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Gießener Jeiinng

Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1H0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. Erscheint jeden Werktag früh. DieHumoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Cito Fischer.

Enthält alle amtt. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

sowie vieler anderer ^WV^ Behörden Gberhessens Expedition: Selters weg 83.

(Haus Brüder Schmidt.)

Anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auSwärtS 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re klameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 5O°/o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deS Zahlungs­zieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohncVerbindlichkeit.

Gesamtleitung: Albin Klein.

Nr 8t Telephon: Nr. 362.

Dienstag den 10. Januar 1911 Telephon: Nr. 362. 23. Jahrg.

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Probenummern

derGießener Zeitung" stehen unseren Lesern in beliebiger Anzahl jederzeit kostenlos und portofrei zur Verfügung. Wir bitten unsere Leser und alle Freunde unseres Blattes wo nur möglich für dasselbe zu werben, solches in Bekannten- und Freundeskreisen zu empfehlen und uns freundl. Adressen aufzugeben, welche sich für unsere Zeit­ung interessieren dürften.

Aus der fieimat

Siegen, den 10. Januar

Winterpoesie.

Blau-rote Nasenspitzen, halbrote Ohren und grimmi­ges Källe-Kribbeln in Händen und Füßen . . . . Huh, etwas arg prosaisches! Die warme Stube, Pelz und Grog kommen zu hohen Ehren. Aber der harte eis­starre Winter selber hat auch seine Ehre. Hat sogar seine Poeste. Man muß es freilich mit poetischen Augen erst einmal ansehen. Wie hübsch, wenn's einem gelingt! Setzt allerdings wieder ein feines oder doch wenigstens freundliches Naturgefühl, voraus. Mörike nennts für Diesen besonderen Fall einenwintersrohen Enthusias - mus. jn einem Briese an seine Braut betont er ^>elch ein reines Naturwesen doch der sonst so verpönte Winter an sich hat, wie auch er es versteht, einem das Herz weit zu machen". Dem Dichter tut sich ein pla- stlsch-lebensvolles Bild auf.Die Tannen am Wald - rande , Hechts in FrenfsensJörn Uhl",standen ge- ' und schlank, vom Scheitel bis zu den Füßen in Sllberbrokat, Bräute, bereit zur Hochzeit, und hinter ihnen in fallenden, weißen Schleiern die dichte Schar der Jungfrauen". Naturgemäß überwiegen bei der Winter­poesie die ernsteren Töne. Wenigstens in der von heim- icher Lebenssehnsucht erfüllten Lyrik. Ein Zug der Re­signation macht sich bemerkbar. Karl Weitbrechts tief­empfundeneWinterwanderung" hebt an:

ü wie weit, o wie weit liegen die Berge weißbeschneit Spinnen sich endlos die grauen Lüste,

Wälzt sich der Nebel durch Wälder und Klüfte!

Ties in den Schnee versinkt der Tritt,

Und das Herz will nicht weiter mit.

Noch düsterer klingt's aus Friedrich GeßlersSchnee­landschaft":

Einsamkeit ist starres Weh, Starres Weh verlangt nach Schnee, Schnee, der Wunden kühlt und deckt, Schnee, der kein Erinnern weckt.

Es ist eine ähnliche Stimmung wie in Lenaus träu­merisch verbitterterWinternacht":

Frost, friere mir ins Herz hinein, Ties in das heißbewegte, wilde!

Daß einmal Ruh mag drinnen sein, Wie hier im nächtlichen Gefilde!

Aber horch, da saust der Winter mit freudigem Halloh und übermütigem Lachen dahin ! Schellengeläut, flinke Schlitten, jubelnde Kinder vor allem. . . Und hat nicht eben erst die goldige Weihnachtssonne den Winter ver­klärt ?

