Gießener Veitun
Vezugspreis 50 pfg. monatlich
vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Seltersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
Enthält alle amtt. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
Behörden Gberhessens
Expedition: Selters weg 83.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Psg.; die 90 mm breite Petitzeile im R e k l a lu c t e i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50°, o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gelvicht und Grüße berechnet. Rabatt tommt bei Ueberschreitung des Zahlungszieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohncBerbütdlichkcit.
Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 5.
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 6. Januar 191 i
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Probennmmern
der „Gießener Zeitung" stehen unseren Lesern in beliebiger Anzahl jederzeit kostenlos und portofrei zur Verfügung. Wir bitten unsere Leser und alle Freunde unseres Blattes wo nur möglich für dasselbe zu werben, solches in Bekannten- und Freundeskreisen zu empfehlen und uns freundl. Adressen aufzugeben, welche sich für unsere Zeitung interessieren dürften.
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Dit frtmdtnltgiON.
Daß Abenteuerlust, die unbedacht und unerfahren in die Ferne schweift und das Fremde bevorzugt, unbezähmbar, daß jugendlicher Leichtsinn, der unbesonnen die Folgen nicht wägt, unverwüstlich ist, bezeugt der ungemindert starke Zuspruch, dessen sich die französische Fremdenlegion von unseren deutschen Landsleuten noch immer zu erfreuen hat. Jahraus jahrein verbreitet die deutsche Presse bewegliche Schilderungen und Klagen über das jammervolle, ja geradezu empörende Schicksal, das ungezählten jungen Deutschen aus Altdeutschland und besonders aus dem Reichslande Elsaß-Lothringen die Fremdenlegion bereitet; und doch scheint noch immer nicht eindringlich und abschreckend genug vor dem Verhängnis gewarnt zu werden, das unfehlbar über alle die, ohne Ausnahme, Hereinbrichl, die sich durch trügerische Vorspiegelungen, durch Gaukelbilder verführen lassen, in die Reihen der Fremdenlegion zu treten.
Um Unerfahrene und Unwissende zu locken und zu verblenden, wird von französischer Seite die Fremden - legion als eine Kerntruppe bezeichnet — in Wirklichkeit ist sie ein Schandfleck des französischen Heeres, verrucht bei denen, die sie kennen, verflucht von den Unglückseligen, die ihr angehört haben. Sie ist, wie ihr Name sagt, ein Fremdkörper in der Armee Frankreichs, eine Söldnerschar, in der sich — abgesehen von Hunderten Deutschen, die ihren besten Teil bilden — aus aller Herren Länder verkrachte, verdorbene, verlorene Subjekte zusammenfinden, Bummler und Landstreicher, Lumpengesindel aller Art, unverbesserliche Gauner und geborene Verbrecher, dazu Schiffbrüchige, die in der Fremdenlegion den Rettungsanker zu finden hoffen, um in ihr sicherem Verderben anheimzusallen.
