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Redaktion: Seltersweg 83.
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Vertag der „Oicsteuer Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 159
Tele p h o n: Nr. 362.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
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des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
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Verlag der ,, Siesteuer Zeitung" G. m. b. H.
Montag, den 10. Juli 1911.
Telephon: Nr. 362.
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verschiedenen Qualität, prompt lügst [23/3
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Wagen aus einemjozialdemokratifcben
Betriebe.
Zu den größten Betrieben, in denen die Sozialdemokratie Arbeitgeberin ist, gehört die im Juni 1910 von der Grotzeinkaufsgesellschast Hamburg gegründete Seifenfabrik in Gröba bei Riesa in Sachsen. Aus die engste Fühlung dieser Produktivgenossenschasten mit den sozialdemokratischen Konsumvereinen braucht wohl nicht besonders hingewiesen zu werden. Als selbstverständlich sollte man in dem Gröbaer Betriebe halten, daß alle diejenigen Forderungen durchgeführt sind, die mit Hilfe der sozialdemokratischen Gewerkschaftsmachtmittel in den bürgerlichen Betrieben durchzusetzen versucht werden.
In erster Linie erwartet man also für die Arbeiter im Gröbaer Betriebe die Durchführung eines Tarifes, ohne den meistens freigewerkschaftlich organisierte Arbeiter sich bekanntlich weigern, in Privatbetrieben zu arbeiten. In Wirklichkeit ist zwischen dem sozialdemokratischen Fabrikarbetterverband und der Groheinkaussge- sellschaft für die Arbeiter der Gröbaer Seifenfabrik auch ein Tarif abgeschlossen worden, durch den die Arbeitslöhne nach drei Klassen festgelegt worden sind. Hilfsarbeiter — die in der Seifenbranche ungelernten — sollten im Lohne steigen von 20—22 Mark innerhalb dreier Jahre, Betriebsarbeiter von 22—24 Mark und Vorarbeiter von 24—30 Mark pro Woche. Große Unzufriedenheit erregte bei den Arbeitern Gröbas zunächst das von den freien Gewerkschaften und von der sozialdemokratischen Partei überall bekämpfte System der Vorarbeiter. Vom Reichstagsabgeordneten Noske wurde dieses im Reichstage beim letzten Militäretat (Vekleidungs- ämter) als unhaltbares, fluchwürdiges Antreibersystem gekennzeichnet. Die Arbeiter im sozialdemokratischen Gröbaer Betriebe wurden aber mit diesem Antreibesystem beglückt. Aus 187 Arbeiter und Arbeiterinnen kommen ein Geschäftsführer, ein Betriebsleiter, drei Siedemeister, ein Bodenmeister und 1 6 Vorarbeiter. Die sozialdemokratische Gleichheit geht sogar soweit, daß Kolonnen mit einem Manne und einem Vorarbeiter ein- geführt worden sind.
Die größte Enttäuschung erlebten seit dem ersten Lohntage die sogenannten Betriebsarbeiter. Obwohl der sozialdemokratische Fabrikarbeiterverband unter dem Vorsitz des Reichstagsabg. Brey den Tarif sanktioniert hatte, der den Arbeitern in der Siederei, im Kühlraum, an den Schneidemaschinen und Autopressen wöchentlich 22—24 Mk. zubilligte, wurden diese Betriebsarbeiter dennoch durch die ganz willkürliche Maßnahme der sozialdemokratischen Gröbaer Betriebsleitung zu Hilfsarbeitern degradiert und erhielten nur den Wochenlohn von 20 Mark. Nach Abzug der Sozialversicherung und dem Beiträge für die Unterstützungskasse gingen diese Leute mit wöchentlich 18,90 Mk. nach Hause. Ausgerechnet im sozialdemokratischen Betriebe versagten die Arbeiterausschüsse, weil die zuständigen vorgesetzten Genossen alle Eingaben und mündlichen Klagen ignorierten. In die Oeffentlichkeit aber konnte der Tarifbruch nicht dringen, weil die Klagen der Arbeiter nur dann in die sozialdemokratische „Meißner Volkszeitung" und „Dresdner Volksztg." ausgenommen werden sollten, wenn die schriftlich gekennzeichneten Mißstände in der Gröbaer Seifenfabrik von der zuständigen Organisation unter - stempelt seien. Diese Sanktionierung blieb natürlich aus, und die Arbeiter mußten den Tarifbruch über sich ergehen lassen. Als aber die sozialdemokratische „Meißner Volksztg." dennoch in einem kurzen Bericht auf die Arbeiterklagen eingegangen war, wurde tags darauf ein Arbeiter entlassen, den die Gröbaer Fabrikverwaltung als Artikelschreiber in Verdacht hatte.
