Hietzener Jeitung
Bezugspreis 50 pfg. monatlich
vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- auSgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
Enthält alle amtt. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
Behörden Gberheffens
Expedition: Zellersweg 85,
(Haus Brüder Schmidt.)
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Ecsamtleitung: Albin Klein.
Nr. 58.
Telephon: Nr. 362.
Donnerstag den 9. März 1911 Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
MUor der Entscheidung.
“ Morgen Freitag sind alle Wähler des Wahlkreises Eichen berufen, an die Wahlurne zu treten, um dort einem Manne ihre Stimme zu geben, der wenn °"ch "ur für eine kurze Zeit, ihre Interessen in dem Dekreten j^®109' 3um 'âhle unseres Vaterlandes [ie^y^ d°r Sozialdemokraten haben, obwohl m ^J1“Ä^ -«was zurückhaltender zeigen im Reichstag öffentlich erklär!, dak bic nächsten 9PnM.n fährnnLn -um ^ ®,e&en hat dies durch seine Aus- tan Wenn k^ x™ Zukunftsstaat zur Genüge darge- sBüiS
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: ”ää ” ”*i"” ^ . Duuu kommt die „freisinnige" Volkspartei die sich diesmal eine Attraktion ersten Ranges leistet ’ und einen evangelischen Pfarrer auf den Schild erhebt. Der Sunb der Landwirte bildet eine einzige Genossenschaft mit unbeschrankter Habgier" und „Die Konservativen produzieren den Mist und die Nationalliberalen fahren ihn er "auf Aâ ^ ^" Aussprüche dieses Mannes, die er auf Agttatwnsreden an anderen Orten gehalten hat aber hier, wo es gilt die Stimmen der Bauern zu erhalten da hört man plötzlich nichts mehr von Fleisch - not und Brotwucher der Agrarier, sondern man ver-
6anz entgegen dem Parteiprogramm für den Schuß der Landwirtschaft und für die Zölle einzutreten. ^em^ampf gilt nur noch den jetzt mit zwei geläufigen freisinnigen Schlagwörtern als „Ritter" und „Heilige" bezeichneten. Nun Herr Lorell möge bedenken, daß die schlimmsten Ritter die sind, die nicht mit blanken Waffen kämpfen und daß die gefährlichsten Heiligen eben die Scheinheiligen sind, die heute so und morgen anders reden. Daß er selbst in der Stichwahl einen Sozialdemokraten wählt, hat er ja erklärt und entsprechend der ganzen Vergangenheit der freisinnigen Partei erwarten auch die Sozialdemokraten die kräftigste Unterstützung ihres Lindes in der Stichwahl.
Weniger ist zu sagen über die n a t i o n a l l i b e - r a l e Landidatur. Sie war voreilig aufgestellt und die Leute, die geglaubt hatten, daß der national-gesinnte Professor der vorhin erwähnten sozialdemokratischen Wahlparole die Losung: „Laiser und Reich", „Gott und Vaterland" entgegenstellen würde, waren enttäuscht, statt dessen in der ersten Zeit aus seinen Reden nur die Devisen „Seradella und Rotklee" — „Stoppelrüben und künstlicher Dünger" zu hören. Damit sollte der damals noch lebende Philipp Löhler aus dem Feld geschlagen werden.
Unsere Hoffnung beruht auf dem gesunden Sinn der hessischen Bauern und des Mittelstandes. Wir haben die feste Zuversicht, daß alle Mann am 10. März, kurz nachdem sich der Grabeshügel über dem großen Toden Philipp Löhler gewölbt hat, durch die Abgabe Eures Stimmzettels zweifellos bekundet: daß Laiser u. Reich dem deutschen Bauer noch kein leerer Schall ist und daß trotz aller Sozialdemokraten und ihrer freisinnigen Helfershelfer das Hessenland einer jener Felsen ist, auf denen das deutsche Volk seine heiligsten Güter, sein Deutschtum und sein Christentum bewahren wird. — Der Stimmzettel am 10. März darf darum nicht anders lauten als
Dr. Ferdinand Werner, Butzbach.
