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Hietzener IerLung

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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen ' Bürgermeisterei^ sowie vieler anderer <

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

Behörden Gberhessens

Expedition: Selters weg 85

(Haus Brüder Schmidt.)

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Nr. 134.

Telephon: 9tr. 362.

Samstag, den 10. Juni 1911

Teleph vn: 9tr. 362.

23. Jahrg.

Das Jubiläum der Fortschrittspartei

Die Fortschrittliche Volkspartei hat gestern die 50. Wiederkehr des Tages feiern können, an dem unter bem Vorsitze Virchows dieDeutsche Fortschrittspartei" be­gründet wurde. Die Fortschrittspartei tonnte diesen Tag mit um so froherem Herzen feiern, als er unter bem Zeichen der nach, langen Rümpfen und Mißhelligkeiten vollzogenen Einigung der drei linksliberalen Gruppen stand. Einigkeit macht stark. Und es gibt wohl nichts Besseres, was man der Fortschrittlichen Volkspartei zu dieser Fünszigjahrseier wünschen könnte, als daß sich der zwischen der Volkspartei, der Vereinigung und den Süd­deutschen geschlossene Friede als endgültig und dauer­haft erweisen möge. Unsere Zeit verlangt mehr denn irgendeine vorangegangene die Hintanstellung der Egois­men und des kleinlichen Parteizwistes.

Wenn die freisinnige' Partei sonach berechtigten An­latz hat, den großen Entscheidungen der nächsten Zeit mit Zuversicht ins Auge zu sehen, so ladet sie der Tag ihres 50jährigen Bestehens doch auch zu einer Rückschau, zu einem Blick in die Vergangenheit ein, die voller Dornen und schwerer Erfahrungen war, bis endlich der Wille zur positiven Arbeit auch dem Linksliberalismus zu Einfluß und Geltung verhalf. Wer es aber mit der Fortschrittspartei ehrlich meint, der kann ihr nur wün­schen, sie möchte auf diesem Wege bleiben, weil ein Li­beralismus ohne Nationalismus, weil die Demokratie nur um ihrer selbst willen schließlich doch immer wie­der auf jene abwegigen Bahnen zurückführt, die den Freisinn über ein Menschenalter lang zur Ohnmacht ver­urteilten.

Für das Verhältnis der Jubilarin zur anderen li­beralen Partei, der nationalliberalen, ist es bezeichnend, daß die parteioffizielleNatlib. Rorrefp." Grüße und wärmste Glückwünsche entbietet.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 10. Juni.

* Trinitatis-Sonntag. Der heiligen Drei­faltigkeit ist der kommende Sonntag geweiht. An ihn knüpfen sich allerlei Volksglaube und Volksbrauch. In manchen Gegenden hält man die in der Nacht des Tri- nitatissonntags geborenen Rinber für Geisterseher und Nachtwandler, in anderen dagegen für Glückskinder. In vielen Orten Frankens ist sonderbarer Weise das Nähen oder Flicken an diesem Tage streng verboten, damit die Näherin nicht vom Blitz erschlagen werde. In Unter­sranken erzählt man sich, ein Bäuerlein, daß am Drei- saltigkeitssonntag einen Hosenknops angenäht hatte, sei am Tage darauf beim Fischen nur dadurch vom Tod durch Blitzschlag gerettet worden, daß es geschwind seine Hose auszog und in den Main warf, wo der Blitz sie traf. In Thüringen schreibt man den am Goldenen Sonntag gepflückten Kräutern besondere Heilkraft zu. Dreifattigkeitsblumen sind Feldstiefmütterchen, Sauerklee und der Siebenstern. Nach der Legende hat das Stief­mütterchen, das einst duftete wie das Veilchen, die hei­lige Dreifaltigkeit, ihm den Duft zu nehmen, damit die Menschen seinetwegen nicht das Rom zertreten möchten; sein Wunsch wurde erfüllt und es heißt seitdem Drei- saltigkeitsblümchen.

Verkaufstag der Großherzogin.

Hunderte non fleißigen Händen waren im Verlaus dieser Woche rege beschäftigt, um dem am nächsten Dim>.- tag stattsindenden Verkaufstag der Großherzogin einen würdigen Rahmen zu geben.

Im Stand der G r o h h e r z o g i n wirken a: ger dem Großherzogspaar, die Prinzessin Mane zu $|cn= burg-Büdingen, zwei Freiinnen von Rabenau, zwei ßrcij innen von Riedesel und die Damen und Herren der- Hoses mit. Die großherzoglichen Herrschaften verkau­fen selb taesertigte Handarbeiten. Besondere Anziehungs­kraft werden ohne Zweifel auch die vielen russischen Holzwaren 2C. ausüben, die der Zar für den Ver - kausstag stiftete. ~

Im Stand der F ü r st i n zu ^ olms - Hohe n- s o l m s - L i ch nehmen am Verkauf nachstehende Lanien teil: die Fürstin zu Solms-tzohensolms-Lich ^m.i ^och- kr; die Gräfin Wilhelm zu .Solms-Laubach; die Für­stin Stolberg-Wernigerode mit Tochter; die Fürstin Lö­wenstein-Wertheim mit Tochter; die Fürstin zu Lemm- gen mit Tochter; die Fürstin zu Vsenburg-Biritein mit Tochter; zwei Prinzessinnen Zu Ysènburg und W g-n; Prinzessin Mathilde zu -tolberg-Rohla, Prinzest

sin Antoinette zu Psenburg-Birstein; Prinzessin Fried­rich zu Solms-Braunfels; Prinzessin Helene 311 Solms- Braunfels; die Gräfin zu Stolberg; die Freifrau von Löw zu Steinfurth und Frl. Brand.

