Kretzener JeiLitng
Vrzugspreis 50 Pfg. monatlich merieljährlich 1^0 Mt., vorauszahlbar, frei inS Haus. Äbgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig- auSgabeftellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die „Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: SUbin Klein & Otto Fischer.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer ^
des Großherzoglichen Polizei-Amtes Behörden Gberheffens
Expedition: Zeltersweg 83
tHaus Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 30. (2. -statt)
Samstag den 4. Februar 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
So sind die nationalliberalen!
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".)
Am 31. Januar 1911 sand im Reichstag die dritte Lesung des Wertzuwachssteuergesetzes statt, k i n konfervativerAntrag hatte die Steuere freiheit der Fürsten von der Zuwachs st euer zum Gegen st and. Für diesen Antrag trat der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Wermuth mit seiner ganzen Autorität und Beredsamkeit ein. Der Antrag wurde in namentlicher Abstimmung angenommen und somit die Steuerfreiheit der Fürsten beschlossen.
Das Berliner Hauptorgan der National l i b e r a l e n. die „N a 1 i o n a l z e i 1 u n g" bringt am Abend des 31. Januar über „die Reichswettzuwachs- sleuer vor der Entscheidung" einen Leitartikel, in dem es inbezug auf Debatte und Abstimmung über die Steuerfreiheit der Fürsten wörtlich folgendermaßen heißt:
„Mit Spannung wird dann den ersten Worten des Abgeordneten Weber (natl.) gelauscht, und als er erklärt, daß er seine Ansicht über die Steuerbefreiung der Fürsten seit der zweiten Lesung nicht geändert habe, ertönt von den Bänken der Linken ein lebhaftes Bravo. Mit sehr wirkungsvollen Worten entkräftet der natio- nalliberale Redner die Verlegenheitsargumente des Staatssekretärs. Herr Wermuth wird sichtlich unruhig. — — Heute steht der Staatssekretär allein im Treffen, ohne die Unterstützung seiner Kollegen, und er macht während keiner Erwiderung, die sofort von dem nationalliberalen Dr. Jung sarkastisch zurückgewiesen wird, keine glückliche Figur. Dr. Jungk polemisiert in glänzender Weise gegen den Minister, unter wachsender begeisterter Zustimmung der Linken, während der schwarz-blaue Block sich in betroffenes Schweigen hüllt."
Dann heißt es über die Abstimmung selbst weiter:
„--Im Zentrum sieht man hingegen manche rote Nein-Zettel leuchten. Aus deüRechten trübt natürlich kein Farbensleck, das U n - schuldweiß, das freudige Bejahung bedeutet. Bis auf sieben stimmen alle N a - tionalliberalen mit „Nein". Unter lautloser Stille verkündet Präsident Graf Schwerin das Resultat: 166 Abgeordnete haben für den Antrag Normann gestimmt, 138 dagegen. Die Fürsten sind also
in (Metzlars mauern.
Von Rudolf ***, Wetzlar.
II.
Ankunft — Die ersten Eindrücke — Industrie — Die Städtische Badeanstalt — Eine kurze Wanderung — Der Dom.
Es war nur eine kurze Fahrt, welche mich von Gießen nach Wetzlar brachte. Ein trüber Januarmorgen 'war angebrochen, der Regen begann allmählich einzusetzen, und mit aufgespanntem Schirme hielt ich meinen Einzug in die altehrwürdige Stadt Wetzlar. Die bekannte Weisheit, daß der Eindruck, den man bei dem ersten Betreten eines Ortes gewinnt, in vielen Fällen bestimmend für deren Gesamtbild ist, fand ich auch hier wieder bestätigt.
Das Dröhnen der Fabriken ist der Gruß,
Der dich empfängt.
Die Schlote ragen auf wie Stämme,
Daraus der Rauch zum grauen Himmel steigt.
Im kurzen Ueberfliegen zählte ich längs der Bahn zirka 20 Schornsteine; ein Aechzen tönte durch die Luft als schrie das Eisen aus in seiner Oual. Hier große zylinderförmige Vakuums und eine aus Eisen konstruierte schiefe Ebene, aus der die Lasten kreischend sich bewegen ! Dort hohe, finstere Gebäude, vor denen graue Schlackenberge lagern ! — I n d u st r i e ! Heißes Ringen tausend sleißiger Hände in geschwärzten Räumen um das tägliche Brot!
Ich ging die Bahnhofstraße entlang und bog links in "die Stadt ein, überschritt den Schleusenkanal und stand nach wenigen Schritten vor einem prächtigen Gebäude, der städtischen Badeanstalt. Ich konstruierte
von der bösen Wettzuwachssteuer definitiv gerettet. Aber der moralische Sieg bleibt diesmal den „Besiegten"!
