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Hietzener Jeitung

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Vertag der ,,Oiestcver Zeitung" O. m. b. H.

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des Großherzoglichen

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Verlag der ,,Siestc»er Zeitung" «. m. b. H.

Nr. 160.

Telephon: Nr. 362.

Dienstag, den 11. Juli 1911.

Telephon: 9fr. 362.

23 Jahrg.

Die Lebenskraft des Mittelstandes. 1

Von Dr. Wienbeck-Hannover.

Der Mittelstand, dessen Hern ohne Zweifel der Ge­werbetreibende bildet, ist in unserem modernen deutschen Großstaat, dem Staat der Syndikate, der Kartelle, des Welthandels, der Großbanken und ihrer Konzerne, der Eisenbahnen des Dampfes, der Elektrizität und der schnell steigenden Bevölkerungszahl noch daseinsberechtigt und entwickelungsfähig. Die Frankfurter Zeitung redete An­fang der achtziger Jahre von einemTodeskampf des Handwerkers", den man durch künstliche Mittel nicht verlängern sollte, aus den Werken eines Konrad, eines Sonlbart, ja selbst eines Schmöller klang es immer wie­der durch, nur demGroßbetrieb" gehört die Zukunft. Was Wunder, daß diese Ansicht vomAbsterben des Mittelstandes" sich von Jugend auf in allengebildeten" Kreisen, ja selbst in den Regierungsgebäuden, den Ge­richtsstätten, den Kanzeln und Kathedern eisenfest ein­bürgerte, daß man den Klagen des Mittelstandes mit demselben flüchtigen Interesse gelegentlich lauschte, wie etwa den Nachrichten über das allmähliche Absterben der rothäutigen Ureinwohner und Urbesitzer Amerikas in den Reservationen.

In diesen Wein der Erkenntnis hat nun die neueste Berufszählung 1907 sehr viel Wasser gegossen. Als zu­verlässiges Zeugnis hierfür möchte ich einige Stellen aus einer Veröffentlichung des bekannten Statistikers D. von der Borght überBeruf, gesellschaftliche Gliederung und Betrieb im deutschen Reiche nach der Betriebszählung von 1907" ansühren. Allerdings wird darin zugesichert, daß die Bedeutung der Großbetriebe immer mehr wächst, aber andererseits sind die Klein- und Mittelbetriebe in Stadt und Land, in Landwirtschaft, Gewerbe und Han­del nicht zurückgegangen, sondern haben sich sowohl in ihrer absoluten Zahl wie in ihrer inneren Struktur er­freulich ausgewachsen. Neben etwa 23 000 landwirt­schaftlichen Großbetrieben, deren Zahl gegen 1882 um etwa 1400 zurückgegangen ist, treten 2% Millionen Bau­erngüter, die an Zahl wie an Fläche seit 1882 zuge­nommen haben (seit 1882 um 144 000). Darunter sind 1 006 000 kleinbäuerliche Betriebe !

Da die bäuerlichen Wirtschaften nach dem Ange­führten das Rückgrat der deutschen Landwirtschaft bil­den, ist es eine sehr bedeutsame Erscheinung, daß sie an Zahl wie an Größe durchaus beachtenswerte Fortschritte gemacht haben. Die Zukunft der deutschen Landwirt - schast hängt sicherlich nicht von den Grohgrundherrschas- ten, die an Zahl und Umfang im ganzen verloren ha­ben, sondern von dem gesunden Fortschreiten des Bau­ernbetriebes als ihres eigentlichen Kerns ab?

Und wie steht es mit den gewerblichen Betrieben? Hier hören wir, daß die Kleinbetriebe von 15 Be­triebspersonen (ohne Alleinbetriebe) seit 1895 um 462 CO zugenommen haben und heute auf der Zahl 1 683 000 stehen. Im Handel wie im Handwerk bilden diese Kleinbetriebe etwa die Hälfte aller Betriebe und haben auch in dieser Verhältniszahl bedeutend zugenommen. Dazu kommt nun die Tatsache, daß von den 11% Mil­lionen Erwerbstätigen im Gewerbe nahezu 3 Millio­nen auf das platte Land entfallen, ein klarer Beweis dafür, daß ein starker Kleinbauernstand auch dem Ge­werbe in den Landbezirken neuen Boden bietet.

