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Verlag der „Gicfteucr Zeitung" G. m. b. H.
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Nr 109
Telephon: Nr. 362.
Mittwoch, den 10. Mai 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Der frankfurter friede.
Der Friede, der heute vor 40 Jahren in Frankfurt a. M. geschlossen wurde, hat der Welt keine großen Ue- berraschungen gebracht; er war im wesentlichen nur die Bestätigung der vorläufigen Abmachungen von Versailles, wie diese selber die naturgemäße Folge des vorausgegangenen Völkerringens waren, die endlich gereifte Fruchh die durch die Ueberlegenheit der deutschen Kriegs- und Staatskunst den widerstrebenden Gegnern abgerungen worden war. Aber er wurde als das erwünschte Ende einer mühe-, gesahr- und sorgenvollen Zeit von beidell Seiten willig angenommen und begrüßt, wenn allch der Freude und dem Danke auf der einen, wehmütige und knirschende Verzichtleistung aus der anderen gegenüberstand. Und weil er wirklich einen natürlichen und den Verhältnissen entsprechenden Abschluß der vorherigen Entwicklung bildete, hat er sich als dauerhaft erwiesen, als ein fester, ragender Markstein in der Geschichte der zunächst beteiligten Völker, aber auch als bedeutungsvoll und folgenreich für deren Nachbarn.
Frankreich brachte er freilich nicht sofort die heiß ersehnte Ruhe. Noch wochenlang tobte der Bürgerkrieg um die Mauern und in den Straßen von Paris, bis der Sieger vo^Magenta, der Besiegte von Sedan, der Oberseldherr der dritten Republik, ihr späterer Präsident, die sinnlose, mordbrennerische und blutbefleckte Herrschaft der Kommune gewaltsam niederwarf.
Deutschland konnte sich, als die Waffen ruhten, der Güter freuen, die ihm zugefallen waren: der spät errungenen Einheit, der Sicherung seiner Westgrenze, der Wiedererlangung einst verlorener Landschaften, der angesehenen Stellung, die ihm der Erfolg verliehen hatte. Der Neugestaltung seines Staatslebens und dem Ausbauen seiner inneren Einrichtungen war seine Sorge in den nächsten Jahren zugewendet. Die Machtentfältung, die ihm den Sieg verschafft, das Kraftgefühl und die erhöhte Geltung, die dieser ihm gebracht hatte, führten zu einem raschen Aufschwünge des wirtschaftlichen Lebens. Rückschläge blieben allerdings nicht aus: kühnes Vorwärtsstreben und verwegenes Jagen nach dem Glücke fetzte sich nicht selten über die Grenzen, die' Besonnenheit und sittliches Empfinden ziehen sollen, skrupellos hinweg, und der Milliardensegen wurde so zum Fluch für viele.
Die übrigen Staaten sahen sich durch das Ende der französischen Hegemonie und die Begründung eines großen, waffengewaltigen Reiches im Herzen Europas vor eine völlig veränderte politische Lage gestellt. Natürliche Zu- oder Abneigung der einen oder anderen der beiden Mächte gegenüber, der Umstand, daß sie die eigenen Interessen durch die neuen Verhältnisse bedroht glaubten, oder die Hoffnung auf erhebliche Vorteile, die ihnen frei geschicktem Handeln zufallen würden, veranlaßten sie zu neuen, mehrfach wechselnden Gruppierungen. Von diesen hat sich als dauerhaft und eine starke Bürgschaft des Friedens allein das durch Stammverwandtschaft, geschichtliche Erinnerungen und politische Erwägungen gebotene Bündnis zwischen dem deutschen Reiche und Oesterreich-Ungarn erwiesen, dem später — freilich als etwas unsicherer und zu „Ertratouren" aufgelegter Teilhaber — das Königreich Italien beigetreten ist. Die sonstigen Koalitionen und „Ententen", aus deren Bildung außer den erwähnten Umständen auch noch andere, besonders die orientalische Frage, Englands Welt- machtspolitik und Handelseifersucht und die Haltung der außereuropäischen Mächte, eingewirkt haben, sind von mehr vorübergehender Bedeutung und haben jedenfalls noch nicht den Beweis der Festigkeit erbracht.
