Hietzener Iertttng
Vezugspreis 50 Psg. monatlich
vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Jttustr. Weltrundschauliegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nich t verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Wietzener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei^
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
> Behörden Gberhessens
Expedition: Seltersweg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 psg.
die 44 mm breite Pctitzeilc oder deren Raum, auswärts 20 Psg.; die 90 mm breite Petitzeile im R e k l a m e t e i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg., Tabellen mit 50°'o Aufschlag. E x t r a b c t l a g e n werden nach Gewicht und Grüfte berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahlungS- Zieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Playvorschriften ohne Verbindlich!eit.
Verlag der „Wietzener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 83. Telephon: Nr. 362.
Freitag den 7. April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Organisation
Organisation — das ist ein Losungswort unserer Zeit. In den großen geistigen und wirtschaftlichen Kämpfen kommt der Einzelne, kommen auch die vielen als Einzelne nicht zur Geltung. Der wirtschaftliche und geistig Starke kann es wohl, gestützt auf großes Kapital oder hervorragende Intelligenz und Charakterstärke, in der Sonderstellung aushalten und Einfluß gewinnen. Aber für den Durchschnitt gilt der Satz, daß nur der Anschluß an eine feste OrganisationMacht und Einfluß verbürgt. —
So sehen wir auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, in allen Ständen und Volksschichten das Bestreben nach organisatorischen Zusammenschluß. In hohem Maße erscheint dies auch geradezu als eine Notwendigkeit. Das alte Nom ging daran zu Grunde, daß es an sozial gesunden Organisationen fehlte. Neben ein paar Latifundienbesitzern stand die unorganisierte Masse der Proletarier und Sklaven. Die Masse war kein widerstandsfähiges Gebilde; sie war ein Haufe zusammenhangsloser Atome. Als der Sturm der äußeren Bedrängnis hineinfuhr, stob die Masse auseinander. Nom brach trotz seiner Legionen unter dem Ansturm von außen zusammen. Im ausgehenden Mittelalter sehen wir das Umgekehrte. Da gab es starke Organisationen, auch in den mittleren, bürgerlichen Schichten. Aber die korporativ zusammengeschlossenen Stände und Volks - schichten standen sich feindlich gegenüber. Jeder Stand suchte seine-egoistischen Wirtschaftsinteressen mit brutaler Ausschließlichkeit zu verfechten. Der Zusammenschluß führte zum feindlichen Sichabschließen gegen andere. Es fehlte der Geist der großen nationalen Zusammengehörigkeit. So mußten die Korporationen und Stände in wildem Interessenkamps aufeinanderstoßen. Und in diesem Kampf, dem wilden egoistischen Interessenkampf, verzehrte sich die Gesamtkraft der Nation. Es fehlte der Nation die starke einheitliche Stoßkraft nach außen.
Was lehrt uns diese geschichtliche Gegenüberstellung? Organisationen sind nötig; aber sie müssen vom rechten Geist durchdrungen sein und dürfen nicht einen exklusiven Wirtschaftseigennutz und Standesstolz fördern. Sonst wird aus einem an sich segensvollen Gebilde eine Gefahr für die Gesamtheit.
Leider zeigt die Gefahr, daß alle wirtschaftlichen und sozialen Organisationen, namentlich da, wo sie sich stark fühlen, das Bestreben zeigen, ihre eigenen Interessen an Stelle der Allgemeinheit zu setzen und statt der Gleichberechtigung die Allein-Berechtigung — wenn auch nicht in Worten so doch in der Tat — zu fordern. Neben dieser Gefahr zeigt sich noch eine andere Schattenseite der an sich so berechtigten Organisationspraris. Es ist die Gefährdung der Persönlichkeit inbezug auf Wollen und Urteilen. Die Selbständigkeit, der Charakter, wird bedroht. Das ist nicht nur so beim „sozialdemokratischen Terrorismus", sondern in milderen Formen zeigt sich die Unfreiheit des Einzelnen auch bei Organisationen auf geistiger Grundlage und zum Zweck der Pflege idealer Interessen.
