Hretzener Zeitung
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Nc 179.
Telephon: Nr. '162.
Donnerstag, den 3. August 1911.
Telephon: Nr. 362.
23 Jahrg.
Bgaslir otkr—Olmüiz
Der Reichs- und Landtagsabgeordnete Dr. Arning, ehemaliger Stabsarzt in der Schutztruppe in Ostafrika und einer unserer besten Renner des schwarzen Erdteils, ist dieser Tage von einer längeren Studienreise kreuz und quer durch Marokko zurückgekehrt und gibt von Tanger aus der „Rhein.-Wests. Ztg." eine Schilderung der Verhältnisse in Südwest-Morokko, wie sie besser nicht gedacht werden kann:
„Ich habe nach den Studien und Erkundigungen, die mir möglich waren, und die ich eifrig betrieben, bereits angenommen, daß Marokko ein sehr wertvolles Land sei. Jetzt sage ich, daß nur der den wirtschaftlichen Wert dieses Stückes Erde ermessen kann, der es selbst gesehen. Die Mineralschätze sind sicher ganz gewaltig, sind mindestens so, wie es der froheste Opti- mismus angenommen hat. Trotzdem sind sie nur ein ganz geringer Teil des Wertes. Man muß auf lang - dauerndem Ritt durch das Land gesehen haben, welche landwirtschaftlichen Aussichten hier für eine wirklich arbeitende Bevölkerung gegeben sind, um glauben zu können, daß so etwas überhaupt denkbar ist. Man begreift, wieso Afrika die Kornkammern des kaiserlichen Roms sein konnte. Klimatisch übertrifft dieses Land nicht allein jedweden Teil des afrikanischen Erdteils, sondern es verdient eine Stellung vor den besten Gebieten der südeuropäischen Halbinseln.
Es ist für jeden, der halbzivilisierte Länder kennt, ein selbstverständliches Ariom, daß in einem Reiche wie Marokko wirtschaftlicher und politischer Einfluh ein untrennbares Ganzes find. Hier wird der augenfälligste Beweis erbracht, daß das deutsch-französische Abkommen vom Februar 1909 eine Unmöglichkeit ist, denn man sieht es, wie der wirtschaftliche Gewinn mit dem poli- .ischen Einfbuh zusammenfällt. Rücksichtslos nutzen die Franzosen diese Lage der Dinge, und sie würden es können, selbst wenn sie die bestehenden Verträge achteten: hundert- und tausendfältig aber ist der Bruch der Algecirasakle an Ort , und Stelle zu konstatieren.
Verhaßt sind die Franzosen den Eingeborenen, auch denen, die sie mit ihrem, oder besser: mit dem Gelde des Machsen für sich erkauften. Mit offenen Armen wird der Deutsche ausgenommen, nicht allein deswegen, weil man glaubt, er sei ein politischer Gegner des französischen Einflusses, sondern weil man ihn rein persönlich höher, schätzt. Trotzdem wendet man die wirtschaftlichen Vorteile denen zu, die die Macht in den Händen haben, oder wird unter fortgesetzter Verletzung der Algecirasakte gezwungen, es zu tun.
Wie eine Erlösung ging es durch die Reihen der Eingeborenen — ich war noch im Innern des Landes, da es geschah — als die Nachricht von der Anwesen - heit deutscher Kriegsschiffe durch die Lande flog. Der Augenblick, welcher gewählt wurde für das Eingreifen, war der letzte nur denkbare — einen Monat, 6 Wochen später, und auch der ganze Süden mit Marrakesch wäre dem Drucke der Macht gefolgt gewesen. Jetzt ist ein Halt geboten für die Wünsche Frankreichs, das un- übersteiglich ist und rückwirken wird weit hinein in das Land.
