Gießener Jeitnng
Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1^0 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweigausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mk. — Erscheint jeden Werktag früh. — Die ^Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: SelterSweg 83. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein & Otto Fischer.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen der Großherzoglichen E^ des Großherzoglichen DürgermeistereiMDPolizei- Amtes
sowie vieler anderer <^M> Behörden Gberhessens Expedition: Seltersweg 83.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
die 44 mm breite Petitzeile oder deren Raum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im R e k l a m e t e i l 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit ßO°/o Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung deSZahlungszieles (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohneBerbindlichkett.
Gesamtleitung: Albin Klein.
Nr. 3.
Telephon: Nr. 362.
Mittwoch den 4. Januar 1911
Teleph on: Nr. 362. 23. Jahrg
Die deutsche auswärtige Politik 1910.
Die innere Politik des Reiches litt in dem verflossenen Jahre unter den Nachwirkungen der Finanzresorm. Die Gegensätze unter den bürgerlichen Parteien haben sich eher verschärft als gemildert. Diesem Bilde der Erregung, der Unruhe, des bunten Aufmarsches für den nächsten Wahlkampf steht in der auswärtigen Politik eine sehr erfreuliche, einmütige Anerkennung ihrer Erfolge gegenüber.
Unsere auswärtige Lage hat sich unleugbar günstiger gestaltet. Wer spricht heute noch von der Isolierung, der Einkreisung Deutschlands? Damit war es allerdings schon seit- dem festen Auftreten der deutschen Politik an der Seite Oesterreich-Ungarns in der bosnischen Frage vorbei. Aber dieses Auftreten hat weiterhin viel zur Festigung des Dreibundes beigetragen.
Ein sehr wichtiges Ereignis des abgelaufenen Jahres war ferner der Besuch des Zaren in Potsdam und die Aussprache des neuen russischen Ministers des Auswärtigen Sosanow mit dem Kanzler von Bethmann Hollweg und dem neuen deutschen Staatssekretär von Kiderlen. Nach der Iswolskischen Periode des Anschlusses Rußlands an England und unruhiger Rivalitäten mit Oesterreich-Ungarn ist sein Nachfolger Sosanow zu der alten traditionellen Politik guter Nachbarschaft zwischen Ruhland und Deutschland zurückgekehrt. In den Potsdamer Besprechungen wurde ausgemacht, daß keiner von beiben Teilen sich in Verbindungen einlassen werde, die ihre Spitze gegen den anderen Teil richten.
Was unser Verhältnis zu den beiden anderen Gliedern der sogn. Triple-Entente, Frankreich und England betrifft, so gibt uns auch hier das Jahr 1910 Grund zur Befriedigung. Das deutsch-französische Abkommen über Marokko vom Jahre 1909 hat sich bewährt. Der beträchtliche Anteil, den es für Deutschland an wirt - schastlichen Unternehmungen in Marokko sestsetzt, ist von Frankreich bei den Verhandlungen über die Vergebung öffentlicher Arbeiten, Bildung von Syndikaten 2c. respektiert worden, so daß keine ernsten Reibungen mehr entstanden. Die deutsch-englischen Beziehungen sind äußerlich auf demselben Fleck geblieben wie vor dem Tode König Eduards; es ist zu keinen amtlichen Verhandlungen spezieller oder allgemeiner Art gekommen. Aber es bleibt doch zu verzeichnen, daß sich die Voraussetzungen zu einem besseren Einvernehmen ganz erheblich verbessert haben. In dem schweren inneren Kampfe, von dem das vereinigte Königreich heimgesucht ist, spielte noef) zu Anfang des Jahres die „deutsche Gefahr" eine große Rolle; bei den Wahlen zu Ende dieses Jahres war dieses Gespenst fast ganz verschwunden. Die englische Volksstimmung ist auf dem Wege, sich mit dem deutschen Flottengesetz abzusinden und es richtig zu verstehen. In dem Maße, wie diese Einsicht sich vertieft, verbessert sich die Aussicht auf eine amtliche Verständigung über beiderseitige praktische Interessen, wie eine solche kürzlich zwischen Deutschland und Ruhland getrosten worden ist. Möge es unserer auswärtigen Politik im neuen Jahre gelingen, die Frucht einer nützlichen deutsch- englischen Verständigung zu ernten, die allmählich unter der ruhigen Sicherheit, die Regierung und öffent - liche Meinung in Deutschland gegenüber den englischen Treibereien gegen uns beobachten, herangereift ist.
