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Verlag der „Wietzener Zeitung" W. m. b. H.
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Nr. 129. Tele p hon: Nr. 362.
Samstag, den 3. Juni 1911.
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Reichstags Abschied und Wiederkehr.
leia?61^”1^ ^^>. '^^" Sessionsabschnittes hat ge- zeigt, daß der wiederholt lotgcsagtc Reichstag immer h^9?*3 ^cnssähig war. Sind doch neben bem deutsch-schwedischen Handelsvertrag, dem Handelsabkoui men mtt Japan, dem Herbstdiä.èngesch und den L ts.^i-^k'"°" langer Zwei umfassende und bedeutsame K-s-bSebungswerke zustande gebrach, worden, nämttch dle ^lsaß - lothringisch- Versassunas 2 form und die R e i ch s o - r s i ch e r u n ° s - O r d " “n/ Bei beiden hat es nicht an scharfer^Opposition bei° d-r -'n “"^ "°? >°hr verschiedenen Seiten kani bei der ersteren von der äußersten Rechten bei der ktv MnV°n ^" äußersten Liitten. Wenn man beide Ee- setzgebungswerke von der Parteien Haß und Gunst ent- w.rrt so ist man wohl zu der Hoffnung berechtigt daß die Gewährung der weitgehenden Autonomie an die Krn^mi^ B-rschmelzungsprozeß mit den, Reiche
m ^' cbenJ° w>e der weitere Ausbau der fozia- len Versicherung trotz aller Berhetzungsversuche in letzter Linie doch sozial versöhnend wirten muß 3 , ^b die Dinge in der Herbsttagung ebenso verhält- .^ ^ Sla" verlaufen, ob im Herbst eine ebenso reiche Ernte in die parlamentarische Scheuer gebracht werden wird wie es jetzt im Sommer der Fall war steht dahin. An Arbeitsstoff gebricht es dem Parlament leden alls nicht denn das Programm ist sehr groß. Di- Beratungen sollen mit der ersten Lesung des endlich dem Reichstage zugegangenen Privatbeamtenversicherungsae- sctzes beginnen, und des weiteren gedenkt man nach dem hoffnungsvollen Plane des Seniorenkonvents, die zweite ilnd dritte Lesung der Strafprozeßordnung, des Hausarbeitsgesetzes, der Vorlage betr. Errichtung eines Colonial- und Konsulargerichtshofes, sowie die dritten Lesungen der Novelle zum Strafgesetzbuche und des Arbeilskammergesetzes zu erledigen. Außerdem befinden sich ui den Kommissionen noch das Schiffahrtsabgabengesetz das Kurpfuschereigesetz, die Vorlagen betreffend Aushebung des Hilsskassengesetzes sowie betreffend Aenderung des Gerichtskostengesetzes und endlich die Fernsprechge- bührenordnung.
Was die Versicherung der Privatangestellten betrifft, so besteht bei allen Parteien der dringliche und hoffentlich auch in Erfüllung gehende Wunsch, dies hochwichtige Werk sozialer Fürsorge noch in dieser Session unter Dach und Fach zu Hringen. Die Novelle zum Strafgesetzbuch dürfte, nachdem die Beseitigung der sogenannten lex Wagner als sicher gelten kann, in der dritten Lesung keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr bereiten. Desto schlechter sieht es mit der Stras- prozeßresorm aus, die bisher noch keinerlei Einigung zwischen Reichstag und Negierung über die heißumstrittene Frage der Organisation der Strasgerichte in Aussicht steht. Was! das Arbeitskammergesetz betrifft, so wäre diese Vorlage, da die verbündeten Regierungen weder der Einbeziehung der Eisenbahnarbeiter noch der Wählbarkeit der Arbeitersekretäre in die Rammer zustimmen wollen, nur durch ein völliges, kaum wahrscheinliches Einschwenken der Reichstagsmehrheit zu retten, und auch inbezug auf das Heimarbeitsgesetz bestehen noch scharfe, unausgeglichene Differenzen. Prüft man endlich die Aussichten der noch in der Kommission befindlichen Vorlagen, so können das Kurpfuschereigesetz und die Fernsprechgebührenordnung schon jetzt auf die Verlustliste gestellt werden, während die Regierung nicht ohne Grund aus eine Mehrheit für das Schiffahrtsabgabengesetz rechnen zu können glaubt.
Aber im übrigen, was sind Hoffnungen und Entwürfe, besonders Gesetzentwürfe, angesichts der Tatsache, daß die Herbstsession, wenn auch die Neuwahlen nicht vor dem Januar nächsten Jahres stattsinden dürsten, doch bereits völlig im Zeichen der Wahlagitation stehen wird! Diese wirken nach alter parlamentarischer Er-
sahrung recht ungünstig aus die Arbeitsfähigkeit des Reichstages, und andererseits hat das Parallelogramm der politischen Kräfte dadurch, daß im Reichstage eine Vorlage von entscheidender Bedeutung gegen die konservative Partei durchgesetzt wurde, während sich gleichzeitig im preußischen Abgeordnetenhaus bei dem Feuerbestattungsgesetz das Zentrum in die Opposition versetzt^ sah, eine solche Verschiebung erfahren, daß man sich vorsichtigerweise aller Prophezeiungen darüber enthalten soll, was uns im Herbst an parlamentarischen Früchten und vielleicht an politischen Überraschungen beschie- den sein wird.