Die sog. Alleinbetriebe (ohne Hilfspersonen) haben allerdings im ganzen abgenommen, obwohl sie sich ge­rade in den Großstädten merkwürdiger Weise vermehrt haben. 1907 wurden noch 1% Millionen Alleinbetriebe, meist dem Gewerbe angehörig ermittelt. Diese Zahl hat gegen 1885 um etwa 430 000 abgenommen. Ich nenne diese Erscheinung erfreulich, denn ich führe sie darauf zu­rück, daß die falsche, leider so ungeheuer verbreitete Auf­fassung, die Gewerbesreiheit befähige jeden mittellosen oder jungen Menschen irgend ein Gewerbe zu beginnen, allmählich zu schwinden beginnt. Immerhin zählt das Bekleidungsgewerbe noch 482 000 Alleinbetriebe, der Handel 318 000, das Baugewerbe 74 000, die East wirtschaft 71 000. Das entspricht auch der praktischen Beobachtung. Schneider, Schuhmacher, Viktualien- oder Zigarrenhändler und Gastwirt glaubt jeder werden zu können obgleich nach meiner Ansicht gerade in diesen Ge­werben nicht nur Anlagekapital, sondern auch sonst viel Lehre und Erfahrung gefordert werden muh.

Auch die Mittelbetriebe (von 650 Personen) ha­ben sich auf 270 000 d. h. gegen 1882 um 157 000 ver­mehrt, woran hauptsächlich das Handwerk partizipiert. Ich bin geneigt, eine große Zahl der Betriebe von d0 bis 100 Personen auch noch den Mittelbetrieben zuzu­zählen. Den Löwenanteil zu den Mittelbetrieben stellen -

nun ebenso wie zu den Kleinbetrieben die Großstädte. | Es ist also nicht wahr, daß die Großstädte im besonde­ren Maße das Absterben des Mittelstandes begünstigen.

So kommt der Statistiker zu dem Schluß, daß trotz der ebenfalls zunehmenden Großbetriebe der Klein- und Mittelbetrieb sich nicht nur hält, sondern sogar erheblich vermehrt. Man darf behaupten, daß rund 17 Millio­nen Menschen in Deutschland vom und im gewerblichen Mittelstände leben.

Also dieser Mittelstand besteht noch in Deutschland und er soll und muß weiter bestehen.

Hus Stadl und Land.

Giehen, den 11. Juli.

* Sein 50jähriges Militärjubiläum feiert heute der Major z. D. Walter, der jetzt in Kassel im Rühestand lebt. Er trat am 11. Juli 1861 bei dem 2. Hess. Jnf.-Rgt., dem jetzigen Regiment Kai­ser Wilhelm Nr. 116 ein, dem er bis 1. Mai 1888, an welchem Tage er zum Korps-Bekleidungsamt in Kassel übertrat, angehörte. In den Reihen des Regiments machte W. auch die Feldzüge von 1866" und 1870-71 mit.

* Die Neichsbank beabsichtigt die Errichtung eines neuen Vankgebäudes. Als Platz ist das städtische Lager an der Bismarckstraße, Ecke der zukünftigen Lo- ny-Strahe, in Aussicht genommen. Es sollen Verhand­lungen schweben, mit der Errichtung des neuen Bank­gebäudes die jetzige Reichsbanknebenstelle zu einer or­dentlichen Reichsbankstelle umzuwandeln.

