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Gießener Zeitung
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Nr. 130
Telephon: Nr. 362.
Dienstag, den 6. Juni 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg
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Vierzig Jahre Reicbslanl
Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht einen aus I stiddeutfcher Feder stammenden Artikel „Vierzig Jahre I Neichsland", der an die Tatsache anknüpft, daß am 3. I Juni 1871 der erste Deutsche Reichstag dem ihm vor- I gelegten Gesetz über die Vereinigung von Elsaß und I Lothringen mit dem Deutschen Reiche zugestimmt hat, I uub daß somit die Reichsgeschichte in diesen Tagen eine . Art Jubiläum feiert. Der Artickel skizziert im Anschluß an die damaligen Reden des Fürsten Bismarck die Verhältnisse, unter denen die Vereinigung sich vollzog und die ungeahnten Schwierigkeiten, die dabei innerlich zu überwinden wäre,! und die nur deshalb überraschend kaineu, weil man die Bedeutung der beiden Jahrhunderte, in denen Elsaß-Lothringen vom Reiche getrennt war, mtterschätzt hatte. Der Artikel gedenkt sodann der mühevollen Arbeit, die der endgültigen Zustimmung des Reichstages zu dem Reformwerk vorangegangen ist und fährt fort:
Was ist nun eigentlich das Gefährliche an der Reform, wie sie in diesen Tagen nach langen Mühen Gesetz geworden ist? Die Stellung des Kaisers und des Statthalters ist nicht geschwächt, vielmehr verstärkt worden. Soll es etwa das Oberhaus sein, das zur Hälfte aus vom Kaiser ernannten Mitgliedern besteht und in das die politisch reifsten Elemente eintreten werden?
Cber das Wahlrecht für die zweite Kammer, das doch leine wesentlich anderen Zustände hervorbringen wird, als sie dasselbe Wahlrecht'im ganzen übrigen Süddeutschland, in Baden, Württemberg und Bayern geschaffen hat, und das nebenbei ganz gewist nicht im französi- lchen Sinne wirken wird, weil es die französisch beein- ilußte Oberschicht zu Gunsten der breiten, zweifellos deutschen Schichten der Bevölkerung zurückdrängt. Die Al- lerspluralstimmen waren ja als gewisser Schutz gegenüber den unreifen jugendlichen Elementen gedacht und hatten sicherlich so gewirkt; auf
der anderen Seite aber
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wären sie zunächst gerade der absterbenden Generation zugute gekommen, die noch mehr unter französischem Ein- chlß steht als die auf dem Boden des Reiches geborene. Oder endlich die Bundesratsstimmen? An der historisch begründeten, auf die mächtigsten Realitäten der Welt gestützten Machtstellung Preußens im Reich werden sie tatsächlich nichts ändern.