*

Die Bauern mit den dicken Bauchen sitzen auf der ersten Bank in der Kirche",

das war der prägnante Satz, mit dem der sozial­demokratische Reichstagskandidat Kremser für Kreis Wetzlar-Altenkirchen, seine Darlegungen in der Ver­sammlung der christlich-sozialen Partei in Hochel­heim einleitete. Im übrigen sprach er dann aber nicht über die Stellung seiner Partei zur Religion, sondern über das Vermieten der Kirchenstühle inseiner Heimat". Die für die Landwirte so verletzenden Sätze wurden von der Versammlung mit heftigen Unwillen zurückgewiesen. Im übrigen erging sich der sozialdemokratische Redner in einer Preispolitik für landwirtschaftliche Produkte, die zu töricht war, um auf Landwirte Eindruck zu machen. Die sonderbareLandwirtschaftspolitik" des sozialdemo­kratischen Reichstagskandidaten wurde dann von Reichs- tagsabgeordneten Behrens schlagfertig auf ihren wahren Wert zurückgeführt und die unrichtigen Darlegungen des Sozialdemokraten widerlegt. Abgeord­neter Behrens frug den Sozialdemokraten zu dessen sicht­lichen Verlegenheit, weshalb er denn den Landwirten die programmatischen Beschlüsse und Reden auf dem Breslauer sozialdemokratischen Parteitage zur Bauern - frage verschweige? Ob es denn nicht wahr sei, daß der wissenschaftliche Führer der Sozialdemo­

traten Karl Kautzky u. a. ausführte :F ü r die Erhaltung des Bauern standes einzu­treten haben wir keinen Grund, denn das könnte nur geschehen, indem wir sie in ihrem Besitz besestigen, also ganz entgegenge­setzt verfahren, wie sonst". Der Beschluß dieses Par­teitages war denn auch wörtlich:Der vorgelegte Ent­wurf eines Agrarprogrammes ist zu verwerfen, denn dieses Programm stellt der Bauernschaft die Hebung ihrer Lage, also die Stärk­ung i h r e s P r i v a t e i g e n t u m s in A u s s i cht." Also trotz aller schönen Reden sind und bleiben die So­zialdemokraten Feinde der deutschen Landbevölkerung.

*

* Bestätigt wurden der von dem Fürsten zu Solms-Braunfels auf die Lehrcrstclle an der Gemeinde- fd)ule zu Röthges, Kreis Gießen, präsentierte Schul- amtsaspirant Albert Gonder aus Nieder-Breidenbach Kreis Alsfeld, für diese Stelle; der von dem Fürsten 3U So ms^raunfels auf die Lehrerstelle an der Ge- memdeschule zu Nonnenroth, Kreis Gießen, präsentierte «chulamtsaspirant Iakob Welter aus Ober-Eschbach Kreis Friedberg, für diese Stelle.

' * Die Beisetzung des Freiherrn von Wagern fand am Samstag nachmittag um 3 Uhr in her Eagernfchen Familiengruft auf dem städtischeil Friedhof zu Darmstadt statt. Bei der Trauerseierlichkeit in der Friedhosskapelle legten S. K. H. der E rok - Herzog einen Kranz am Sarge nieder

Provinzial-Aus schuß. Samstag, 14. ^anliar, vorm. 9 Uhr beginnend, findet eine Sitzuuq des Provinzial-Ausschufses der Provinz Oberhessen mit solgender Tagesordnung statt: 1. Klage desOrts- armenoerbandes Friedberg gegen den Ortsarmenverband Ilbenstadt wegen Unterstützung des Wilh. Lucas. 2. Beschwerde der Firma Bänninger, E. m. b. H. in Gießen gegen die Heranziehung zu den Kanalgebühren.

3 - Ausbringung der Kosten des Eeländeerwerbs für die Nebenbahn GrebenhainGedern; hier Urteilsverkündig- ^G 4. Antrag auf Entziehung der Befugnis zum Antelten von Lehrlingen gegen Schlossermeister Otto Ebersohn von Hungen. 5. Enteignung in Gemark­ung Ober-Eleen für die Wasserleitung Kirtorf; hier: Ausspruch der Enteignung. 6. Rekurs gegen einen Polizeibesehl Gr. Kreisamts Gießen bezüglich des Hof- guts Utphe.

