Hießener Bettung
Bezugspreis 50 pfg. monatlich
vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mt. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Jlluftr. Weltrundschan" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
Behörden Gberheffens
Expedition: Seltersweg 83
jHaus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum. auSwärtS 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im R e t l a m e t e i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 60" o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ileberschreitung des Zahlungs- zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in WegfaU. Plapvorschriften ohne Verbindlichkeit.
Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 80.
Telephon: Nr. 362.
Dienstag den 4. April 1911
Telephon: Str. 362.
23. Zahrg.
Schlagworte iméKianenkampi.
Seit einigen Jahren hat sich gegen die Hypersozial- politik, wie sie von der mit dem Namen „Kathederso- zialismus" belegten Richtung der Nationalökonomie befürwortet wird, eine [tänbig wachsende Gegenströmung zur Geltung gebracht, die mit vollem Recht aus die Wahrung der Interessen des Unternehmerstandes gegenüber einer seit 40 Jahren fast ausschließlich betriebenen Arbeitersozialpolitik energisch verlangt. Zu den volkswirtschaftlichen Gelehrten, die sich die Bekämpfung der Uebertreibungen der Weltfremdheiten des Katheder- sozialismus zur Lebensaufgabe gestellt haben, gehört auch der Rostocker Professor Richard Ehrenberg. In einer kürzlich erschienenen Broschüre „Bismarck als Leitstern" bewertet er die Massenwirkung von Schlagworten in unserem öffentlichen Leben. Wenn wir auch seine Ausführungen rein theoretischer Art in vielem, so namentlich in dem, was er über Schutzzoll, Freihandel, Zwischenhandel 2c. sagt, nicht zuslimmen, um so bemerkenswerter bleibt das, was er über die für das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in unserer Zeit üblichen Schlagworte sagt. Professor Ehrenberg behandelt zunächst das Schlagwort vom Arbeitsvertrag. Er wird, so führt er aus, von liberalen Sozialpolitikern mit Vorliebe angewendet, um das ganze Arbeits- Verhältnis zu charakterisieren. Unzweifelhaft beruht das Arbettsverhältnis auf einem Arbeitsverlrage. Aber sobald dieser Vertrag abgeschlossen ist, wird er vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch die tausend täglichen Tatsachen der Arbeitsgemeinschaft, die vertragsmäßig gar nicht festgelegt werden können. Wenn überhaupt ein gedeihliches, vernünftiges Zusammenarbeiten möglich sein soll, muß der „Arbeitsvertrag" zeitweilig ganz vergessen werden. Umgekehrt nötigt das Schlagwort „Arbeilsvertrag" beide Teile, sich in jedem Augenblicke dieses Vertrages zu erinnern; das bedeutet, daß der Unternehmer möglichst wenig für den Gehilfen, der Gehilfe möglichst wenig für den »Unternehmer, und beide damit auch möglichst wenig für die gemeinsame Unternehmung leisten sollen.
Wenn die Unternehmer aber durch Wohlsahrts-Ein richtungen die Arbeitsgemeinschaft zu stärken suchen, so handeln sie einem anderen Schlagworte zuwider, nämlich der „Freiheit des Arbeitsvertrages". Sie wollen dadurch die Arbeiter „fesseln", ihr „Selbstbestimmungsrecht" schädigen. Nun machen die Arbeiter von ihrem „Selbst- bestimmungsrecht" jetzt einen so ausgedehnten Gebrauch, daß in sehr vielen Betrieben ein großer Teil der Arbeiter in jedem Jahre wechselt. Dieser maßlose Arbei- terwechsel schädigt nicht nur die Unternehmungen, sondern auch unmittelbar die Arbeiter selbst, denn solche Zugvögel gelangen meist nicht zu höherem Arbeitsverdienste und leiden in ganz besonderem Maße unter Unfällen; die Unsallhäusigkeit steigt und fällt parallel mit dem Arbeiterwechsel. Trotzdem verlangt das Schlag - wort „Freiheit des Arbeitsvertrages", daß die Unternehmer keine Wohlfahrtseinrichtungen begründen, welche auch dem Zwecke dienen, einen festen Arbeiterstamm zu schaffen. Nur solche Wohlfahrtseinrichtungen sollen gestattet sein, welche lediglich daraus ausgehen, den Arbeitern, Wohltaten zu erweisen. Andererseits aber sagt man dann wieder, den Arbeitern sollten keine Wohl - taten erwiesen werden, es sollte ihnen nur ihr „Recht" zuteil werden.
