Gießener Zeitung
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtt. Bekanntmachungen der Großherzoglichen UHM des Großherzoglichen BürgermeiftereiäRPolizei- Amtes sowie vieler anderer v^^ Behörden Gberhessens Expedition: Seltersweg 85.
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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Pctitzeileim Netlameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50° o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahlungS« zielcS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften vhneVerbindlichkcit.
tHaus Brüder Schmidt.)
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 84. (L Blatt.)
Samstag den 8. April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
In eigener Sache!
Am 24. März ist der Verlag der „Gießener Zeitung" — Gießener Neueste Nachrichten — (nicht zu verwechseln mit der neugegründeten Gießener Morgen-Zeitung) an eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung übergegangen. Das ganze Zeitungsunternehmen ist dadurch aus eine breitere Basis gestellt worden.
Laut einstimmigem Beschluß der Gesellschafts-Versammlung vom 6. April er. wird in dem Blatte
keine einseitige Parteipolitik mehr getrieben, sondern es soll in Zukunft über alle Parteirichtungen in objektiver Weise referiert werden.
Redaktion und Verlag der
Gießener Zeitung
Gilßcnci Neueste Nachrichtui Ges.^m. b. H.
Erziehung zur Arbeit.
Viele Eltern können sich nicht entschließen, ihre Knaben sofort nach Beendigung der Schulzeit einem Handwerk zuzuführen. Sie geben dem Widerwillen ihrer Kinder gegen geregelte körperliche Arbeit nach, oder suchen die mehrjährige Lehrzeit zu vermeiden und durch Beschäftigung der 14- bis 16-Jährigen mit ungelernter Lohnarbeit ohne Verzögerung Geld ins Haus zu bekommen.
Solche ungelernten Jugendlichen verfallen aber erfahrungsgemäß häufig und leicht dem Müßiggänge und stellen ein starkes Kontingent zu jenen arbeitsscheuen Rotten halbwüchsiger Burschen, aus denen sich das Zuhälter- und Verbrechertum der Großstädte rekrutiert. — Die Einrichtung obligatorischer Fortbildungsschulen, die im letzten Jahrzehnt so gewaltigen Boden gewonnen haben, ist sicher ein vorzügliches Mittel, um diese Auswüchse zu bekämpfen. Aber die Fortbildungspflicht würde sich noch viel wirksamer gestalten, wenn sich überall mit der schulmäßig-geistigen Arbeit die Pflege körperlicher Uebung verknüpfte. Es sollten deshalb mit allen Fortbildungsschulen Veranstaltungen zu ausgiebiger Betätigung turnerischer oder sportlicher Art verbunden sein, so daß auch diesen nicht in der Handwerkslehre stehenden Jungen Gelegenheit zu regelmäßigen körperlichen Uebungen geboten wäre.
In München hat man seit 1908 den Versuch durch- geführt, in sämtlichen Klassen der „Bezirkssortbildungs- schulen", das ist jener Schulen, in denen die ungelernten und beruflosen Jugendlichen ihrer dreijährigen Fort- bildungspslicht genügen, nicht bloß Turnunterricht, sondern auch obligatorischen Werkstattunterricht in Holz- u. Metallarbeiten einzusühren, und dieser Versuch hat sich auf das glänzendste bewährt. Die Bezirksfortbildungsschulen haben damit einen kräftigen Anziehungspunkt für das Interesse dieser Schüler gewonnen, zugleich aber auch einen willkommenen Angelpunkt für die erzieherischen Aufgaben, die dieser Schulgruppe besonders reichlich zugemessen sind. Den früheren Verhältnissen gegenüber läßt sich schon heute mit Sicherheit feststellen, daß das Mittel erzieherischer Arbeit und namentlich der Werkstattunterricht zahlreiche berufslose und „ungelernte" Jugendliche dazu anregte, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen und sich so eine feste Position im Leben zu sichern. .
Auch dieser gelungene Versuch zeigt wieder, daß für die erzieherische Beeinflussung der schulentlassenen Jugend bis zu ihrem Eintritt in das Heer die Erziehung zu körperlicher Betätigung das wirksamste und sicherste Mittel ist, daß aber andererseits nur die allgemeine Verpflichtung zu 3—4jährigem Besuch der Fortbildungsschule eine Gewähr dafür bietet, daß die Arbeit auch an dem widerstrebendsten und bildungsscheuesten Burschen ihre erzieherische Straft erproben kann.
Aus Stadt und Cand.
Gießen, den 8. April 1911.
— Eine hochwichtige Entdeckung. In vielen Landesteilen wütet die Maul- und Klauenseuche, : ungezählte Millionen an Schaden verursachend, und die
Hauptschwierigkeit der Bekämpfung der Krankheit besteht darin, daß man bisher ihre wahre Natur nicht kennt. Vor 3 Monaten nahm der/Berliner Forscher Dr. Siegel an frisch erkrankten Rindern Blut- und Milzunter - suchungen vor, er fand auch einLebewesen, das als Erreger der Seuche angesprochen werden mußte, das sich aber jiur aus den üblichen Kulturen nicht züchten ließ. Dr. Siegel ist die Züchtung aus Reinkulturen nun gelungen und in der soeben erschienenen Tierzärztlichen Wochenschrift bestätigt ein zweiter Gelehrter die Befunde seines Kollegen vollständig. Danach erscheinen die neuen Bazillen stets im Blute der an der Seuche leidenden Tiere, sobald diese fiebern. Mit Unterstützung des Landwirtschaftsministeriums werden nun eingehende Weiter- sorschungen getrieben und wenn nicht alles täuscht, wird man dank der Entdeckung Dr. Siegels bald in systematischer Weise gegen die Maul- und Klauenseuche vor - gehen können.