Diese Kehrseite heben wir hervor, natürlich nicht, um gegen den Organisationsgedanken an sich etwas zu sagen; im Gegenteil, wir betonen aus voller Ueberzeugung die Notwendigkeit gesunder starker Organisationen; aber wir möchten erinnern, daß man das Organisations- prinzip — auch auf kirchlichem Boden — nicht einseitig Überspannen soll, und daß in der organisierten Gemeinschaft doch nicht die sittliche Freiheit der Persönlichkeit und das Wohl des Ganzen leiden darf.
ReicbstaaswaNvorbereitungen.
* Offenbach a. M. Die christlich- und deutsch- soziale Parteileitung hat beschlossen, bei der nächsten Neichstagswahl im Wahlkreis Darmstadt-Groß-Gerau von einer eigenen Kandidatur abzusehen und den na- tionalliberalen Kandidaten Rechtsanwalt Dr. Osann zu unterstützen. Die Gründe zu diesem Entschluß liegen in der Befürchtung, Dr. Osann könnte im ersten Wahlgang unterliegen, sodaß man sich vor die Notwendigkeit gestellt sähe, bei einer dann wahrscheinlich in Aussicht stehenden Stichwahl zwischen Fortschrittlichen und Sozialdemokraten sich für eine dieser Parteien entscheiden zu müssen.
* Kassel. Für den Wahlkreis Hersseld-Hünseld- Nothenburg, wo zwei Kandidaten der Fortschrittlichen Volkspartei genannt waren, hat die Provinzialleitung der Fortschrittlichen Volkspartei jetzt den Bahnhofsvorsteher Fiedler in Bebra als fortschrittlichen Kandidaten aufgestellt.
Aus Stadt und £and.
Gießen, den 7. April 1911.
— Von der P o st. Bis aus weiteres werden weder Anwärter für den höheren, noch solche für den mittleren Dienst der Neichs-Postverwaltung angenom- , men, weil der Bedarf zurzeit gedeckt ist. Dagegen sollen in Zukunft in den Nachgeordneten Beamtenstellen der kleineren Postämter weibliche Personen als Gehilfinnen oder Schreibhilfen beschäftigt werden. Die Bewerberinnen müssen 16 Jahre alt, gesund und unbescholten sein und eine angemessene Schulbildung — mindestens gute Volksschulbildung — haben. Es sollen möglichst ortsangesessene Personen eingestellt werden, oder solche die Familienanschluß am Beschäftigungsorte haben.
— Saaten st andsbericht vom 1. April. Nach den bei der Preisberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats Ende März eingelaufenen Berichten haben die Saaten unter den Einwirkungen des ziemlich wechselvollen Winterwetters im allgemeinen nur wenig gelitten, wohl aber haben, wze dies zu erwarten war, Mäuse und Schnecken den Noggen- und Kleesaaten zum Teil erheblichen Schaden zugefügt, so daß sich bei diesen Fruchtarten vielfach die Notwendigkeit größerer Um= pflügungen herausstellt. Infolge des trockenen Herbstwetters und der wegen des massenhaften Auftretens von Mäusen vielfach spät erfolgten Bestellung waren die Saaten ziemlich schwach in den Winter gekommen. In den Wintermonaten behielt das Wetter indes überwiegend milden Charakter, und während der zeitweise, aber immer nur kurz auftretenden strengen Fröste waren die Saaten ausreichend geschützt. Jedenfalls haben sie unter Mangel an Schnee nirgends gelitten, wohl aber stellenweise dadurch, daß der Schnee auf ungefrorenen Boden kam und, wo er zu lange liegen blieb, die Bildung von Schimmel begünstigte. Im übrigen sind aber eigentliche Winterschäden, wie eingangs erwähnt, nur in vereinzelten Fällen zu verzeichnens wenigstens geht aus den bei der Preisberichtstelle eingelaufenen Berichten hervor, daß notwendige Umpflügungen nur selten auf Auswinterungen, vielmehr in der Hauptsache auf den Einflüß tierischer