Diese „Gleichberechtigung" der Arbeiter ist ein Schlagwort, das in allen Farben schillert. Man versteht darunter oft allgemein menschliche, soziale, oft direkt wirtschaftliche Gleichberechtigung. Unbestritten ist, daß die Handarbeiter als Menschen das gleiche Recht wie andere Klassen haben auf freundliches Entgegenkommen im Verkehr, auf Bildung, auf ein menschenwürdiges Dasein. Auch die formale, juristische Gleichberechtigung beider Teile beim Abschluß eines Arbeitsvertrages ist unbestritten. Aber die Bedeutung der Leistung eines Handarbeiters ist eine so viel kleinere als die Bedeutung der Unternehmerleistung, und der Handarbeiter hat notwendigerweise soviel einseitigere, engere Anschauungen von den gesamten Existenzbedingungen der Unternehmung, daß eine tatsächliche Gleichberechtigung beider Teile bei Festsetzung der Arbeitsbedingungen leicht zu schwerer Schädigung der Unternehmungen führen wird, und oftmals bereits dazu geführt hat. Vor allem wird ganz übersehen, daß die organisierten Handarbeiter selbst nicht Gleichberechtigung, sondern Herrschaft erstreben, und daß sie diesen Anspruch bereits in weitem Umfange durchgesetzt haben. Welchen Sinn hat unter solchen Umständen das Schlagwort von einer „Gleichberechtigung der Arbeiter ?"
Das oft gehörte Schlagwort von dem „Egoismus der Unternehmer" ist ganz besonders schädlich. Gewiß muß der Unternehmer das Interesse der Unternehmung
geschäftlich wahrnehmen, das weitgehend identisch ist mit dem [einigen; denn er ist mit dem Entgelt seiner Arbeit ausschließlich aus den Reinertrag der Unternehmung angewiesen. Wenn er dieses Interesse, um des augenblicklichen Vorteils willen, seinen Mitarbeitern gegenüber, kurzsichtig übertrieben geltend macht, so handelt er dem dauernden Interesse der Unternehmung entgegen. Er schädigt dadurch auch sich selbst; denn ihm muß nicht an einem augenblicklichen, sondern an einem dauernden Reinerträge liegen, der aber nur erzielt werden kann, wenn die Gehilfen Interesse an der Arbeit haben. Trotzdem kommt es unzweifelhaft nicht selten vor, daß einzelne Unternehmer so kurzsichtig handeln. Aber noch weit häufiger schädigen die Handarbeiter in kurzsichtigem Egoismus die Unternehmung. Das muß notwendigerweise häufiger geschehen, schon weil die Handarbeiter, da sie ihren Lohn vorweg bekommen, nicht derar- tlg offensichtlich und unmittelbar am Gedeihen der Unternehmung beteiligt sind wie der Unternehmer. Welchen ^)inn hat unter solchen Umständen, immer nur von dem „Egoismus" der Unternehmer zu sprechen? Der deutsche Unternehmer ist keineswegs der kurzsichtige Ausbeuter, für den er fortwährend gehalten wird.
Die herrschenden sozialethischen Anschauungen sprechen tatsächlich die Sprache des Sozialismus und sind auch weitgehend selbst direkt sozialistische Anschauungen. Ihr Gerechtigkeitsideal ist dasjenige des Sozialismus. Es ist nicht das der entgeltenden, sondern das der austei- lenden Gerechtigkeit, welche nicht nach der Leistung der Menschen fragt, sondern nach ihren Bedürfnissen.
Wie sollen, bei Verwendung dieses Maßstabes, im Daseinskämpfe die Tüchtigen vorankommen? Wie' soll das deutsche Volk im Daseinskämpfe auf dem Weltmarkt siegen? Was den Handarbeitern als hart und unbillig erscheint, wird von unseren Sozialethikern sofort als unsittlich gestempelt. Was ihnen als sittlich erscheint, soll ohne weiteres eine Forderung objektiver Sittlichkeit sein und wenn irgendmöglich gleich in Gesetzesparagraphen verwandelt werden. Unser subjektives sittliches Empfinden, unser Gewissen sagt uns, daß es unsere Pflicht ist Bedürftigen zu helfen. Aber andererseits ist auch Strenge', ja Härte nicht selten nötig, um Menschen zu leiten. Kein Einzelwesen und kein Volk ist zur Reise gelangt ohne eine harte Schule. Ist es nicht eine ungesunde Richtung in unserem öffentlichen Leben, welche nur immer darauf bedacht ist, den Handarbeitern neue Rechte zu geben, neue unverdiente Wohltaten zu erweisen, ohne zu erwägen, wie die bisherigen Maßregeln dieser Art gewirkt haben? Wir werden uns der sozialethischen Schlagworte entwöhnen, werden wieder lernen müssen, in unserem öffentlichen Leben Erwägungen sozialer Zweckmäßigkeit zu folgen. Politik und Moral sind zwei voneinander deutlich gesonderte Lebensgebiete.
Aus Stadl und Land.
Gießen, den 4. April 1911.
— Gießen, 4. April. Einen Wetterumschlag haben wir wieder einmal zu verzeichnen. Nachdem bereits das schönste Frühlingswetter herrschte und viele Damen sich schon im neuesten Sommerhut, vereinzelt sogar schon in lichter Sommergarderobe präsentierten, herrscht seit gestern wieder eine recht empfindliche Kühle. Im Laufe des Nachmittags schneite es sogar zur Abwechselung. Ja, der böse April, er tut was er will.
