Giekener Zcituna
Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei tnS HauS. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint Mittags 3 Uhr. — Die .Jlluftr. Weltruudschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtt. Bekanntmachungen der Großherzoglichen BSg des Großherzoglichen BürgermeistereiWUPolizei-Amtes sowie vieler anderer Behörden Gberhessens Expedition: Seltersweg 83.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
bie 44 mm breite Inferatenzeile. — Stellengesuche und Familienanzeigen 10 Pfg. — Die 90 mm breite Zeile im R e k l a m e t e i l 50 Pfg. — Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahlungS« zteleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneVerbindlichlett.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 104.
Telephon: Nr. 362.
Donnerstag, den 4. Mai 1911.
Teleph on: Nr. 362.
23. Jahrg.
Die allgemeine Wehrpflicht
Im englischen Oberhause hat jüngst der angesehenste britische Feldherr, Lord Roberts, erneut die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht beantragt. In scharfer Kritik der bestehenden Heereseinrichtungen hat er bargelegt, ba^ es England auf dem Wege des Werbewesens nie- mals zu der Heeresstärke bringen könne, die erforderlich sei, um einer feindlichen Einfallsarmee — Lord Roberts schätzt sie auf mindestens 150 000 Mann — wirk- [am zu begegnen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Kriegstechnik sei es unmöglich, wie das der deutsch - französische Krieg gelehrt habe, gegenüber einer gut geschulten, auf allgemeiner Wehrpflicht beruhenden Armee mit undisziplinierten Volksmilizen aufzukommen.
England ist der einzige europäische Großstaat, der die allgemeine Wehrpflicht nicht eingesührt hat, obwohl Lord Roberts keineswegs der erste ist, der die Forder- derung mit Nachdruck vertritt, daß das britische Insel- reich dem Beispiele aller Festlandsmächte folgen muß Diese Forderung würde schon erfüllt sein, wenn nicht in England noch immer das Vertrauen überwöge, daß seine Flotte Dank dem Uebergewicht über die übrigen Seemächte die Herrschaft über die Meere zu behaupten vermag und so die Gefahr des Einfalls einer feindlichen Landarmee ausschlietzt. Die Überlegenheit zur See ist es indes nicht allein, die seither die britische Weltmacht- stellung gesichert hat; diese beruht zum Teil auch auf der auswärtigen Politik, die England mit so bewundernswürdigem Geschick zu treiben verstanden hat, daß es vor der Notwendigkeit bewahrt worden ist, zur allgemeinen Wehrpflicht überzugehen. Die Einsicht jedoch, datz sich England nur vermöge der allgemeinen Wehrpflicht eine leistungsfähige Landmacht schaffen kann, die die Gewähr der Aufrechterhaltung seiner Weltmachtpolitik verstärkt, wird vermutlich auch jenseits des Aermel- kanals früher oder später zum Durchbruch kommen. Eine Zukunft haben nur Staaten, deren Kriegstüchtigkeit auf dem allgemeinen Heeresdienst begründet ist, und große weltgeschichtliche Entscheidungen werden zuletzt nicht auf dem Meere, sondern auf dem Lande ausgekämpst werden, und zwar nicht mit geworbenen Söldnertruppen, sondern mit Volksheeren.
Ersieht heute unbestreitbar fest, daß Großmachtpolitik die allgemeine Wehrpflicht als ihre natürliche Grundlage voraussetzt. Das hat zuerst Preußen vor hundert Jahren erkannt, und ihm sind, nachdem die uneingeschränkte Wehrpflicht die Siege von 1813, 1866 und 1870-71 errungen hatte, die übrigen Festlandsstaa- ten gefolgt. Die Not hat Preußen gezwungen, den allgemeinen Heeresdienst, der schon vorher zum Teil unter König Friedrich Wilhelm 1. und Friedrich dem Großen verwirklicht worden war, durchzusühren. In der Zeit der tiefsten Demütigung Deutschlands, unter dem Joch der napoleonischen Tyrannei, wurde der Gedanke Tat, daß jeder Wehrfähige zur Befreiung des Vater - landes zu den Waffen greifen muß. Den Kampf um sein Dasein gegen den korsischen Gewaltherrscher hat Preußen nur zu bestehen vermocht, indem es die altdeutsche Auffassung von der Wehrpflicht aller körperlich und sittlich zum Waffendienst Geeigneten zu unbedingter Eel- tung brachte. Als Napoleons ungeheures Heer unter den Schneefeldern Rußlands begraben lag, entschloß sich König Friedrich Wilhelm 3., dem bereits 1809 und 1811 Gesetzentwürfe über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht vorgelegt worden waren, alle seitherigen, für die gebildeten und gelehrten Stände noch zu- gelassenen Befreiungen vom Waffendienst aufzuheben und für die Dauer des Freiheitskampfes die Gesamt - heit des waffenfähigen Volkes für fahnenpflichtig zu erklären.