Aus Stadt und Cand.
G iehen, den 3. Juni.
Pfingsten.
Pfingsten, das liebliche Fest ist gekommen, und jubelnd klingen die Glocken von Turm zu Turm. Linde balsamische Düfte, leuchtendes Blau, Fluten von belebendem Licht, in denen sich die neu erwachte Erde wonnig badet, um in verjüngter Pracht daraus hervorzugehen: das ist Pfingsten! Der Höhepunkt der Natur, das Fest, in dem Ströme von Leben über unsere Erde ausgegossen zu werden scheinen. Die Erde ist jetzt ein großer Tempel, in dem alles, was da atmet, dem Geiste der Schöpferkraft, der Lebensfreude lobsingt, und die Weihrauchdüfte, die den Altar umwallen, sind die Wolken von Wohlgerüchen, die den Tausenden von Blüten entsteigen und Wald und Flur in eine Art von Festatmosphäre einhüllen. Darum will auch das Menschenherz sich losringen von den Sorgen und Nöten des Alltages, sich emporschwingen über seinen Staub, seine bedrückenden Dünste in reinere Regionen, in die des irdischen Zwiespaltes ewige Dissonanz nicht hinausreicht. Und speziell wir Deutschen, die wir bewußt oder unbewußt das Pfingstfest als den Rest eines altgermanischen Frühlingsfestes anerkennen, indem wir, gleich unsern heidnischen Vorfahren, Haus und Stube mit grünen Maien schmücken, halten es auch als Fest der neu erwachten und nunmehr köstlich geschmückten Lenznatur besonders hoch. Bittend schaut man zum Himmel aus, daß er nicht etwa das fröhliche Fest des Jahres, das Vermählungsfest der Menschheit mit der hochzeitig geschmückten Natur, durch trübe Stimmung verderbe. Eisenbahn und Fuhrwerksbesitzer haben ja zu solch einem hohen Festtage besondere Vorkehrungen getroffen, den immensen Hochzeitszug aus all den verschiedenen Städten in das junge Grün zu befördern, und Rüche und Keller sind gefüllt worden, um die hungrigen Gäste zu erquicken. Wenn also wirklich der Himmel seinen Segen gibt, so werden wir das schöne Fest freudig genießen können.
Fröhliche Feiertage! ui
* Der Landeslehrerverein für das Großherzogtum Hessen hält in der Psingstwoche seine Vertreter- und Hauptversammlung in Auerbach an der Bergstraße ab. Eine wichtige Tagesordnung steht zur Beratung. Zur Verstaatlichung der Volksschule haben viele Bezirksvereine Anträge gestellt. Eine interessante Debatte erwartet man auch über den D a r m- städter Ordensantrag, der zahlreiche Anhänger und Gegner gesunden hat. Weiter steht ein Antrag auf Errichtung einer Krankenunterstützungskasse für Lehrer aus der Tagesordnung. Der Verein, welcher aus sein 42. Vereinsjahr zurückblickt, zählt jetzt 3506 Mitglieder.
-hk- Der Vor st and der HessischenHand- werkskammer hielt am Montag, den 29. Mai, eine Vorstandssitzung ab, die sich mit der Vorbereitung der am 16. Juni stattsindenden Plenarsitzung zu besassen hatte. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende, Gewerberat F a l k - Mainz, dem scheidenden langjährigen Staatskommissar, Geh. Ober-Regierungsrat Dr. W a g n e r, herzliche Abschiedsworte. Daraus begrüßte der Vorsitzende den neu eintretenden Staatskonimissar, Ober-Regierungsrat Graes. Geh. Ober-Regierungsrat Dr. Wagner sprach seinen aufrichtigen und wärmsten Dank aus. Die Wünsche und Anträge, die die Handwerkskammer zu vertreten habe, seien naturgemäß nicht immer die gleichen wie die allgemeinen Interessen des Staates und wenn er in Wahrung der letzteren gemeinsam mit dem Vorstand der Kammer etwa vorhandene Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt habe, so erfülle es ihn mit besonderer Genugtuung, daß er sich keines Falles erinnern könne in seiner fast 9jährigen gemeinsamen Arbeit mit der Kammer, bei
I dem sich nicht ein beiderseitiges Einvernehmen hätte er Zielen lassen. Ober-Regierungsrat Graes, als neu ein tretender Staatskommissar, dankte für die Begrüßung und sprach die Hoffnung aus, daß auch zwischen ihm und der Kammer sich das Verhältnis in ebenso günstiger Weise gestalten möge, wie es bei seinem Vorgänger der Fall gewesen sei.