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Der Schuldschein.
Eine Bauern-Eeschichte aus dem Taunus
27) (Nachdruck verboten.
Das Oeffnen der Haustür und ein aus die Schnee- släche des Hofes fallender Lichtschein machte seinen Zweifeln ein Ende. Auf der Schwelle stand, das Gesicht von Lampenschein umflossen, die Gestalt seiner Träume und musterte wie zweifelnd die beiden jetzt in den Hos tretenden Gestalten.
„Des Kunze Christian?" stammelte sie verwirrt und helle Röte überflog ihre Wangen.
„Er hot mich vun der Kerch haamgebrocht; do will er Dir nur guten Owend sage un Dei Bäämche e Mol betrachte", erwiderte ihr Vater. „Du därsst ihm ruhig die Hand gewe, Lenche, wirsinn jetzt aanig, gelle?"
Wie es gekommen war, sie wußten es nicht. Christian hielt Magdalen in den Armen, die sich weinend an seine Brust schmiegte und seinem tröstenden Zureden: „Sei mir net mer bös, Lenche", unter Schluchzen immer wieder entgegnete: „Ich hob Dich jo so lieb, Christian, ich wär jo gestorwe, wenn Du nit kumme wärst!"
Dann standen sie droben in der Wohnstube, in welcher die Lichter des kleinen Tannenbaumes strahlten und ließen die Glückwünsche der guten Frau Trautner und ihres Mannes über sich ergehen. Auch die alte Lisbeth war von Lips herbeigeholt worden und wurde nicht müde, Magdalen für ihr früheres abweisend kühles Wesen um Verzeihung zu bitten und ihr zu versichern, wie
Aus der Reimat.
G i e tz e n, 4. Januar.
* Vom Hofe. Montag abend 7 Uhr fand im Kaisersaal des Residenzschlosses Neujahrstafel zu 87 Gedecken statt. Nach Schluß der Tafel unterhielten sich die Großherzoglichen Herrschaften bis gegen 10 Uhr mit ihren Gästen. An der Tafel nahmen u. a. teil • Provinzialdirektor Dr. Usinger, Präsident Kullmann, Geh.-Nat Dr. Breidert, Frau Dr. Usinger, Rektor Dr Biermann und Oberst v. Müller.
. Der oberhessische Schäferverein hält seine diesjährige Versammlung am nächsten Sonntag in der Wirtschaft zum grünen Baum in Garbenteich ab.
Zu der Gasvergiftung in der Steinstraße wird uns mitgeteilt, daß Herr Belz sich, ohne in die Klinik gebracht zu werden, völlig wieder erholt hat. Der Vorfall, der durch die starke Kälte hervorgerufen wurde, bietet durchaus keinen Grund zur Beunruhigung.
* Weihnachtsfeier. Der Eisenbahn-Fahrbe- amten-Verein hätt am Samstag im Saale des Cafe Leib" seine Weihnachtsfeier ab.
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* D a r m st a d t. Aus Berlin kommt die betrübende Nachricht, daß dort gestern vormittag der Großherzoglich Hessische außerordentliche Gesandte und bevollmächtigte Minister am Kgl. Preuß. Hose und hessischer Bevollmächtigter zum Bundesrat, Erzellenz Maximilian Freiherr von Gagern, gestorben ist.