* * Professor Dr. Kraft von Gießen ist aus einer großen Zahl von Bewerbern heraus zum Direktor der städtischen höheren Mädchenschule in Quedlinburg gewählt worden.

* * Professor Dr. Robert Sommer von Gießen wurde von dem gegenwärtig in Petersburg ta­genden Kongreß für erperimentelle Pädagogik zum Ehren­präsidenten gewählt.

* Heinrich Knote-Abend. Der Monat Januar wird für Gießen ein musikalisches Ereignis er­sten Ranges bringen. Kammersänger Heinrich Knote, der weltberühmte Münchener Tenor, ist von der hiesigen Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes eingeladen wor­den, einen Abend zu geben, und wird der Aufforderung Folge leisten. Der Reinertrag des Abends wird den Zwecken des Alldeutschen Verbandes zugute kommen. Der Abend findet Montag, den 30. Januar, im Stadt- theater statt.

* * Der Ortsgewerbeverein Gießen hält morgen abend im Gewerbehaus eine Mitglieder- Versammlung ab.

* * Vortrag. Im großen Auditorium des Kol­legiengebäudes in Gießen spricht am Mittwoch abend Professor Dr. Körte über:Ein griechischer Roman­tiker".

* * In die Augenklinik verbracht wurde ein Holzhauer von Saasen, der beim Holzfällen im Walde am Kopf und Augen schwer verletzt wurde.

* Patriotischer Hinweis. Wie bereits ge­meldet, hat das bayrische Kultusministerium angeordnet, daß am 18. Januar, am 40. Gedenktage der Kaiser - Proklamation in Versailles und der Gründung des Deut­schen Reiches, in den Mittelschulen und in den oberen Volksschulklassen auf die Bedeutung jener Ereignisse ent­sprechend hinzuweisen ist. In den weitesten Kreisen ist diese Verfügung des Kultusministeriums, die es aus eigenem Antrieb erlassen, mit besonderer Genugtuung begrüßt worden, um so mehr, als hierin Bayern allen deutschen Bundesstaaten vorausgegangen ist. Es darf wohl als sicher angenommen werden, daß dieser schöne Gedanke auch die übrigen deutschen Kultusministerien zu ähnlichem Vorgehen veranlaßt.

* Die Kohlenproduktion in Hessen. Die monatliche Statistik der Kohlenproduktion des Groß­herzogtums Hessen weist für den Monat Dezember 1910 folgende Zahlen nach: An Rohbraunkohlen wurden ge­

fördert 42 600 T., verkauft 97 T. Der größte Teil der Rohkohle wurde weiter verarbeitet oder war zur wei­teren Verarbeitung bestimmt. Aus den verarbeiteten Rohkohlen wurden erzeugt 3024 T. Braunkohlen-Bri- fetts und 851 T. Naßpreßsteine. Unter Berücksichügnnq bet aus Bormonaicn übernommenen Bestände, sowie des T rot Mlb Selbstverbrauchs verblieben absatzfähig 63 T. Rohkohlen, 6 T. Briketts und 7824 T. Naßpreß - steine, zusammen 7893 T. Braunkohlen und Braunkoh- enproduktc tm Gesamtwert von 85 520 Mk. Die Koh- enforderung des Grohhcrzogtnms für das Jahr 1910 belief ftd) auf 481 582 T. Hiervon wurden 1049 T

^Auslande verkauft, der Rest zu Braunkohlenbri- ketts, Naßpreßstemcn und Schwelerciproduklen weiter verarbeitet. Erzeugt wurden 36 351 T. Braunkohlenbri- fetts^unb 23 282 Naßpreßsteine. Der Gesamtwert aller im ^ahre 1910 geförderten Braunkohlen einschließlich der

* * Wieseck. Eine am Samstag abend hier statt­gefundene Burgerversammlung beschloß nach eingehender Besprechung, an den Gemeinderat die Bitte zu richten, sich mit der Bürgermeisterei Gießen ins Benehmen zu setzen, um die Weiterführung der Str a- ßenbahn nach Wieseck herbeizuführen. Gleichzeitig soll auch die Lieferung von Elektrizität für Licht und Kraft angestrebt werden.