Es bleibt in Wahrheit nur die Frage, ob die elsaß- lothringischen Stimmen dem Reiche schaden können oder nicht. Die verbündeten Regierungen haben die Unterscheidung zwischen wirtschaftlichen und politischen Fragen abgelehnt, weil es unmöglich erschien, mit Sicherheit zu lagen, wenn eine wirtschaftliche Frage anfange oder aushöre politisch zu sein. Tatsächlich werden aber doch die Fälle, in denen der Statthalter von dem ihm erteilten
Rechte Gebrauch macht, die drei Stimmen anders zu in- liniieren, als der Kaiser und König die Stimmen Preu
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ßens instruiert, nur bei Entschließungen über wirtschaftliche Angelegenheiten vorkommen. Oder glaubt man, ba^ in einer hochpolitischen Frage der Statthalter, der I doch ein Vertrauensmann des Kaisers und des Reichskanzlers sein muß, seinen eigenen Weg gehen konnte? I Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Jedenfalls steht I einer seltenen und auf wirtschaftliche Interessen beschränk- I len Oppositionsmöglichkeit der ungeheuere moralische und I erzieherische Wert der verantwortlichen Mitarbeit an der Leitung der Reichsgeschäfte gegenüber, die sicherlich wie I kaum etwas anderes geeignet ist, das Band, daß Elsaß- Lothringen mit dem Reiche verbindet, fester, stärker und I inniger zu machen und so deutsch und verdeutschend zu wirken. Diese Stimmen bedeuten die Mündigkeit des Reichslandes. Mit ihrer Verleihung sprechen ihm der Kaiser, die verbündeten Regierungen und die Vertretung I des deutschen Volkes ihr Vertrauen aus, daß es den tuten Willen und dio Kraft haben werde, das unzer- llennliche Wohl des Landes und des Reiches in einem I zu pflegen und zu fördern. Die Frage, ob das in den I neuen Gesetzen zum Ausdruck kommende. Vertrauen berechtigt ist oder nicht, rückhaltlos zu bejahen, erfordert allerdings einen gewissen Optimismus. Aber, ohne ein gewisses Maß von Optimismus läßt ^rch überhaupt nicht regieren. Und es bleibt dabei, daß ^ürst < ismard iid) auch durch schmerzliche Ersahruugeu in diesem OM- inismus nicht hat irre machen lassen und daß bte jetzt ibiirchgcführten Reformen die logische Weilerfuhrung
'^Mnè^ Verewigung des jetzigen, höchst unerfteullchen Zustandes war ohne schweren Schaden für das Reich ebenso unmöglich, wie die Rückkehr zum 9lnncnonsge= bauten oder zum Glacisstandpunkt. So blieb nur ein entschlossenes Vorwärts, Datz dabei zunächst noch nicht
alles ganz nad) Wunsch gehen wird — wer sollte es | Bestrebungen der Gesellschaft in den beteiligten Kreisen
anders erwarten? Da heißt es eben, auch jetzt wieder
Geduld haben. Aber die innere Notwendigkeit der Dinge wird aus dem vollberechtigten Glied des Deutschen Reiches auch ein lebenbiges Glied des Reichskörpers machen.
Hur Stadt und Cand.
Giehen, den 6. Juni.
9hid) dem Feste.
Das war ein wahres rechtes Pfingstfest. Taufende und abertausende hat es hinausgezogen in die lachende Welt. Auf allen Landstraßen, Stegen und Wegen, im Wald und auf den Fluren herrschte ein reges Leben und Treiben — und trotz den ewig eilenben Radlern, Motor- und Autofahrern ein harmonisch schönes Volksbild von frohen, aus des Zimmers Enge der schönet! freien Natur, dem Sonnenlicht und dem Lenzesarün zueilenden Wanderern.
Wer es nicht vorzog, größere und weitere Ausflüge zu unternehmen, der erging sich in den Anlagen oder in der nächsten Umgebung der Stadt, und hier sand der aufmerksame Psiugstspaziergänger auch Erholung und Erbauung die Fülle. Unzählige Andere aber zog es weiter in den Westerwald, den Taunus und an den grünen Rhein. Demzufolge war der Psingstverkehr ausden Eisenbahnen, ein außerordentlich starker. Trotzdem wickelte sich alles glatt ab. Unsere Bahnverwaltungen, und noch mehr das Personal, sind aus solche Fälle schon genügend „geeicht".
Was das Pfingstwetter anlangt, so haften die Meteorologen richtig prophezeit. Es herrschte eine ungemein warme Hochdruckwitterung. Am Nachmittage des zweiten Feiertages kühlte ein Gewitter die geradezu tropische Hitze etwas ab.