* Landwirtschaftliche Kurse. Die von der Hess. Landwirtschaftskammer in Darmstadt veranstalteten Vortragskurse wurden in Anwesenheit von über 400 Landwirten aus dem ganzen Großherzogtum eröffnet. Prof. Backhaus-Berlin hielt einen Vortrag über die Landwirtschaft in Südamerika. Aus dem andert- Halbstündigen Vortrag ist zu entnehmen, daß Professor Backhaus aus Grund seiner mehrjährigen Beobachtungen und Erfahrungen in Südamerika einem deutschen Landwirt mit etwas Vermögen die Ansiedelung in Süd- amerika empfehlen kann. Hieraus folgte ein Referat des Sekretärs der Landwirtschaftskammer, Dr. Hamann- Darmstadt, über das Thema: „Welche Maßnahmen kommen zur Förderung der Pflanzenproduktion auf Grund der im Großherzogtum Hessen gegebenen Verhältnisse für die Zukunft in Betracht?"
* Krofdorf. In das Genossenschaftsregister betr. Krosdors-Gleiberger Darlehenskassenverein e. G. m. u.
H. ist als Zweck und Gegenstand des Vereins eingetragen worden: Beschaffung der zu Darlehen und Krediten an die Mitglieder erforderlichen Geldmittel und die Schaffung weiterer Einrichtungen zur Förderung der wirtschaftlichen Lage der Mitglieder, insbesondere 1. der gemeinschaftliche Bezug von Wirtschaftsbedürsnissen; 2. die Herstellung und der Absatz der Erzeugnisse des landwirtschaftlichen Betriebs und des ländlichen Gewerbeflei- hes auf gemeinschaftliche Rechnung; 3. die Beschaffung von Maschinen und sonstigen Gebrauchsgegenständen aus gemeinschaftliche Rechnung zur mielweisen Ueberlassung an die Mitglieder.
* L i ch. Der hiesige Frauenverein hielt zum Besten der Armen eine Wohltätigkeitsveranstaltung ab. Bei willkommen sie ihr als Tochter sei, denn wohl hätte sie die ganze Zeit gemerkt, daß Christians ganzes Sinnen und Denken ihr, Magdalen, allein gehöre. Vom Kirchturm klangen die Weihnachtsglocken zur Bescherung, und vom nachbarlichen Schulhause hörte man aus der Wohnung des Lehrers zu den dünnen Tönen eines alten Klaviers von srischen Kinderstimmen gesungen das alte Weihnachtslied: „Es ist ein Ros' entsprungen, aus einer Wurzel zart". Mit glückseligem Lächeln auf dem faltigen Angesichte lauschte der alte Hankunrad den lieben Weihnachtsklängen. Noch konnte er die beiden kräftigen Gestatten in dem Lichte des Christbaumes eng aneinander geschmiegt gewahren, und mit langsamen Schritten und geöffneten Armen an sie herantretend, schloß er die Glücklichen mit dem Worte an die Brust:
„Kinner, des is die schönste Weihnächte, wo ich in meim ganze Lewe mitgemacht hab!"
13. Kapitel.
Es war fast ein und ein halbes Jahr später. Wieder war der Lenz mit stürmischen Wehen in die Taunusberge gezogen und hatte schon längst mit seinem warmen Hauche die Schneekappen von den Gipfeln geleckt. In tiefem Smaragdgrün lagen die Täler und hell schimmerte das junge Laub der Buchen an den Gehängen des Weilsbergs, wo die mächtige Felsengruppe des „Emser Zackens" sich wie ein verwirrtes Riesenschloß in die blauen Lüfte erhebt.
Auf dem steilen Waldwege, der vom Emsbachtal
einem gut in Szene gegangenen Kinderstück wirkten auch die Prinzessinnen des fürstlichen Hauses mit. Zu der Veranstaltung hatte die Fürstin €mma zu Solms-Ho- hensolms-Lich die Anregung gegeben.
Grünberg. Unter der Vorspiegelung, Konzertmeister zu sein, gelang es einem geriebenen Gauner, den hiesigen Musikverein um zwei Klarinetten und eine Viola zu prellen. Vor Ankauf der Instrumente wird gewarnt.
* Bad-Nauheim. Der gestrige Literarische Abend mußte ausfallen, da der Vortragende, Dr. Strecker, einen längeren Urlaub angetreten hat.
* Friedberg. Der hiesige Gewerbeverein hat von der Stadtverordnetenversammlung .einen großen Bauplatz zur Erbauung eines Gewerbeschulgebäudes überwiesen bekommen. Ein hiesiger reicher Bürger hat dem Verein 50 000 Mk. zu geringem Zinsfüße als Bau - fonds übergeben.