Das preußische Heer, aus der allgemeinen Wehrpflicht hervorgegangen, hat dem Weltkaisertum des vorher noch unüberwindlichen Napoleon den Garaus gemacht. Daher enthielt das preußische Wehrgesetz vom 3. September 1814, das in seinen grundlegenden ersten Paragraphen bestimmt: „Jeder Eingeborene, sobald er das 20. Jahr vollendet hat, ist zur Verteidigung des Vaterlandes verpflichtet", als Einleitung die denkwürdigen Worte: „Die allgemeine Anstrengung unseres treuen Volkes ohne Ausnahme und Unterschied hat in dem soeben glücklich beendeten Kriege die Befreiung des Vaterlandes bewirkt; und nur auf solchem Wege ist die Behauptung dieser Freiheit und der ehrenvolle Standpunkt, den sich Preußen erwarb, fortwährend zu sichern." Auch die in Deutschland heute maßgebende Auffassung, daß unser Heer die Schule der männlichen Tugenden des Volkes sein soll, hat bereits den Schöpfer jenes Grundgesetzes des preußischen Staates, den Kriegsminister von 1814, Hermann von Doyen, erfüllt. Gnei- senau schrieb damals an Doyen: „Ihre Idee, die Armee zu einer Schule für die Nation zu gestalten, i|t die erhebendste, die es geben kann. Dadurch wird das
stehende Heer statt eine Last eine wohltätige Einrichtung."
Zum Staat der Neuzeit gehört die allgemeine Wehrpflicht. Indem der Staat des 19. Jahrhunderts' alle Vorrechte und Begünstigungen einzelner Klassen und Stände beseitigt und damit den Grundsatz der allgemeinen Rechtsgleichheit aufgestellt hat, ergibt sich folgerichtig, daß kein wehrfähiger Bürger von der Pflicht der Verteidigung des Vaterlandes befreit sein darf. In der Dreiheit der neuzeitlichen Staatspslichten: Wehrpflicht, Schulpflicht, Steuerpflicht steht die Wehrpflicht obenan. Denn sie bedeutet die edelste Betätigung des Staatsge- dankens und der Vaterlandsliebe, weil sie vom Staatsbürger das höchste und letzte, Blut und Leben, beansprucht; und sie ist mehr als bloß eine Pflicht: sie ist auch insofern sittlicher Natur, als von ihr der Verbrecher ausgeschlossen bleibt und dâs Recht, die Waffen zu tragen, als ein Ehrenrecht des freien Mannes zu bewerten ist.
Reichstagswahlvorbereitungen.
Die Fortschrittliche Volkspartei des Reichstagswahlkreises Alzey-Bingen hält nächsten Sonntag in Alzey eine Verlrauensmännerversamm- lnng ab. Aus der Tagesordnung steht u. a. die Aufstellung der Kandidaten zur -nächsten Reichslagswahl. Seitens der Parteileitung werden in Vorschlag gebradjt- 1. für den Wahlkreis Wöllstein, der seitherige Abgeordnete Landwirt und Bürgermeister Eibach-Pfaffenschwa- benheim, 2. für den Wahlkreis SIBörftabt: Psarrer Ko- rell-Königstädten, 3. für den Wahlkreis Nierstein der Landwirt und Bürgermeister Schuckmann in Bechtolsheim. Auch in allen übrigen rheinhessischen Landtagswahlkreisen stellt die Fortschrittliche Volksparlei Kandidaten auf.