„Moderne Landsknechte" hat man die Fremdenlegionäre genannt; aber damit stellt man sie in eine Beleuchtung, die ihr Wesen nicht kennzeichnet. Die alten deutschen Landsknechte, die vor Jahrhunderten in fremdem Solde standen, führten ein menschenwürdiges, sogar rühm- und ehrenvolles Leben im Vergleich mit den Soldaten der Legion Etrangere, die in Wahrheit nicht einmal den Namen Knechte beanspruchen können, weil sie nichts anderes als Sklaven sind, die ein unsagbar armseliges, hartes, schier trostloses Dasein fristen, Sklaven, die an die Fahnen förmlich gefesselt werden müssen, um ihre Flucht zu verhüten. Seit Menschenaltern pflegt die „grande Nation" den seltsamen Ruhm, inmitten der „modernen Zivilisation", an deren Spitze sie angeblich marschiert, eine Sklaventruppe aus fremden Menschen zu züchten, die dazu bestimmt ist, in dem afrikanischen und asiatischen Koloniallande Grenzwacht zu halten und gegen Wilde Krieg zu führen. Alle Berichte von Deutschen, die in der Fremdenlegion gedient haben, bestätigen die unvergleichlich schmachvolle und grausame Behandlung, die in ihr „Soldaten" des 19. und 20. Jahrhunderts zuteil wird, und sie stimmen darin überein, daß der militärische Dienst eine ununterbrochene Kette darstellt von Mühsal und Strapazen, von Entbehrung und Elend an Leib und Seele. Des Dichters Wort „Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang" haben noch alle Deutschen erfahren, die der Fremdenlegion ange- hört haben und den Namen Deutsche noch verdienen. Die meisten von ihnen aber haben entweder mit einer Tat der Verzweifelung die unselige Stunde gebüßt, die sie dem Los der Fremdenlegion überantwortet hat, oder sie haben ihr junges Leben in der Wüste der Sahara oder in Tonkin opfern müssen, im Kampfe mit dem mörderischen Klima oder mit wilden Horden. Und obendrein sind diese Opfer nicht zum Vorteil des eigenen Landes, sondern im Dienste eines fremden, uns feindlich gesinnten Staates gebracht worden! Ruhm und Ehre aber sind nimmer unter den Fahnen der Fremdenlegion zu holen.
Es ist keine Uebertreibung, wenn die haarsträuben
den Zustande, die in der Fremdenlegion herrschen, mehr als einmal in der Bauptung zusammengefaßt worden sind: das Leben in der Fremdenlegion gleicht dem in der Hölle, über der wie über der Eingangspforte zu Dantes Hölle die Worte stehen: „Laßt jede Hoffnung hinter euch, die ihr hier eintretet!" Und diese Hölle der Fremdenlegion haben die Franzosen wohlweislich so eingerichtet, daß die unglückseligen Deutschen, die dorthin verschlagen werden, von ihrem Mutterlande keine Hilfe, keine Rettung zu erwarten haben. Um so mehr bleiben nach wie vor alle, die irgend berufen sind, deutsches Blut vor Gefahr und Unheil zu schützen, verpflichtet, immer wieder vor der Fremdenlegion zu warnen, so lange bis so leicht kein Deutscher mehr, der für sein Heimatland noch irgend Wert hat, oer Versuchung unterliegt, Waffendienst in der Fremdenlegion zu suchen, so lange bis die Vorstellung von dieser als von einer Stätte des Abschaums und des Abscheus, des Schreckens und des Grausens überall in Deutschland Fleisch und Blut geworden ist.
Uom Liberalismus in Hessen.
Der nationalliberale Darmst. Tägl. Anz. bringt im Hinblick aus die Sitzung des Landesausschusses, die am nächsten Sonntag in Darmstadt abgehalten wird, einen Artikel aus jungliberaler Feder, der sich mit Aussichten des geeinigten hessischen Liberalismus bei den bevor - stehenden Reichstagswahlen beschäftigt. Das Blatt schließt seine Ausführungen folgendermaßen: „Wenn wir jetzt zusammenfassend sagen, daß der geeinigte hessische Liberalismus in acht aussichtsvolle Stichwahlen gelangt — Hessen hat neun Wahlkreise — und wenn wir hinzufügen, daß nach unserer Berechnung und vorausge - setzt, daß die Hess. Lib. Wochenschrift recht berichtete, unter diesen acht Stichwahlkandidaten die nationalliber- ale Partei 7 stellen darf, so vermögen wir nicht anzunehmen, daß die Landesausschußsitzung zu einem Resultat gelangt, das eine Verständigungsaktion zwischen den liberalen Parteien, die von der liberalen Wähler - schast sehnlichst erwartet wird, unmöglich macht."
Aus der Heimat.
Gießen, den76. Januar
* Der Groß Herzog empfing am 4. Januar u. a. den Professor Klingelhösfer, den Professor Dr. Fink, den Professor Dr. Bauer, den Professor Dr. E ck von Gießen.
