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Gießener Peilung

Vezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- auSgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. Erscheint jeden Werktag früh. DieHumoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Cito Fischer.

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer Expedition

des Großherzoglichen Polizei-Amtes Behörden Gberheffens Zeltersweg 83.

Nr 10

Telephon: Nr. 362.

(Haus Brüder Schmidt.) ^^^Bg^B^^^?--- -J1 Donnerstag den 12. Januar 1911

Anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50» . Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Überschreitung deSZahlungS- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit.

Gesamtleitung: Aldin Klein.

Leleph on: Nr. 342.

23. Jahrg

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Aufruf.

Einem vielfach aus der Bürgerschaft geäusserten Wunsch entsprechend wird die

U Witltrkctr des Criiiiuisiyts des Ȁu Ernte

Sonntag, den 15. Januar 1911

festlich begangen. Zu diesem Zweck werden

vormittags 11 Uhr ein Festakt im Stadttheater und abends 8 Uhr ein Festkommers in Steins Saalbau veranstaltet

Die Vorbereitungen bieten, Dank der Unterstützung weiter Kreise, insbesondere der mitwirkenden Gesangvereine. Gewähr dafür, dass diese patriotische Veranstaltung eine erhebende und freudige Erinnerungsfeier an die Gründung unseres geliebten Deutschen Vaterlandes wird, sowie den allgemeinen Dank für diese Errungenschaft der Jahre 1870/71 an die inzwischen genossenen und in der Zukunft zu erwartenden Segnungen des Friedens erneut zum Ausdruck bringt.

Wir sind der Ueberzeugung, dass die gesamte Bürgerschaft unserer Stadt von | denselben Gefühlen beseelt ist und bitten daher, unserer Freude und unseren Dank auch äusserlich dadurchzu bestätigen, dass ______

MW- die ganze Stadt am Festtag reichlich beflaggt wird.

Giessen, den 9. Januar 1911.

Der Festausschuss

Mecum, Oberbürgermeister.

1. Für jede Person und jede Feier ist eine besondere Eintrittskarte erforderlich 2. Ausführliche Festprogramme sind von Donnerstag ab im Vorverkauf bei Herrn E. Challler, Neuenweg 9, in der Rickerschen Buchhandlung, Südanlage 5, in der Ferberschen Buchhandlung, Seltersweg 87, in der Freesschen Buchhandlung, Seltersweg 70, in der Pfeifferschen Buchhandlung Walltorstrasse 21 sowie am Festtage im Stadttheater und in Steins Saalbau zum Preise von 25 Pfg erhältlich. 3. Die Eintrittskarten gehen den Be­stellern kurz vor dem Fest durch die Post zu. Leider ist es bei der grossen Zahl der geforderten Eintrittskarten nicht möglich, alle Wünsche zu erfüllen. Der Ausschuss muss daher eine entsprechende Einschränkung eintreten lassen. 4 Sollte einzelnen die Teilnahme an den Festlichkeiten, namentlich am Festakt unmöglich werden, so bitten wir, die betreffenden Karten k. H. an den Festausschuss zurückzusenden, damit die betreffenden Plätze noch anderweit vergeben werden können

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Philipp Köhlers Cod

hat in den in weitesten Streifen tiefstes Empfinden her- vorgerufen. Vor uns liegen zwei Zuschriften, deren Ver­fasser ganz verschiedenen Berufsständen angehören. Sie lauten:

