Gießener Peilung
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Verlag der „Gicstcner Zeitung" G. m. b. H.
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Nr. 103
Telep hon: Nr. 362.
Mittwoch, den 3. Mai 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg
Ein Reiebseinigungsamt.
Eines der großen Ziele der Kulturvölker muß der soziale Friede sein. Nicht jene Ruhe, die ohne Wunsch und ohne Willen ist, sondern öffentliche Zustände und Einrichtungen, Einvernehmen und Vorurteilslosigkeit namentlich zwischen Unternehmern und Arbeitern, die eine Verständigung über Streitfragen ohne erbitterte Kämpfe ermöglicht. Dieses Ziel ist sicher noch weit, aber man , nützte an unserer gesunden und natürlichen Entwickelung irre werden, wenn wir ihm nicht jeden Taa näher kommen würden. Unsere ganze soziale Kultur "drängt zu diesem Ziel. Das scheint eine wenig begründete Ueberzeugung in einer Zeit, in der von Unternehmern und Arbeitern mit ost leidenschaftlichem Eifer zum Sammeln getrieben wird und ihre starken Organisationen sich kampfgerüstet gegenüberstehen. Und doch ist diese Ueberzeugung richtig. Sie wird auch nicht erschüttert durch die Tatsache, daß es nach reichsstatistischen Ermittelungen noch im Jahre 1909 nicht weniger als 1537 Streiks in Deutschland gab und noch im vorigen Jahre die Bau- arbeiteraussperrung. unserer Volkswirtschaft schweren Schadell brachte.
Diese gewaltigen volkswirtschaftlichen Erschütterungen durch die Stillegung großer Erwerbszweige, durch Streiks und Aussperrungen sind ein zwingendes Mittel zur friedlichen Ausgleichung vorhandener Streitpunkte. Auch die vorjährige Aussperrung der Bauarbeiter hat nach dieser Richtung gewirkt. Die bei ihr gemachten Erfahrungen werden beide Teile abhalten, leichten Mutes in neue große Kämpfe einzutreten. Weil man die Kräfte geniessen hat und selbst der Sieger nicht ohne schmerzhafte Wunden blieb, wird man in Zukunft mehr als früher den friedlichen Weg der Verhandlung betreten, wird man leichter geneigt sein, aus der einen Seite von unerfüllbaren Forderungen abzulassen, aus der anderen den schroffen Herrenstandpunkt nicht gegen die nach Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage strebenden Arbeiter zu betonen. Daß der Herrenstandpunkt unserer heutigen sozialen Entwickelung wenig entspricht und im Grunde den Unternehmern selbst die schwersten wirtschaftlichen Nachteile zuzufügen pflegt, ist eine Ueberzeugung, die auch von diesen immer mehr geteilt wird. Sie sind daher heute viel häufiger bereit, vor unparteiischen Schiedsrichtern mit den Arbeitern zu verhandeln; wie das auch in letzter Zeit bei größeren Arbeitskämpfen wiederholt geschah, so bei der Aussperrung der deutschen Bauarbeiter, bei dem Kamps auf den Schiffswerften und bei dem Streik der Straßenbahner in Bremen. Auch die Gewerbegerichte hatten als Einigungsämter bereits in vielen Fällen sehr gute Erfolge. Aber sowohl ihnen wie den unparteiischen Schiedsrichtern und ebenso den von Unternehmern und Arbeitern eingesetzten Einigungsämtern sehlte bisher eine wichtige Vorbedingung erfolgreichen Wirkens, nämlich der Zwang, bei Streitfällen vor diesen Schiedsgerichten zu erscheinen und die Sache vor ihnen zu verhandeln. An diesem Mangel ist oft der beste Wille gescheitert, und nur er trägt die Schuld, daß viele Streiks und Aussperrungen nicht von vornherein vermieden sind, sondern erst nach wochen- und ost monatelanger Dauer geschlichtet wurden.
Es besteht daher sowohl in sozialpolitischen wie in parlamentarischen Kreisen und ebenso bei vielen Unternehmern und Arbeitern der Wunsch nach einer öffentlich-rechtlichen Instanz, deren Ausgabe lediglich die Ausgleichung der Interessen bei Kämpfen um den Arbeits- vertrag ist. Man verlangt ein Reichseinigungsamt. Ein hervorragender Sozialpolitiker von großer Erfahrung und weitem Blick, der frühere preußische Handelsmini- [ter Freiherr v. Berlepsch, hat vor einigen Tagen in einer im Berliner Rathause abgehaltenen Versammlung dargelegt, wie ein derartiges Amt einzurichten ist. Es soll danach, wie das „Volksw" meldet, eine ständige Vermittlungsstelle sein, die jederzeit zur Verfügung steht, die von Unternehmern wie Arbeitern allein oder gemeinschaftlich angerufen werden kann und die auch das Recht besitzt, bei ausgebrochenen oder drohenden Kämpfen ohne Anruf einzugreifen. Das Einigungsamt muh die gesetzliche Machtvollkommenheit besitzen, beide Parteien zum Erscheinen und zum Verhandeln zu zwingen und Zeugen und Sachverständige zu laden; nur fein Schiedsspruch soll vorläufig nicht zwangsweise durchge- sührt werden, sondern dessen Anerkennung soll freiwillig erfolgen. Das Amt hat sich fortlaufend über alle wichtigen Vorgänge aus dem Gebiete des Arbeitsmarktes und Arbeitsvertrages, über Löhne, Preise, Kosten der Lebenshaltung, Streitigkeiten, Organisationen 2c. zu unterrichten. Sein Sitz ist am besten in Berlin, seine vorgesetzte Behörde das Reichsamt des Innern. Doch soll das Reichseinigungsami im großen Maße Selbstandig- feit und Unabhängigkeit besitzen.
