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Gießener JeiLnng

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Verlag derGiestener Zeitung" G. m. b. H.

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der Großherzoglichen

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sowie vieler anderer

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des Großherzoglichen

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Expedition: Seltersweg 83

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Nr. 81

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch dcu 5. April 1911

Telephon: Nr. 362.

23.

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Die Partei der Stimmziffer.

Der alte Bebel hat in seinem Hamburger Wahlkreise seine Kandidatenrede gehalten und sich dabei auch über die bei den allgemeinen Wahlen zu befolgende Taktik der Sozialdemokratie geäußert, nicht zur Freude der frei­sinnigen Sozenfreunde. Denn er hat wieder einmal wie ost soll er's eigentlich noch? aufgeräumt mit Großblockhoffnungen und aufgeräumt mit dem holden Wahn, die Sozialdemokratie möchte, zum größeren Scha­den desschwarz-blauen Blocks", zwecks taktischen Zu­sammengehens auf Zählkandidaturen verzichten und den Sieg des entschieden Liberalen fördern.

Es ist noch immer nichts mit der nun schon reich­lich lange erwarteten Mauserung der Sozialdemokratie, noch immer nichts mit demAntiblock". Die Sozialde­mokratie hat's eben nicht nötig, irgendwelche Rücksichten auf ihre Freunde von der entschiedenen Linken zu neh­men, die für sie ja doch letzten Endes den Bourgeois­geruch an sich haben.

Der Freisinn aber zerdrückt eine Träne im seelen - vollen Demokratenauge.

Und tritt Dir einer vor den Wanst, So stöhn': es hat mir wohlgetan!

Diese schönen Worte, die die Jugend den Gießener Nationalliberalen widmete, passen sie nicht in weit hö­herem Maße auf die Herren vom Freisinn, die entschlos­sen sind, der Sozialdemokratie den Stiefelputzer zu ma­chen,selbst wenn sie die Parole: mit Links« gegen Rechts ihrerseits nicht befolgt und durch Aufstellen eigner, aus­sichtsloser Kandidaten den Sieg eines Schwarz-Blauen fördert?"

Vier Millionen Stimmen und 50 Mandate find mir lieber als drei Millionen Stimmen und hundert Man­date" hat Bebel gesagt. Und er hat recht vom Stand­punkt der Sozialdemokratie. Die Tatsache, Viermillio­nenpartei zu sein, ist für sie ein unendlich besseres Agi- tationsmittel als eine starke Reichstagsfraktion. Schon deshalb, weil man in der Sozialdemokratie mit den Mandaten doch nichts Rechtes anzufangen weiß. Ob fünfzig Leute zu allemnein" sagen, oder ob es achtzig oder hundert sind, bleibt in der Wirkung nach außen völlig gleich. Oder vielleicht: es bleibt sich insofern nicht gleich, als bei hoher Mandatsziffer doch hier und da im Kreise der Genossen der Wunsch nach praktisch wahr­nehmbaren Erfolgen sich regen könnte. Und daran ist ja nicht zu denken, soll nicht gedacht werden. Denn wenn man so bewußt auf die Grundlage zur Mitwir­kung an gesetzgeberischer Arbeit und auf das Mittel zur Ausübung politischer Macht verzichtet, wie Bebel es hier tut, so ist das eben wieder ein Beweis dafür, daß man in der Sozialdemokratie nach wie vor nicht an positives Schaffen denkt, und daß die links genährte Hoffnung auf ihre Erziehung zu praktischer Mitarbeit ein frommer Wunsch bleibt, wie manches andere. Wie das überdies auch aus der deutlichen Absage an dieHoffnungsmeier" des Großblocks hervorging.

