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Gießener JeiLnng

I (Neueste Nachrichten) (Kicfrerrer Tageblatt)

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Nr. 107

Telephon: Nr. 362.

Montag, Den 8. Mai 1911.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

Der Blumemag.

Der Blumentag zum Besten der Mutter- und Säug- lingsfürsorge in Hessen gehört der Vergangenheit an. Er war etwas Neues, auch für Gießen, und zwar fand diese Neuheit.soviel Anklang, daß man sich ihrer noch lange erinnerst wird. Schon der Gedanke an sich, in die­ser liebenswürdigen Form der ganzen breiten Oeffent - lichkeit Gelegenheit zum Wohltun zu geben, hat etwas ungemein Sympathisches. Das hat man auch hier em- pfunben, und alle die ängstlichen Gemüter, die bei der Vorbereitung dieses Tages mit einer gewissen, nun ein­mal nicht abzuleugnenden Engherzigkeit doch ein wenig rechnen zu müssen glaubten, werden freudig erstaunt sein über das Nesultat. Das konnte aber nach den sorgfäl­tigen Vorbereitungen und nach dem warmen Interesse, das alle Beteiligten der Sache entgegenbrachten, nicht ausbleiben.

Der Opfersinn der gesamten Bürgerschaft trat ge- legettllich dieses ungewohnten Schauspiels klar zu Tage. Man kaufte nicht nur in den Straßen, sondern auch in den Häusern; denn die jungen Damen scheuten es nicht um für einen recht flotten Abgang der zarten Maßliebchen und Postkarten zu sorgen die Treppen zu erklimmen, um die Bekannten und Verwandten zum Verkauf aufzumuntern. Auch die Fremden, die ahnungs­los nach Beendigung ihrer Reise das Bahnhofsgebäude verliehen, opferten willig ihr Scherflein. Es war ja auch gar nicht möglich, den Pseudoblumenmädchen zu entgehen, die jede Straßenseite besetzt hielten und slink wie ein Wiesel mit ihren Körbchen und den ominösen Sammelbüchsen von einem zum andern Bürgersteig hin- überliefen. Schon am Vormittag war der Verkauf flott vor sich gegangen, und nachmittags begann der Ver­trieb auf's Neue. In der Zeit von 47 Uhr war das Gedränge in den Hauptstraßen geradezu lebensgefährlich. Großen Absatz fanden nicht nur die Blumen, sondern auch die Karten, und am Abend konnte man keine Karte mehr erhalten; dasselbe gilt auch von der Blumentags- zeitung.

Es war ein rechtes Erntefest für die armen Mütter und Säuglinge, und stolz können alle sein, die sich so aufopfernd der guten Sache angenommen haben, und wir können nicht umhin, den Dank hier noch einmal wie wir es bereits anu Samstag taten öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Wir lassen nun nachstehend Berichte aus der Pro­vinz Oberhessen und andern großen Städten des Groß­herzogtums, soweit sie uns vorliegen, in gedrängter Kürze folgen:

-)(- W i e s e ck, 8. Mai. Ein geschäftiges Leben und Treiben entwickelte sich gestern am Blumensonntage in unseren Straßen. Ueberall sah man die jungen Mäd­chen mit ihren schmucken Körbchen, wie sie Maßliebchen, Postkarten und Zeitungen verkauften. Auf der W e l- le r s b u r g fand am Nachmittage ein stark besuchtes Konzert statt, an dem sich die hiesigen Gesangvereine und die Musikkapelle beteiligten. Der Kauf eines zarten Blümchens berechtigte zum Eintritt.

-l- L o l l a r, 8. Mai. Zahlreiche weißgekleidete Mädchen eilten am Sonntag durch die Straßen, um die ihnen vom Komitee ausgehändigten Blumen, Wohl- fahrtspostkarten und Zeitungen zu verkaufen. Im Saal­bau zur Linde fand am Abend ein volkstümliches Kon­zert statt. Unsere drei Gesangvereine sowie die hiesigen Lehrer stellten in dankenswerter Weise ihre Kraft in den Dienst der guten Sache. Durch ihre vorzüglichen Dar­bietungen brachten sie reiche Abwechselung in das um­fangreiche Programm. Wer den Saal betreten wollte, mußte vorher ein Maßliebchen erwerben. Soweit sich der Verkauf jetzt schon überschauen läßt, ist ein recht guter Umsatz erzielt worden.

