Gießener JeiLnng
Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigallsgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albiu Klein & Cito Fischer.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
sowie vieler anderer ^^M^ Behörden Gberhessens
Expedition: Zelters weg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum,, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Reklameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50° o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungö» zieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneBerbindlichleit.
Ecsamtlcitung: Albin Sticht.
Nr. 59.
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 10. März 1911
Telephon: Nr. 362. 23. Jahlg,
freisinnige Agitation.
Es gilt längst als ausgemachte Tatsache, daß der Heu- ' tige Freisinn aus purem Mandatshunger sich möglichst allen Verhältnissen anzupassen sucht. Da gibts Freisinnige, die z. B. in der Schutzzollsrage die verschiedensten Ansichten vertreten. Während man auf dem Asphalt der Grohstad 1 den nackten Freihandel vertritt, singt man aus dem Land ein anderes Lied. Da braucht man Bauernstimmen, und man läßt denen gegenüber gerne das „heilige Prinzip", den „entschiedenen Liberalismus" fahren.
Demgegenüber soll nur erwähnt werden, daß der Freisinn stimmte:
1879, 1885, 1887 gegen die landwirtschaftliche Schutzzollpolitik,
1880 gegen das Gesetz gegen den Wucher (Rre= ditwucher),
1892, 1901, 1907 gegen das Weingesetz und seine Verbesserungen,
1892 gegen die sanitären Vorschriften bei Einfuhr von ausländischem Vieh (Schutz des deutschen Viehbest ander vor Seuchen),
1893 gegen daszweite Wuchergesetz (Vie h- wucher, verschleierter Wucher 2C.),
1896 gegen das V e r b o 1 desBörsentermin- Handels in Getreide,
1900 gegen die Untersuchung bei Einfuhr ausländischer Fleischwaren,
1902 gegen den neuen Zolltarif,
1905 gegen die Verbesserung desGesetzes betreffend Haftpflicht des Tierhalters.
Diese erwachen, nüchternen Tatsachen sind auch durch die augenblickliche Landwirt schasts- s r e u n d l i ch k e i t der, sreisinnigenisAgitatoren, die wohl nur bis zur Wahl anhatten wird, nicht wegzuleugnen. Ist die Wahl vorbei, dann wird wieder vom „Fleisch- u n d Bro 1 wucher der Nimmersatten Agrarier" geredet und geschrieben. Diesen freisinnigen Agi- tationskunststückchen wird die christlich-soziale Aufklärung rücksichtslos entgegentreten müssen.
Reicbstagswablvorbereitungen.
Aus dem Kreis Wetzlar-Altenkirchen.
Im Kreis Wetzlar-Altenkirchen haben in letzter Zeit viele christlich-soziale Versammlungen stattgesunden, die im allgemeinen gut, zum Teil sogar sehr gut verlausen sind. Wenn die Gegner glaubten, durch ihre Agitation dem bewährten Reichstagsabgeordneten Behrens bei seinen Wählern in Mihkredit zu bringen, so ist diese Scharte wieder ausgewetzl, und was übrig geblieben HI, is, die Erkenntnis, datz die Gegner, insbesondere die Freisinnigen, teilweise mit Entstellungen und Verdrehungen Gearbeitet hatten. c .
Redakteur Rafslenbeul-Bieleseld hat in Werdors, Erda, Frankenbach, Mudersbach, Edingen, Greisenstein, Bissenberg, Tiefenbach, Burgsolms und Leun geredet und die freisinnige und nationalliberale Steuerpolitik beleuchtet, die dem Volke noch mehr indirekte Steuern auserlegen wollte. Der Referent setzte den Wählern auseinander, datz Behrens immer bestrebt gewesen ist, die Interessen des werktätigen Volkes zu vertreten.
Der Referent besprach auch die Forderungen und Ziele der christlich-sozialen Partei. Wir sind gewitz, dah viele Wähler zu der Ueberzeugung gekommen sind, datz die christlich-soziale Politik so gerecht und volkssreundlich ist, datz sie eine warme Unterstützung verdient.