Vielleicht ist es auch noch eine andere Erwägung, die Bebels Abneigung gegen gemeinsam taktisches Vor­gehen mit der Linken und gegen eine hohe Mandats - Ziffer begründet: die Frage nach der Lebensdauer des nächsten Reichstages. Mit 120 Sozialdemokraten, etlichen 60 Freisinnigen ist unter Hinzunahme der Polen, Wel­fen 2C. eine positive Arbeit stark gefährdet, wenn nicht unmöglich. Und damit ist die Notwendigkeit der Aus­lösung, des erneuten Appells an die Wähler gegeben. Das aber kann der Sozialdemokratie nicht gerade wün­schenswert fein, denn der Umschwung in den Wähler-, vor allem den Milläufermassen wird sich dann in kür­zester Zeit vollziehen, und die extreme Linke wird die Zeche zu begleichen haben. Das zu vermeiden, ist vom sozialdemokratischen Standpunkte nur taktisch klug, denn dann bewahrt sie den Nimbus der hohen Stimmen - zahl.

Und wenn die Freisinnspresse nun Herrn Bebel gu­ten Rat weiß, wie er durch Aufstellen mehrerer Kandi­

daten in einzelnen Kreisen die hohe Stimmziffer errei­chen und dabei doch die Stärkung der gesamten Linken fördern könne, so sind wir zwar überzeugt, daß dieser Rat aus einem guten Herzen kommt, daß er aber schwerlich befolgt werden wird. Erstens aus taktischen Gründen, und zweitens, weil die Sozialdemokratie sich um ihrer freiwilligen bürgerlichen Helfer willen nicht von ihrem geraden Draufgehen ablenken lassen wird.

Wozu soll sie's auch? Sie weih, derentschieden li­berale" Trotz folgt ihr auch ohne Entgegenkommen ihrer­seits. Und wenn er's nicht täte, wär's ihr auch noch gleichgültig. Ihre Parole ist einfach und klar und hat mit der Grotzblockidee nichts gemein: Viermillionen­partei.

Der Freisinn aber ist in der Lage des betrübten Lohgerbers, dem die schönen Felle der erschlagenen Schwarz-Blauen" davonschwimmen.

Unentwegt" wie er ist, wird er aber weiter mit Manneswürde" der roten Internationale nachlausen.

Hus Stadt und Land.

Gießen, beit 5. April 1911.

Gießen, 4. April. Das Großherzogs- p a a r, in Begleitung von Landgraf und Landgräfin Chlodwig von Hessen, Prinzessin zu Solms-Lich und Gefolge, traf gestern, von Darmstadt kommend, in Frank­furt ein und stieg imEngl. Hof" ab. Die Herrschaften wohnten dem Konzert des Rühlschen Gesangvereins im Saalbau bei, nahmen dann imEnglischen Hos" das Diner ein und kehrten hierauf nach Darmstadt zurück.

- l- Gießen. Mit dem 1. April sind versetzt worden der berittene Wachtmeister Eichenauer von hier nach Groß-Gerau als Fußgendarm; Wachtmeister Matthes von hier nach Alsfeld und der berittene Wachtmeister Janson von Alsfeld nach Gießen.

* Gießen, 5. April. Nächsten Sonntag tagt hier der Landesverband hessischer Architekten, er verbindet mit seiner diesjährigen Generalversammlung eine Ausstellung von Plänen und Zeichnungen kunstgewerblicher Erzeug­nisse seiner Mitglieder. Nach den zahlreich eingelaufenen Anmeldungen werden Entwürfe von Kleinwohnungs - bauten ganz besonders stark vertreten sein. Die Ausstel­lung ist in der alten Klinik, der Verbandslag in Steins Garten.

* ) Gießen, 5. April. Der diesjährige Verbands­lag der Gabelsberger Stenographenvereine findet hier vom 1. bis 3. Juli statt.