Von Interesse wird es für die Besucher des Ver­kaufstages sein, daß eine besondere Vorschrift wegen des Anzuges nicht besteht, sondern jedermann berechtigt ist, in beliebigem Anzug zu erscheinen. Der os- sizielle Beginn des Verkaufes ist um 3 Uhr nachmit­tags, während der Schluß gegen 9 Uhr erfolgen soll. In der Zeit von 5'8 Uhr wird im Garten die hiesige Regimentskapelle konzertieren.

Die Räufer erhalten die erworbenen Gegenstände im Verpackstand unentgeltlich verpackt und für ein kleines Entgelt auch aufgehoben. Auch ist ein Botendienst ein­gerichtet und von der GesellschaftRote Radler" über­nommen worden, so daß jedermann die gekauften Ge­genstände in seine Wohnung transportiert erhält, falls er hierfür 25 Pfg. entrichtet.

Um die Einrichtung der Verkaufsstände und die Aus­stattung der Steinschen Lokalitäten haben sich unsere Gießener Handwerksmeister sehr verdient gemacht und damit bewiesen, daß auch hier die Runft im Hand­werk gute Früchte zeitigt. Zimmermeister Gg. Schubecker und Dachdeckermeister Ph. Rröd fertigten, die Hallen vor den Verkaufsständen im Garten; Schreinermeister Hahn richtete mit Herrn Schubecker das Büsett und den Viel- liebchen-Stand ein; die umfangreiche Lichtanlage be­sorgte das Jtäbt. Elektrizitätswerk unter Leitung des Di­rektors Stolte und des Diplom-Ingenieurs Sck)mitz; die Malermeister L. Petri 3. und Eugen Gross bewerkstel­ligten die erforderlichen dekorativen Malerarbeiten, bei denen auch Theatermaler Schwedler im gelben und bun­ten Stand seine 'Meisterhand zur Verfügung stellte. Die Möbelfabriken Hoflieferant Brück und Karl Stückrath sorgten für den Ausbau der Stände und deren Stoff- dekorationen. Die Einrichtung des Großherzoglichen Zimmers rührt ebenfalls von Herrn Brück her. Die Runftgärtner Karl Becker und Karl Dietz teilten sich in die Ausschmückung mit echtem und künstlichem Grün und dem herrlichen Vlütenslor. Die Leitung der ge­samten künstlerischen Ausstattung besorgte Architekt Meyer, der zu allen Einrichtungen auch die nötigen Pläne fer­tigte. Wie eine Besichtigung der unter seiner Leitung entstandenen Stände 2c. zeigt, hat Herr Meyer seine nicht leichte Ausgabe, die eigentlich doch für andere Zwecke bestimmten Räume von Steins Garten für den Ver­kaufstag herzurichten, in sehr zweckentsprechender und durchaus künstlerischer Weise gelöst.

* Die Ankunft des Großberzoas- paares. Eine dichte Schar hielt gestern nachmittag den Platz vor dem Schlosse besetzt. Bereits um 3 Uhr hatte sich eine größere Zahl Schaulustiger auf dem Landgraf Philipps-Platz eingesunden. Um 4 Uhr wurde der Doppelposten bezogen, und gegen 4% Uhr bog aus der Sonnenstrahe das grünliche Doppelphaeton des Grotzherzogs-paares auf den Landgraf Philipps-Platz. Ein tausendstimmigesHurra" ertönt, der Doppelpo­sten präsentiert, die schweren Eingangstüren des alten

Landgrafenschlosses werden ausgerissen, ordengeschmückte Diener erscheinen auf der Freitreppe und nehmen die hohen Herrschaften in Empfang. Der Grohherzog trug einen Hellen Automantel und eine blaue Sportmütze, die Großherzogin ein blaues Kostüm. Ein zweites Ge­fährt, eine Opelmousine, folgte mit zwei Hofdamen. Darauf schlossen sich die Flügeltüren, noch ein paar Male zeigte sich der galonierte Diener mit seiner roten Weste und seinen grauen Gamaschen, und dann war es still.

-m- Die 68. Hauptversammlung der Deutschen Gustav Adolf st istung findet vom 23.-26. September in Frankfurt a. M. statt.

