seine politische Ueber­zeugung und sein Gewissesi die Richtschnur sein. Für alle Kriegervereine aber muß die gemeinsame Parole lauten: gegen den Umsturz 1

Rekbstagswablvorbmitungen.

Das Zentrum hat für den Reichstagswahl­kreis Schweinfurt den Landtagsabgeordneten Ar­beitersekretär Schwarz als Kandidaten aufgestellt.

Aus Stadt und fand.

Gießen, den 13. Juli.

In einer kürzlich stattgehabten gemeinsamen Be­sprechung der Leiter der hessischen Gewerbe­schulen wurde nach einer eingehenden Beratung be­

schlossen, für die seitherigen Gewerbeschulen die Venen- | nungB a u- und gewerbliche Fachschule" in Vorschlag zu bringen. Es war u. a. diese neue Be­nennung auch deshalb in Vorschlag gebracht, weil durch öffentliche AnkündigungenArbeiterinnen Flickkurse, Blu- senkursc, Unterweisungen im Maschinennähen, im Schnei­dern, Bügeln, im Lunstwaschen 2C. als Gewerbeschulen bezeichnet worden waren. Auch wurde hervorgehoben, daß, wenn die Schüler einer Baugewerkschule, sofern es Maurer oder Zimmerer seien, sich als Bauschüler be­zeichnen dursten, diese Bezeichnung auch den Maurer- und Zimmererschülern der Gewerbeschulen, die doch die­selbe Ausbildung erhielten, gestattet werden müsse.

* Liebig - Museum - Eesellschast. Die h>er kürzlich gegründete Gesellschaft hat zum Zweck die Erwerbung, Erhaltung, Wiederherstellung des Liebig- Laboratoriums und Einrichtung eines Licbig-MufeuMs. Der Jahresbeitrag für persönliche Mitglieder ist aus 2 Mark festgesetzt.

* Mangel an Volksschullehrein. Wäh- rend an a k a d e m i s ch e n Lehrern in Hessen so große Ueberfullung herrscht, so daß seit dem 1. Nov v I bis zum 20. Mai d. Js. 32 Mitglieder des Hessischen Oberlehrervereins in andere Bundesstaaten übergetreten find, zeigt sich an den Volksschulen Lehrerman­gel. Sämtliche Schulamtsaspiranten, die Ostern 1911 die hessischen Seminare und den pädagogischen Kursus in Darmstadt verlassen haben, sind verwendet; bereits erledigte Schulstellen muhten von anderen Lehrern mit­verwaltet werden. Von dem im Frühjahre so nachdrück­lich verkündeten Lehrerüberfluß in Hessen kann demnach keine Rede sein, wenn auch nod) einige junge Lehrer­innen auf Anstellung warten, weil sie nicht für jede stelle verwendbar sind.

. * D o n der Lahn. Einen seltenen Fang machte der Fischer Oskar Schnabel von Wieseck auf dem Was­ser des Louis Hellmold-Giehen, oberhalb der Baden- burg; er fing nämlich einen Hecht im Gewicht von 32 Pfund.

*

* Giehen. Mit dem Bau einer elektrischen U e- berlandzentrale nach Krofdorf, den das stäkt Werk in eigener Regie ausführen wird, wird noch in diesem Monat begonnen werden, wogegen der Bau des Ortsnetzes durch eine größere Unternehmerfirma aus geführt wird.

* Holzheim, 13. Juli. Auch die Nachbarort­schaften haben sehr durch die in unserem Orte herrschende Maul- und Klauenseuche zu leiden. So klagen die Land­wirte in Lang-Göns, daß sie ihre Ferkel nicht absetzen können. Die Tiere liegen massenhaft in den Ställen zum Verkauf.

Laubach. Die Vorbereitungen für die dies­jährige Hessische Landesversammlung des Ev. Bundes find begonnen. Das diesjährige H a u p t f e st soll in Butzbach am 10. und 11. September stattfinden. Es soll eröffnet werden durch Festgottesdienste in Butz­bach und den Nachbargemeinden. Für den Mittag und Abend des ersten Tages sind evangelische Volksversamm­lungen, für den Morgen des 2. Tages ist die geschlos­sene Mitglieder- und Abgeordneten-Versammlung vor­gesehen.

* Vilbel. Der Gasvertrag mit der Stadt Frankfurt sieht einen Engros-Preis von 10 Pfennig pro Kubikmeter bei einem Jahreskonsum von 100 000 K. vor. Die Gaslieferung soll Anfang nächsten Jahren be­ginnen. Der Vertrag läuft 30 Jahre.