Schädlinge zurückzuführen sind. Einen wie großen Umfang der durch Mäuse und Schnecken angerichtete Schaden vielfach erreicht hat, geht daraus hervor, daß in manchen Gegenden, namentlich in West- und Süddeutschland, die Noggensaaten bis zu 50 Prozent umgepflügt werden mußten. Günstiger lauteten die Berichte im allgemeinen über die Weizensaaten, die in der Entwickelung Ende März zwar noch etwas zurück waren, durch Fröste oder tierische Schädlinge indes nicht sonderlich gelitten zu haben scheinen, so daß Umpflügungen nur in Ausnahmefällen und auch dann nur in bescheidenem Umfange erforderlich sein dürsten. Im allgemeinen war der Stand der Weizensaaten, wenn auch stellenweise etwas schwach, so doch derart, daß bei entsprechender Witterung eine günstige Entwickelung zu erhoffen ist. Von den Noggensaaten haben namentlich die spät bestellten, die diesmal einen großen Teil der Gesamtfläche bilden, den Winter weniger gut überstanden und anscheinend auch durch die Märzsröste gelitten; nahezu aus allen Landesteilen wird berichtet, daß die Noggensaaten sich etwas dünn gestellt und nach dem Witterungsrückschlag um den 20. v. Mts. eine ungesunde Färbung angenommen haben. Kräftige Roggensaaten sah man meist nur auf zeitig bestellten Feldern, aber gerade diese sind durch Mäuse und Schnecken vielfach arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Wenn die Roggenfelder sonach im allgemeinen kein sonderlich günstiges Bild boten, so hofft man doch, daß bei vorteilhaftem Frühlingswetter mancher Schaden ausheilen wird und Umpflügungen im Norden und Osten des Reiches zu vermeiden fein werden. Die Bestellung, die auf leichten Böden ziemlich frühzeitig in Angriff genommen werden konnte, war zur Zeit der Berichterstattung überall im Gange und nimmt bei,' günstiger Witterung einen normalen Verlauf.
* Gießen, 7. April. Zur Erleichterung des Lösens von Fahrkarten ist in der Vorhalle des hiesigen Bahnhofs feit kurzem ein dritter Fahrkartenautomat ausgestellt, der gegen Einwurf von drei 10 Pfennigstücken Fahrkarten 4. Klasse nach Reiskirchen und Wetzlar selbsttätig verkauft. In unmittelbarer Nähe befinden sich wie seither die beiden Automaten für Bahnsteigkarten zu 10 Pfg. und für Fahrkarten 4. Klasse nach Garbenteich, Großen-Buseck, Langgöns und Lollar zum Preise von 20 Pfg.
* Gießen, 7. April. Die Kreislehrerkonferenz des Kreises Gießen vereinigte etwa 300 Volksschullehrerund Lehrerinnen in Steins Garten. Es war die erste Kreis- konferenz unter dem neuen Kreisschulinspektor Professor Dr. Alles. Er machte Mitteilungen über die Verein -
fachung des schriftlichen Verkehrs zwischen Lehrern und Behörden und über den Beschluß der Kreisschulkommis sion, nach welchem für die Oberklassen der Forlbildungs- schule Zeugnisse eingeführt werden sollen. Lehrer Bert Gießen sprach über „Die Fortbildungsschule für Mädchen". Seine Hauptforderung, die Einführung der all gemeinen obligatorischen Mädchensortbildungsschule, sand einmütige Zustimmung. Ueber „Die französische Fremdenlegion" hielt Lehrer Keil-Klein-Linden einen Vortrag. Er fordert Vereine, Volksbibliotheken, Fortbildungsschulen und Volksschulen zur Aufklärung der deutschen Jugend als einem echt nationalen Werk auf.
- p- Oberndorf, 5. April. Am Sonntag nachmittag ging ein schweres Gewitter mit starkem Hagel und wolkenbruchartigem Regen nieder. Die Straßen glichen einem See. Der Blitz schlug an zwei Stellen ein, in die neue Schule und in einen Kirschbaum.