* Die Verkehrseinnahmen aus dem Personen- und Güterverkehr betragen nach vorläufiger Feststellung: für die Preußisch-Hessische Eisen - bahngemeinschaft: a) im Monat Oktober 1910 Mk. 183 320 000 oder gegen das Vorjahr mehr 13 944 000 Mk. gleich 8,23 Proz., b) in der Zeit vom Beginn des Rechnungsjahres 1 216 446 000 Mk. oder gegen das Vorjahr mehr 77 396 000 Mk. gleich 6,79 Proz.
• Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer wird heute nur eine kurze Sitzung abhalten und sich alsdann am Mittag in corpore nach Mainz begeben, um daselbst das neue Justizgebäude, das Verwaltungsgebäude für die Großh. Weinbaudomäne und das kurfürstliche Schloß, für dessen Wiederherstellung für dies Jahr ein Staatszuschuh von 38 750 Mark verlangt wird, einer Besichtigung zu unterziehen.
* Vermächtnis. Aus Vacha wird gemeldet: Der kürzlich in Gießen verstorbene Ehrenbürger unserer Stadt, Kommerzienrat Heyligenstaedt, hat seiner Vaterstadt Vacha ein Kapital von 3 0 00 0 Mark vermacht, dessen Zinsen alljährlich an bedürftige, strebsame Handwerker cur Verteilung kommen sollen.
* Freie Landeskirchliche Vereinigung. Am Montag nachmittag sand in Frankfurt a.M. die diesjährige Generalversammlung der Freien Landeskirchlichen Vereinigung für das Großherzogtum Hessen statt. In der geschlossenen Mitgliederversammlung wurden der Jahresbericht verlesen und die Rechnung abgelegt. Sodann wurde mitgeteilt, daß das bisherige Organ der Freien Landeskirchlichen Vereinigung, die „Neuen Evangelischen Blätter", mit der Dezembernummer sein Erscheinen eingestellt hat. Fortan soll gemeinsam mit der Kirchlich-liberalen Vereinigung für Vaden eine Zeitung in Wochen- und Monatsausgabe erscheinen, die den Titel führt: „Süddeutsche Blätter für Kirche und freies Christentum". In der öffentlichen Versammlung sprach Pfarrer D. E. Foerster-Frankfurt a. M. über „Lehrordnung und Lehrfreihei, der Prediger nach evangelischen Grundsätzen". In der Diskussion fanden die Ausführungen der Redner Zustimmung.
* Die Tagesdauer nimmt im Januar^bereits wieder um mehr als eine Stunde zu. Am 1. Januar
Sonnenaufgang 8.17 Uhr, Sonnenuntergang 4.9 Uhr, am 31. Januar aber Sonnenaufgang bereits 7.52 Uhr und Sonnenuntergang erst 4.54 Uhr.
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* Darmstadt. Der Großherzog hat den stellvertretenden Bevollmächtigten zum Bundesrat, Geh. Staatsrat Krug v. Nidda, bis auf weiteres mit der Führung der Geschäfte der Gesandtschaft am Kgl. Preuß. Hofe beauftragt und den Vortragenden Rat im Ministerium des Innern, Oberregierungsrat Dr. Ernst Weber, bis auf weiteres zum stellvertretenden Bevollmächtigten zum Bundesrat bestellt.
* D a r m st a d t. Die feierliche Beisetzung von Professor N. Trümpert fand unter außerordentlicher Teilnahme statt. Der Kriegerverein mit einem Trompeterkorps ging dem Trauerzug voraus. Zahlreiche Vereine, Schulen 2c. hatten Deputationen geschickt. Pfarrer Rückert hielt die Grabrede. Der Vorsitzende des Darmstädter Kriegervereins, dessen Mitglied der Verstorbene 22 Jahre war, legte unter eindrucksvollen Worten den ersten Kranz nieder, auch die evangelische Gemeinde Rödelheim widmete eine Kranzspende.
