Hießemer Bettung
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Herausgeber: Albin SUcin & Otto Fischer.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen der Großherzoglichen MIM des Großherzoglichen Bürgermeisterei MM Po lizei - Amtes sowie vieler anderer v^P Behörden Gberhessens Expedition: Zeltersweg 83.
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jHaus Brüder Schmidt.)
Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 6. Erstes Blatt
Samstag dm 7. Januar 1911
Teleph on: Nr. 362.
23. Jahrg.
tagtäglich
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^UlocbtnKundscbau.
An der Jahreswende richtet sich der Blick unwill- lurlich aus den Eesanitraum des verstossenen Jahres zurück. Es ist nicht gerade viel Ersreuliches, was uns die ’ "n "° Politik des Jahres 1910 gebracht hat. Un- erfreullch bleibt vor allem der leidige B r u d e r z w i st der bürgerlichen Parteien, dessen Ende noch immer nicht ab3U|cl)en ist. Dazu aber gesellt sich das bedrohliche Wachstum der Umsturzbewegung, deren Boden durch den gegenseitigen Hader der bürgerlichen Parteien so relchllch w,e kaum je zuvor gedüngt wird. Mit einer Offenheit, die nichts zu wünschen übrig läßt, haben sich gerade während des abgelaufenen Jahres die Führer der deutschen Sozialdemokratie zur Republik und zum Kampfe gegen die Monarchie bekannt, und zwar besteht in dieser Hinsicht nicht der mindeste Unterschied zwischen Radikalen und Revisionisten, auf den ja von bürgerlichen Ideologen leider noch immer so viel Wert gelegt wird Gerade ein Revisionist, der Abg. Noske, hat aus dem letzten Patteitage der Sozialdemokratie in unverblümtester Form den republikanischen Standpunkt hervorgekehrt, und im Reichstage ward dieses Geschäft mit gleicher Deutlichkeit von dem Radikalen Ledebour besorgt. Das sind drohende Wetterzeichen, die wohl beachtet werden wollen.
Zn unserem Nachbarlande 'Oesterreich-Ungarn sind die deutsch-tschechischen Aus- gleichs! Verhandlungen leider wiederum ge- scheitett. Der Grund hierfür ist darin zu suchen, daß man an maßgebender Stelle aus keinen Fall gewillt ist, den Forderungen der Tschechen nach der Bildung eines parlamentarischen Ministeriums, in welchem sie mehrere Ministerposten für sich beanspruchen, nachzugeben. In der Konferenz, die hinsichtlich dieser Angelegenheit zwischen dem tschechischen Abgeordneten Fiedler und dem Ministerpräsidenten Baron von Bienerth stattfand, hat der Ministerpräsident dem Tschechensührer über die ablehnende Stellung der Regierung keinerlei Zweifel gelassen. Daraufhin erklätten die Tschechen die Verhandlungen für gescheitert. In der Oeffentlichkeit aber schieben sie natürlich den Deutschen die Schuld in die Schuhe und behaupten, diese seien mit neuen Forderungen aufgetreten. Dies entspricht jedoch in keiner Weise den Tatsachen. Nach dem Scheitern der Ausgleichsverhandlungen in Prag ist leider wohl als sicher anzunehmen, daß auch die Verhandlungen im Parlamente, das demnächst wieder zusammentreten soll, keinen günstigen Verlaus nehmen werden.
Außerordentlich interessant wird es sein, die weitere Entwicklung der innerpolitischen Verhältnisse in England zu verfolgen. Wahrscheinlich kommt doch noch ein Kompromiß zwischen den beiden großen und alten Patteien zustande. Denn es kann kaum noch bezweifelt werden, daß die Unionisten bereit sind, die Erblichkeit der Lords preiszugeben und die Finanzrechte des Unterhauses anzuerkennen, und ebenso sicher scheint es zu sein, daß ein Persschub in größerem Umfange dem Wider - spruche des Königs begegnet. Was die Iren betrifft, so dürfte die Verständigung zwischen Liberalen und Konservativen sich vielleicht auf ihre Kosten vollziehen, in dem das Homerule Irlands nur ein wirtschaftliches, kein politisches wird. Auf alle Fälle aber bleibt die irische Frage weit mehr als die Frage der Reform des Oberhauses der schwierige Punkt im Verfassungsleben
Großbritanniens, zumal eine Formel gefunden werden soll, mit der nicht nur die Anhänger Redmonds, sondern auch die sogenannten unabhängigen Iren sich zufrieden geben.
In Belgien gewinnt der Lütticher Bergarbeiter- ausstand weitere Ausdehnung, und es wird, falls keine Einigung zwischen Streikleitung und Zechen zustande kommen sollte, der Ausbruch des Generalstreiks befürchtet.
Aus deif Heimat.
Gießen, den 7. Januar.
Von den 8 5 O b e r f ö r st e r st e l l e N in Hessen sollen diejenigen von Friedberg, Schaafheim, Trebur, Wieseck und Worms in längstens 5 Jahren a u s- gehoben werden.