Was ist nun daran wahr?
Wahr ist, daß die nationalliberalen Abgeordneten Dr. Weber und Dr. Jungk gegen die Steuerfreiheit der Fürsten hielten. Die Abstimmung ergab jedoch laut amtlicher Abstimmungsliste folgendes Resultat: Von den 4 9 Nationalliberalen stimmten mit „I a" 1 8, mit „N e i n" 2 7 und 4 Abgeordnete, unter diesen Bassermann, fehlten.
Unwahr ist, daß aus der „Rechten" kein roter Farbensleck das Unschuldsweiß" trübte, (rote Stimmzettel sind „Nein", weihe Zettel „Ja"), denn von den 17 Mitgliedern der Wirtsch. Vereinigung stimmten 14, unter diesen die christlich-sozialen Abgeordneten mit „Nein" (also gegen die Steuerfreiheit der Fürsten), der Abg. Vogt-Hall fehlte, da er als Württembergischer Landtagsabgeordneter im Landtag zu tun hatte und nur 2 Abgeordnete stimmten mit „Ja". Ferner stimmten die auf der Rechten sitzenden Abgg. Böhme, Hilpert, Gräfe, Bruhn und Werner ebenfalls mit „Nein". Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß von den 49 Freisinnigen 41 mit „Nein" stimmten und, 8 Abgeordnete fehlten. Von den 51 Sozialdemokraten stimmten 44 mit „Nein" und 7 Abgeordnete fehlten. Das Gesamtresultat der Abstimmung war mit „Ja" 166 und mit „Nein" 139 Stimmen. Die Steuerfreiheit der Fürsten ist mit 2 7 Stimmen Mehrheit beschlossen worden. Von den 4 9 nationalliberalen Stimmen kamen also im Ganzen nur (18 + 4-27) = 5 Stimmen gegen dis Steuerfreiheit derFürstenzurGellung. Und deshalb die b o m b a st i s ch e n Reden der Herren Abgg. Dr. Weber und Dr. Jungk! Andererseits sind die Nationalliberalen Schuld daran, daß die Steuerfreiheit der Fürsten beschlossen wurde. Hätten die 18 Jasager auch mit „Nein" gestimmt, so hätte das Abstimmungsresultat sich wie folgt gestaltet: 166 (Ja) weniger 18 bleibt 14 8 I a. Und 139 (Nein) plus 18 ergibt 15 7 Nein, sodaß dann die Steuerfreiheit der Fürsten mit 9 SlimmenMehr- heit abgelehnt worden wäre. Und nun lese man nochmal das Zitat aus der Nattonalzeitung. So sind schnell einen Zusammenhang zwischen dem Vorhingeschauten und diesem pompösen Bau. Praktische soziale Fürsorge war hier in wohlgefällige Formen gekleidet. Glückliche Hände, die dieses zu schaffen vermochten! Ein poetischer Tintentropfen scheint sich schon wieder in meiner Feder zu verirren; es ist die höchste Zeit, daß ich weiderschreite. Die Sehenswürdigkeiten drängen sich zu Haufen: Still verträumen auf dem schmalen Wasser kleine Frachtkähne ihre winterliche Ruhe, von der Lahn ertönt ein dumpfes Rauschen, und hoch oben thront als Abschluß der Dom mit seinen wuchtigen Formen. Wie bescheiden nimmt sich die Hospitalkirche dagegen aus!
Ich überschritt die Lahn und gelangte in den Haupt- stadtteil : Alt-Wetzlar. Die B ü r g e r st e i g e wurden immer schmaler, ich zog meine Ellbogen fest in die Seiten und schob „halblinks" vorsichtig an den Häusern vorbei, um keine Ladenscheiben einzustoßen. Aber trotz der größten Vorsicht kollidiette ich bald mit einer naseweisen Dachrinne, die durch hohles Geräusch gegen diese Anrempelung feierlichst protestierte. Verschiedene Male sprang ich auf den Fahrdamm, um galant einer mir entgegenkommenden Dame Platz zu machen. Aber schlimm denke ich mir den Fall, wenn zwei starrköpfige Menschen sich in entgegengesetzter Richtung aus diesen schmalen Trottoieren begegnen, von denen keiner den Klügeren abgeben und aus dem Wege gehen will. Es könnte dabei zu höchst unliebsamen handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen, die aber wohl bei den friedliebenden Bürgern Wetzlars nicht zu befürchten sind. Vorsicht ist aber besser als Nachsicht! Unb ich habe es mir zum festen Prinzip gemacht, den breiten Fahrweg zu meinen Wanderungen zu benutzen, da ich wegen der i
die Nationalliberalen! Sind sie nun Sieger oder Besiegte? —
Ueber die Schlußabstimmung über das ganze Zuwachssteuergesetz berichten wir morgen. Auch diese Abstimmung ist interessant. —
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Die nationalliberalen und das Bandwerk.