— Der Wetter st urz begeistert einen Sänger im „Kladderadatsch" zu folgendem „Frühlingslied":
Blaugesroren ist die Nase
Und die Hand erstarrt von Frost.
Wärmend dampft der Grog im Glase. Draußen heult der kalte Ost.
Brennholz ist willkommne Gabe, Und im Ofen glüht's und brennt's.
Sei willkommen, holder Knabe, Sei willkommen, junger Lenz ! ♦
L. U. Gießen, 8. April. Der am 1. Juni d. Js. in den Ruhestand tretende Universitäts-Sekretär Geh. Kanzleirat Friedrich Schäffer ist wohl der ä l 1 e st e hessische Beamte. Der Landes-Universität aber hat er fast 70 Jahre lang seine Arbeit und all sein Interesse gewidmet. Geboren zu Gießen am 4. September 1827 leistete er bereits in den Jahren 1843—1850 der Universität aushilfsweise Kanzlistendienste. 1850 wurde er als provisorischer Kanzlist bei der Landes - Universität angestellt, seit 1856 war er Aktuar beim Spruchkollegium. Am 16. August 1858 erfolgte die definitive Übertragung der Stelle eines Kanzlisten bei der Landes-Universität. Am 23. Oktober 1860 wurde Schäffer zweiter, am 23. Februar 1866 alleiniger Universitätssekretär. Neben dieser Stellung verwaltete er in den Jahren 1869—1879 die akademische Quästur. Am 25. November 1893 wurde er zum Kanzleirat ernannt, 5 Jahre später erhielt er das Ritterkreuz 2. Llasse des Philipps-Ordens, am 6. April 1901 die Krone hierzu. Gelegentlich des Universitäts-Jubiläums im Jahre 1907 wurde ihm der Charakter als Geheimer Kanzleirat zuteil, eine in Hessen sehr seltene Auszeichnung. Mit Schäffer schwindet ein gutesS tüd Gießener Universitätsge- schichle dahin. Liebig hat er gut gekannt. Adolf v. Jhe- ring hat er persönlich nahe gestanden, einen Teil des Geistes des römischen Rechts hat ihm der große Jurist selber in die Feder diktiert. Mit unverbrüchlicher Treue hat Schäffer stets zur Universität gestanden, mit größter Hingabe und Regelmäßigkeit seines Amtes gewaltet. Ein otium cum dignitate hat sich Schäffer, der sich noch einer erstaunlichen Rüstigkeit erfreut, voll verdient, möge es ihm noch lange beschieden sein.
* Gießen, 8. April. Der Reichskanzler hat den Antrag der Stadt, zu gestatten, die seit 3 Jahren zur Erhebung gelangende W e r t z u w a ch s st e u e r bis zum Jahre 1915 weiter erheben zu dürfen, abgelehnt. Danach beschloß die Stadtverordneten-Versammlung einstimmig auf die vom Reich der Gemeinde zufließende Steuer Zuschläge zu erheben.
* Gießen, 7. April. Den Schulamtsaspiranten O. Grünebaum-Partenheim, Friedrich Adam-Weinheim, Heinrich Lotz-Ober-Hörgern, Karl Weiner-Gau-Alges - heim, H. Walter-Rendel wurden Lehrerstellen und der Schulamtsaspirantin Ida Hoffmann-Offenbach eine Lehrerinstelle an der hiesigen Volksschule übertragen.
♦) Gießen. Der Bund der Versicherungs-Vertreter Deutschlands E. V. (Geschäftsstelle Berlin W. 30, Luitpoldstraße 21), welcher in Gießen schon mehrere Mitglieder hat und in Deutschland bereits mit 40 Verbänden arbeitet, beabsichtigt in Kürze auch die vielen hier ansässigen Versicherungsvertreter aller Branchen zu einem Verbände zusammen zu schließen. Mit dem Versand des Propaganda-Materials an die hiesigen Vertreter ist bereits begonnen und wird außerdem der Generalsekretär des Bundes demnächst die Gießener Herren über das Wesen und den Zweck des Bundes durch Vortrag ausklären. Weiteres wird durch Inserate in den hiesigen Zeitungen bekannt gegeben werden. M _
-h- Nieder-Gemünden, 7. April. Gestern vormittag wurden unsere Einwohner durch Feuerlärm
erschreckt. Das hier befindliche Kornhaus stand in Flammen. Es ist total niedergebrannt, der Schaden aber durch Versicherung gedeckt.