* Gießen. Ausbildung von Handar­beitslehrerinnen. Man schreibt uns: Wie aus dem Inseratenteile ersichtlich, beginnen die neuen Kurse der Abteilung 1 des A l i c e - S ch u l - V e r- e i n s Seminar zur Ausbildung von Handarbeits­lehrerinnen und Gewerbeschule für alle weiblichen Hand­arbeiten Dienstag, den 25. April. Die seitherige ver­dienstvolle Leiterin, Oberlehrerin Lina M o e s e r, legte mit Schluß des letzten Schuljahres, eines Augenleidens wegen, ihr Amt nieder, das sie 23 Jahre hindurch mit größtem Eifer und treuester Pflichterfüllung ausgeübt hat. An ihre Stelle tritt eine am Lettehaus in Berlin ausgebildete staatlich geprüfte Lehrerin, Fräulein Hed­wig Hoppe, die schon einige Jahre als ausbildende Lehrerin von Handarbeitslehrerinnen tätig war. Die Leitung des Ganzen Abt. 1 wurde in die Hände von Fräulein Mathilde König, preuß. Gewerbeschul­lehrerin, gelegt. An diese sind alle Ansragen, Anmel­dungen und Forderungen zu richten. Daß mit diesen Veränderungen zugleich auch auf verschiedenen Gebieten eine Umgestaltung verbunden ist, erscheint selbstverständ­lich gilt es doch mit der raschlebigen Zeit und ihren wachsenden Werten Schritt zu halten und zu bedenken, daß Rasten heißt Rosten. Besondere Erwähnung ver­dienen die zusammengesetzten Kurse, in denen die Grund­lage für jegliche Handarbeit gelegt wird. In diesen er­lernen die Schülerinnen gründliche Anleitung in Weiß- und Maschinennähen, Stopfen und Flicken, um dann wohl vorbereitet mit bestem Erfolge und Nutzen die Ein­zelkurse besuchen zu können. Verständige Mütter wer­den die Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Vorstufe sofort einsehen. Nur da, wo ein guter Grund gelegt ist, kann man ruhig und sicher ausbauen.

* Gießen, 5. April. Mit dem 1. April endele in diesem Jahre in allen hessischen höheren Lehranstal­ten das lausende Schuljahr. Für die Ausstellung der Klassenzeugnisse kam diesmal eine in den letzten Tagen erst erlassene Ministerialverfügung der obersten Schulbe­hörde zum ersten Male zur Anwendung, wonach die bisher in Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Französisch und ; Mathematik gebräuchlichen geteilten Noten für mündliche : und schriftliche Besähigung nicht mehr zulässig sind. Es bars fernerhin auch für diese Hauptsächer nur noch 1 eine Hauptnote erteilt werden und zwar soll im Diffe­

renzfalle die mündliche Befähigung für die Hauptnote ausschlaggebend sein. Die Noteungenügend" in einem Hauptfach wird durch eine Note 3 in einem anderen Hauptfach bei der Versetzung ausgehoben. Zum Matu- rum wird nur zugelassen, wer die Noteungenügend" in einem Hauptsach durch eine vorausgchende besondere Prüfung in diesem Fach vorher beseitigt hat.

Gießen, 5. April. In einem soeben an die Eisenbahndirektioiü ergangenen Erlatz des Eisenbahn - Ministers wird daraus hingewiesen, daß die planmäßi- gen Dienstschichten des gesamten Personals höchstens 15 Stunden dauern dürfen. Nur, wenn es gilt, eine Rück­kehr des Dienstpersonals zur Heimat zu ermöglichen, darf eine dienstlose Heimfahrt die Grenze der 15. Stunde um ein Mäßiges überschreiten. Soweit noch lGjtünbigc Dienstschichten bestehen dürften, sind sie sofort zu besei­tigen. Als einheitliche Höchstgrenze für die zulässige In­anspruchnahme der Eisenbahnbetriebsbeamten seien aller­dings von den Bundesregierungen mit Staatsbahnbesitz 16 Stunden festgesetzt worden, für die preußisch-hessische Staatsbahnverwaltung seien aber die milderen Dienst­dauervorschriften unverändert in Kraft geblieben.