Hur Stadt und Catd.
Giehen, den 10. März
. Kietzen Der G r o h h e r z o g hat am 4. BÄ SÄ^Ä
”^Äi e ff? 10. März. Unser Kreis steht heute unter dem Zeichen eines Vorganges, d-r mehr als alles andere geeignet ist, die Gemüter zu tztz • &
entscheiden wer der vom Volk ertonone aog ordnete sein wird. Die Wahlbewegung selbst erreich e rmt den beiden gestrigen Wahlversammlungen in unserer Stadt bren Höhepunkt. Die einzelnen Pariern machen aukiurütteln ihnen die Notwendigkeit einer Wahl ve arâck u machen. Die Nationalliberalen bedienen sich hierbei e nes recht vriainellen Mittels: Sie lassen emen Radler mit einem Plakat aus den in grotzenLettern Hebt- Wählt Eisevius" durch die Strotzen sahren.
' Kietz e n. Aus der Ausstellung der deutschen Landwirtschastsgesellschast in Kassel vom 22. bis 27.
Juni wird die Hess. Landwirtschaftskammer eine Sanimelausstellung von Gemüse und Obst 2c. für hessische Züchter veranstalten.
* Siegen. Am Mittwoch fand in der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten eine zahlreich besuchte Versammlung der oberhessischen Vertrauensmänner des Hilssverein für Geisteskranke statt. Pros. Sommer sprach zunächst über die Zusammenhänge zwischen Säuglings-, Krüppel- und Jdiotenfürsorge; dann stellte er einen Ueberblick der jetzigen Fürsorge für Idiotie in Hessen. Nach den Ausführungen des Prof. Sommer gab Prof. Dannemann eine kurze Geschichte des hessischen Irrenwesens; besonders eingehend sprach er über den Bau und die Errichtung der neuen Irren-Anstalt bei Gießen. Im weiteren sprach Vortragender über die Mitwirkung der Vertrauensmänner bei den psychiatrischen Aufgaben, vor allem die Beschaffung geeigneten Pflegepersonals sei eine wesentliche Ausgabe derselben. Die Mitarbeit weiterer Kreise bei der Sammlung für den Hilfsverein sei besonders nötig. Beide Vorträge fanden bei der zahlreichen Versammlung lebhafte Zustimmung, die zum Schluß in der einstimmigen Fassung der folgenden Resolution zum Ausdruck kam: „Die Versammlung erklärt es für wünschenswert, daß im Zusammenhang mit der Säuglings- und Krüppelfürsorge die damit eng verknüpfte Idiotenfürsorge speziell durch den Bau der für Grünberg geplanten Idiotenanstall weiter gefördert werde. Es soll dabei aus dem Boden einer organisierten Säuglingssürsorge soweit als möglich der Entstehung der Idiotie vorgebeugt und die Krankheiten, die zur Idiotie führen, schon im Beginn der ärztlichen Behandlung zugeführt werden. Ferner erklärte die Versammlung eine Beteiligung weiterer Kreise an den Bestrebungen des Hilfsvereins, besonders auch durch Beiträge für die Kollekte derselben, für dringend erforderlich."