So ist die brausende Pfingstsymphonie wieder verstummt, und heute ist sie nur noch eine angenehme Erinnerung, abgesehen von denen, die in der glücklichen Lage sind, nach dem alten Grundsatz, daß alle guten Dinge drei sind, noch einen weiteren Feiertag zu begehen. Aber schließlich schlügt auch diesen Glücklichen eine Stunde, und zwar nicht zu ihrem Nachteil; beim: alles kann der Mensch ertragen, nur nicht eine Keily von schönen Tagen. -ck-
* Wohltät/igkeits-,Konzer1. Zum Besten des Jnvalidendanks fand am Samstag abend in Steins-Garten ein Konzert von der Kapelle unseres Infanterieregiments statt, das leider nur einen schwachen Besuch aufzuweisen hatte. Es war ja etwas gewagt, eine derartige Veranstaltung auf den Vorabend des Pfingstfestes zu verlegen. Viele Leute, die sicher das Konzert besucht hätten, waren schon auf der Pfingst- serienreife, während ein anderer Teil den Ausflug für die nächsten Tage vorbereitete und die paar Pfennige, die der Besuch des Konzertes gekostet hätte, für die Reise zurücklegte.
Die Kapelle wartete mit einem trefflichen Programm auf. Der Hochzeitsmarsch a. d. Sommernachtstraum v. Mendelssohn-Bartholdy leitete das Konzert mächtig und eindrucksvoll ein. Ihm folgte die Overture zur Oper „Zar und Zimmermann" v. Lortzing. Der zweite Teil brachte „Wotans Abschied von Brünhilde und Feuerzauber aus Walküre" v. Wagner. Der letzte Teil enthielt den Walzer aus dem Rosenkavalier v. R. Strauß. Daß die Kapelle sämtliche Stücke vorzüglich wiedergab, brauchen wir wohl nicht besonders zu erwähnen. Den Freunden guter Musik brachte der Abend volle Befriedigung und ließ keine unerfüllten Erwartungen zurück; aber im Interesse der guten Sache wäre es wünschenswert gewesen, wenn auch nach der pekuniären Seite hin ein voller Erfolg erzielt worden wäre.
* Das Landeskomitee der hessischen Z e n-
trum spart ei tritt am Mittwoch, den 21. Juni, in Mainz zu einer Sitzung zusammen. Die Tagesordnung lautet u. a.: Die politische Lage in Hessen und im neue Wahlgesetz und hessischer Parteitag.
Reich, das
* Der Georgi, 71 Jahren
* Der manns
Beigeordnete, Kommerzienrat Ludwig ist Samstag abend 10% Uhr im Alter von g e st o r b e n.
Deutschen Gesellschaft für Kau f- - Erholungsheime ist seitens des Reichskanzlers folgendes Schreiben zugegangen: „Von der Errichtung der Deutschen Gesellschaft für Kaufmanns-Erholungsheime habe ich mit besonderem Interesse Kenntnis genommen. Bei der hohen sozialen Bedeutung des Werkes zweifle ich nicht daran, daß die
ücrjtänbnisüoUcr Anerkennung begegnen und datz Ihre Erfolge dem Gemeinsinn und dem sozialeil Empfinden der deutschen Kaufmannschaft ein neues glänzendes Zeugnis ausstellen werden."
Des weiteren wurde auf der Hauptversammlung des Deutschen Verbandes Kaufmännischer Vereine am 28. Mai folgende Resolution einstimmig angenommen: „Der Deutsche Verband kaufmännischer Vereine spricht seine Freude über die Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Errichtung von Kaufmanns-Erholungsheinien aus. Er sagt der Gesellschaft um so freudiger seine Unter - stützung zu, als die Errichtung von Kaufmanns Erholungsheimen geeignet ist, eine fühlbare Lücke in unseren sozialen Fürsorgebestrebungeu auszufüllen. Der Deutsche Verband kaufmännischer Vereine beschließt da her, der Deutschen Gesellschaft zur Errichtung von Kaufmanns-Erholungsheimen als Mitglied beizutreten und fordert alle ihm angeschlossenen Kaufinännischen Vereine auf, diesem Beispiel zu folgen und in den Kreisen ihrer Mitglieder für den Anschluß an die Deutsche Gesellschaft zur Errichtung von Kaufmanns-Erholungshein^en zuwerben."