Obwohl der Landtagsabg. Fleißner persönlich von dem Tarifbruch unterrichtet worden war, um in der sozialdemokratischen „Dresdner Volsztg." für die verletzten Rechte der Arbeiter einzutreten, wurde von diesem sozialdemokratischen Organ die Wahrheit nicht nur unter - drückt, sondern ihr direkt ins Gesicht geschlagen; denn die „Dresdener Volksztg." brachte im Gegenteil einen Artikel über die glänzenden Löhne und das gute Arbeitsverhältnis in dem sozialdemokratischen Betriebe zu Gröba. Recht bezeichnend für die sozialdemokratische Gewerk - schaftstaktik ist die Aeußerung des sozialdemokratischen Gauleiters, als er mit den Beweisen über den Tarif - bruch in die Enge getrieben worden war. Der Herr Gauleiter des Fabrikarbeiterverbandes erklärte nämlich, daß Theorie und Praxis eben grundverschiedene Dinge seien;
Nach langem langem Warten erhielten die Vetriebs- arbeiter ihren tarifmäßigen Lohn, der nach den üblichen
Abzügen statt 18,90 Mk. 21.30 Mk. beträgt. Als die I Arbeiter der Gröbaer Seifenfabrik sich mit ihren Löhnen bedeutend schlechter gestellt sahen, als in Privatbetrieben, übermittelten sie der Gauleitung des Fabrikarbeiterverbandes, sowie der Groheinkaussgesellschaft Gesuche um Teuerungszulagen von zwei Mark wöchentlich. Daß die Arbeiterausschüsse viertel — ja halbe Jahre lang auf ^Antwort warten müssen, sind sie heut? gewöhnt. Statt der Gewährung einer Teuerungszulage wurden aber die bittenden Arbeiter auf wiederholtes Drängen von dem sozialdemokratischen Reichstagsabge- ordneten und Vorsitzenden des Fabrikarbeiterverbandes brieflich gehörig abgekanzelt — wegen der unbescheidenen Forderungen ! Ein Brief, der vom Sekretär Sack- Hannover — dem Sitz des Fabrikarbeiterverbandes — unterzeichnet war, fügte der Absage die geradezu höhnische Bemerkung bei:
„Wir sind nicht schuld, daß die Arbeiter hungern müssen, daran sind sie selbst schuld. Warum arbeiten sie denn dort?"
Der Geschäftsführer Lorenz der Großeinkaufsgesell- schaft Hamburg erklärte den um Teuerungszulage oder Lohnerhöhung eingekommenen Gröbaer Arbeitern einfach :
«Wir können keinen Zukunftsstaat errichten. Ich weiß, daß mit 1100 Mark keine Familie bestehen kann, aber mehr können wir nicht geben, wem's nicht paßt, der kann ja gehen!"
Daß die Arbeiterschaft der sozialdemokratischen Produktivgenossenschaft Eröba über die Behandlung empört ist, bewies sie dadurch, daß sie ein von ihrem Betriebe angebotenes Arbeitervergnügen einfach ablehnte. Nur mit dem größten Widerwillen haben sich diese Arbeiter an der ihnen aufgezwungenen Maifeier beteiligt, die jedem einzelnen Teilnehmer 95 Pfg. indirekte Steuer kostete: Maimarke 50 Pfg., Eintrittskarte 25 Pfg., Mai- Zeitung 10 Pfg., Maifeierabzeichen 10 Pfg. Der Terrorismus scheint in diesem sozialdemokratischen Betriebe besonders schlimme Formen anzunehmen, wie nachstehender Vorfall beweist.
