retzener Zeitung
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Nr. 110.
Telephoni Nr. 362. Donnerstag, den 11. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Das Marokkoproblem und der friede.
Die erhitzte Stimmung in Frankreich findet in den matzgebenden Kreisen des Deutschen Reiches fortdauernd eine überaus ruhige Betrachtung. Auch die Auslassungen des nationalistischen Pariser „Jntransigant", der von weit „gediehenen Vorbereitungen für einen europäischen Krieg" spricht, vermag den Gleichmut an der Spree nicht zu stören. Wenn man an der Seine durchaus wieder einmal den Teufel an die Wand malen mutz, so soll man sich bort auch der Folgen erinnern, die vor vierzig Jahren aus der sich überhebenden Anmatzung hervorgingen. Die Erklärungen, die der französische Botschafter Cambon vor seiner Abreise nach Paris dem Berliner Auswärtigen Amte gegeben hat, dienen hier zunächst zur Richtschnur für alle Erwägungen. Man erwartet die baldige Rückkehr des Botschafters nach Berlin und seine weiteren Darlegungen werden alsdann die gewünschten Aufschlüsse bringen müssen.
Der Bortrag des Reichskanzlers beim Kaiser in Karlsruhe dürfte selbstverständlich auch der Lage der Dinge in der marokkanischen Krisis gegolten haben. Wenn der Kaiser diesmal auch nicht, wie zur Zeit des Staatssekre- tariats des Herrn von Schoen, verlangt, die Streitigkeiten über Marokko sollten in 48 Stunden beigelegt sein, so hegt Wilhelm 2. doch noch den Wunsch, datz der Friede mit Frankreich erhalten bleiben möge. Selbstver- ftänblid) erwartet auch der deutsche Kaiser, datz die französische Regierung sich in die Bahnen zurück- begibt, die der Algecirasvertrag ihr angewiesen hat. Schon in wenigen Wochen mutz es sich herausstellen, ob Frankreich wirklich eine Besitzergreifung von Marokko plant, wie es in weiten Kreisen Europas, selbst in Spanien, vermutet wird, oder ob es laut seiner bestimmten Erklärung die Truppen in die Küstengebiete zurückzieht.
Mitte dieses Monats begibt sich der Kaiser zu den Krönungsseierlichkeiten nach London. Wenn seine Anwesenheit an der Themse auch nicht politischen Zwecken dienen soll, so ist die europäische Lage doch eine derartige, datz eine Aussprache der Monarchen darüber unvermeidlich geworden ist. Durch eine wirksame Vermittelung der englischen Regierung würde Delcasses temperamentvolle Politik am leichtesten beruhigt werden. In London muh es sich ergeben, ob tatsächlich die „Vorbereitungen für einen europäischen Krieg" soweit gediehen sind, wie es aus Paris heißt. Die Friedenssorge ist nicht ausschließlich eine deutsche Sorge, denn sie lastet auf allen Nationen, die den Marokkovertrag unterzeichnet haben, in gleichverantwortlicher Weise. Die Rolle des Anwalts der Algeciras-Mächte wird Deutschland nicht übernehmen, ebensowenig wie hier an einen Berliner Kongreß gedacht wird. Für alle Fälle ist das deutsche Heer längst gerüstet. Vor seiner Fahrt nach London nimmt der Kaiser in Straßburg und in Metz noch die Parade über die Truppen ab, und von der „schimmernden Wehr" wird er auch diesmal sagen können: Besonderer Vorbereitungen bedarf sie nicht!
Wir sehen also, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich wegen der Marokkosrage sich wieder recht bedenklich zugespitzt haben. Sollte es aber nicht möglich sein, in dieser Frage zu einer friedlich - schiedlichen Auseinandersetzung zu gelangen? Einen Krieg will niemand haben, außer einigen professionellen Säbelrasslern. Wie der Zustand aber jetzt ist, kann er auf die Dauer unmöglich weiter bestehen, und wenn wir im Hinblick auf den vierzigsten'Jahrestag des Frankfurter Friedens einen recht beherzigenswerten Wunsch aussprechen dürfen, so ist es eben der, daß der deutsch- französische Friedensschluß in der Marokkofrage recht bald zustandekommen möge.