* Die längsten Tage und die kürzesten Nächte haben wir vor uns. In den Tagen vom 20.—23. Juni aber geht die Sonne bereits 3 Uhr 39 Minuten auf und erst 8 Uhr 14 Minuten unter. Am 24. Juni verkürzt sich die Tageslänge schon um eine volle Minute und am 30. Juni ist der Tag bereits drei Minuten kürzer.
• -)(- Dutenhofen, 6. Juni. Bei der kürzlich erfolgten Zwangsversteigerung ist das Gasthaus „I a g d- s ch l ö ß ch e n" für den Preis von zirka 43 000 Mark in den Besitz des Brauereibesitzers Bichler in Gießen übergegangen.
* Aus dem Vogelsberg, 6. Juni. Selbsthilfe. In Grünberg schlachtete ein Schweinezüchter eines seiner Borstentiere und bot durch die Schelle das Pfund zum Preise von 60 Psg. an. Auch in Lauter schlachteten Züchter, die ihreSchweine nicht los werden konnten, in voriger Woche 2 Stück und verkauften das Fleisch an die Ortseinwohner zu 60 Pfg. das Pfund.
-fch- Friedberg, 6. Juni. Die Erbauung eines neuen Schlachthauses steht bevor. Es soll in die Nähe des neuen Güterbahnhofs, in die Gemarkung Fauerbach gelegt werden.
* Darmstadt, 6. Juni. Im Restaurant „Schieh- Haus" fand der diesjährige Bezirkstag der a l 1 k a t h o- lischen Gemeinden von Hessen und N as - s a u statt. Er war zahlreich beschickt, auch aus badischen Gemeinden waren Abgesandte erschienen, ferner waren viele Freunde des Altkatholizismus zugegen. An den Grotzherzog und an den Bischof der Altkatholiken Deutschlands in Bonn wurden Begrüßungstelegramme gesandt.
* ) M a i n z, 6. Juni. Rechtsanwalt Justizrat V ö r 1 h e l, der Führer der Fortschrittlichen Volkspar- tei, ist einem Schlaganfall erlegen.
* Mainz, 6. Juni. Zum großen Festzug beim Katholikentag sind vom Festzugskomitee die sämtlichen hiesigen Militärkapellen sowie eine Anzahl Privatkapellen, im ganzen 18 Korps, engagiert worden. Hierzu kommen noch zahlreiche Kapellen, die von auswärtigen Vereinen mitgebracht werden.
e) Frankfurt, 6. Mai. Der Eisenbahnbetrieb aus dem hiesigen Hauptbahnhose stand an den Psingst- tagen im Zeichen eines Massenverkehrs, wie ihn Frankfurt seit Jahren nicht erlebt hat. Sämtliche verfügbaren Verkehrsmittel mußten aufgeboten werden, um den enormen Ansprüchen gerecht zu werden. Insgesamt wurden an den letzten 3 Tagen 119 Vor- und Nachzüge gefahren. Die Einnahmen aus dem Fahrkartenver- kaus allein auf dem Hauptbahnhofe dürften % Million Mark erreichen, wenn nicht gar noch überschritten.
* Marburg, 6. Juni. Die Fleischerinnung setzte den Preis für Schweinefleisch herab. Gewöhnliches Schweinefleisch kostet das Pfund jetzt 60 Psg.
* Koblenz, 6. Juni. Die kgl. Regierung hat die weitere Benutzung des Stadttheaters endgültig von bestimmten Umbauten abhängig gemacht. Um die Schließung des Theaters zu verhindern, bewilligte die Stadtverordnetenversammlung hierfür 50 000 Mark. Bei dem Wegfall der Schlachtsteuer im Betrage von mehr als 200 000 Mark und noch bevorstehenden großen Anforderungen bebeutet diese Summe eine sehr fühlbare Belastung der Stadt.