Ein Arbeiter war zu einer 14tägigen militärischen Uebung eingezogen worden. Nach § 616 des B. G. V. war er berechtigt, Lohn zu verlangen. Er erhielt aber nichts und drohte deshalb der sozialdemokratischen Betriebsleitung mit dem Gericht, worauf ihm der Geschäftsführer rundweg erklärte: „Wenn Sie Ihre Forderung einklagen, sind Sie vom Tage an entlassen."
Wollte sich ein bürgerlicher Betrieb so vollendeten Tarifbruch und Terrorismus zuschulden kommen lassen, wie er der Gröbaer sozialdemokratischen Seifenfabrik nachgewiesen werden kann, dann hätte derselbe sozialdemokratische Fabrikarbeiterverband über den bürgerlichen Betrieb sicherlich schon längst die Sperre verhängt. Die Mißstände in dem Gröbaer Betriebe, die selbstverständlich durch die sozialdemokratische Presse vertuscht worden sind, haben dennoch den Weg in die Oeffentlichkeit gefunden. Das „Strehlaer Wochenblatt" vom 1. 6. 11 brachte in einem konservativen Versammlungsbericht sehr schwere Anklagen gegen den Gröbaer Betrieb. In Strehla selbst sitzt ein sozialdemokratischer Berufsagitator — eine Widerlegung der Anklagen blieb aber aus. Aber die Arbeiter der Gröbaer Seifenfabrik wußten ihrer freudigen Bestürzung darüber kaum Ausdruck zu verleihen, daß ihre lange verhaltenen Klagen endlich doch dem Forum der Oeffentlichkeit unterbreitet werden. Die schlecht bezahlten Arbeiter wollen es nicht länger mit ansehen, daß alle sozialdemokratischen Besucher der Gröbaer Seifenfabrik — es sind zumeist sozialdemokratische Lagerhalter — fürstlich bewirtet und beherbergt werden von den erzielten Überschüssen der „Mehrwert" erzeugenden Seifenfabrikarbeiter, die am Hungertuche nagen müssen.
Der Blick hinter bie Kulissen des sozialdemokratischen Betriebes in Eröba ist lehrreich genug, um das Bild vom Arbeiterelend zu vervollständigen, das im Zukunftsstaal der Arbeiterschaft beschieden sein würde.
-go-
Hus Stadt und Band.
Gießen, den 10. Juli.
* Der israelitische Lehrerverein im Eroßherzogtum Hessen hielt gestern im „Philanthropin" zu Frankfurt seine Jahresversammlung ab. Lehrer Isaak-Hungen hielt einen Vortrag über „die Fürsorge für die schulentlassene Jugend". — Zur Gründung einer Darlehnskasse hat Direktor Dr. Adler dem Verein Mk. 30 000 zur Verfügung gestellt.
-;- In der Schule für Höheres K l a v r e r-
spiel von Frl. Minna Körner fand am Freitag, den 6. Juli, ein Vortrags-Abend der vorgeschrittenen Schülerinnen und Schüler statt. Das Programm wies nur auserlesene Namen aus: Beethoven, Schumann, Schubert und Chopin. Die Vortragenden spielten samt lid) auswändig und erfreuten durch die klare Sicherheit und saubere Muratesse ihres Spieles, die nirgends zur geistlosen Nüchternheit ausartete. Jede Komposition ge langte vielmehr in ihrer Eigenart zur Geltung, so daß man mit regem Interesse dem Spiel folgte und darüber der draußen herrschenden sommerlichen Schwüle vergaß. — Besonders gut — in Auffassung und Klangsärbung gleich glücklich — gelang das wundervolle Largo e mesto mit darauffolgendem Menuett aus der Sonate op. 10 Nr. 3 von Beethoven, sowie das Impromptu in As-Dur von Schubert, wobei wir den sympathischen Anschlag und die Technik der ganzen Vortragenden bewunderten. Veethoven's berühmte As-Dur-Sonate — von Herrn Kurt Blumenau vorgetragen — bildete den Beschluß und die Variationen, das Scherzo, namentlich aber die marcia funebre sulla motte d'un Eroe in ihrer dunklen überirdischen Majestät wurden geistvoll und edel interpretiert. E. S.