* * V ü d i n g e n. Nach einem Vortrag von Pro­fessor Koeppe aus Gießen wurde hier eine Zweig­und Beratungsstelle der Zentrale für Mutter- u. Säug­lingsfürsorge errichtet. Den Vorsitz im Arbeitsausschuß übernahm Kreisrat Boeckmann.

* * Bad-Nauheim. In Nieder-Mörlen scheu­ten die Pferde am Gefährt des hiesigen Gastwirts Lam­pert. Der Wagen stürzte um, wobei Lampert einen doppelten Schädelbruch und einen Bruch der Wirbel­säule erlitt. Zwei Mitsahrende kamen mit dem Schre­cken davon.

* * K ö d d i n g e n. Die hiesigen Waldarbei­ter st r e i k e n, da ihre Forderung um Lohnerhöhung nicht bewilligt wurde.

* D a r m st a d t. Unter zahlreicher Beteiligung der Delegierten aus allen Teilen des Landes tagte der N a- tionalliberale Landesausschuß im Saal­bau. Er nahm nach mehrstündiger Debatte die folgende Resolution zu den Reichstagswahlen an:Der Landesausschuß der Nationalliberalen Partei Hessens billigt die Auffassung, die der geschäftssührende Ausschuß in seinem Schreiben vom 11. und 19. Nov. 1910 an den hessischen Landesvorstand der Fortschritt­lichen Volkspartei niedergelegt hat. Er hält auch seiner­seits die Zersplitterung der bürgerlichen Parteien nur für verderblich und die Sozialdemokratie fördernd. Der Landesausschuß würde es mit Freuden begrüßen, wenn bei der bevorstehenden Reichstagswahl über ganz Hessen eine Einigung der bürgerlichen Parteien im Kamps ge­gen die Sozialdemokratie als gemeinsamer Gegnerin er­möglicht werden könnte und fordert die einzelnen Wahl­kreisorganisationen aus, in diesem Sinne die Verhand­lungen über die Ausstellung der Kandidaten zu führen."

* Aus Rheinhessen. Infolge der unrentab­len Weinernte haben viele Winzer ihre Weinberge aus­gerissen und ganze Gemarkungsstriche mit Obstanlagen bepflanzt.

* Frankfurt a. M. DieVolksstimme" meldet: Nachdem zu Neujahr eine Anzahl von Vorarbeitern und Beamten im Lahmeyerwerk entlassen wurde, haben am Mittwoch auch 250 Arbeiter ihre Jnvalidenkarle er­halten. Weitere Entlassungen sollen folgen."

* Frankfurt. Die nächste Umgebung des von der Stadt angekauften, als öffentliche Anlage bestimm­ten Teils des Holzhausenparkes soll mit modernen Vil­len bebaut werden. Die Eigenheim-Baugesellschaft in Frankfurt, welche die Bebauung des Parkes ausführt, erläßt zu diesem Zweck unter den deutschen Architekten ein Preisausschreiben, für das 10 000 Mk. vorgesehen sind.

Gestorben:

Karl Wigand Gernhardt, Gießen. Beerdigung 10. Januar, 2 Uhr.

Johann Heinrich Schädler, 72 Jahre alt, Gießen- Großen-Linden. Beerdigung 11. Jan., 3 Uhr.

Lina Müller, 25 Jahre alt, Wetzlar-Oberhausen.

Holzverkäufe und -Versteigerungen.

Gemeinde Kröffelbach. Nadelholzverkauf im Sub­missionswege. Die Gebote sind schriftlich an Vor - steher Bangel abcugeben und zwar bis zum 16. Ja­nuar d. Js., mittags 1 Uhr.