* * Schwurgericht. Boni 12.1.4. Juni fin­den die Schwurgerichts-Verhandlungen für das 2. Quar­tal statt. Es wird verhandelt am Montag, den 12. Juni, vorm. 9% Uhr, gegen Marie Gottwald aus Metzingen wegen Meineid; am Dienstag, den 13. Juni, vorm. 9 Uhr, gegen Jakob Weitzel aus Breitenborn und Richard Schierer aus Pirmasens wegen Totschlagsver­such und am Mittwoch, den 14. Juni, vormittags 9 Uhr, gegen Paul Becker aus Dierdorf wegen Brandstiftung.

* Ballonfahrt. Der Lustschiffer-Verein un­ternimmt am nächsten Dienstag, dem Verkausstag der

Großherzogin, seine zweite Ballonfahrt. Führer ist der bekannte Lustschiffer Dr. Elias-Berlin.

-)(- Friedberg, 10. Juni. Vermißt wird seit dem zweiten Pfingstseiertag das 19 Jahre alte Dienst­mädchen Auguste Meister aus Rödgen, welches in Bad- Nauheim bei einem Fahrradhändler bedienstet war. Das Mädchen war bildhübsch, und man hat für sein Ver­schwinden keine Anhaltspunkte.

-f- Friedberg, 10. Juni. Die Seminaristen, die 1859 das hiesige Lehrerseminar verließen, hielten am dritten Pfingsttage im Saalbau zu Homburg v. b. H. eine Zusammenkunft ab. 15 Lehrer des Jahrganges 1859 sind noch am Leben, von denen 9 erschienen wa­ren, während 50 im Jahre 1857 ins Seminar eintra- ten. Einer der Veteranen hat noch heute den Lehrerstab in der Hand.

*) Krofdorf, 10. Juni. Der erste Sekretär der hiesigen Bürgermeisterei, v. Bülow, der seit langen Jahren hier tätig war, wird nach Wald-Böckelheim (Rr. Kreuznach) übersiedeln, um die Verwaltung der dortigen Bürgermeisterei zu übernehmen.

-g- Limburg, 10. Juni. An dem Ausbau der zweigleisigen Strecke Höchst-Niedernhausen-Limburg wird eifrig gearbeitet. Nach der Vollendung wird es möglich sein, auf dieser neuen Hauptstrecke einen mustergittigen Verkehr zu schaffen, der zwischen Lahn und Main einer seits und zwischen Lahn und Rhein andererseits ganz vorzügliche Verbindungen haben wird.

*) Diez, 10. Juni. Der Sparverein, dessen Kas­sierer der seit einigen Tagen von hier flüchtige Stadt­verordnete Streicher war, hat gestern seine L i q u i d a t i 0 n beschlossen. Streicher betrieb hier eine Kolonialwarenhandlung, die aber seit Jahren schlecht rentierte. Ueber das Geschäft wurde der Konkurs ver hängt. Ein kleinerer Schwindler versuchte am Mittwoch aus der Affäre Kapital zu schlagen, indem er zu Be­kannten des spurlosverschwundenen Streicher ging unb dort angab, Streicher hielte sich im Walde bei Limburg versteckt, sei halb verhungert und habe il)n beauftragt, um Geld und Nahrungsmittel zu bitten. Als der Bur­sche merkte, daß man sein plumpes Manöver durchschaute, flüchtete er.

-)(- Kassel, 8. Juni. Eine Abteilung Kasseler Husaren hatte ein Gefecht mit Mannschaften der Lan- gensalzaer Jäger zu Pferde. Dabei erhielt ein Pferd einen Schuß mit einer Platzpatrone. Das Tier warf seinen Reiter ab und begrub ihn unter sich. Der Mann brach einen Futz. Ein anderer Husar wurde von einem Jäger auf drei Meter Entfernung dreimal mit einer Platzpatrone in den Arm geschossen und erlitt erhebliche Verletzungen. Die beiden Verletzten wurden in das Kasseler Garnisonlazarett geschafft.

* Berlin-Johannisthal, 10. Juni: (Tel.) Der Flugzeuglehrer der Dornerwerke Schwendel stieg gestern abend gegen 8 Uhr mit einem Passagier aus, um seinen eigenen Höhenrekord, den er am 6. Juni mit 2010 Meter aufgestellt hatte, zu drücken. Nachdem der Aviatiker 2000 Meter erreicht hatte, slog er im Gleit - fluge ab. In der Höhe von 1500 Meter kippte der Ap­parat um und sauste zur Erde nieder. Die beiden Lei­chen waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Noch i ft e s Zeit. Wer im Mai aus irgend­einem Grunde keinen Gebrauch von den Vorteilen ma­chen konnte, die der Bezug von Thomasmehl bietet, ver­säume nicht, diese wenigstens jetzt wahrzunehmen. Bei Bezug im Juni werden immer noch im Durchschnitt 21 I Mark per Doppelwaggon von 10 000 Kilogramm er- ! spart. Bei dieser Gelegenheit sei auch an die Zweck­mäßigkeit der Düngung der im Herbst und Winter über- , schwemmt gewesenen Wiesen nach der Heuernte erinnert sowie an das Ausstreuen des Thomasmehls auf die Brache und die abgeemuten Kleeselder.

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