Länger, als man vor 40 Jahren hat vermuten können, hat der Friede, der damals geschloffen worden ist, gedauert. Aber auch heute noch erscheint die Stellung, die er Deutschland gegeben hat, vielen als unerträglich, und es wird deshalb, wie früher, so in Zukunft nicht an Versuchen fehlen, sie zu untergraben. Vorsicht ist daher am Platze, aber.durchaus nicht Kleinmut und Verzagtheit. Hoffentlich gilt auch in unseren Tagen noch das Wort: ^Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!“
Bus Stadt und Cand.
Giehen, den 1A Mai 1911.
* Finanzielle Ergebnisse des Hess. Vlumen 1 aaes. Gießen 6500 Mk., Butzbach 1021 Mark Nidda 621 Mk., Offenbach 20 150 Mk., Mamz 15 000 Mk. und Bingen 1928,05 Mk.
♦ Lehrverträge. Nachdem die aus der Schule entlassenen jungen Leute jetzt in die Lehre getreten sind,
werden die Lehrmeister an den Abschluß des Lehrvertrags erinnert, der innerhalb vier Wochen nach Beginn der Lehre zu erfolgen hat. Nach § 150 Ziffer 4a' der Gewerbeordnung ist derjenige strafbar, der den Lehr - vertrag nicht ordnungsmäßig abschließt.
* Die O b st b a u m b l ü t e ist nahezu beendet; nur die Aepselbäume prangen noch im Vollbesitze ihrer Frühlingsschönheil. Diesmal hat die Blütenperiode nur kurze Zeit gedauert; begleitet war sie aber zum großen Teil von gutem, für die Befruchtung günstigem Wetter, sodaß bei dem diesjährigen Blütenreichtum ein gutes Obstjahr in Aussicht steht.
* Programm zuM 28. Bundesfest des Deutschen Radfahrer-Bundes. 9. August: Abfahrt im Er- trazuge von Sranffurt 9.30 Uhr morgens, Ankunft in Paris um 7.30 Uhr abends. 10. August: Wagenfährt 1. Opernhaus, Madeleinekirche, Triumphbogen 2C. 11. August: Wagenfahrt 2. Vendome Säule, Tuilleries Garten, Münze 2C. 12. August: Wagenfahrt 3. Bois de Boulogne, St. Cloud 2C. 14. August: Versailles. 15. August: Rückfahrt nach Frankfurt. Der Preis für diese 7 Tage ist inklusive Verpflegung, Fahrt und Unterkunft in verläßlichen Hotels, Trinkgelder 2C. 3. Klasse 125 M.
* Das Kolonial-Wirtschaftliche K o - mit e e hat bezüglich des Ausbaues der ost- afrikanischen Eisenbahnen in seiner Vorstandssitzung vom 9. Mai beschlossen: Reichstag und Bundesrat zu ersuchen, noch in diesem Jahre Mittel bereitzustellen für die Fortführung der ostafrikanischen Zentralbahn von Tabora nach Udjidji, damit der Weiterbau ohne Verzug begonnen werden kann, und ferner Mittel bereilzustellen für Vorarbeiten zur Fortführung der Nordbahn von Moschi nach dem Viktoria-Nyansa.
* Zum Kaisermanöver in Hessen- Nassau. Die jungen Soldaten, die am nächstjährigen Kaisermanöver teilnehmen, bürsten an manchen Plätzen in ernster Weise an die Vergangenheit erinnert werden, denn das Manövergelände ist mit Blut getränkter geschichtlicher Boden. 1866 tobte in der Mön der Bruderkamps und nach dem denkwürdigen schweren Gefecht bei Kissingen lagen auf dem Schlachtfeld 244 Tote und fast 1300 Verwundete. In der Nähe von Winkels, einem kleinen Dorfe, steht heute ein Denkstein, aus dem der junge Krieger lesen kann, daß hier General v. Zoller den Heldentod gestorben ist. Bei Kissingen sind auch viele Massengräber, die alljährlich mit frischen Kränzen geschmückt werden, und mancher mag sich unter den Manövertruppen befinden, dessen Großvater zu denen ge-. hört, die hier den Tod fanden.