* Bad-Nauheim. Dr. Strecker ist wegen einer nervösen Herzerkrankung für einige Wochen vom Schuldienst beurlaubt. Seine Vorlesungen werden für diese Zeit gieichsalls aussallen. — Die Kinder des Restaurateurs Lutz spielten mit einem Zigarrenabschneider. Das zweijährige Bübchen steckte den Zeigefinger in den Abschneider, worauf der vierjährige Bruder darauf schlug. Das vordere Glied des Fingers wurde abgeschnitten.
* Langen. Für die Obstzüchter unserer Gegend wardas Jahr 1910 ein vorzügliches Erntejahr. In Langen und den sieben umliegenden Gemarkungen wurden nämlich geerntet und meistens auch verkauft 45 758 Ztr. Aepfel, 1184 Zentner Birnen und 100 Zentner Steinobst. Der Gesamterlös dürfte sich aus beiläufig 250 000 bis 300 000 Mk. beziffern.
* Wetzlar. Stadt und Kreis Wetzlar sollen in möglichster Bälde mit elektrischem Licht und Kraft versorgt werden. Für die Anlage, die auf Rechnung der Vuderus'schen Eisenwerke errichtet wird, ist die Vergebung der Maschinenlieferung^eretts Dvrgenommen worden.
* Alsfeld. Eine Polizeiverordnung über den Besuch von Wirtshäusern und öffentlichen Tanzbelustigungen durch jugendliche Personen hat das Kreisamt erlassen. Hiernach ist Personen unter 16 Jahren der Besuch von Wirtshäusern und öffentlichen Tanzbelustigungen ohne Begleitung ihrer Eltern oder deren Stellvertreter, wie Vormünder und Pflegeeltern, untersagt.
* Nieder-Eschbach. Im 83. Lebensjahr starb hier der Landwirt und Postagent Joh. Wilh. S e i - boldt 1., ein eifriger Förderer des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens und Mitglied des Bundes der Landwirte, dessen Wahlkreisvorsitzender, und zuletzt auch Ehrenwahikreisvorsitzender, er für den Reichstagswahlkreis Friedberg-Büdingen gewesen ist.
* Gladenbach. In der Nähe unseres Ortes wurde ein Müllerbursche vom Zuge der Marburg-Herborner Bahn überfahren und entsetzlich verstümmelt. Der junge Mann stammt aus Reiskirchen.
* Weilburg. Die ordentliche Hauptversammlung des „Lahnkanal-Vereins" E. V. findet am Sonntag, 8. Januar, in Limburg in der Turnhalle statt.
* Aus dem Kreise Marburg. In Münchhausen brannten in der Silvesternacht die Gebäulichkeiten des Landwirtes Verghöfer nieder. Es wird Brandstiftung vermutet.
* Marburg. Die Bevölkerung unseres Kreises ist von 53 779 im Jahre 1905 aus 57 641 gestiegen, 28 503 (26 874) männliche und 29 138 (27 574) weibliche Personen. Auf die Stadt Marburg entfallen 21 869 (20 136) Einwohner. Bemerkenswert ist, daß fast sämtliche Landorte an Einwohnerzahl zugenommen haben.
* Kassel. Der neue großstädtische Viehhos wurde eröffnet, gleichzeitig die neubegründete Viehmarkisbank mit 500 000 Mk. Kapital auf genossenschaftl. Grundlage.
Gestorben:
Adolf Z u r b u ch, Mitinhaber der Firma Wilhelm Zurbuch, Gießen.
Ludwig Roth, Bergwerksdirektor, 66 Jahre alt, Wiesbaden-Wetzlar.
Holzverkäufe und -Versteigerungen.
Gr. Oberförsterei Nieder-Ohmen: Freitag, den 13. Januar. Nähere Auskunft erteilt Forstwart Birkenstock zu Ober-Grubenbach, Post Nieder-Ohmen.
Kgl. Oberförsterei Vöhl: Montag 9. Jan. von vormittags 10 Uhr ab in der Gastwirtschaft von Baumann in Schmittlotheim.