-l- Gießen, 4. April. Die Versammlung des Bürgervereins gestern abend in Steins Garten brachte eine sehr rege Aussprache über die Verwendung des alten Kliniksgebäudes als zukünftiges neues Rathaus. Vor mehreren Monaten war es schon einmal in der Stadt bekannt geworden, daß das alte Kliniksgebäude umgebaut, entweder ein Nealschulgebäude oder ein städtisches Verwaltungsgebäude geben soll. Das damalige Gerücht aber verstummte schnell wieder, weil die Bürgerschaft sich ganz energisch dagegen wehrte. Erstens dürfte ein ehemaliges Krankenhaus nicht zu Schulzwecken verwendet werden und zweitens ist das alte Kliniksgebäude von dem Zentrum der bebauten und bewohnten Flächen der Stadt viel zu weit entfernt. Mit Recht wollen darum auch jetzt besonders die Bewohner des Nord- und Ostviertels von dem neuen Rathaus an der Liebigstraße nichts wissen. Mehrere Redner, darunter Architekt Nikolaus und Schreinermeister Veil besonders, stellten fest, daß ein neues großes Rathaus, Jas allerdings notwendig ist, damit alle städtischen Aemter endlich einmal an einer Stelle vereinigt werden, auf dem jetzigen Platz an der Gartenstraße sehr wohl nach und nach, d. h. Flügel an Flügel gereiht, erbaut werden kann. Kaufmann H o r st erinnerte daran, daß jetzt die beste Gelegenheit sei, die Franksurterstraße im Bogen über das alte Kliniksgebäude zu leiten, um damit leicht die so sehr notwendige Ueberführung der Oberhessischen Bahn zu bekommen.
W. etzlar, 4. April. (I mpsgegner- prozeß.) Der Vorsitzende des Münchener Jmpsgeg- nervereins Prof. Dr. Molenaar-Starnberg hatte die Behauptung des Prof. Dr. S ch l o ß m a n ^Düsseldorf „die Impfung sei ein harmloser Eingriff, der völlig un schädlich sei" für eine „schamlose Lüge" erklärt, wenn Sch. auch nur einen kleinen Teil der von impssreund- lichen Aerzten über Jmpfschäden veröffentlichten Literatur kenne, dagegen für eine „geradezu verbrecherische Ignoranz", wenn er nichts davon wisse. Das Landgericht Düsseldorf hatte deshalb Prof. M., ohne den Wahr - Heitsbeweis zuzulassen, zu 100 Mark Geldstrafe und den Kosten verurteilt. Der Brief an Professor Sch. war in dem von W. Ressel-Dresden herausgegebenen „Jmpf- gegner" erschienen, weshalb sich der Verfasser und der Redakteur am 23. Februar vor dem Schöffengericht in Dresden zu verantworten hatten. Beide Angeklagte erklärten den Satz des Prof. Sch. „Man achte nicht auf das törichte Geschwätz halb- und ungebildeter Menschen, welche in der Impfung den Grund für alle möglichen Erkrankungen sehen" für eine unverantwortliche Verleumdung, da sich hervorragende medizinische Autoritäten, Naturforscher und andere berühmte Männer sowie zahlreiche Reichstagsabgeordnete schon vor Jahrzehnten offen als Jmpfgegner bekannt hätten. Professor M. erklärte, er könne aus der Literatur Millionen von Fällen nachweisen, wo die Impfung als Schutzmittel versagt habe, sowie 340 Schriften impffreundlicher Aerzte über tausende von Fällen, wo die Impfung schwere Erkrankungen und den Tod im Gefolge hatte. So seien in England (ohne Schottland und Irland) 1875—1908 nach offiziellen Angaben, die sehr weit hinter der Wahrheit zurückblieben, 1327 Kinder totgeimpft worden. Das Gericht lehnte aber den Wahrheitsbeweis ab und verurteilte beide Angeklagte trotz Anerkennung der Wahrung berechtigter Interessen zu je 100 Mark Geldstrafe und den Kosten.
* Bad-Nauheim. Zum Vadedirektor wurde Geh. Vaurat Dr. Eser ernannt. — Mit den Obliegenheiten des hiesigen Kurdirektors wurde Oberst a. D. Oskar v. Frankenberg und Proschlitz betraut.
* D a r m st a d t. Der Hess. Landesgewerbeverein begeht in diesem Jahre die Feier seines 75jährigen Bestehens. Die Großh. Zentralstelle wird aus diesem Anlaß eine Denkschrift herausgeben.
* V i l l i n g e n. Am Samstag verunglückte der Sägewerksbesitzer Jung dadurch, daß er beim Brenn - holzschneiden von der Kreissäge ersaßt wurde, die ihm 3 Finger der rechten Hand wegschnitt.
^^^ö? EM/ immer langsam voran A..
So hiess es in der guten alten Zeit. Dieses Wort gilt für uns moderne Menschen nicht mehr! Wer heute vorwärts kommen will, für den heisst es, alle Kräfte anspannen, vor allem die Gesundheit, die schneidigste Waffe im Lebenskämpfe, allzeit frisch erhalten. Um das zu erreichen, muss man auf eine durchaus gesunde Kost bedacht sein. Dazu gehört, dass man täglich morgens und nachmittags Kathreiners Malzkajfee trinkt. Er ist unschädlich, bekömmlich, wohlschmeckend und billig.