=P G i e 6 c n, 9. März. (Für dieVeteranen.) Das Offizier-Korps unseres Regimentes beabsichtigt unter gütiger Mitwirkung von Herren und Damen aus Zivilkreisen Ende April oder Anfang Mai in unserem schönen Theater zum Vesten hilfsbedürftiger aus Gießen gebürtiger und hier wohnender Kriegsveteranen das Schauspiel „Die Quitzows" von Ernst von Wildenbruch zur AuMhrung zu bringen. Durch das liebenswürdige Entgegenkommen des Herrn Oberbürgermeisters und des Theaterbauvereins wurde das Theater gegen Erstattung der Unkosten kostenlos zur Verfügung gestellt. Angesichts des guten Zwecks wird auf eine recht lebhafte Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung, vornehmlich auch auf Mitwirkung der Presse gerechnet, gilt es doch, daß jeder von uns (fein Scherslein dazu beiträgt, den Männern aus Deutschlands großen Tagen einen Ehrensold zu überreichen, denen der Kampf des Lebens keine Glücksgüter in den Schoß geworfen hat. Die Einnahme wird einem Ausschuß der Vorstände der hiesigen Kriegervereine überwiesen werden, der bereitwillig die gerechte Verteilung an die wirklich hilfsbedürftigen Veteranen übernommen hat. Alles Nähere wird seiner Zeit durch Inserate im „Gießener Anzeiger" und in der „Gießener Zeitung" zur Kenntnis gebracht werden. Allen denjenigen, welche verhindert sind durch Besuch der Vorstellung die gute Sache zu unterstützen, aber doch zur Erreichung einer recht großen Einnahme beitragen wollen, sei mitgeteilt, daß der Regiments-Adjutant Oberleutnant Jebens, Moltkestraße 18, bereit ist, jederzeit Spenden entgegenzunehmen und an den vorgenannten Ausschuß der Vorstände der Kriegervereine abzuführen.
* Gießen, 10. März. Die sogenannte stille Zeit nimmt mit dem nächsten Sonntag ihren Anfang und dauert bis zum ersten Osterfeiertag. Während dieser Zeit sind öffentliche Schaustellungen, Tanzmusiken und ähnliche Lustbarkeiten verboten, sofern der Regierungspräsident die Abhaltung nicht ausdrücklich gestattet.
♦ L i ch. Herrn Emil Zimmer wurde das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren vom Großherzog verliehen.
* Lauterbach. Hier wurde eine Zweigstelle der Zentrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge eröffnet.
• Friedberg. Die Erstaufführung des Volks - schauspiels „L u t h e r" hatte den gewünschten Erfolg. Die zahlreiche Zuhörerschaft folgte der Handlung mit andächtiger Spannung, einzelne Stellen lösten eine tiefe Bewegung aus und Weihestimmung beherrschte den Abend. Die Darstellung gelang vorzüglich und gereichte allen Milwirkenden zur Ehre.
* Biedenkopf. Ein auf dem Oberbau der Neubaulinie Raumland-Allendorf beschäftigter Arbeiter hatte dem Alkohol tapfer zugesprochen. Er kollerte den Abhang hinunter, geriet in die hoch gehende Eder und ertrank.
♦) Herborn (Dill), 9. März. Auf dem heute abgehaltenen 2. diesjährigen Markt waren aufgetrieben 309
Stück Rindvieh und 356 Schweine. Es wurden bezahlt für Fettvieh und zwar Ochsen 1. Qualität 88 his 90 Mk., 2. Qual. 85 bis 87 Mk., Kühe und Rinder 1. Qual. 83 bis 85 Mk., 2. Qual. 80 bis 82 Mk. per 50 Kilo Schlachtgewicht. Auf dem Schweinemarkte kosteten Ferkel 36 bis 60 Mk., Läufer 70 bis 80 Mk. und Ein- legschweine 85 bis 120 Mk. das Paar. Der nächste Markt findet am 6. April d. Is. statt.
* D a r m st a d t. Der beurlaubte russische Ministerresident Varon von Knorring hat die Leitung der Geschäfte der hiesigen russischen Gesandtschaft wieder übernommen.
* Darmstadt. In einer Ausschußsitzung des Verbandes der Detaillistenvereine im Grohherzogtum Hessen wurde angeregt, am Blumentage der Großherzogin, der am 7. Mai stattfinden wird, eine allgemeine Schaufenster-Dekoration zu veranstalten.
* Mainz. Ein Feldwebel riß sich an der vorstehenden Hutnadel einer vorbeigehenden Dame eine tiefe Wunde unter dem linken Auge in die Wange. Die Dame suchte schleunigst das Weite.