-H- Bad-Nauheim, 8. Mai. Ein farbenpräch­tigen Bild entrollte sich am Blumensonntage in unserer Stadt. Zu Dutzenden sah man die jungen blitzäugigen Damen auf den Straßen, Bastkörbchen und sammel - büchsen in den schlank-weißen Armen. Sie gingen ganz in ihrer Betätigung als Blumenmädchen auf. Natur­gemäß konzentrierte sich der Verkauf an den stellen, wo von der Kurkapelle und den weißen Dragonern aus Darmstadt Konzerte veranstaltet wurden: morgens am Tennis-Cafe und auf dem Burgplatz in der Altstadt, mittags auf der Terrasse und am Teich, abends auf der Terrasse und im Tennis-Cafe. Dort war ein gutesGe­schäft" zu machen. Die holden Blumenverkäuferinnen schlängelten sich durch die wogenden Massen, ihreWare" mit Eifer und Grazie anbietend: Bitte, noch eine Blu­me noch eine Postkarte! Ach, kaufen Sie mir doch em Maßliebchen ab 1 Und so ging es in wechselnden Bil­dern bis zum Abend, der dem Verkaufe ein viel zu frühes Ende setzte.

* Offenbach, 6. Mai. In unserer Stadt be­gann der Versauf der Blumen schon in den frühen Mor­genstunden. Kurz vor 6 Uhr tauchten die ersten Blu- menverkäuserinnen in den Straßen aus. Im Verlaufe des Morgens wurde auch eine rege Hausagitation ent­faltet. Die Ansichtspostkarten waren bald vergriffen, so­daß man sich genötigt sah, mit Automobilen von Darm­stadt neue zu beschaffen. Eine rege Verkaufszeit brachte die Mittagsstunde, als die Arbeiter von ihren Arbeits­stätten kamen. Jeder Arbeiter opferte bereitwillig seinen Nickel, um auch seinen Teil zu dem wohltätigen Zweck beizutragen. In den meisten Fabriken wurde am Nach­mittag nicht gearbeitet. Während der Nachmittagsstun­den sanden aus sämtlichen öffentlichen Plätzen Straßen- konzerte und am Abend in sieben hiesigen und 4 Bür­geler Lokalen größere Veranstaltungen statt.

-!- Lauterbach, 7. Mai. Hell und klar war die Maiensonne am Samstage aufgegangen. Weißgekleidete Mädchen eilten geschäftig durch die Straßen und ließen niemand ungehindert passieren. Auf dem Marktplatz fand in der Zeit von 12%1 % Uhr ein Konzert statt, wäh­rend in der sestlich dekorierten Turnhalle des Turnver­eins einbunter" Abend mit Restaurationsbetrieb ver­anstaltet wurde. Hier verkauften die Damen des Komi­tees allerhand süße Sachen, Zigarren 2C. Für die nötige Unterhaltung war ebenfalls Sorge getragen. An die Aufführungen schloß sich ein Tanz, der die Festteilneh­mer noch lange zusammenhielt.

* Darmstadt, 6. Mai. Um 8 Uhr begann der Verkauf. Im Nu waren die jungen Mädchen, die mit Geschick und unwiderstehlichem Liebreiz ihre Maßlieb­chen anboten, von milden Seelen umringt, und der Ver­kauf setzte mit aller Macht ein. Die fröhlichen Weisen, die im Herrengarten, am Bahnhof, auf dem Luisenplatz und an zahlreichen anderen Stellen der Stadt erklangen, erweichten auch die härtesten Gemüter, und Blumen, Festpostkarten und Wohltättgkeitsporzellan fanden viele Käufer. Das Großherzogspaar unternahm im offenen Wagen eine Rundfahrt.