Durch den unerwartet rasch eingetretenen Tod des Reichs- und Landtagsabgeordneten Köhler steht der Wahlkreis Gießen-Grünberg-Nidda noch kurz vor den allgemeinen Wahlen vor einer Nachwahl, die jeden­falls, so schreibt man uns, mit aller Schärfe durchge- kämpst werden wird. In Freundeskreisen des Ver­storbenen sah man schon längst mit Besorgnis die schlei­chende und unheilvolle Krankheit an dem Riesenkörper Köhlers ihre vernichtende Arbeit verrichten, daß aber so schnell diese deutsche Eiche gefällt weeden sollte, daran wagte niemand zu denken. Und so ist es denn leider geschehen, daß dieser gerade Charakter, dem unsere ober­hessische Landwirtschaft so viel zu danken hat, nicht mehr unter den Lebenden weilt. Und in den besten Lebens­jahren wurde seiner Laufbahn ein Ende gesetzt, denn er hat nur ein Alter von 51 Jahren erreicht. Und doch wird mit ihm eine ganze Geschichte der politischen Ent­wicklung in Oberhessen begraben. Er war es, der in jugendlichem Feuereifer anfangs der 90er Jahre die Böckl'fche Bewegung mit all seinen Kräften unterstützte. Die Schaffung einer Organisation für den Bauernstand sah Köhler damals als seine wichtige Lebensaufgabe an, und was er an der Spitze des Mitteldeutschen Bauern­vereins für die Interessen seines Standes geleistet hat, dafür wird ihm unsere oberhessische Bauernbevölkerung ein dankbares Andenken für alle Zeiten bewahren. Für das parlamentarische Leben wurde eine so großartig veranlagte Natur wie Köhler von seinen Parteifreunden gar bald in Anspruch genommen, denn schon im Jahre 1890 wurde er für den Landtagswahlbezirk Butzbach in den Landtag gewählt, wo er dann allerdings bei der Nachwahl wieder unterlegen ist. Im Jahre 1893 sandte ihn sein Heimatwahlkreis Hungen-Lich in den Landtag und vertrat er bis zu feinem Tode ununterbrochen die­sen Bezirk. Vom Jahre 19051906 begleitete Köhler das Amt des Vizepräsidenten des Landtages. Von 1893 bis 1903 und dann wieder seit 1907 war Köhler Ver­treter des Reichstagswahlkreises Gießen-Grünberg-Nidda. Selbstverständlich stand Köhler bei feiner eigenartigen Charakterveranlagung einer großen Menge politischer Gegner gegenüber, aber sein offenes und gerades We­sen hat ihm auch bei seinen Gegnern Achtung und Wert­schätzung erworben. Den guten Willen, seinem Stand und dem Volke hilfreich zur Seite zu stehen, hat Köh­ler jederzeit gehabt, und wenn ihm auch manches miß­glückt ist, so lag dies an den Verhältnissen und nicht an ihm. Was er aber zu Lebzeiten für das Allgemein - wohl gewirkt hat, dessen wird auch von seinen Wählern über das Grab hinaus dankbar gedacht werden.

Die zweite Zuschrift lautet:

Philipp Köhler, der langjährige Abgeordnete des Kreises Gießen zum Reichstag ist gestorben und viele Tausende stehen trauernd an seiner Bahre. Sie haben die gerade und ehrliche Natur des Verstorbenen zu schätzen gewußt. Köhler konnte lieben, er konnte ver­letzen, er konnte hassen; heucheln aber konnte er nicht. Es ist sicher nicht in seinem Sinne, wenn ihm jetzt auf seinem letzten Wege zum Grabe Leute das Geleite ge­ben, die es nicht aufrichtig mit ihm gemeint haben oder Leute, die zum Beispiel in einer Versammlung zu Gie­ßen in nicht zu schildernder Weise dem kürzlich verstor­benen braven Herrn Heyligenstaedt seinerzeit vorwarfen, er sei reich geworden durch den Schweiß seiner Arbeiter und nachher mit ihm zur Leiche gingen. SolchOttern­gezücht" haßte Köhler. Sein Name aber wird noch nach vielen Jahrzehnten genannt werden, seine Furchtlosigkeit und seine Treue, mit der er für alles Gerechte eintrat, feine Liebe zur Landbevölkerung und Landwirtschaft wird unvergessen bleiben. An seiner Offenheit mögen sich allePolitiker" und auch diejenigen, welche es werden wollen, des Kreises ein Beispiel nehmen. -e-

In der gestrigen Sitzung des deutschen Reichstages teilte der Präsident Graf Schwerin-Löwitz das Ableben des AbgeordnetenfK ö h l e r - Langsdorf mit. Das Haus erhob sich sofort, als der Präsident seine Mitteilung be­gann, und hörte die kurze Gedächtnisrede stehend an.

Für den hessischen Landtag wie für den Reichstag wird, wie schon eingangs erwähnt, Ersatzwahl sehr bald angesagt werden. Die einzelnen Parteien bekommen früher als sie gewollt Gelegenheit, ihre Wähler zur Urne zu rufen. Wie werden die Würfel fallen?

Hus der Heimat.

Gießen, den 12. Januar.