Es wird uns darüber geschrieben:
Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß die Herren Nationalliberalen nie rechte Freunde des Handwerks gewesen sind, vielmehr verdankt das Handwett gerade den Nationalliberalen die unberechenbaren Schädigungen, die frühere Jahrzehnte ihm gebracht. Die „zügellose Gewerbesreiheit" die die liberale Mehrheit zustande brachte, schuf eine „zügellose frivole Konkurrenz". Unzählige Eristenzen des Handwerksstandes gingen zu Grunde. Doch was störte das den Liberalismus. Hatte er doch erreicht, was er wollte, nämlich ein „liberales Prinzip" durchgesetzt. Das mußte ja dem Lande „unendlich wettvoller" sein, als die Eristenzfähigkeit vieler Handwerker. Dem Liberalismus im Reich folgte der Liberalismus in den Einzelstaaten. Rücksichtslos wurde mit allen vorhandenen Schutzbestimmungen aufgeräumt. Die „völlige ausschließliche Freiheit des Einzelnen" war gleichsam das Evangelium der damaligen liberalen Aera. Zahlreiche Proteste seitens der Handwetter wurden vom Liberalismus einfach mit Hohn beantwortet, zahlreiche Petitionen von ruinierten Handwerkern wurden von der liberalen Reichstagsmehrheit sang- und klanglos unter den Tisch fallen gelassen. Dasselbe Schicksal erfuhren sogar zwei Regierungsentwürfe, die einigermaßen dem Handwetterstande zugute kommen sollten. Es handelte sich um einen Gesetzentwurf aus Errichtung von Ge- werbegenchlen und aus Bestrafung des Z^onIraktbruches. Doch die Handwerker liehen nicht nach, mit ihren Petitionen den Reichstag zu bestürmen. So standen 1874 wieder 240 Handwerkerpetittonen zur Beratung. Die Nationalliberalen wollten ihr Spiel vom vergangenen Jahr wiederholen und durch „Uebergang zur Tagesordnung" diese Massenpetitionen wiederum beantworten. Eine fonferrfUtioe Interpellation an den Reichskanzler verhinderte es, sodaß schließlich „Erhebungen" seitens des Reichskanzlers zugesagt wurden. Auch hier handelte es sich im wesentlichen um Abänderung der Gewerbe - ordnung. Unbekümmert um alle Proteste seitens der Handwerker setzte die liberale Reichstagsmehrheit es auch 1876 wiederum durch, daß alle wieder eingegangenen Handwerkerpetitionen rundweg abgelehnt wurden bezw. durch Uebergang zur Tagesordnung ihre Erledigung fanden. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich Jahr für vielen alten prächtigen Häuser, die jeden Altettums- freund in Ekstase versetzen müssen, öfter stehen bleibe.
Ich pilgette über den „Eisenmarkt" und gelangte durch den „Brodschirm" nach dem Dom. Der Platz war so gut wie garnicht belebt. Kein Lärm störte die weihevolle Stille, die unbedingt nötig ist, um ein Kunstwerk zu genießen. Auswärts wurde ich gerissen, fromme, erhebende Gefühle lösten sich beim Anblick des majestätischen Baues in meinem Innersten aus. Ich konnte mich nicht satt schauen ! Eine halbe geschlagene Stunde stand ich vor dem Turm und dem neuen Hauptportal, das von leichtem Blätterwerk auf beiden Seiten stilvoll umrankt ist, und deren Eindruck durch eine Galerie frommer Personen noch bedeutend erhöht wird. Doch auch mit dem Widrigen sich zu vermählen, hat sich die Kunst hier nicht gescheut. Wir sehen viele Teuselssratzen, geheimnisvolle Spukgestalten, die als Rinnen das Wasser speien. Grotesk und gierig tragen sie den Kopf von Höllenhunden, Drachenköpfen und anderen Fabeltieren. — Wie ich hötte, halten beide Konfessionen, wenn auch in verschiedenen Schiffen, im Dom ihre kirchlichen Feiern ab. So sollte es überall sein: friedlich nebeneinander unter einem Dache!
Ich ging denselben Weg zurück und bemettte am Eingänge der Brückenstraße einen vom Verschöner- u n g s o e r e i n in dankenswetter Weise aufgestellten Lageplan der Stadt. Ich studierte ihn genau und stellte fest, daß es für mich noch ein überreiches Programm zu erledigen gab. Für heute aber, lieber Leser, muß ich Abschied von dir nehmen, da mein Körper durch die anstrengende „Entdeckungsreise" aus dem ungewohnten bergigen Terrain einer notwendigen Restaurierung bedarf.