* Mainz, 6. Mai. Alle Kreise unserer Einwoh­nerschaft hatten sich freudig in den Dienst der Sache ge­stellt. In der Verkaufsbude auf dem Schillerplatz hatte die Gattin des höchsten Beamten der Zivilbehörde,Frau Provinzialdirektor Dr. B r e i d e r 1, den Verkauf über­nommen. Die Verkaufsbude auf der Kaiserstraße wurde von Frau Geheimrat Strecker geleitet. Aber nicht nur Blumen gab es zu verkaufen, auch eine Blumentags- zeitung wurde für 20 Pfg. ausgeboten, derMaßlieb­chen", Lied von Musikdirektor Karl Kern in Frankfurt a. M. (Gedicht von Dr. KarlfPusch) beiliegt und die außerdem noch wertvolle Reproduktionen enthält, die den Großherzog, die Großherzogin und die beiden Prinzen darstellen. Eine Reihe von Gedichten und sinnigen Be­trachtungen vervollständigen den Inhalt des gediegenen Blattes. Die größte Nachfrage herrschte nach den künst­lerisch gezeichneten Postkarten. Bald war kein Stück mehr zu haben, und immer neue Vorräte mußten von Darmstadt herübergebracht werden.

Bus Stadt und Land.

Gießen, den 8. Mai 1911.

* Bei der S e-ri e 2 4 der Pfandbriefe der hessischen Landeshypothekenbank, die nach der Bekannt­machung vom 12. Februar 1910 vor 1914 weder ge­kündigt noch verlost werden kann, ist laut Bekanntmach­ung des Erohh. Finanzministeriums die Rückzahlung bis zum 2. Januar 1 9 2 0 ausgeschlossen.

* Alarmsignale der Feuerwehr ertön­ten gestern abend gegen % 11 Uhr durch die Straßen der Stadt. Es brannte die Villa der Witwe Kempff, Marburgerstraße 65. Das Obergeschoß des Hauses wurde vom Feuer vollständig vernichtet. Zedoch ge­lang es dem tatkräftigen Eingreifen der Feuerwehr, das weitere Umsichgreifen des mit elementarer Gewalt wü­tenden Feuers zu verhindern. Der übrige Teil des schon alten Gebäudes wurde aber durch die Lüscharbeiten der­art beschädigt, daß ein Neubau nötig sein wird. Die Entstehungsursache des Feuers ist unbekannt.

* Wies eck, 8. Mai. Ihr 50jähriges Arbeitsjubi­läum als Zigarrenarbeiterin bei der Firma Gg. Heinr. Schirmer in Gießen beging Helene Schäfer.

-k- Lauterbach, 6. Mai. Die finanziell am gün­stigsten gestellte Gemeinde in unserem Kreise ist Freien- Steinau, das nur 25 Prozent Zuschlag als Gemeinde­steuer erhebt, trotzdem es in den letzten Jahren ein Was­serwerk mit einem Kostenaufwand von rund 85 000 M. ausgeführt hat.

* Marburg, 6. Mai. Der des Raubanfalls an dem Vautechniker Mauß bezichtigte, in Gemünden fest- genommene Maurer leugnet, der Täter zu sein. Eine

Gegenüberstellung mit Atauß, der in der Klinik liegt, konnte noch nicht erfolgen.

* Bad-Nauhei m, 8. Mai. EineM illi- onen" - Reklame für Bad-^tauheim hat die Groß­herzogliche Kur- und Badeverwaltung für diese Saison in Szene gesetzt. In der nächsten Ausgabe der 2 Mark Briesmarkenheftchen, die immer in einer Auslage von 1 Million erscheinen, ist unser Badeplatz mit einem grö­ßeren Inserat vertreten. Hoffentlich entspricht der Er­folg dieser Reklame der Höhe der Auflage und der Auf­wendungen an Geld.

-lch- Grüningen (Oberhessen), 6. Mai. Blutige Kämpfe gingen unserer bevorstehenden Bürgermeister - wähl voraus. Als am Donnerstag abend ein Anhän­ger des jetzigen Bürgermeisters aus der Parteiwirtschaft heimgehen wollte, überfielen ihn 3 Gegner, verfolgten ihn bis in seine Hosraite und mißhandelten ihn mit Gummischläuche^i und gefährlichen Gegenstän­den, bis er bewußtlos und blutüberströmt liegen blieb. Gestern traf die Gendarmerie ein und holte die 3 Täler, die sämtlich Familienväter sind, ab.