Bus Stadt und Land.
Gießen, den 4. Mai 1911.
* M i 1 dem Schutz der Singvögel beschäftigt sich eine in der heutigen Nummer enthaltene Bekanntmachung des Grohh. Polizeiamts, worauf besonders hingewiesen sei.
* Der Verband der Vereine Kredit- reform e. V. in Leipzig hält vom 22. bis 24. Juli seinen diesjährigen 30. Verbandstag in Braunschweig ab. Dem Verbände, einer internationalen Vereinigung mit mehr als 80 000 Mitgliedern, gehören etwa 350 Vereine und mehr als die gleiche Anzahl Filialen und Vertretungen an.
* D i e n st j u b i l ä u m. Gestern feierte Oberpostassistent Kinzenbach sein 25jähriges Dienstjubiläum.
* Sonderfahrt nach dem Bodensee. Die Ortsgruppe Mainz des Deutschen Lusffloitenvereins veranstaltet vom 25. bis 28. Juni er. einen Ausflug nach dem Bodensee, unter Einschluß des Besuchs der Zeppelin-Lustschiffwerft, Friedrichshafen.
* S t e r b l i ch k e i t s st a t i st i k. Der Sterblich- keitsbericht für Hessen im allgemeinen ist in der Zeit vom 16.—22. April wenig erfreulich, da er in allen größeren Städten eine Vermehrung der Todesfälle zeigt. Die einzige Ausnahme hiervon macht Offenbach, wo die Sterblichkeit von 20 Personen der vorletzten Statistik auf 11 der letzten, oder auf 1 Jahr und 1000 Einwohner berechnet von 13,5 aus 7,4 gesunken ist. Mainz ist mit 30 (29) Toten und der Sterblichkeitsziffer von 14 (13,6) an zweiter Stelle zu nennen. In Darmstadt erhöhte jich die Zahl der Todesfälle von 20 auf 22 oder die Ziffer von 11,9 auf 13,1, in Worms sind statt 9 Toten in dieser Woche 14, d. h. eine Sterblichkeitsziffer von 15,5 gegen 9,9 der vorigen Woche zu verzeichnen, während die Steigerung in Gießen mit 17 (10) Toten und der Ziffer 28,2 (16,4) am größten war.
* Karl Schönherrs Tragödie „S o n n w e n d 1 a g" hat in der vom Dichter umgearbeiteten Form bei der ersten Aufführung am Hoftheater in Kassel eine tiefgehende Wirkung erzielt. Den Hauptdarstellern wurde stürmischer Beifall gezollt.
- sch- Lützellinden, 3. Mai. Am 6. und 7. Mai findet hier die 6. Bundesausstellung des Mitteldeutschen Kaninchen- und Geflügelzüchterverbandes statt.
-* Wetzlar. Die Vorlage betr. Abänderung der G emeind e o rd nun g für die Rheinprovinz wurde vom Abgeordnetenhause an eine Kom- misston von 21 Mitgliedern verwiesen. Bei der Vera- tung wurde betont, daß eine allgemeine organische Abänderung der rheinischen Landgemeindeordnung vor allem in der Stellung bes. Gemeindevorstehers nötig sei. Seine Stellung, als Vertrauensperson der Gemeinde, müsse selbständiger sein. Auch sprach man sich für die Oeffentlichkeit der Gemeinderatssitzungen aus.
- )(- Nidda, 3. Mai. Die Schafzucht, die in den letzten Jahren im oberen Niddatale sehr zurückgegangen war,^beginnt sich langsam wieder zu heben. Die Zahl der Schafherden hat sich seit einiger Zeit wieder vermehrt. Hoffentlich kommt dieser Zweig der Landwirtschaft wieder zur alten Bedeutung.
* Darmstad t, 4. Mai. Der Großherzog hat am 3. Mai den vortragenden Rat im Ministerium des Innern Geheimen Oberregierungsrat Dr. Eugen Wagner mit Wirkung vom 1. Juni 1911 an zum Kreisrat des Kreises Dieburg ernannt.