Aber Mißtrauen üaerall — was nach den gemachten Erfahrungen den Eingeborenen nicht zu verdenken ist ! „Werdet ihr auch wirklich bleiben, werdet ihr nicht wieder fortgehen und uns der Rache der Franzosen preisgeben, nachdem wir eurem Schutz gehuldigt ?" Das ist die immer wieder gestellte Frage. Der „Temps", glaube ich, war es, der für das Verlassen von Agadir die zukünftige Präponderanz im ganzen Süden uns in Aussicht stellte. Die Rechnung ist schlau: Verlassen wir Agadir, so glaubt uns kein Araber, Berber oder Maure je wieder ein Wort. Trotz aller Versprechungen einer etwaigen bevorzugten Stellung im Süden würden wir nie dort festen Fuß wieder fassen können, wenn wir jetzt zurückweichen, wie wir im Laufe der letzten sechs Jahre schon öfters getan haben. Gehen wir wieder zurück, so wäre es für uns unendlich viel besser gewesen, niemals die deutsche Flagge in Agadir zu zeigen.
Agadir, ein Name, kaum bekannt bisher, birgt eine große Entscheidung, groß nicht allein für die Zukunft, die in Marokko sich entwickelt. Hoffen und wünschen wir, daß Agadir nicht ein Olmütz wird!"
Diese Worte eines anerkannten Fachmannes sind zu ernst, als dah sie in Berlin überhört werden könnten. Nachdem der „Temps" jetzt schon mit scharf umrissenen „Kompensationen im Kongoland" hervorgetreten üt, wenn wir Marokko preisgeben, und nachdem Herr Asquith sich mit jeder Regelung außerhalb Marokkos zufrieden erklärt hat, was also heißt: „Innerhalb
Marokkos — wehe Euch!" ist doppelt zu verlangen, daß Herr v. Kiderlen-Wächter diese ernste Ausfassung Arnings zu der seinigen macht und danach handelt!
ist gewiß nicht von ungefähr, wenn Prof. Bekker Heidelberg gerade jetzt (in der Sonnabendnummer des „Tag") in einem Artikel unter dem Titel „Eine Erinne- rung an Olmütz" an dieselbe preußische Schmach vor wenig mehr als 50 Jahren anknüpft und daran gemahnt, wie sehr diese Erinnerungen mit der Gegenwart, namentlich im Blick auf England, zu tun haben: „Da wir zurzeit keinen Bismarck mehr besitzen, erscheint die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die neuen, durch die Besetzung von Agadir veranlaßten Verhandlungen zu einem für uns wenig befriedigenden Ende führen; vielleicht könnte es England unter dem Beistände seiner Schutzbefohlenen und anderer Deutschlandneider wohl gelingen, einen Abschluß zu erzwingen, der dem von Olmütz ähnlich sehe. Vielleicht, aber gewiß, daß dann auch die Folgeerscheinungen, bis zu Königgrätz, nicht ausbleiben würden." Das ist möglich. Aber besser ist schon, wir lassen es nicht dazu kommen, viel kostbare Zeit und Kraft bis zu einem neuen „Königgrätz" zu verlieren!
Hu; St^dr und Land.
® i c b c n, den 3. August 1911.
* * Stadt viehordnetensitzung. Heute Nachmittag 4 Uhr findet die letzte Sitzung der Stadt - verordneten vor den Ferien statt. Auf der Tagesord - nung stehen u. a. elektrische Straßenbeleuchtung u. Fernzündung der Straßenlaternen.