* Hornblumentag. Am Freitag, 16. Juni d. Js., dem Tage, an dem vor 40 Jahren die siegreichen Truppen ihren Einzug in Berlin hielten, soll aus Veranlassung des Zentralkomitees des Preußischen Landesvereins vom Noten Kreuz in ganz Preußen ein Kornblumentag veranstaltet werden. Der Ertrag, der aus dem Verkauf von Kornblumen und zu diesem Zweck eigens hergestellten Postkarten erzielt wird, ist zur Bewilligung freier Brunnen- und Badekuren an Veteranen und zum weiteren Ausbau von Veteranenheimen vom Roten Kreuz bestimmt. Neben den Organen des Noten Kreuzes werden an der Veranstaltung voraus - sichtlich auch die Vaterländischen Frauenvereine und die Kriegervereine sich beteiligen. Mögen sich edeldenkende Frauen und warmherzige Männer genug sinden, welche diesem 16. Juni als Ehren- und Gedenktag für unsere kranken Veteranen zu einem schönen Ersolge verhelfen.
-h- Grävenwiesbach, den 8. Mai. Am Samstag nachmittag 2 Uhr fand der Durchschlag des Grävenwiesbacher Tunnels statt. Nachdem sich die Teilnehmer im Stollen versammelt hatten, hielt der Geheime Re- gierungs- und Vaurat Ruegenberg von der Königlichen Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. eine kurze Ansprache über die Bedeutung des Tunnels und endete mit einem begeistert aufgenommenen Kaiserhoch. Dann wurden von den Herren die letzten Sprengladungen angezündet. Während sich die Schüsse unter der Erde entzündeten, wurden über der Erde zum Zeichen, daß der Durch - schlag erfolgt war, Freudenschüsse abgegeben. Nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, gingen die Anwesenden durch die Durchschlagsstelle, welche von den Mineuren rasch mit Tannen-Girlanden, Lampions und Grubenlampen geschmückt ^urbe, nach dem Nordende des Tunnels. Am Ausgang wurden von der ausführenden Firma Erfrischungen verabreicht. Dann begaben sich die Teilnehmer nach Grävenwiesbach, wo im Gasthaus zum Löwen eine kleine Feier stattfand. Die Arbeiter, ungefähr 200 Mann, wurden von der Firma in
I der Kantine Wick Grävenwiesbach, sowie bei Gastwirt Schmidt in Hasselborn und Gastwirt Ohly in Hundstadt bewirtet.
* Dillenburg, 9. Mai. Bei der hier in der vergangenen Woche stattgesundenen 2. Lehrerprüfung erhielten von 46 Lehrern 38 das Zeugnis für die endgültige Anstellung.
* Limburg, 9. Mai. Plötzlich das Gedächtnis verloren hatte eine alte Dame, welche am Freitag mit der Bahn von Frankfurt hier eintraf. Sie wußte sich auf dem Bahnsteig auf einmal nicht mehr ihres eigenen Namens zu entsinnen, nicht woher sie kam und wohin sie wollte. Man brachte die 78jährige Frau in das St. Vincenzhospital, wo sie schnell wieder zu sich kam, sodaß man sie bereits am Samstag wieder entlassen konnte.
- sch- Limburg, 9. Mai. Auf dem in Ems stattgefundenen Delegiertentag des Nassauischen Sängerbundes wurde beschlossen, den nächsten Gesangwettstreit des Bundes im Jahre 1913 hier abzuhalten.