-k- Grebenhain, 6. Mai. Der Senior der Po­lizeidiener Oberhessens, Herr Merz in D i r l a m - m e n, erhielt dieser Tage von der Gemeinde eine Ehren gäbe von 50/Mark in Anerkennung seiner langjährigen und treuen Dienste. Der Polizeiveterane tritt nunmehr in den wohlverdienten Ruhestand. Herr Merz steht im 85. Lebensjahre und war 45 Jahre lang Polizeidiener.

-h- Frankfurt a. M., 8. Mai. Das gestern statt­gefundene Radrennen brachte der Arena neuen Massen­besuch. Die Besetzung der Steherrennen der Klassen A und B war erstklassig. Im Preis vom Niederwald, ein Stundenrennen hinter Motoren, gefahren in zwei Läu­fen von je % Stunde, siegte Walter Ebert-Leipzig vor Hoppe, Schaumburger, Dubielczyk und Jean Weiß. Das mit großer Spannung erwartete Stundenrennen um den Großen Preis von Frankfurt, das von Ryser, Stellbrinck, Theile und dem Breslauer Scheuermann, der bisher auf der Frankfurter Bahn noch nicht geschla­gen werden konnte, und der erst am 2. April auf der Frankfurter Bahn in hervorragender Weise einen neuen Weltrekord über 50 Kilometer schuf, brachte einen Ue- berraschungssieg des Berliner Stellbrinck, der in einer Stunde 81 Kilometer zurücklegte. 390 Meter zurück endete Scheuermann, Theile wurde Dritter, Ryser Vier­ter. Preise: dem Sieger eine goldene Medaille und Mk. 1800 in bar, dem Zweiten, Dritten und Vierten Mark 1200, 800, 500. Im Hauptsahren, ein Fliegerrennen in 3 Läufen über 1000 Meter, siegte Chr. Rode-Mainz.

- k- Stockheim, 4. Mai. Das für den Himmel­fahrtstag auf der Ronneburg bei Büdingen geplante volkstümliche Festspiel (aufgeführt von Mitgliedern des V. H. Cl.) soll nicht am genannten Tag, sondern am 25. Juni stattsinden, da die Ronneburg an ersterem Ter­min wie alljährlich für das Publikum geöffnet bleiben soll.

- k- Gedern, 6. Mai. Die Jungviehweide Wer­nings eröffnete ihren diesjährigen Betrieb am 5. Mai mit 14 Fohlen und 62 Rindern. Es mußten viele an= gemeldeten Tiere wegen der Maul- und Klauenseuche zu­rückgewiesen werden.

- e- Leu n. Der im 71. Lebensjahre stehende Berg­werksdirektor Friedrich Staaden wurde unerwartet vom Tode ereilt. Der Verstorbene, der in Wiesbaden wohnte, war an das Krankenbett seiner im hiesigen Orte leben­den Schwester gerufen. Als er dem Zuge entstieg, er­fuhr er auf eine Anfrage, daß seine Schwester gestorben sei. Diese Nachricht hat ihn so stark ergriffen, daß ein Herzschlag seinem Leben ein Ende machte.

* D a r m st a d t, 6. Mai. Die Grube Ludwigs­hoffnung bei Wölfersheim betrifft ein von dem Abg. Ulrich verfaßter, soeben erschienener Bericht des Fi­nanzausschusses der Zweiten Kammer, der 45 Seiten stark sehr übersichtlich die Verhandlungen des Ausschus­ses mit der Regierung erörtert und alle hierbei in Frage kommenden Bedenken und Vorteile, welche bei Errich­tung des zirka 2 Millionen Mark kostenden Werkes gel­tend gemacht wurden. Der Bericht enthält u. a. die Gutachten von vier einwandfreien Sachverständigen, die sich für die Errichtung des Werkes aussprechen, außer­dem eirte ausführliche Rentabilitätsberechnung der ge­samten Anlage und begründet dann ebenso präzis den vom Ausschuß gefaßten Beschluß für die Anlage ein­zutreten.

* Büdingen. Der Großherzog hat den Archi­tekten Joseph Mockenhaupt zum Hauptlehrer ernannt.

* Worms, 6. Mai. Heute vormittag geriet in der Tuchfabrik W. I. D. Valckenberg ein 24 Jahre al­ter Arbeiter in die/Transmission. Er wurde mitgerissen und gegen die Decke geschleudert. Der Tod trat nach kurzer Zeit ein.