* ) Schlitz, 12. Juli. Das 38. Gauturnfest des Gaues Hessen nahm einen guten Verlauf. In der Oberstufe erhielten von 36 Wetturnern u. a. 1. Preise: Hch. Blank-Wetzlar, G. Schab-Butzbach, K. Loos-Eie- hen, H. Thöt-Gießen, E. Schmidl-Giehen, Dav. Otto- Wetzlar. In der Unterstufe erhielten von 230 Turnern erste Preise: P. Langer-Gießen, Gärtner-Steinberg, H. Röhrsheim-Krofdorf, E. Reitz-Leihgestern, H. Rühl-Gie- ßen, G. Albold--Gießen, W. Gerhardt-Gießen, Jakob Fischbach-Wetzlar-Nieder-Girmes, K. Schmidt-Krofdorf. Im W e t t s e ch t e n erhielten Preise: Kurt Kaufmann- Gießen, Chr. Weeg-Gießen, Wilh. Noll-Gießen, Karl No(lPießen.

* Offenbach, 11. Juli. Zur Einführung der Generalvormundschaft, die seinerzeit in einer Stadtverordnetensitzung beschlossen wurde, hat die Bür­germeisterei nunmehr eine Ortssatzung ausgearbeitet. Da­nach wird den Armenwaisen in Offenbach durch die Bürgermeisterei auf Beschluß der Stadwerordneten-Ver- sammlung ein Berufsvormund bestellt. Dieser hat alle Rechte und Pflichten eines Vormundes für die im Wege der öffentlichen Armenpflege unterstützten Minderjähri­

gen, die unter seiner Aufsicht in einer von ihm ausge wählten Familie oder Anstalt erzogen werden Bei un­ehelichen Minderjährigen, die im Wege der öffentlichen Armenpflege untersttitzt werden, stehen dem Berufsvor mund die Rechte und Pflichten eines Bormunbes auch bann zu, wenn diese unter seiner Aussicht in der müt Brüchen Familie erzogen und verpflegt werden.

Frankfurt, 13. Juli. Einem Postdirettor unseres Bezirkes ging unlängst die Aufforderung zu, zu prüfen, ob es nicht möglich sei, einige Unterbeamten stellen in seinem Postamte eingehen zu lassen. Kurzer Hand schrieb der wackere Beamte der höheren Instanz zurück:Unterbeamten kann ich keine entbehrens aber drei Inspektoren können Sie haben."

Darmstadt, 12. Juli. Der Großherzog be­gab sich gestern nachmittag 4 Uhr im Auto nach dem Feldberg im Taunus und kehrte abends wieder nach Wolfsgarten zurück.

- )(- Köln, 13. Juli. (Christlicher Berg­ar b e i t e r t a g.) Im Verlaufe der Kölner Verhand­lungen wurde über die Abänderung der Satzungen unb bie eingelaufenen Anträge beraten. Einer dieser Anträge ging dahin, den Lokalbeitrag von 5 auf 10 Pfennig pro Mitglied und Monat zu erhöhen, um die Lokal - organisationen zu kräftigen. Ferner war beantragt, den Beratungsausschuß aufzuheben und dafür mehr Dele giertenversammlungen einzuberusen. Schließlich wurde gewünscht, die in staatlichen Vergwerksbezirken arbeiten­den jugendlichen Arbeiter erst statt nach dem 20. nach dem 22. Lebensjahr die Beiträge zahlen zu lassen. Sämtliche Anträge wurden einer Kommission überwie­sen. Reichstagsabg. Behren s-Effen sprach überSo­zialpolitik in den Parlamenten" und sagte, datz man bon der Gesetzgebung nicht die Regelung aller Berufs- fragen erwarten könne; vieles müsse der Selbsthilfe vor­behalten bleiben, und dazu benötigen die Arbeiter die Organisationsfreiheit und die Aktionsfreiheil. Landtags­abgeordneter I m b u s ch sprach über die Berggesetzge­bung in den Landesparlamenten. Der Kongreß nahm eine Entschließung an, in der zu den Beratungen des preußischen Abgeordnetenhauses über die Steigerung der Rentabilität des staatlichen Bergbaues Stellung genom­men wird. Es heißt darin, die Arbeiter des Saarre­viers könnten nicht für den Rückgang der Ueberschüffe verantwortlich gemacht werden. Bei der Aussprache über bas. Referat Jmbusch brachte Ollmers-Saarbrücken eine zweite Resolution ein, die einstimmig angenommen wurde und in der es heißt:Die Generalverlammlung fordert die endgültige Beseitigung der in dem jetzigen Tauschmännersystem auf den staatlichen Gruben an der Saar beruhenden Uebelstände. Sie erwartet, daß die königliche Bergverwaltung recht bald von den bestehen­den, die Freizügigkeit der Arbeiter beschränkenden Ab- tnadfyungen zurücktritt." Die Beratungen werden fortge­setzt und wohl am Donnerstag endigen.

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* Selters, 12. Juli. Im besten Mannesalter starb unser langjähriger Geistlicher Pfarrer Büchner am Herzschlag. Er ist ein Sohn des früheren Schul­rats Büchner in Gießen.

* Herborn. Ein großes Dynamit-Un­glück hat sich heute vormittag in Würgendorf ereignet. Dort sind infolge Erplosion mehrere Gebäude der Sprengstoff-Fabrik in die Luft geflogen, wobei 10 Tote und 18 Verwundete zu beklagen sind. Das Fil­trierhaus, das Oelhaus sowie das Menghaus sind voll­ständig zerstört.