* Ein christlich- und deutsch-sozialer Parteitag für Hessen und H essen - Na s- a u findet am 22. Januar d. Is. in Frankfurt a. M.
3war im Kompostellhossaal (Dominikanergasse, Straßenbahnlinie 18 und 18a). Für die nachmittags
Uhr beginnenden Verhandlungen haben die Reichs- tagsabgeordneten Behrens und Bindewald, außerdem der Reichstagskandidat für Erbach-Bensheim, Stadtv Rippel-Hagen, Oberlehrer Dr. Werner-Butzbach und ^^Ä^Hering als Redner zugesagt. Auch eine Anzahl hessische Landtagsabgeordnete werden an der Tagung teilnehmen. Es sollen Beschlüsse gefaßt werden über die bevorstehenden Reichstagswahlen, bei denen die beiden Parteien bekanntlich in allen Bezirken gemeinsam vorgehen wollen. Vis jetzt sind in Hessen und Nassau und dem 6. Agitationsbezirk der christlich-sozialen Partei folgende Kandidaten aufgestellt: Behrens in Wetzlar-Altenkirchen, Bindewald in Alsseld-Lauterbach-Schot- ten, Dr. Burckhardt in Herborn-Dillenburg, Köhlerin Gießen-Grünberg-Nidda, Nippel in Erbach-Bensheim. Außerdem sind Kandidaten in den meisten übrigen Kreisen des Vezitts in Aussicht genommen, über die der Parteitag Beschlüsse fassen soll.
Der Zweiten Kammer liegt folgender Antrag des Abg. Raab zu Kapitel 10 des Hauptvoran- schlags für 1911, betreffend Staatseisenbahnen, vor: »Ich beantrage den Betrag von 5000 Mk. in Ausgabe mehr einzustellen, zum Zwette der Gewährung des Wohnungsgeldzuschusses an die Beamten der ehemaligen Main-Neckar-Eisenbahn, wie er den Staatsbeamten nach dem Gesetz vom 10. März 1907 zusteht." Ein weiterer Antrag desselben Abgeordneten lautet: „Ich beantrage: von dem der Regierung zur Verfügung stehenden Fonds für öffentliche und gemeinnützige Zwecke, ist seitens der Negierung jährlich die Summe von 5000 Mk. zur Förderung der Volksbibliotheken zu verwenden."
* Das 3 2. Hessische Kirchengesang, vereinsfest wird nicht am Sonntag Trinitatis, sondern am 28. Mai (Eraudi) in Hungen stattfinden.
*) Mutterschutz war der Gegenstand eines Vortrages von Frl. Salomon, der gestern Abend in der neuen Universitätsaula stattfand. Fräulein Salomon legte dar, wie das Erwerbsleben der Gegenwart die Frauen der niederen Stände vielfach aus der Familie herausführe und es ihnen in Verbindung mit ihrer Armut schwer mache, ihre Mutterpslichten zu erfüllen. Die Gesetzgebung gewährt ja zwar solchen Frauen Schutz, aber noch nicht in ausreichendem Maße. Der „Bund für Mutterschutz" will besonders den unehelichen Müttern Schutz und Hilfe geben, aber er setzt sich mit seiner Verherrlichung dieser und mit seiner Predigt der freien Liebe über die Moral hinweg, bringt zudem keine Lösung des Problems. Unmoralisch ist auch die Auffassung der „doppelten" Moral, die bei dem Manne das verzeiht, ja erlaubt, was dem Mädchen Unèhre bringt, nämlich den außerehelichen Geschlechtsverkehr.
() Konzertverein. Zu dem Mar Reger- Abend im Konzettverein, welcher Sonntag, 8. Jan., 5 Uhr, in der großen Aula stattfindet, wird uns geschrieben: Mar Reger ist derjenige Komponist, welcher neben Richard Strauß augenblicklich am produktivsten und als Vertreter der absoluten Musik wohl die markanteste Erscheinung der Neuzeit ist. Das R e - g e r f e st in Dottmund im Juni 1910 hat den Beweis erbracht, daß seine Kompositionen auch bei denen, die der mordener Richtung etwas ferner stehen, Anerkennung gefunden haben! Unter den Ausführenden verdient in erster Linie die vortreffliche Sängerin, Frau Fischer- M a r e tz k y aus Berlin genannt zu werden, die wohl als die beste Interpretin Reger'scher Lieder gelten darf. Leider sind gerade die Reger'schen Lieder noch nicht genügend gewürdigt, und auch noch nicht genügend be- nügend gewürdigt, da noch nicht genügend be- ders in den sog. „schlichten Weisen" einen bedeutsamen Beitrag dar und überragen an Einfachheit, andererseits
in der Rhythmik und Harmonisierung viele der neuzeitlich entstandenen Lied-Kompositionen. Unter den Klavierwerken Regers verdienen diejenigen für 2 Klaviere eine ganz besondere Beachtung, so die Beethoven- Variationen. Gerade hier zeigt sich Reger als Meister der Variation und schließlich, wie in allen größeren Werken, als der allererste Meister der Fuge unter den Modernen! Gerade auf zwei Klavieren kommen die Reger'schen Kompositionen, außer der Beethoven-Variation sei noch an die Passacaglia erinnert, zu mächtiger, grandioser Wirkung. Der Klavierpart wird von zwei vortrefflichen Vertretern des Klavierspiels gemeistert werden. — Herrn T r a u t m a n n's Klavierspiel ist ja zur Genüge bekannt und als unübertrefflich in der Klangfarbe schon oft gewürdigt — von Reger weiß derjenige es zu erzählen, welcher im vorigen Winter ihn mit seinem Freunde M a r t e a u spielen hörte! Alles in Allem wird das nächste Konzert einen Kunstgenuß allerersten Ranges bieten, auf das Musikfreunde von Gießen und weiterer Umgebung nochmals hingewiesen seien. Karten sind bei Ernst Ehallier, sowie Abends an der Kasse zu haben.