Der Ijeeresetaf im Reichstage.
Wie tief und fest in allen bürgerlichen Parteien das Bewußtsein von dem Werte unseres Heeres wurzelt, bezeugen die letzten Erörterungen des Reichstages über die Heeresvorlage (Quinquennal) und den Heeresetat. Der Gedanke, daß unser Heer stark und gesund, auf der höchsten Höhe der Leistungsfähigkeit und Vervollkommnung erhalten nichts anderes bedeutet, als die Lebensbedmg- ungen unseres staatlich geeinten Volkstums wahren und sicherstellen, ist heute in unserem Volke so Fleisch und
Blut geworden, daß ihn eigentlich niemand mehr ernstlich anzutasten wagt; er steht jenseits aller Anfechtung, jenseits aller Parteikämpfe, erhaben über dem Zank u. Zwiespalt des Parteihaders, woran es gerade der Gegenwart so wenig mangelt. Mit Ausnahme der Sozialdemokratie, der Polen und einiger vereinzelten Mitglieder aus anderen Parteien trat das Reichsparlament für die Forderungen des Heeresverstärkungsgesetzes ein. Hierbei wie bei der folgenden Aussprache über den Mi- litäretat stimmten mit dem Leiter der Heeresverwaltung die Wortführer der bürgerlichen Parteien in dem Ausdruck der Ueberzeugung überein, daß die Wehrfrage trennende Gegensätze und Widersprüche ausschließen muß, daß sie unsere wichtigste Frage darsteltt, in der unser gesamtes Wohl und Wehe beschlossen liegt, daß es auf diese Frage immerdar nur eine einzige Antwort geben darf, die der unbedingten opferbereiten Bejahung, die so selbstverständlich ist wie der zuversichtliche« Glaube eines machtgebietenden, machtvoll vorwärts strebenden Volkes an feinen ungeschmälerten Fortbestand und an seine Zukunft.
Unser Heer, das war der Grundton fast aller Reden, ist die sicherste Gewähr des Friedens nach außen und im Innern, die Bürgschaft unserer Größe und Ehre, der Hort und Hüter unserer politischen und wirtschaftlichen Wohlfahrt und Machtstellung, der Träger unserer nationalen Geschicke, unseres nationalen Berufes, die Schule körperlicher und sittlicher Volksgesundheit. „Der Friede der Welt beruht auf den deutschen Bajonetten. Wir lassen an dieser Heeresmacht nicht rütteln!" Also schloß ein Parteiführer. Der nächste begann: „Die Söhne des Landes, dieses kostbarste Gut der Nation, müssen auch die besten Gewehre und die besten Lanonen haben!" Mehrere Redner rühmten die eindrucksvolle Einmütigkeit in der Behandlung der Heeresvorlage durch die nationalen Parteien, und der preußische Kriegsminister stellte fest: „Mit der Aufnahme, die die Militärvorlage bei allen nationalen Parteien gesunden hat, kann das deutsche Volk zufrieden sein." Im Verlause der Beratung des Heeresetats endete ein Redner mit dem Satze: „Unser Heer ist ein Volksheer", und der folgende Redner sagte: „Wir können stolz sein auf unsere Armee, auf das Volksheer." So klangen denn voll und einheitlich die Stimmen zusammen in dem Bekenntnis, daß unsere Wehrmacht in ihrer Schlagfertigkeit und Lriegsbe- reitschaft den Willen unseres waffenfrohen, wafsenlüch- tigen Volkes heute und allezeit verkörpern soll, daß unser Heer wie keine andere Einrichtung die wirksamste Zusammenfassung unserer Kräfte, die Verwirklichung unserer nationalen Gemeinschaft, unserer vaterländischen Zusammengehörigkeit ist und bleibt.