* Die L a n d e s u n i v e r s i t ä t läßt der „Darmstädter Ztg." nachstehende, von dem Gesamtsenat einstimmig beschlossene Erklärung zu Gunsten des humanistischen Gymncstiums zur Veröffentlichung zugehen: Im Hinblick auf neuerdings wieder hervortretende Bestrebungen, den griechischen Unterricht an humanistischen Gymnasien preiszugeben, oder erheblich einzuschränken, erklären wir, daß wir ein solches Vorgehen mit der Preisgabe des humanistischen Gymnasiums überhaupt gleichsetzen müßten. So fern es uns auch liegt, die Gleichberechtigung des Realgymnasiums und der Oberrealschule mit dem Gymnasium antasten zu wollen, so müssen wir doch dem humanistischen Gymnasium als Vorbereitung auf die gesamten Universitätsstudien nach wie vor eine besondere Bedeutung beimessen, und erkennen daher in einer ernstlichen Schädigung dieser Schule zugleich eine schwere Gefahr für unsere eigenen Aufgaben. Dies gilt besonders für alle die weiten und wichtigen Gebiete, für die eine gründliche Einsicht in das Wesen und die Zusammenhänge geschichtlichen Werdens Grundlage und Voraussetzung bildet. Wir erachten es deshalb für unsere Pflicht, gegen jene schädlichen Bestrebungen so frühzeitig und nachdrücklich wie möglich Verwahrung einzulegen. — Wir' legen außerdem Verwahrung dagegen ein, daß die Schule für Schädigungen unserer Jugend haftbar gemacht werden soll, die wir nur als allgemeine Folgen der modernen Lebensgestaltung ansehen können, und wir erklären, daß uns gerade im Hinblick auf den Kamps gegen diese schädlichen Folgen jedes weitere Zurückweichen in den Anforderungen der Schule gefährlich erscheint.
* Von der Lahn. Infolge der immer noch anhaltenden Hitze ist der Wasserstand der Lahn gegenwärtig so niedrig, wie nie zuvor. Während in anderen heißen Sommern der niedrigste Wasserstand 35 Zentimeter betrug, werden gegenwärtig am Hasenpegel^ in Diez nur 25 Zentimeter gemessen. Viele Nebenflüßchen der Lahn bringen seit einigen Tagen überhaupt kein Wasser mehr.
* Die hellen Nächte haben jetzt ihr Ende erreicht. In unserer Breitenzone tritt der mitternächtige Dämmerungsbogen am nördlichen Horizont zuerst am 15. Mai auf. Am 22. Juni hat er seine größte Inten- sivität erreicht, und am 29. Juli verschwindet er wieder. Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß die 3on= ne am 15. Mai weniger wie 18 Grad unter den Horizont tritt, am 22. Juni bei ihrem Untergänge den höchsten Stand erreicht und am 29. Juli wieder zum ersten Male volle 18 Grad unter den Horizont sinkt, womit auch für den Norden völlige Dunkelheit eintritt, sofern nicht der Mond mit seinem schwachen Licht diese Dunkelheit mildert. Das Ende der hellen Nächte läßt allmählich den Herbst vorahnen.
* Von der Edertalsperre, 3. Aug^ Sobald der große See der Edertalsperre in einigen Jahren I das ganze Talbecken zwischen den Dörsern Hemsurth und
Herzhausen unter Wasser setzt, wird auch das Dors Bringhausen in den Fluten für die Ewigkeit verschwin den. Jedoch wird die große Feldgemarkung nicht ganz unter Wasser gesetzt werden, vielmehr wird ein großer Teil der hochgelegenen Ländereien — über 1000 Mor gen an Flächeninhalt — von den Fluten des Sperre sees verschont bleiben. Unter Berücksichtigung dieser, für viele Leute, die gern an der Scholle hasten, erfreu lichen Tatsache, ist nunmehr beschlossen worden, in die sem hochgelegenen Rest der Bringhäuser Gemarkung ein neues Dors: ^Neubringhausen erstehen zu lassen. Die Hauptsache bleibt, daß man gutes Trinkwasser erhält, deshalb sind bereits ausgedehnte Nachsorschungen ange stellt, um geeignetes Quellwasser auszutreiben, wie es heißt, in den letzten Tagen auch mit Ersolg in den an grenzenden Waldungen zwischen Kleinern und Gellers hausen.