Gießen, 5. April. (Bodelschwingh-Denkmal.) Am 2. April war es ein Jahr her, daß in Bethel bei Bielefeld Pastor D. v. Bodelschwingh, der Leiter der dortigen Anstalten, gestorben ist. Bekannt ist seine Tätigkeit aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge. Er hat Bethel zu der größten Anstalt für Epileptische gemacht, die es gibt. Er war der Gründer von Wilhelmsdorf, der ersten deutschen Arbeiterkolonie, und ein Bahnbre­cher bei der Bekämpfung der Not der sogenanntenrei­senden Handwerksburschen" Weniger bekannt ist, daß er auch für die deutschen Kolonien mit hingebender Liebe gewirkt hat. Er war der Vater und Leiter der Mis­sionsgesellschaft für Deutsch-Ost-Afrika, die mit etwa 30 europäischen Missionsarbeitern in Ufambara und Ruanda tätig ist. In der letzten Zeit seines Lebens weilten seine Gedanken mit Vorliebe in Ruanda, am Kiwusee, dem schönsten See Asrikas. Dort soll ihm auch ein Denk - mal gesetzt werden in Gestalt eines Motorbootes, das den NamenBodelschwingh" tragen soll. Da der See plötzlichen Stürmen ausgesetzt ist, denen die gebrechlichen Fahrzeuge der Eingeborenen so leicht zum Opser fallen, so ist ein solches Boot notwendig. Es wird nicht nur den Missionaren bei ihren Reisen dienen, sondern auch sonst zu Verkehrs- und Transportzwecken gebraucht wer­den. Die 3000 Kranken in Bethel bei Bielefeld haben schon angesangen, für dieses Denkmal zu sammeln. Aber vielleicht findet sich sonst noch mancher, der das An­denken des großen Mannes durch einen Beitrag zu der Sammlung ehren möchte. Gaben nimmt entgegen die Ostafrika-Miffion in Bethel bei Bielefeld.

* Worms. Ein furchtbares Gewitter, begleitet von schwerem Hagelschlag, ging über Monsheim und Umgebung nieder. In den Weinbergen wurde durch die gewaltigen Wassermassen großer Schaden angerid)tet; große Löcher wurden in den Boden gerissen und die Weinstöcke stellenweise eine Viertelstunde weit sortgesührt. In Nieder-Flörsheim lagen viele Husen und Rebhühner tot auf dem Felde.

* W i e s e ck, 5. April. Bei einer Kuh des Hein­rich Werner 3. zu Wieseck ist Milzbrand sestgestellt worden, desgleichen bei einer Kuh des Heinrich Ernst zu Bellersheim.

* Lichtenberg. In unserem Städtchen regt es sich von Frühjahrsarbeiten. Das gewaltige Schloß ist bekanntlich vor 5 Jahren zu einem Erholungsheim der Beamten des Reichsverbandes der deutschen land­wirtschaftlichen Genossenschaften hergerichtet worden. Jahr für Jahr ist die Zahl der Heimgäste gewachsen. Zum Teil aus den entlegensten Ostseeprovinzen des Reiches, aus Preußen und Posen waren erholungsuchende Ge­nossenschaftler hier anwesend, um in der herrlichen Luft auf der Höhe des Lichtenbergs Lunge und Nerven zu stärken. Der stets wachsende Zudrang bringt die In­anspruchnahme neuer Räume des alten Schlosses und da­mit die Ausführung neuer Herstellungen.

Literarisches.

Unsere Klassiker im Volksmund. Ein kleiner Zitatenschatz. Herausgegeben von Richard Zoozmann. Leipzig, Hesse & Becker Verlag. Preis 20 Pfennig, kartoniert'50 Pfg. Gleich ausgezeichnet durch Billigkeit, Handlichkeit, praktische Form und Jnhaltsfülle bei aller Knappheit! Die alphabetische Zusammenstel­lung nach Dichtern und deren einzelnen Werken macht das Schriftchen gerade wegen seiner Uebersichtlichkeit zu einem Kompendium und Nachschlagewerk, zu einem Nimm mich mit bei der Lektüre zu Hause, in der Ta­sche des Reisenden, in der Mappe des Schülers und Studenten, zu einem Ratgeber auf jedem Schreibtische.