Selbst der Vertreter der Sozialdemokratie mußte gestehen: „Eine solche Militärsreudigkeit, wie im deutschen Reichstage, gibt es in keinem Parlament der Welt." Damit besiegelte er zugleich die klägliche Niederlage, die sich seine Partei mit dem Versuche geholt hatte, gegen unser Volksheer Sturm zu laufen. Das Hauptverdienst, daß, den sozialdemokratischen Heeresfeinden gründlich heimgeleuchtet wurde, gebührt dem preußischen Lriegs- minister. Seine Reden boten den Lern alles dessen, was über das Wesen und Wirken unseres Volksheeres gesagt werden muß, um die Angriffe der Umstürzler zu entkräften. Schlagend, nicht nur mit wuchtigen Worten, sondern zugleich mit überzeugenden, auf Tatsachen fußenden Beweisen, widerlegte er die Behauptung, daß der Militarismus kulturfeindlich und unproduktiv sei. Frankreich braucht für seine Wehrmacht 34 v. H. seiner Gesamtausgaben, Deutschland nur 15% v. H. Von den Ausgaben für das deutsche Heer fließen aber nur 1% Millionen ins Ausland, das Uebrige bleibt im Inlande, fruchtbringend, indem es vielen Zweigen unseres Erwerbslebens Tätigkeit und Verdienst gewährt und tausenden von Arbeitern zugute kommt. Herr v. Heeringen nannte die Heereskosten eine billige Versicherungsprämie für die gesamte Volkswirtschaft. Was ein starkes Heer kostet, wird ins Unermeßliche ausgewogen durch die Fortschritte, die es aus allen Gebieten durch die Erhaltung des Friedens ermöglicht. Unschätzbar aber wie die Verluste durch einen Krieg, einen unglücklichen wie auch einen siegreichen, ist der Segen des Heeres als des Hauptmittels der Erziehung des Volkes zur Manns - zücht, zu den Tugenden der Männlichkeit und Wehr- tüchtigkeit, des Gehorsams, des Pflichtgesühls und der Treue. Und im Hinblick auf die sozialdemokratische Gefahr schloß der Kriegsminister eine seiner Reden mit dem Hinweis darauf, daß die Armee in ernsten Zeiten berufen ist, das Rückgrat des Staates zu bilden.
Hus Stadt und Cand.
Gießen, den 9. März
♦ Reklamationen wegen unregelmäßiger Zustellung der Zeitung wolle man
unverzüglich bei der Geschäftsstelle vorbringen. Es wird dann sofort für gründliche Abhilfe gesorgt werden, die aber nur möglich ist, wenn jeder einzelne Fall zur Lennt- nis der Geschäftsstelle gelangt.
* Gießen. Privatdozent der romanischen Philologie, Pros. Dr. W. L ü ch l e r, hat, wie verlautet, den Rus nach Würzburg als a. o. Professor angenommen.
-ö- Gießen. Am Montag und Dienstag fanden hier in Steins Garten die angesagten Vortragstagun- gen der kirchlich-positiven Vereinigung statt. Alle drei Vorträge waren sehr gut besucht, besonders der Vortrag am Dienstag nachmittag. Mit welch großem Interesse man den Vorträgen folgte, bewiesen die lebhaften Aussprachen nach den einzelnen Vortragsthemen. Die so glänzend verlaufenen Vortragstagungen waren so recht geeignet, der kirchlich-positiven Vereinigung neue Freunde, neue Mitglieder zuzuführen.
* Gießen. Der Vorstand des Hess. Landesvereins vom Roten Lreuz hat als Nachfolger des verstorbenen Wirkl. Geheimrats D. Buchner Erz. den Generalleutnant L o r w a n Erz. zu Darmstadt zu seinem Vorsitzenden gewählt.