* Offenbach a. M. Der Landesgewerbeverein für Hessen hält seinen Verbandstag anfangs November hier ab. Damit verbunden findet die 75jährige Jubiläumsfeier des Verbandes statt.
* Aus Nassau. Der Nestor der nassauischen Lehrerschaft, Lehrer a. D. C. Denzer, feiert am 11. März seinen 90. Geburtstag. Er ist in Idstein geboren, kam als Waisenknabe nach Hadamar und wurde dann Lehrer, amtierte von 1866 bis zur Pensionierung 1892 in Nied.
* Kassel. Der Bundestag Deutscher Gastwirte findet vom 17.—20. Juli in Kassel statt. Es werden zirka 400 Teilnehmer aus allen Gauen Deutschlands erwartet.
Soziales.
Jugend-Vergiftung.
Um die Propaganda unter der Jugend noch intensiver zu betreiben, geben sozialdemokratische Parteiblätter neben den besonderen Jugendorganen noch eigene regelmäßig erscheinende Jugendbeilagen heraus. In welcher Art und Weise hier die „Erziehung" der Jugend betrieben wird, davon liefert die Jugendbeilage der „Dortmunder Arbeiterzeitung", „Der junge Kamerad" Nr. 3 vom 11. Februar 1911, ein abschreckendes Beispiel. Im ersten, „Katechismus" überschriebenen Artikel versucht der Vater seinem Söhnchen, das zum ersten Male die Schule besucht, klar zu machen, daß beten gleichbedeutend sei mit lügen. Das Kind kann das nicht fassen, daß alle Menschen, welche beten, gleichzeitig lügen sollen und fragt erstaunt:
Der Lehrer auch?
Das weiß ich nicht. Jedenfalls muß er so tun, als ob er dran glaubte. Sonst kriegt er nichts zu essen.
Das ist aber gemein. Weiht du noch, Vater, wie ich die zwei Aepsel aus der Speisekammer genommen hatte, und nachher hab' ich gelogen, ich war es nicht?
Ja, und Mutter hatte es doch gesehen.
Da hast du gesagt, wenn ich nicht sage, ich habe es getan, kriege ich am Abend nichts zu essen.
Ja, wer lügt, der kriegt nichts zu essen.
Aber wenn der Lehrer lügt, kriegt er was zu essen? Ich will kein Lehrer werden.
Es gibt auch Lehrer, die nicht zu lügen brauchen. So? Wo denn, Vater?
Das ist in andern Ländern.
Im weitern wird dem Kinde, nachdem ihm das Mißtrauen tropfenweise beigebracht, der Haß in derselben Quantität verabreicht. Der Zweck der Uebung ist erreicht, das Kind leistet das gewünschte Versprechen, alle Nichtsozialdemokraten zu hassen, ehrlich zu hassen und nicht nachzulassen im Haß. In dem Schlußartikel, „Kapuzinerpredigt" wider die „Arbeiter-Jugend", vorgetragen aus dem lustigen Abend der Arbeiterjugend im Elberfelder Volkshause, finden sich folgende „erzieherischen" Stilblüten:
Ins Zuchthaus sollt euch der Bethmann stecken, Da möget ihr faulen und verrecken (!)
Und die „Arbeiter-Jugend", eure Zeitung,
Die gibt zu dem Frevel euch noch die Leitung,
Die kann nur lügen, schimpfen und hetzen, Seht so, so reiße ich sie in Fetzen
Und schmeiß' sie euch in die frechen Gesichter, Vermaledeite Bösewichter!
Und endlich gar hier, die „Freie Presse",
Die schlüg' ich am liebsten euch in bie Fresse. (!)
Das ist keine Erziehung der Jugend, sondern Vergiftung. Um der hier drohenden Gefahr vorzubeugen, gilt es die Heranwachsende Generation in den konfessionellen Jugendvereinen und christlichen Gewerkschaften frühzeitig zu sammeln, damit sowohl aus religiös-sitttt- chem wie wirtschaftlichem Gebiet der nötige schütz und Rückhalt vorhanden ist.