* L i ch. In dem benachbarten Dorsgüll stürzte das 5jährige Töchterchen eines Maurers in einen Kessel mit Wurstsuppe und verbrühte sich so schwer, daß es an den erlittenen Verletzungen bald darauf starb.
-m- Bad-Nauheim, 7. April. Von einem schrecklichen Unglück wurde Frau Ww. Forstrat Kaysing betroffen. Das 2jährige Enkelkind, ein Mädchen, war zum Besuch gekommen, um die Feiertage hier zu bleiben. Das Kind wurde wie gewöhnlich gestern abend frühzeitig in sein Bettchen zum Schlafen gelegt. Als die Großmutter einige Zeit später nach demselben sehen wollte, bot sich ihr ein furchtbarer Anblick dar. Das Kind war vollständig verbrannt. Das unglückliche Wesen hatte sich jedenfalls im Bette ausgerichtet und mit einer aus dem Nachttische stehenden Schachtel Zündhölzer gespielt. Die Verzweiflung der betroffenen Familie ist groß.
-a- A l b a ch, 8. April. In der Nacht vom 6. auf 7. d. Mts. sind auf Hof Albach drei polnische Arbeiter durch Kohlengas in ihrem Schlasraum erstickt. Es liegt eigenes Verschulden vor. Sie hatten ihre Schlafstube durch einen großen Topf glühender Kohlen wärmen wollen.
-i- Vom Vogelsberg, 7. April. Im höheren Vogelsberg hat der anhaltend hohe Schnee dem Wildstand sehr geschadet. Viele Hasen sind infolge Nahrungsmittelmangel verendet oder durch das zahlreich auftretende Raubwild vernichtet worden, was die jetzt im Felde so zahlreich vorhandenen Knochen und Haare erkennen lassen.
-m- Aus der s ü d l i ch e n W e t t e r a u, 8. April. Entsetzlichen Schaden hat das Frostwetter der letzten Tage an Bäumen, Feld und Wald angerichtet. Die Frühobstblüten sind vollständig erfroren, die Aussaat zum größten Teil, ebenso die Frühpslanzen. Die bereits grünenden Weichhölzer im Walde sind ganz schwarz geworden. Allem Anschein nach dürfte es in diesem Jahre mit den berühmten Wetterauer Kirschen und Frühgemüsen schlecht bestellt sein.
— Echzell, 7. April. Von einem einjährigen Fohlen geschlagen wurde im nahen Feuerbach ein Knecht. Unter furchtbaren Schmerzen ist der erst Sechszehnjährige in der Gießener Klinik gestorben.
* Romrod. Schwer verletzt wurde der Bäcker Dörner von Alsfeld, der in unsere Gegend Brot fuhr. Als das noch junge Pferd scheute, stürzte er vom Wagen, wurde geschleift und überfahren.
- h- Dieburg, 8. April. Bei dem großen Waldbrand sind etwa 600 Quadratmeter Kieserbestand vernichtet worden. Die Ursache konnte noch nicht festge- stellt werden.
— Wetzlar, 8.. April. Der Lahntalverband Zttr Hebung des Fremdenverkehrs im Lahntal wird seine Generalverlammlung morgen nachmittag 3% Uhr in Bad Ems im Hotel „Schützenhof" abhalten.
* ) H o ch e l h e i m. Die kürzlich erfolgte Verpachtung der Gemeindejad brachte eine wesentlich höhere Einnahme für die Gemeindekasse. Höchstbietender blieb Architekt Nikolaus mit 1050 Mk. Vor zirka
20 Jahren wurden aus unserer Gemeindejagd kaum 100 Mk. gelöst.
* P o h l g ö n s. Die Gemeinde ehrte ihre acht Veteranen durch Uebergabe von Ehrensesseln.
* Dillenburg. Die Landwirtschaftskammer in Kassel hat einen Antrag gestellt, das Landesgestüt der Provinz Hessen-Nassau von Dillenburg zu verlegen. Dagegen wird hier heftig protestiert.
* Wiesbaden, 6. April. In seiner Wohnung verstarb gestern der Generalleutnant z. D., Eizellenz M. Steinmann, im 68. Lebensjahre. Zur selben Stunde verstarb auch sein Bruder, der Oberstleutnant z. D. Fr. Steinmann aus Oberlahnstein im 74. Lebensjahre, der seit einigen Tagen hier zur Kur weilte.
* Kreuznach. Der Straßenbahnschaffner Fr. Schreiber, der neulich ein Kind überfahren hatte, unternahm einen Selbstmordversuch, indem er sich mit Petroleum begoß und dann sich selbst anzündele. Er wurde schwer verletzt nach dem Krankenhause der Franziskanerbrüder gebracht, wo er hoffnungslos barnieberliegt. Die Staatsanwaltschaft hatte festgesteltt, daß Sch. keinerlei Schuld an dem Tode des Kindes hat.
-l- Aus der Rhön, 7. April. In der Rhön herrschte eine grimmige Kälte, die vielen Schaden an der jungen Pflanzenwelt verursacht hat. An den Fenstern hat der winterliche Frost fingerdicke Eisblumen hervorgezaubert. Die jungen Märzhäschen dürften alle verloren sein.