* Ordensverleihung. Geh. Regierungsrat Dr. Dietz hat wegen feiner Verdienste um die Tuber­kulosebekämpfung den roten Adlerorden 3. Kl. erhalten.

* Der Großherzog hat der Krankenpflegerin Schwester Minna Hetz in Gießen das Dienstaus - zeichnungskreuz für Krankenpflege in Silber verliehen und den Handelsrichter Kommerzienrat Georgi auf sein Nachsuchen von seinem Amte enthoben, den Er - gänzungsrichter Fabrikanten Hermann Eichenauer in Gießen zum Handelsrichter und den Fabrikanten A. K l i n g s p o r in Gießen zum Ergänzungsrichter, beide für die Zeit bis zum 31. Dezember 1912, ernannt.

* Gießen. Eine Reichstagsersatzwahl in Gießen- Nidda ist durch den Tod Köhlers erforderlich. Bei der Hauptwahl 1907 erhielt Köhler im 1. Wahlgange 9017, der Nattonalliberale 7 484, der Sozialdemokrat 6396 Stimmen. In der Stichwahl siegte Köhler mit 11 543

Stimmen über den Nationalliberalen, der 10 575 Stim­men bekam. Diesmal dürfte eine erhebliche Verschiebung des Stimmenverhältnisses vor sich gehen, da auch die Fortschrittliche Volkspartei einen Kandidaten ausstellen will.

-r- Für den Fond zur Errichtung einer Kinder­klinik ist der Zentrale für Mutter- und Säuglings - sürsorge in Hessen von einer Gießener Dame eine größere Summe übermittelt worden. Der Fond be­trägt jetzt 21 000 Mark. Eine weitere größere Stiftung steht in Aussicht.

HuTdemTierkh^ Strafkammer.

Gießen, 10. Januar 1911.

Unter dem Vorwande, Kohlen einbringen zu wollen, begab sich der Taglöhner Wilhelm Zimmermann aus Berlin in ein Schuhwarengeschäft zu G i e h e n. Er wurde zu der Hausfrau nach der Küche geschickt. Da die Frau nicht da war, nahm er ein Paar neue Schuhe, um damit fortzueilen. Aus der Treppe begegnete ihm die Frau, woraus er die Schuhe wegwars und entwich. Er wurde zu 9 Monaten Gefängnis, abzüglich 4 Wo­chen Untersuchungshaft und zu Zjährigem Ehrverluk ver- urteilt.

Der Schlosser Wilhelm Friedrich Schmidt aus Darm- stabt sprach bei einem Rentner zu Gießen vor und verlangte unter Drohung mit einer Anzeige, daß er ihn in Arbeit nehme. Er wurde sofort verhaftet und bekam 6 Wochen Gefängnis wegen Erpreßungsversuch. Vier Wochen Untersuchungshaft wurden ihm angerechnet; auch erfolgte die Aufhebung des Haftbefehls.

Um feiner Schwiegermutter den Küchenschrank, wo­von eine Glasscheibe zerbrochen war, wieder instand setzen zu können, stahl der Tüncher Moritz Hofmann aus Frauenstein, an einem Neubau zu Nieder-Esch­bach eine Fensterscheibe. Unter Einbeziehung einer srüh- eren Strafe, bekam er 8 Monate Gefängnis.

Zu Gießen, Fulda und Frankfurt a. M. eignete sich der Betriebsleiter der Gießener Gummiwerke, Hermann Wezel aus Grohwenda, Gummi an. In Gießen allein wurde der Wert des zurückgegebenen Gummis aus 2266 Mark berechnet. In Frankfurt wurde ebenfalls Diebstahl angenommen, während es sich in Fulda nur um Unterschlagung handelte. Der Angeklagte kam mit der gelinden Strafe von 9 Monaten Gefängnis durch, worauf 3 Monate Untersuchungshaft angerechnet werden.

Aus die Habseligkeiten der Bediensteten auf den Guts­höfen hat es der Arbeiter Johann Tensa aus Galizien abgesehen. In Rinderbügen, Nieder-Dorfelden, Okarben und Dortelweil bestahl er das Personal um Wertsachen, Geld und Kleider, sowie Papiere. Er wurde zu 2% Jahren Gefängnis verurteilt, woraus 6 Wochen Un­tersuchungshaft angerechnet wurden.