* Seit dem 1. April hat die Reichs-Postverwal­tung einen O r t s s ch n e l l d i e n st in der Weise ein­gerichtet, daß Briese auf Verlangen durch Eilboten ab­geholt und unmittelbar anschließend den Empfängern durch Eilboten zugestellt werden. Vom gleichen Zeit - punkte ab besteht auch ein E i l a b h o l u n g s d i e n st, durch welchen Gelegenheit geboten ist, Briefsendungen durch Eilboten abholen und beim Postamt aufliefern zu lassen. Neuerdings ist dieser Eilabfertigungsdienst für Telegramme zulässig. Die Gebühr für die Abholung und sofort daran anschließende Eilbestellung einer Sen­dung beträgt 50 Psg. Sind mehrere Sendungen abzu­holen und zu bestellen (Sendungen für mehr als zwei Empfänger darf der Bote nicht annehmen), so werden gewisse Sebührenzuschkäge erhoben. Für die Eilab­holung von Briessendungen und Telegrammen zur Auf- lieserung beim Postamt werden für eine Sendung 25 Pfennig, für jede Sendung mehr noch je 10 Pfg. be­rechnet. Es sei ferner darauf hingewiesen, daß zur Be­schleunigung des Ortsschnelldienstes solche Auftraggeber, welche an das Fernsprechnetz angeschlossen sind, auf Verlangen sich eine etwaige Antwort vom ^Boten auch mit Fernsprecher können zusprechen lassen. Zu diesem Zwecke begibt sich der Bote, nachdem er die Antwort vom Empfänger entgegengenommen hat, an die nächste öffentliche Fernsprechstelle und übermittelt die Antwort an den Auftraggeber. Die für die Antwort entrichtete Gebühr gilt dann als Bezahlung für die telephonische Benachrichtigung. Auf diese den Interessen des Publi­kums dienenden Einrichtungen, die noch nicht genügend bekannt zu sein scheinen, wird erneut hingewiesen. Auf­träge sind schriftlich oder telephonisch an die Eilboten - stelle des hiesigen Telegraphenamts zu richten, welche unter Fernsprechanschluß Nummer Null an das Fern­sprechnetz angeschlossen ist. Diese Stelle gibt auch An­kunft über die Gebührensätze.

* Truppenschau. Das Kommando des 18. Armeekorps gibt bekannt, daß das Armeekorps damit zu rechnen hat, daß auch in diesem Jahre wieder eine Truppenschau bei Mainz vor dem Kaiser stattfin- det, zu dem voraussichtlich auch das Infanterie- giment Nr. 116 herangezogen wird.

Für die Deutsche Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime sind in den letzten Tagen wieder größere Stiftungen erfolgt, u. a. van Herrn Geh. Kommerzienrat H e i ch e l h e i m 5000 Mark.

* Der Verband hessischer staatlicher Unterbeamten hält [eine diesjährige Landesver­sammlung am 14. August in Frankfurt ab.

Der Lahnvierer bei der 36. Kaiser-Regatta in Ems hatte am Sonntag folgendes Resultat: 1. Ru­derverein Ems 7:40, 2. Gießener Rg. 7:49.

* Seitens der Vahnkommission, welche sich mit dem Bahnprojekt Gießen Gladen - bach Viedenkopf beschäftigt, werden zur Zett

Vermessungen vorgenommen. Es wird beabsichtigt, die genannte Strecke in Lohra einlausen zu lassen.

-l- Holzheim, 11. Kuli. Die Maul- und Klau­enseuche wütet in unserem Dorf ganz fürchterlich und greift jeden Tag mehr um sich, so daß anscheinend nie­mand davon verschont bleibt. Das schönste und beste Vieh verendet. Täglich gehen 23 schwere Ladungen gefallenes Vieh in die Kreisabdeckerei. Trotz aller an­geordneten Maßnahmen, welche sehr streng gehandhabt werden, ist keine Abnahme zu verzeichnen. Es sind jetzt annähernd 90 Gehöfte, wo die Seuche herrscht und ist einigen Leuten der ganze Viehbestand in einem Tage gefallen. Es sieht sehr traurig in unserem Dorfe aus.

