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Nr. 84.
(2. Blatt.)
Samstag den 8. April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
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Zur Geschichte der Apotheken in Giessen
In Nr. 127 und 128 der „Gießener Familienblätter" vom vorigen Jahre findet sich eine Abhandlung von —e— über die Geschichte der Gießener Apotheken. Was darin über die Gründung der Pelikanapotheke gesagt wird — mit den übrigen Apotheken habe ich mich nicht näher beschäftigt —, ist zum größten Teile falsch oder ungenau und bedarf der Berichtigung.
Der Verfasser bezieht sich für seine Behauptungen aus angebliche Papiere der Nebelschen Familie. Diese besitzt aber in Wirklichkeit über die Errichtung der Pelikan- apotheke gar keine Papiere. Wie mir der vor einigen Jahren verstorbene Kirchenrat Nebel 'in Eroßgerau, Sohn des einstigen Eigentümers der Pelikanapotheke Prof. Dr. Ernst Ludwig Wilhelm Nebel, im März 1899 mitteilte, enthalten seine wohlgeordneten Familienakten nicht das Geringste über die Apotheke. Jene angeblichen Nebelschen Familienpapiere bestehen vielmehr in einem Privatbrief, den mein Großvater, Landrat August Stammler in Gießen, am 16. August 1838 von dem ihm befreundeten Professor Nebel empfing. Abgesehen von einer Notiz über eine geschäftliche Vereinbarung zwischen den Apothekern Gieswein und Stöppel vom Jahr 1662 enthält dieser Brief ausschließlich Privatangelegenheiten eines Vorfahren von mir, des Apothekers Peter Stammler aus Memmingen, welche die von letzterem gegründete Pelikanapotheke^ nur mittelbar berühren. (Das geht auch schon aus 8er Einleitung des Briefes hervor, worin der Schreiber seine nachfolgenden Angaben „über Peter Stammler", nicht über die Pelikanapotheke ankündigt.) Der Bries wurde mir aus meinem Stammlerschen Familienarchiv vor elf Jahren von dritter Seite heimlich entwendet und dem jetzigen
Besitzer der Pelikanapotheke für kürze Zeit zur Durchsicht überlassen, seine Abschrift also ist es, welche dem Verfasser des Artikels vorgelegen hat, nicht irgend welche Papiere der Nebelschen Familie.
Der Veröffentlichung in den „Gießener Familienblät- tern" nach zu urteilen, ist die Abschrift ziemlich lüderlich ausgefallen. (Von den vielen Schreib- oder Druckfehlern erwähne ich nur den verstümmelten Namen Gailand, auch steht im Original weder, daß Peter Stammler wegen unbefugten Dispensierens in eine Geldstrafe von 30 fl. verurteilt wurde, noch daß ein Teil seiner Medikamente zum laboratorium chyrurch. genommen wurde.) Aber darüber hinaus hat der Verfasser des Artikels noch Dinge aus dem Brief herausgelesen, die gar nicht in ihm enthalten sind. Er behauptet nämlich: „Aus den Papieren der Nebelschen Familie geht hervor, daß die Pelikanapotheke 1640 errichtet^worden ist." In Wahrheit steht in dem Nebelschen Briefe nur, und der Verfasser druckt diese Stelle auch gleich danach ganz richtig ab, daß Peter Stammler 1640 in Marburg examiniert wurde, weil er eine neue Apotheke errichten wollte, es steht aber nicht darin, daß er sie in diesem Jahre auch wirklich errichtet hat. Peter Stammler war schon einige Jahre in Gießen — vermutlich in der Stadtapotheke, denn die Universitätsapotheke befand sich damals in Marburg — als Apothekergeselle beschäftigt, ehe er sich dem für den Eigentümer oder selbständigen Provisor einer Apotheke vorgeschriebenen Staatsexamen * ) unterzog; daß die Gründung der Pelikanapotheke im Jahre 1640 erfolgt sein soll, davon ist mir aber nichts bekannt.
Eine weitere Notiz des Nebelschen Briefes betrifft die Verkaufsverhandlungen des Peter Stammler mit dem Apotheker Bernhard Sartorius oder Schuhmacher (dessen Wohnort übrigens in meinem Original recht deutlich geschrieben ist, nicht „unleserlich", wie der Abschreiber behauptet). Der Verfasser gibti sie ohne Kommentar, scheint also anzunehmen, daß mit den Worten „wegen Verkaufs der Apotheke" die Pelikanapotheke gemeint und Stammler als Verkäufer, Sartorius als Läufer anzusehen sei. Für die Richtigkeit seiner Auslegung müßte er aber noch den Beweis erbringen. Oder wie erklärt er sich die Tatsache, daß Peter Stammler nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Sartorius am 9. Oktober 1643 eine andere, außerhalb Hessens gelegene Apotheke übernahm?
Von den übrigen Punkten des Nebelschen Brieses veröffentlicht der Verfasser noch drei. Der Notiz, daß 1661 Peter Stammler die Pelikanapotheke an den Universitätsapotheker Johann Philipp Gieswein verkaufte, fügt er ohne weiteres die Behauptung an: „1662 ist jedenfalls Köppel Besitzer der Pelikanapotheke, denn die Nebelschen Mitteilungen berichten" und nun folgt die weitere Notiz aus Nebels Brief, daß nach dem genannten Verkauf die beiden Apotheker Gieswein und Stöppel im Jahre 1662 von der Regierung die Zusage erhielten, es solle in den nächsten acht, neun Jahren keine dritte Apotheke in Gießen errichtet werden. Also auch hier wieder eine bloße Hypothese des Verfassers, denn nirgends steht im Nebelschen Brief geschrieben, daß Köp- pel 1662 Besitzer der Pelikanapotheke gewesen sei. Sollte Stöppel nicht vielleicht der Inhaber der älteren Stadtapotheke gewesen sein, deren damalige Existenz der Verfasser an anderer Stelle seines Aufsatzes ja ausdrücklich anerkennt? Gieswein hatte doch die Pelikanapotheke samt ihrem Privilegium gekauft, nicht St ö p p e I, und der Grund war doch wohl nur der, sich die unbequeme Konkurrenz dieser „dritten" Apotheke für eine Reihe von Jahren vom Halse zu schaffen. 130 Jahre später, als längst wieder 3 Apotheken in Gießen im Betrieb waren, versuchten erneut zwei von ihnen, nämlich die beiden Stadtapotheken zum Pelikan und Hirsch, sich der'dritten, der Universitätsapotheke, zu entledigen, allerdings ohne Erfolg. Doch darauf will ich nicht näher eingehen. Es lag mir nur daran, die im -e- Artikel der Gießener Familienblätter versuchte Lösung der Frage, wann eigentlich die Pelikanapotheke durch meinen Vorfahren gegründet wurde, und welches ihre Schicksale in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens gewesen sind, zur Verhütung etwaiger Sagenbildung ein wenig kritisch zu beleuchten.
Gießen, 30. März. E. Stammler.
•) Vergleiche Berichte der Universität vom 26. 3. 1800 und 10. 7. 1800 (Akten der Universitätsapotheke im Gießener Universitätsarchiv).
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