- k- Klein-Linden, 2. Aug. Beim Getreide - schneiden erlitt gestern vormittag die 29jährige ft rau des Landwirts A. Schäser einen Herzschlag. Nach einer anderen uns zugegangenen Mitteilung soll der Tod durch Hitzschlag hervorgerufen sein.
- c- Lich, 1. Aug. Gestern wurde unter allgemei ner Anteilnahme der Arbeiter Neumann, der Ende von ger Woche der schrecklichen Hitze zum Opfer fiel, zur letzten Ruhe bestattet. Der jäh aus dem Leben Geschie bene war Vater von 11 Kindern.
- t- Butzbach, 3. Aug. Emil Spiro begeht am 6. August sein 25jähnges Jubiläum als Lehrer und Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde.
* Bad-Nauheim, 3. Aug. Trotz aller, ver mutlich von Konkurrenzbädern ausgestreuten, gegentei ligen Nachrichten kommt der Zar mit Familie in nächster Zeit zur Kur hierher. Die Zarin soll abermals 30 Bäder nehmen. Die Venen-Entzündung, an der die Za rin leidet, hat in der letzten Zeit eine akute Wendung genommen, sodaß ihr Leibarzt Dr. Botkin sich energisch für weiteren Gebrauch der Nauheimer Bäder ausge sprachen hat. Nach einem Aufenthalt von 6—8 Wochen in Bad-Nauheim, für den jetzt umfangreiche Vorkehrungen getroffen werden, beabsichtigt der Zar mit seiner Familie nach der Krim zu gehen.
- s- Alsfeld, 2. Aug. Auf unserem Pferde- und Prämienmarkt herrschte ein äußerst lebhafter Geschäfts - verkehr. Es waren ausgetrieben 224 Pferde, 68 Rinder, 155 Schweine und 141 Ziegen. An Prämiierungsmitteln wurden für die Pferde 1400 Mark, für Rinder, Schweine und Ziegen 1300 Mk. verausgabt. Mit dem Markt war eine stark beschickte Ausstellung von landwirtschaftlichen Maschinen, Mähmaschinen, Heurechen, Wagen, Geschirren und Geräten verbunden.
* Darmstadt, 3. August. Wie die Großherzogliche Kabinettsdirektion mitteilt, ist in einer gestern abgehaltenen Besprechung mit Genehmigung des Großherzogs beschlossen worden, im Sommer 1913 eine große Ausstellung der Künstlerkolonie in Verbindung mit der Kunstindustrie und dem Kunstgewerbe zu veranstalten. Die Ausstellung soll in erster Linie künstlerische Wohnungseinrichtungen für Mietwohnungen von Familien mittleren Einkommens zeigen. Die Regierung wird eine Anzahl Staatsmedaillen zur Prämiierung von Firmen zur Verfügung stellen. Die gesamte Leitung der Ausstellung hat auf Anordnung des Großherzogs die Großherzl. Kabinettsdirektion selbst übernommen.
♦ Mannheim, 2. Aug. Ein Blumenhändler wollte in seinem Laden einer Dame ein Geldstück, das zu Boden gefallen war, aufheben. Die Dame bückte sich ebenfalls und stach dabei dem Mann mit der Hutnadel ins Auge, das sofort auslief.
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* Biedenkopf, 3. Aug. Um feftzustellen, ob ein im Mai gestorbener Arbeiter in Berleburg an den Folgen eines Sturzes oder Schlages seinen Tod fand, wurde im Beisein des Gerichts die Leiche wieder aus- gegraben. — Wegen Beteiligung an einer Schlägerei, wurden im Talsperrengebiei etwa ein Dutzend Kroaten verhaftet.
* Marburg, 3. Aug. Durch Einwirkung der ungewöhnlichen Hitze von über 40 Grad sieht man in den an Südabhängen gelegenen Gärten vielfach gebratene Stachelbeeren. Bis zur Halste des Durchmessers sind die Früchte völlig „gekocht und zeigen auch sonst Merkmale und Färbung gekochter Beeren.