* Studiensahrt deutscher Studenten nach Italien. Das Erkursionsamt der Freien Studentenschaft Darmstadt, Abteilung für große Studienfahrten, veranstaltet zu Beginn der großen Ferien eine Studiensahrt nach Italien und dem Rtittelmeer. Die Reise beginnt bei genügender Beteiligung in den einzelnen Hochschulstädten. Als Treffpunkt ist Luzern in Aussicht genommen; dort sollen sich die einzelnen Gruppen vereinigen, um nun gemeinsam in 8 Tagen Mailand, die Ausstellung in Turin und Genua zu besichtigen. Der zweite Teil der Reise erstreckt sich auf einen Besuch von Florenz und Rom. Für diejenigen, die die Augusthitze in Mittelitalien fürchten, ist eine Fahrt nach Venedig und dem Gardasee vorgesehen. Beide Gruppen vereinigen sich nach 10 Tagen in Genua, um von dort die Rückreise anzutreten, die über Algier, Gibraltar und Antwerpen in 11 Tagen nach Hamburg sührt. An dieser Fahrt können sich die Studierenden« und Dozenten aller deutschen Hochschulen beteiligen. Es ist die Möglichkeit gegeben, nur einen' von den 3 Teilen der Reise mitzumachen. Der sehr geringe Preis, es sind zirka 350 Mark für die vierwöchentliche Reise als Kosten (Fahrt, Verpflegung, Quartier) veranschlagt, ermöglichen es auch nicht allzusehr mit Glücksgütern gesegneten Studenten sich an der Fahrt zu beteiligen. Alle Ansragen werden ohne Verbindlichkeit vom obengenannten Amt erledigt.
* Heimlicher Warenhandel. Der sogenannte heimliche oder unangemeldete Warenhandel «ist schon seit langem Gegenstand ernster Klagen der Detail- listen. Zur Behebung dieses Mißstandes fordern sie in Eingaben an die gesetzgebenden Körperschaften eine Aenderung der Gewerbeordnung dahin, daß jede Waren- vermittelung in größerem Maßstabe anmeldepflichtig ist und daß derjenige, der Waren vermittelt 'auch dies äußerlich und für jedermann erkenntlich zum Ausdruck bringen muß. Die Handelskammer erklärt ihre Zustimmung zu diesen Bestrebungen.
- )(- Gießen, 3. Juni. Während im vergangenen Semester ein Ausschuß der Gesamtstudentenschast nicht zustande kam, ist in diesem Semester ein solcher wieder zusammengetreten. Den Vorsitz im Gesamt- und engeren Ausschuß sührt cand. phil. Poepperling (Philologisch-Historische Verbindung). In der ersten Sitzung wurde beschlossen, während der Anwesenheit des Großherzogspaares in Gießen am 12. Juni einen Fackelzug zu veranstalten.
* Butzbach, 3. Juni. Der hessische Fechtverein „W a i s e n s ch u tz" hält hier am 18. Juni sein Lan- des-Verbandsfest ab.
* Franksurt, 3. Juni. Fünf ehemalige Schüler der Liebig-Realschule standen vor der Straflammer unter der Beschuldigung, das Laboratorium der Anstalt erbrochen und wertvolle physikalische Apparate gestohlen zu haben. Die Angeklagten, die infolge ihrer Tat kurz vor Ablegung des Einjährig-Freiwilligen-Eramens von der Anstalt entlassen worden sind, gaben an, daß sie zum wissenschaftlichen Gebrauche die Apparate entwendet hätten. Sie haben sie allerdings zum Teil an Trödler verkauft. Zwei wurden freigesprochen, einer wurde zu einem Verweis, die beiden anderen zu drei und zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Sie sollen jedoch der bedingten Begnadigung empfohlen werden.
* D a r m st a d t, 3. Juni. Der hessische Automobilklub hat den Plan gefaßt, für diejenigen armen Kinder, die wegen körperlicher Gebrechen nur selten oder gar nicht in unsere schöne Umgebung gelangen können, mittelst der Automobile seiner Mitglieder Auto- mobilausslüge zu veranstalten, um auch ihnen die Freude an der herrlichen Natur und den erquickenden Waldaus- enthalt zu ermöglichen. Es wird beabsichtigt, bei jedem dieser Ausflüge etwa 40—50 Kinder erst in langsamer Fahrt durch die Stadt und Lann in die bewaldete Umgebung zu sichren, und sie schließlich in einem schön gelegenen Lokal mit Kaffee und Kuchen zu bewirten, ihnen vielleicht auch durch Ueberreichung kleiner Geschenke ein bleibendes Erinnerungszeichen an diese Fahrten zu widmen. Die Bürgermeisterei hat sich bereits dankbar zustimmend zu dieser Anregung geäußert, und so dürste der schöne Gedanke, auch den ärmsten unter den Armen eine wirkliche Freude zu bereiten, schon in nächster Zeit praktisch zur Aussührung gelangen.