- l- Marburg, 9. Mai. In Anwesenheit eines zahlreichen den akademischen Kreisen angehörenden Publikums und der Vertreter sämtlicher studentischer Korporationen fand am Sonntag im Universitätsgebäude eine Gedächtnisfeier für den berühmten Chemiker Professor Dr. R. W. Bunsen, dessen 100jähriger Geburtstag am 31. März wiederkehrte, statt. Geh.-Rat Pros. Dr. Zincke hielt die Festrede.
* Bad-Nauheim, 10. Mai. Dem Projekt einer Taunusquerbahn von hier über Usingen-Niedernhausen nach Lorch oder Nauheim-Usingen-Jdstein-Lorch soll der Minister der öffentlichen Arbeiten nicht sympathisch gegenüberstehen. Vielmehr vertritt er den Standpunkt, daß der Bau einer durchgehenden Vollbahn, die die Verbindung F r a n k s u r t'- E i e ß e n mit den rechtsrheinischen Bahnen Herstellen soll, unzweckmäßig und zu kostspielig sei. Es wäre richtiger, die in Frage kommende Bahnlinie nur als Zubringebahn für die bestehenden Linien anzulegen.
-k- Grebenhain, 10. Mai. Zum Wiederausbau des durch einen Blitzstrahl vor einigen Jahren eingeäscherten Kirchleins in Ober-Moos gingen an Kollekten aus dem Kreise Lauterbach annähernd 600 Mk. ein.
* Franksurt, 10. Mai. Anläßlich des K o r n- blumentages prangt unsere Stadt im schönsten Festschmuck. Die meisten größeren Geschäftshäuser, sowie die städtischen und staatlichen Gebäude im Zentrum hatten schon ihr Festgewand, bestehend Ms deutschen und preußischen Flaggen, gestern angelegt. Am festlichsten präsentierte sich der Theaterplatz, in dessen Mitte das Hotel zum Schwan, in dem sich das Friedenszimmer befindet, im prächtigen Schmuck der Flaggen prangte. Die großen Hotels flaggten mit den Farben aller Länder.
* Frankfurt, 8. Mai. Die Beratungen über Universitätsfrage in der Kommission sollen so weit gediehen sein, daß man Ende des Monats die Entscheidung im Plenum der Stadtverordneten-Versammlung erwarten kann.
* Darmstadt, 10. Mai. Der Großherzog und die Großherzogin werden sich zu den Krönungsfeierlichkeiten nach England begeben und voraussichtlich am 17. Juni von hier abreisen.
* Darmstadt, 10. Mai. Der katholische Geistliche Georg Fischer von Mörlenbach wurde wegen Ue- berschreitung des Züchtigungsrechtes im Religionsunterrichte von der Strafkammer zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt.
* Wiesbaden, 10. Mai. Die Ankunft des Kaisers erfolgte heute morgen gegen 8 Uhr. Am 12. Mai, vormittags 11 Uhr, findet eine Kaiserparadestatt, an der das Füsilierregiment v. Gersdorff (Kurhessisches Nr. 80), die hiesige Abteilung des Feldartillerie-Rgts. Nr. 27 (Oranien), die Biebricher Unteroffizierschule, ein Pionierbataillon und das 1. Nass. Jnfanterie-Rgt. Nr. 87 aus Mainz teilnehmen.
* Weinheim, 9. Mai. Der auf kommenden Sonntag, 14. Mai, angesetzte Kornblumentag zu Gunsten der Kriegsveteranen fällt aus. Durch badische Ministerialverordnung war schon vor einiger Zeit bestimmt worden, daß in den Orten, in denen die Maul- und Klauenseuche herrscht, die Abhaltung des Kornblumentages nicht statthaft sei. Nun sollte zufolge einem besonderen Gesuches für Weinheim das Verbot umgangen werden, falls kein weiterer Fall von Maul- und Klauenseuche vorkomme. Nun ist aber ein solcher Fall eingetreten, weshalb die Abhaltung des Kornblumenlages am 14. Mai verboten wird.