Die friedensteier zu Frankfurt a. M
Frankfurt, 10. Mai 1911.
Lange vor der festgesetzten Zeit drängte sich am Vorabend des Kornblumentages nahe dem Dome Kopf an Kopf um das herrliche Schauspiel der Dombeleuchtung, das den Auftakt zum Kornblumentag bilden sollte, aus möglichster Nähe zu genießen. Je tiefer sich der Abend herabsenkte, desto größer wurde das Gedränge, das gegen 9 Uhr einen geradezu beängstigenden Umfang annahm. Da endlich holte die Uhr am Dom zum Schlagen aus, und wie durch Zauberkraft stand das herrliche Gebäude von unten bis zur höchsten Turmspitze plötzlich in ein Flammenmeer gehüllt. Nun begannen die Glocken zu läuten und schweigend stand die Menge, von dem überwältigenden Zauber des Augenblicks ergriffen.
Wahrlich eine Gedächtnisfeier, wie sie eindringlicher nicht gedacht werden kann! Die Glockentöne waren verklungen, aber noch immer harrten in den Straßen die Menschen, bis auch der letzte Feuerschein dort oben erloschen war und der alte Dom, vom magischen Mondschein übergossen, in gewohnter Ruhe dastand.
Wolkenlos blauer Himmel lachte heute morgen auf Frankfurt herunter, als um 7 Uhr früh das Choralbla- sen vom Turm der Katharinenkirche das Zeichen gab, daß jDcr Erinnerungstag an die 40jährige Wiederkehr des Friedensschlusses offiziell begonnen habe. Und schon füllten sich die Straßen mit jungen Mädchen, die ihre liebenswürdigste Miene aufgesetzt hatten, den Passanten recht viel Geld für die kleinen blauen Blümchen, die sie zum Verkauf boten, abzunehmen. Und jeder, ob arm, ob reich, stiftete gerne und freudig sein Scherslein zu dem wohltätigen Werke, das den bedürftigen Veteranen, durch deren Heldentaten uns das Kaiserreich geschaffen wurde, zugute kommen soll. Wie sich der Verkehr auf den Stra- tzen mehr und mehr steigerte, nahm auch der Blumen- verkauf einen immer größeren Umfang an, und so kam die Stunde heran, in denen die Kirchen ihre Pforten öffneten, die Gläubigen zum Festgottesdienst einzuladen, der im Dom bereits um 9 Uhr, in der Paulskirche und in der Hauptsynagoge um 10 Uhr begann.
Das Friedenszimmer im Hotel Schwan wurde um 10 Uhr dem allgemeinen Besuch geöffnet. Eine riesige Menschenmenge hatte sich vor dem Hotel - eingang angesammelt, denn es galt eine von den 500 Postkarten zu erobern, die mit dem Stempel versehen waren: „Ausgegeben im historischen Friedenszimmer des Hotels Schwan am 10. Mai 1911. Kornblumentag." Zu je zehn wurden die Besucher in das Zimmer gelassen. Dabei ging es nicht ohne Zwischenfälle ab. Denn dem Andrang mutzte durch Absperrung gewehrt werben und, wie das so geht, das Temperament manches Besuchers und manches Polizeibeamten vertrugen sich sehr schlecht. An den Wänden standen die Fahnen der Kriegervereine, die gelbseidenen Polstermöbel, in denen vor 40 Jahren die Parlamentarier bei der Friedenskonferenz saßen, waren beiseite geschoben, und in einer Ecke wurden die nummerierten Karten verkauft. „Die erste kostet eine Mark, zwei kosten fünf Mark, drei zehn, vier zwanzig Mark." In einer knappen Stunde sind die Karten abgesetzt. Die Karte selbst, von Jungnickel entworfen, zeigt zwei Ritter, geharnischt vom Wirbel bis zur Zeh, die sich in Freundschaft und Frieden die Hand reichen.