* Nieder-Mörlen, 10. Juli. Gestern Mit­tag um 1 Uhr wurde die ermordete Frau Walther be­erdigt. Eine große Menschenmenge aus Nieder- und Ober-Mörlen und Nauheim geleitete die Leiche zum Friedhof. An demselben Tage wurde der 17jährige Schmied Heinrich Wolf in Frankfurt verhaftet. E r hat die Tat eingestanden. Sein Genosse, der 22jährige Wilhelm Erbe, ein mehrfach vorbestrafter Straßenräuber, wurde Montag morgen um 10 Uhr in Kolmar i. E. festgenommen. Wolf stand früher bei einem Schmiedemeister in Nieder-Mörlen in Arbeit, war jedoch seit einem Vierteljahre in Frankfurt beschäftigt, und hat mit dem ihm bekannt gewordenen Chauffeur Erbe das Verbrechen vollführt, während die Braut des E., eine S ch w e st e r des Mittäters Wolf a u f p a h t e, damit diese bei der Ausführung der Tat nicht über­rascht würden. Das rasche Ergreifen der Mörder ist dem Bruder der Ermordeten zuzuschreiben, der in Ber- lin Kriminalkommissar ist und nach Nieder-Mörlen ge­eilt war, um sich an den Recherchen zu beteiligen. Die Mörder wurden gestern unter sicherer Bedeckung in das Gießener Amtsgerichts-Gefängnis eingeliefert.

* Friedberg, 11. Juli. Wie die Hitze auf die Eisenbahnschienen wirkt, geht am besten aus der Tatsache hervor, daß das eine Gleis Friedberg - Nieder- Wöllstadt sich durch die Hitze so verworfen hatte, daß es unfahrbar wurde. Ueber 2 Stunden dauerte der eingleisige Betrieb zwischen den beiden Stationen.

* Friedberg, 11. Juli. Der für den Som­mer in Aussicht genommene Besuch der Zarin im Schloß wird, wie dieFranks. Ztg." mitteilt, unterbleiben. Die Zarin, die wie im Vorjahre die Nauheimer Kur gebrau­chen wollte, nimmt im Schloß Peterhof, wo das Za­renpaar gegenwärtig weilt, als Ersatz Bäder nach Nau­heimer Art.

* Friedberg, 10. Juli. Das Landgericht in Gießen sprach den Betrag von 4700 Mk., der in den Taschen eines der beiden Friedberger Bombenwer­fer, des Kaufmanns Winges befand, dem Leipziger Ar­chitekten Haemisch zu, der geltend machte, daß der Be­trag in Gestalt von 47 Hundertmarkscheinen im Origi­nal aus der von Winges bei ihm unterschlagenen Sum­me stammten. Die Stadt Friedberg wurde mit ihrem Ansprüche abgewiesen. Sie beanspruchte den Be­trag als Entschädigung für das durch das Bombenat- tentat beschädigte Rathaus.

-d- Düdelsheim b. Büdingen, 10. Juli. Sein 25jähriges Jubiläum und Bundessängerfest, verbunden mit dem 40jährigen Jubiläum des hiesigen Gesangver­einsLiedeckranz", hielt der Nieder-Seemental - Sänger­bund hier ab. Außer den hiesigen Vereinen nahmen 28 Gesangvereine aus der östlichen Wetterau und dem Vogelsberg teil, sodaß nahezu 1000 Sänger hier weil­ten.

-Frankfurt, 10. Juli. Samstag nachmittag wurde vor der Station Großauheim der Lokomo­tivführer des D-Zuges München-Frankfurt von einem großen Stein an den Kopf getroffen, so daß er auf der Maschine ohnmächtig zusammenbrach. Der Heizer führte den Zug bis Hanau weiter.

-)(- Langen, 10. Juli. Die Vertrauensmänner der fortschrittlichen Volks partei für den Laudtagswahlkreis Langen-Neu-Jsenburg stellten den Lehrer Kinkel zu Langen als Kandidaten für die kom­mende Wahl auf.

*) Darmstadt, 8. Juli. Im 15. Wahlkreise der Provinz Starkenburg (Bischofsheim-Rüsselsheim) wollen die Sozialdemokraten zu den kommenden Land­lagswahlen den seitherigen Abgeordneten Beckhold nicht wieder aufstellen. An seine Stelle soll der Gemeinderat Jung-Rüsselsheim treten.