— Gießen, 8. März. Neuerdings mehren sich die Klagen wieder über falsches Geld. Nicht nur falsche Ein-Markstücke mit der Jahreszahl 1906 und dem Münzzeichen F sind im Umlauf, sondern auch Ein-Markstücke mit der Jahreszahl 1881, dem Münzzeichen A und solche mit der Jahreszahl 1907 und dem Münzzeichen G. Während diese Ein-Markstücke leicht als gefälscht zu erkennen sind, ist dies bei falschen 25-Pfennigstücken, die gleichfalls im Umlauf sind, schwieriger. Die Falsifikate tragen die Jahreszahlen 1909 und 1910 und das Münzzeichen A. Sie sind den echten 25-Pfennigstücken gut nachgemacht, sie haben jedoch ein leichteres Gewicht, einen besseren Llang,-fühlen sich etwas fettig an und können leicht umgebogen werden.
* Gießen, 9. März. Die Rückzugsplänkeleien des scheidenden Winters haben begonnen. Gestern hatte schon ein leichter Nachtfrost eingesetzt und heute gab es eine Wiederholung in verstärkter Auslage. Gräben und Wassertümpel waren von einer dünnen Eisschicht überzogen und an den Gräsern hing dichter Neis. Dazu herrschte ein recht ungemütlicher Novembernebel.
* Wiesbaden. Die Handwerkskammer hat sich für das Projekt der Schnellbahn Wiesbaden-Frankfurt ausgesprochen.
-n- Drucksehler-Berichtigung! Mehrere Führer der ausgesprochen christlichen Wähler haben am Mittwoch ein Zirkular für die Landidatur Dr. Werner versenden lassen, in dem das Wort „verfluchen" als verflachen" zu lesen ist. Alle, welche das Rundschreiben empfangen und Lenntnis davon genommen haben, wollen die betr. Stelle in dem hiermit berichtigten Sinne deuten.
Aus dem ßerichtsfaal.
Schwurgericht.
Gießen, 8. März 1911.
Da der noch angesetzte Verhandlungspunkt infolge Lrankheit der Angeklagten in dieser Periode nicht zur Verhandlung kommen kann, war die heutige Sache gegen das Dienstmädchen Veronika Bretzigheimer die letzte für die erste Periode. Die Angeklagte, am 5. März 1891 zu Grohhaubach am Main geboren, war zuletzt in dem Dr. Liebe'schen Sanatorium zu Wald- hos-Elgeshausen beschäftigt. Es zeigte sich, daß sie ihrer Niederkunst entgegensah, was sie aber bestritt, auch nachdem sie ärztlich untersucht war und ihr diese Tatsache bestätigt wurde. Lurz vor der Niederkunft mußte sie in die Gießener Frauenklinik gebracht werden, wo sie zwei Stunden danach von einem Mädchen entbunden wurde. Nachdem sie wegfähig war, wurde sie mit ihrem Linde im Gießener Säuglingsheim ausgenommen. Mitte Februar erklärte sie der Oberschwester, sie wolle mit dem Linde in ihre Heimat. Das Lind wurde ihr darauf mit Reisebedürfnissen übergeben. Sie schlug es jedoch unterwegs in einen Vogen Papier, damit man nicht sehen sollte, daß sie ein Lind trägt. Damit ging sie nach dem Schifsenbergerweg und legte das Lind nackend auf das Eis in einem Gräbchen auf die vor dem Walde gelegene Wiese. Die Angeklagte wurde jedoch beobachtet. Man fand das Lind dort fast erfroren und atemlos und brachte es in die hiesige Llinik, wo es gerettet werden konnte. Die Angeklagte gab an, sie habe die Tat aus Angst vor ihrem Vater begangen, da sie nicht mehr hätte nach Hause kommen dürfen. Nach dem Spruch der Geschworenen konnte nicht Verurteilung wegen Mordversuchs, sondern nur wegen Totschlagsversuchs erfolgen. Das Gericht erkannte, nachdem die Staatsanwaltschaft 3 Jahre Gefängnis beantragt hatte, auf 2 Jahre Gefängnis, abzüglich 3 Wochen Untersuchungshaft.