- h- Braunfels, 3. Mai. Die Herstellung der Fundamente mit angebautem Güterschuppen und freistehendem Nebengebäude aus Bahnhof Braunfels wurde dem Bauunternehmer W. Möglich aus Tiefenbach, diejenigen auf Bahnhof Bonbaden Bauunternehmer K. Wagner und auf Bahnhof Kraftsolms Bauunternehmer J. Konrad Jung aus Brandoberndorf übertragen.
- h- Grävenwiesbach, 3. Mai. Der Durchschlag des 1300 Meter langen Tunnels bei Grävenwiesbach wird voraussichtlich am Freitag erfolgen. Eine Feier, an der Vertreter der Regierung und Eisenbahndirektion teilnehmen, wird anläßlich des. Durchschlags veranstaltet werden.
- u^ Dillenburg, 3. Mai. Am 5. und 6. August findet hier ein G e s a n g w e t t st r e i t statt, an dem sich 25 Vereine beteiligen- werden.
* Marburg, 3. Mai. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, den Wegelagerer, der am Samstag bei den Steinbrüchen bei Niederweimar den Naubanfall auf den Bautechniker Mauß verübte, ausfindig zu machen. Verschiedene Verdächtige muhten wieder sreigelassen werden.
* Koblenz. Zu den Städten mit Theater- sorgen gehört auch die unsrige. Die letzte Spielzeit hat mit einem Fehlbeträge von 37 000 Mark geendet.
-i- Frankfurt, 4. Mai. Kornblumenlag. In Würdigung der nationalen Bedeutung des am 10. Mai hier stattfindenden Kornblumentages hat das Provinzialschulkollegium angeordnet, daß der Unterricht an sämtlichen Frankfurter Schulen an diesem Tage ausfällt. Auch die hiesige Garnison hat einen dienstfreien Tag und am Nachmittag von 5 Uhr an wird der Helm (Ordonnanzanzug) getragen. Sämtliche Mannschaften mit Ausnahme der diensttuenden Posten tragen als Schmuck die Kornblume. Am Vor- und Nachmittag werden an 12 verschiedenen Stellen der Innen- und Autzenstadt^ von 12 Musikkapellen Promenadekonzerte veranstaltet. Außer im Zentrum der Stadt werden diese Konzerte in Sachsenhausen, Vockenheim, Rödelheim, Bornheim und Oberrad stattsinden.
* Frankfurt, 3. Mai. Ein hiesiger Wirt, von dem wir meldeten, daß er mit 30 Mark Geldstrafe belegt wurde, weil er seine Kellnerinnen in Hosenröcken, b. h. „auffällig", servieren ließ, hat bis jetzt drei weitere Strafmanbate in gleicher Höhe von der Polizei erhalten, weil er, der Verfügung fortgesetzt entgegenhandelnd, auch weiter im Hosenrock bedienen läßt. Gegen die Straferlässe hat er Einspruch erhoben und verlangt richterlichen Entscheid, ob die in seinem Lokal getragenen Hosenröcke wirklich als „auffällig" zu betrachten sind.
* Heppenheim, 3. Mai. Bei der gestrigen Gemeinderatssitzung wurde die Wahl eines Ehrenbürgermeisters beschlossen. Von den Freunden eines Berufsbürgermeisters waren drei der Sitzung ferngebliehen und zwei verließen vor der Abstimmung den Saal. Damit dürfte der Streit um den Bürgermeister endlich aus der Welt geschafft sein. Es ist zu hoffen, daß sich die Bevölkerung nun nach dem bereits ein halbes Jahr währenden Streit um den Bürgermeister beruhigt.
() I n Zehlendorf-Berlin gewannen Tech- mer-Peter am Sonntag auf Brennabor das Verfolg - ungsrennen, Techmer sicherte sich auch im Hauptsahren vor Earapezzi, Arend u. a. den zweiten Platz, und A. Schulze, der die berühmte Marke gleichfalls benutzt, wurde im 20-Kilometer-Vorgaberennen hinter Motoren, welches am gleichen Tage in Ehemnitz abgehalten wurde, Erster.