* Vortragsabend. Der am Samstag abend im großen Saale des Gesellschaftsvereins veranstaltete Vortragsabend hat die Erwartungen nicht erfüllt, die man von verschiedenen Seiten erhofft hatte. Die kleinen Volkslieder, die Frl. Lina Poppe zu Gehör brachte, litten vielfach unter unreiner Intonation, außerdem wurde den billigen Forderungen, die Klangwirkung nach den Teriwendungen zu nuancieren, den Ton zu spannen und zu färben nur mittelmäßig Rechnung getragen. Was die Rezitationen von Frl. Lily Donecker anlangt, so lassen sich schon eher einige Worte der Anerkennung darüber sagen. Die sämtlichen Vorträge, ob heiter oder ernst, verfehlten bei dem Auditorium — das weibliche Element dominierte — ihre Wirkung nicht. Bemerkenswert war der Erfolg, den Frl. Donecker mit einzelnen Gedichten aus den Glockenliedern von C. Spitteler und dem Prosastück von K. Schönherr „Der Schnauze!" erzielte. Der Deutlichkeit der Vorträge hätte es aber durchaus nichts geschadet, wenn man sie stehend serviert hätte.
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-m- Nieder-Mörlen, 10. Juli. Die Gießener Staatsanwaltschaft ist in voller Tätigkeit, um die Mörder der Frau Walter zu ermitteln. Ein naher Verwandter der Ermordeten, ein Kriminalkommissar aus Berlin, ist am Tatort eingetroffen und hat sich der Staatsanwaltschaft Gießen zur Verfügung gestellt. In einer Kantine in Vrandoberndorf wurden zwei Leute beobachtet, deren Aeuheres und Kleidung auf die Täter, welche im Steckbrief beschrieben sind, bis auf Kleinigkeiten paßte. Man machte sofort der Staatsanwaltschaft in Gießen davon Mitteilung, welche aber sest- stellte, daß es sich hier nicht um die Verbrecher handeln kann. Außer den beiden Burschen sind zwei weitere angebliche Arbeiter festgenommen worden, die des Mordes an der Frau Walter verdächtig sind. Sie wurden in das Polizeigefängnis nach Bad-Nauheim verbracht. In Friedberg wurde ein Mann verhaftet, der in Schwalheim silberne Zylinderuhren zum Kauf anbot. Bekanntlich wurden bei dem Raubmord auch zwei derartige Uhren gestohlen.
-r- D a r m st a d t, 10. Juli. Vom Hitzschlag betroffen wurde Samstag nachmittag bei einer Gefechts - Übung ein Musketier des Jnf.-Rgts. Nr. 87. Der Tod trat kurz darauf ein.
E. D. Darmstadt, 10. Juli. In der Nacht vom Freitag zum Samstag ereignete sich auf dem Bahnhof Dornberg-Groh-Gerau ein schweres Eisen- bahn-Unglück. Ein von Bischofsheim abgelassener Eü- terzug sollte von dem Berlin-Baseler D-Zug überholt werden. Der Güterzug fuhr jedoch versehentlich weiter in ein stumpfes Geleise und rannte den Prellbock um. Die Lokomotive stürzte die etwa fünf Meter hohe Böschung hinunter in den sog. „Landgraben", gefolgt von 14 bis 16 mit Gütern beladenen Wagen, die kreuz und quer übereinanderliegen. Der Packwagen türmte sich in die Höhe und steht auf zwei Güterwagen; die Maschine stand förmlich auf dem Kopf und hatte sich ücf n Boden eingebohrt. Führer und Heizer sind noch rechtzeitig abgesprungen; beide haben anscheinend leichte innere Verletzungen und Quetschungen erlitten; auch der Zugführer und Bremser sind glücklicherweise mit unbedeutenden Verletzungen davongekommen. Die Aerzte von Groß-Gerau waren gleich zur Stelle, ebenso der Hilss- zug von Bischofsheim. Material- und Güterschaden ist bedeutend. Der Verkehr wird durch eingleisigen Betrieb aufrecht erhalten.