Um die Mittagszeit begannen die Promenadenkonzerte, denen am Nachmittag ein Festgottesdienst im Palmengarten und im Zoologischen Garten folgte. Nachmittags gegen 5 Uhr versammelten sich die Teilnehmer vor dem Hotel „Schwan" und zogen nach der Festhalle, wo um 8 Uhr die Festfeier mit Gesängen, Orchester- und Chorvorträgen, sowie turnerischen Darbietungen begann.
Bus Stadt und £and.
Gießen, den 11. Mai 1911.
* Der Grotzherzog hat dem Vorsitzenden des Deutschen Stenographenbundes Gabelsberger, Professor Eduard Pfaff zu Darmstadt, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Grotzmütigen verliehen.
* Professor Schlesinger wurde gestern vom Großherzoge empfangen.
* Erledigte Lehrer st ellen sind zur Zeit an der Gemeindeschule zu Michela u, Kr. Büdingen (bem Herrn Fürsten zu Isenburg und Büdingen in Wächtersbach steht das Präsentationsrecht zu); Groß- Eichen, Kr. Schotten (die Hälfte des Organistendienstes kann mit dieser Stelle verbunden werden); Nieder-Stoll, Kr. Lauterbach (mit der Stelle ist Organisten- und Lektordienst verbunden; dem Herrn Grafen von Schlitz genannt v. Görtz steht das Präsentationsrecht zu) und E b e r st a d 1, Kr. Darmstadt.
♦ Bundestag des Mittelwestdeutschen Stenographenbundes Stolze-Schrey vom 13. bis 15. Mai in Frankfurt a. M. Sonntag, den 13. Mai, nachmittags: Empfang der auswärtigen Gäste, 5 Uhr Sitzung des Bundesvorstandes in Gemeinschaft mit den Bezirkslettern und Verbandsvertre- lern, abends 8 Uhr geschäftliche Hauptversammlung, Sonntag, den 14. Mai: Empfang der auswärtigen Gäste auf dem Hauptbahnhof, vorm. 9 Uhr öffentliches Weltschreiben in der Städtischen Handelslehranstatt, vorm. 11% Uhr öffentliche Festversammlung und Festvortrag, nachm. 2 Uhr Festmahl, nachm. 4 Uhr Besichtigung der
Stadt, abends 7% Uhr Gesellschaftsabend, Preisver - teilung und Ball. Sämtliche Veranstaltungen finden mit Ausnahme des Wettschreibens in den Sälen des Kaufmännischen Vereinshauses statt. Montag, den 15. Mai, nachm. 2 Uhr Ausflug in den Taunus.
* Die drei gestrengen Herren, Mamertus, Pankratius und Servatius, die mit dem heutigen Tage beginnen, sind als Bringer von Nachtfrösten gefürchtete Gäste. Nicht immer trifft allerdings diese Prognose zu; in den letzten Jahren war dies wohl über - Haupt nicht mehr der Fall, und nach dem augenblicklichen Stande der Witterung dürsten auch in diesem Jahre keine Fröste mehr zu erwarten sein. Tatsache ist zwar, daß am Anfang Mai fast alljährlich Temperatur- rückgänge zu verzeichnen sind, die ihren Grund häupt - sächlich in ständigen Luftströmungen haben, welch letztere, wenn gleich weit von uns in fernen und abgegrenzten Gebieten vorherrschend, gleichwohl Kraft genug besitzen, alljährlich zu bestimmter Zeit das Klima von Mittel - europa empfindlich zu beeinflussen.