- l-- Herborn (Dill), 6. April. Auf dem heute abgehaltenen 3. diesjährigen Markt waren aufgetrieben 201 Stück Rindvieh und 281 Schweine. Es wurden bezahlt für Fettvieh und zwar Ochsen 1. Qualität 88 bis 92 Mk., *2. Qualität 86 bis 88 Mk., Kühe und Rinder 1. Qual. 84 bis 86 Mk., 2. Qualität 80 bis 82 Mk. per 50 Kilo Schlachtgewicht. Auf dem Schweinemarkte kosteten Ferkel 50 bis 65 Mk., Läufer 70 bis 90 Mk. und Einlegschweine 95 bis 125 Mk. das Paar. Der nächste Markt findet am 24. d. Mts. statt.
- r- Lollar, 7. April. Bei der Beigeordnetenstichwahl wurde Gemeinderat und Gastwirt Karl Gerlach mit 207 Stimmen gewählt. Der Gegenkandidat Geißler erhielt 93 Stimmen.
* Frankfurt. (Milchkrieg.) Als Ersatz der heimischen Milch wird nun dänische Milch täglich eintreffen und zwar vorläufig ein Waggon, der acht bis neuntausend Liter enthält. Die Milch wird in Kannen, die fünfzig Liter enthalten, transportiert. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei späterem größerem Bezug der Transport in Tankwagen erfolgt. Die Milch war auf Veranlassung des Milchhändlervereins und der beteiligten Großfirmen von dem Chemiker des Vereins und dem bekannten Gerichtschemiker Dr. Popp untersucht worden. Dabei war festgestellt worden, daß der Fettgehalt denjenigen, den die Milch der hiesigen Gegend zu enthalten pflegt, übersteigt, und was von besonderem Wert ist, daß der Säuregrad ein geringerer ist. Daraus ist zu schließen, daß die Milch auch eine wärmere Witterung verträgt und sobald nicht sauer wird.
-e- Bad-Orb, 6. April. Schon seit Jahren wird für das 18. Armeekorps ein Artillerie-Schießplatz gesucht. In Aussicht genommen ist auch das Gelände des dem Bade Orb benachbarten Weilers Villbach. Der Weiler Villbach liegt von Bad-Orb in der Luftlinie 5 Kilometer entfernt. Wird es zur Anlage eines Schießplatzes kommen, so ist der erfreulichen Entwickelung, die das Bad Orb in den letzten Jahren hatte, Einhalt geboten, ja es wird von interessierten Kreisen nicht mit Unrecht befürchtet, daß das Bad durch Anlage eines Schießplatzes vernichtet wird. Seit einer Reihe von Jahren hat das Bad eine Hauptanziehungskraft für Herzkranke, die natürlich den Donner der schweren Geschütze nicht vertragen würden. Auch wäre eine Abholzung in den Staatsforsten um Orb und damit eine Benachteiligung der klimatischen Verhältnisse zu befürchten. Im letzten Jahrzehnt sind Millionen hier angelegt worden. Abgesehen von der Neugründung des Bades vor 11 Jahren, das einen Kostenaufwand von 2 Millionen erforderte, sind eine Reihe von Neugründungen und Kurunternehmen jeder Art erfolgt, die an der Entwickelung des Bades Orb im höchsten'Grade beteiligt sind. Sinkt die Vesuchszifser, so ist der Untergang einer Reihe von Unternehmungen besiegelt. Das Baugewerbe, die ganze Geschäftswelt von Bad-Orb ist an der ungestörten Weiterentwickelung des Bades Orb beteiligt und würde eventuell mit Prozeßklagen an den Militärfiskus Herantreten.
Fahren Sie
Supers
r musterhaft in Bau u. Ausstattung,^ grösste Stabilität, _ vorteilhafteste Preislage! * fordern Sie illustrierte Preisliste auchuber, Nähmaschinen.Haushaltungsgegenstände, Waffen.Uhren.Musikwâren.sowie sonstiger' Radfahrer-Bedarfsartikel gratis u. franko.
Hans Hartmann A:âlisEnACH. s, GRÖSSTES FAHRRADHAUSMinELOSÜDDEUTSCMWraS.