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* Hungen. Die hiesigen Standesamtsregister verzeichnen für das Jahr 1910 38 Geburten (lebend Geborene), 12 Eheschließungen und 24 Todesfälle (darunter 4 totgeborene Kinder).
* Friedberg. Zusammengebrochen ist vor dem hiesigen Postschalter ein fremder Mann. Er hatte noch am Pulte einen Brief geschrieben, brach aber dann vor Schwäche zusammen. Nachdem man ihn mit Brot und Wein gestärkt hatte, wurde er nach dem Hospital gebracht. — Hier findet am 20. Januar eine Versammlung der Bürgermeister des Kreises statt.
* Butzbach. Beim Rodeln am Schrenzerberg verunglückten mehrere Kinder. Ein 14jähriges Mädchen erlitt einen Beinbruch und zog sich verschiedene Verletzungen am Kopfe zu.
* Maar (Kr. Lauterbach). Durch einen Oberseu- erwerker aus Fulda, der schon zitta 14 Tage mit der Untersuchung der von dem Scharfschießen im September vorigen Jahres herrührenden Munition beschäftigt ist, wurden die Vorgefundenen 16 nicht vollständig krepierten Geschosse gesprengt.
* Groß-Umstadt. Der hiesige Verein für Vogel- und Geflügelzucht veranstaltet am 4. und 5. März dieses Jahres im Lokale der Zuckerfabrik seine 3. allg. Geflügelausstellung.
* Büdingen. Die Aufhebung der infolge der Maul- und Klauenseuche für die Gemeinde Düdesheim verfügte Gemarkungssperre und der übrigen für den Kreis Büdingen angeordneten Schutzmaßnahmen wird in den nächsten Tagen erfolgen.
* Biedenkopf. In der Nacht zum Mittwoch wurde in unserer Stadt an zwei Stellen eingebrochen. Von dem Einbrecher, der mit den örtlichen Verhältnissen sehr vertraut gewesen sein muß, fehlt bis jetzt jede Spur. Der Polizeihund konnte die Fähtte nur bis zum Bahnhof verfolgen.
* Offenbach a. M. Hier stand heute vor dem Gericht die Verhandlung gegen den sozialdemokratischen Redakteur Kaul an, der bekanntlich den Radaudemon- straüonszug im November angeführt und dabei zum Schluß noch große Reden geredet hatte. Er wurde zu 40 Mark Geldstrafe verurteilt.
* Limburg a. L. Der nach Unterschlagung von 150 Mark flüchtige Direktor der Wach- und Schließ-Gesellschaft, Georg Schenk, wurde in Frankfurt verhaftet.
♦ Mainz-Mombach. Am Donnerstag mußten die 7 unteren Klassen der hiesigen Volksschule bis auf weiteres wegen starken Auftretens der Diphtherie geschlossen werden.
* Bingerbrück. Für bedrängte Winzer der Rheinprovinz stiftete die Rheinische Provinzial-Feuerver- sicherungsanstalt in Düsseldorf aus Anlaß ihres 75jähr. Jubiläums eine Summe von 50 000 Mk.
♦ Ober-Ingelheim. In besorgniserregender Weise verbreitet sich hier die Diphtherieseuche mit Masern und Scharlach unter den Kindern. Dem unheim - lichen Würgengel der Jugend sind leider schon mehrere Kinder zum Opfer gefallen.____________________
Gestorben:
Margareta Löber geb. Gilbert, 56 Jahre alt, Heuchelheim. — Beerdigung 8. Jan., 1 Uhr.
Richard Schäfer, 23 Jahre alt, Gießen. _______
Holzverkäufe und -Versteigerungen.
Bürgermeisterei Waldhausen: Mittwoch, 11. Jan., vorm. 10 Uhr, im Gemeindewald, Distr. Birkenstück.