- )(- Friedberg, 10. Mai. Der Evangel. Psarr- verein für das Großherzogtum Hessen sprach sich mit Bezug auf die Frage der Trennung des Organistendienstes von der Schulstelle in seiner Mehrheit gegen die Trennung aus. Der Vorstand batte sich in einer vorausgehenden Sitzung ebenfalls gegen jede Lockerung des seitherigen Verhältnisses ausgesprochen, wenigstens inso= weit, als der Pfarrverein nicht die Initiative dazu ergreifen will.
* Aus bem Vogelsberg, 10. Mai. E i n Kleinbahnidyll. Ein Reisender schreibt: Anfangs Mai kehrte ich von Hochwaldhausen nach Lauterbach zurück. Von Rirseld ab fuhren ein D r e h o r g e l m a n n und seine Frau mit; sie verließen ihn in Frischbonl wieder, um ihrem Geschäft nachzugehen. Während der Mann die frischesten Melodien von den bekanntesten Gassenhauern vom „P e r r o n" aus herunterleierte, ging die Frau einsammeln bei den Passagieren des Zuges und verschonte selbst den Lokomotivführer, Heizer, Zugführer, die Schaffner und Bremser nicht. Da das „3ügle“ etwa 5 Minuten auf dieser „Hauptstalion" hält, so war der Gen.uß von ziemlich langer Dauer. Als der Stationsvorsteher durch Abwinken dem „Konzert" ein Ende gemacht hatte, fuhr der Zug etwa 800 Meter weiter bis Blitzenrod, wo dem Spielmann allerdings nur 2 Minuten Zeit zu seinen Vorträgen gelassen war.
* Frankfurt, 10. Mai. Der Weichensteller 1. Klasse Häuser in Frankfurt erhielt das Allgemeine Ehrenzeichen aus Anlaß seiner Pensionierung. Das wäre sehr schön gewesen, wenn der Dekorierte nicht schon am 1. April gestorben wäre.
* Dia rm stabt, 11. Mai. Die Holzdrahtfabrik Rerroth-Lynen in Michelstadt hat in den letzten Tagen wegen mangelnden Absatzes der Hülfsprodukte zur Zünd- Holzindustrie 73 Arbeiter entlassen müssen. Die Abgeordneten Lang und Dr. Osann stellen nun bei der Gr. Regierung die dringende Anfrage, ob und in welcher Weise sie dem hierdurch entstandenen Notstände der Arbeiter abhelfen will.
* Darmstadt, 11. Mai. Der Ertrag des Blumentages hat nach dem Abschluß der Zählung nahezu 30 000 Mark für unsere Stadt ergeben.
- h- Braunfels, 10. Mai. Gelegentlich des Durchschlags im Grävenwiesbacher Tunnel sandten die Herren von der - Kgl. Eisenbahnbauabteilung und der Vauun- ternehmung an den Kronprinzen ein Glückwunschtelegramm und fügten hinzu, daß am Geburtstage Seiner Kaiser!. Hoheit der Durchschlag des Tunnels erfolgt sei. Hierauf ging folgendes Telegramm ein:
Potsdam, den 8. Mai 1911.
Eisenbahnbauabteilung Braunfels-Grävenwiesbach.
Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz lassen der Eisenbahnbauabteilung Braunfels nebst Unternehmung für die freundlichen Glückwünsche bestens danken; Höchstderselbe spricht hierbei seinen Glückwunsch zum Durchschlag des Grävenwiesbacher Tunnels aus.
J. A.- Graf Bismarck Bohlen. Hofmarschall.
- sch- W e h r h e i m, 11. Mai. In 22 weiteren Gehöften ist hier die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen, sodaß jetzt 52 Gehöfte verseucht sind.
* Marburg, 9. Mai. Die Stadtverordneten bewilligten nach fast dreistündiger Diskussion 5000 Mark für die Ausarbeitung eines Projekts für die Elektrifizierung der Pferdebahn.