* Lauterbach. In Dirlammen wurde Landwirt Heinrich Ziegenhain 1. zum Bürgermeister gewählt.
* Alsfeld. Mit einer abscheulichen Tierquälerei hat sich das Gericht zu beschäftigen. Ein hiesiger Bäckermeister setzte seinen Hund, dessen er. überdrüssig war, in den heißen Backofen. Durch einen Bäckergesellen kam die Sache an die Oeffentlichkeit.
* Frankfurt a. M. Gegen den verantwortlichen Redakteur der sozialdemokratischen „Frankfurter Volks - stimme" ist Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben worden. Die Majestätsbeleidigung wird erblickt in einer Rede, die bereits Gegenstand einer Reichstagsdebatte war, und in der Veröffentlichung einer Broschüre, die diese Rede wörtlich wiedergibt. — In der Neu- j a h r s n a ch t wurden 26 Personen sistiert, davon drei wegen schwerer Körperverletzung. — Der 42jähr. Mechaniker Landau wurde verhaftet, da er sich durch gefälschte Unterschriften das Guthaben eines Schulfreundes in Höhe von 13 300 Mk. verschafft hatte.
* Worms. Für die Fortschrittliche Volkspartei wird im Reichstagswahlkreis Worms-Heppen- Heim-Wimpfen Rechtsanwalt Dr. S o l d a n in Mainz kandidieren.
Gestorben:
Christine Bender Witwe geb. Heß, 76 Jahre alt, Leihgestern. — Beerdigung 4. Jan., 1 Uhr.
Margareta Fink geb. Atzbach, 66 Jahre alt, Hausen. Beerdigung 4. Jan., 2 Uhr.
Justus Rau, 33 Jahre alt, Alten-Vuseck. — Beerdigung 4. Jan., 2 Uhr.
Holzverkäufe und -Versteigerungen.
Oberförsterei Haiger. Submissionsverkauf aus Schutzbezirk Steinbach auf 263 Rm. Buchenschetter. Näheres auf der Oberförsterei oder Förster Reinhardt Forsthaus Steinbach. Gute Abfuhr nach Station Würgendorf, Strecke Köln-Gießen ca. 4 Km. Schriftl. Gebote bis Montag, 9. Jan., an die Oberförsterei.
Bürgermeisterei Groß-Rechtenbach. Am Samstag, den 7. Jan., Brennholzversteigerung im Gemeindewald von Lützellinden: Eichen 6680 Wellen, Kiefern 1600 Wellen. nach dem „roten Kreuz" hinauf führt, schritt eine hohe, etwas gebeugte Gestalt mit langen, gemessenen Schritten aufwärts. An den verstaubten Schuhen des Mannes sah man, daß derselbe schon einen weiten Weg zurückgelegt hatte, doch ließ der feste, bedächtige Schritt keine Ermüdung erkennen und keinen Augenblick stockte der gleichmäßig weiterschreitende Fuß auf dem steilen, von Baumwurzeln überzogenen Pfad, bis die Höhe erreicht war. Hier blieb Hankunrad Ferber stehen und schaute mit etwas zusammengekniffenen Lidern in das wette Emsbachtal hinab, um bei dem Anblick der von der Maiensonne beschienenen, herrlich grünenden Wälder, der schmucken Dörfchen mit den roten Ziegeldächern wie zu inbrünstigem Dankgebet die Hände zu falten. Ja, er konnte wieder sehen; die Kunst des Arztes hatte den Schleier von seinen Augen genommen, der ihm den Lebensmut geraubt, seine Seele mit unheimlich beängstigendem Grauen vor der ewigen Nacht erfüllt hatte. Golden strömte ihm wieder die Fülle des Lichtes entgegen und lieh neue Kräfte durch seine Adern rinnen, neue Hoffnungen in seiner Seele sprießen.
(Schluß folgt.)
Bestbewährte gesunde und ^anen-
ßârmKrârike
Nahrung für: sowie schwächliche, in der Entwicklung zurückgeblieben?
Minden