Die Reichsregierung steht bis heute einer derartigen Einrichtung noch ablehnend gegenüber. Man kann ie-
doch annehmen, daß diese Ablehnung keine grundsätzliche
Wenn der Reichstag in Uebereinstimmung mit den großen Unternehmer- und Arbeiterverbänden das Eini- gungsamt verlangt, so wird sie ihm voraussichtlich keine odnvtcngfciten bereiten. Und dieser Entwicklungspnnkt wird so sicher kommen, wie es in Deutschland auf dem Gebiete der ^ozialethik nicht rückwärts, sondern vorwärts geht.
Aus Stadt und Land.
Grehen, den^3. Mai 1911.
• ’ ? c r ® 0 n ’t c m 0 n st t w a i läht bisher won- nige Eigenschaften sehr vermissen. Die Temperatur ist andauernd ied)t kühl und lockt nicht sonderlich zum Auf- enthall im Freien, trotzdem die Erde mit Gräsern und Blumen, die Bäume mit zartem Blattgrün und dem prachtvollsten Blütenslor dastehen. Wenn auch nach einer Bauernregel gerade von einem kühlen und feuchten Mai ein fruchtbares Jahr erwartet wird, so wünschen wir doch sehnlichst den warmen Sonnenschein herbei, um die Frühlingspracht recht ausgiebig genießen zu können.
* S a n i t ä t s k o l o n n e. Donnerstag abend findet die Eisenbahnübung statt. Abmarsch 8% Uhr vom Depot; ohne Uniform, nur Armbinde ist anzulegen. Bei der Uebung werden die Gruppen so zusammengestellt, wie es am 21. Mai in Friedberg der Fall sein wird. Vollständiges Erscheinen ist daher unbedingt erforderlich.
* Die Weimarer Nationalfestspiele für die deutsche Jugend finden bekanntlich diesen Sommer wiederum statt, und zwar in bm Wocheureihen vom 25. Juli bis zum 12. August. Jede deutsche Schülerschaft, die von einem Lehrer geführt wird und sich bis zum 15. Mai d. Is. meldet, erhält Freiplätze im Großherzoglichen Hoftheater zu den Vorstellungen von Hebbels „Nibelungen", Shakespeares „Wie es euch gefällt" und Schillers „Räubern" und freien Eintritt zu den Weimarer Dichterhäusern und Museen. Die Anmeldung bat bei der Geschäftsstelle des deutschen Schillerbundes, Weimar, zu erfolgen. Es können auch einzelne Schüler, die mit ihren Eltern kommen, teilnehmen.
* Gärten als Mittel im Kampf gegen die Trunksucht. Der 2. Internationale Arbeiter- und Schrebergärten-Kongreß, der letzthin in Brüssel tagte, hat folgende Entschließung angenommen: „In der Erwägung, daß die Armenlasten, welche die Gemeinden und Armenanstalten bedrücken, sehr häufig auf Alkoholismus, Tuberkulose und das hieraus entspringende physische und moralische Elend zurückzuführen sind, daß gegen dieses Elend die Sirbeitergärten eine der wirksamsten Waffen bilden, spricht der Kongreß die Forderung aus, daß Gemeinden und Armenbehörden solche Gärten ins Leben rufen und sie an Stelle von Barunterstützung den besonders kinderreichen Familien überweisen. Zu dem Zweck müßte das Gesetz den öffentlichen Behörden die erforderlichen Befugnisse gewähren."
* Neben der Maul- und Klauenseuche tritt nun noch in verschiedenen Teilen des Großherzog- tums Hessen die Schweinepest auf, die durch die Ein - fuhr von jungen Einlegeschweinen eingeschleppt worden sein soll. Für Landwirte und Fleischverbraucher trüb Aussichten.
* *W arnung. Seit einigen Jahren wird ein schwunghafter Handel mit sogenannten Viehpul - vern und ähnlichen Geheimmitteln (Freß-, Mast-, Kraft-, Milchpulver und dergleichen) betrieben. Dies muß aber als ein die Interessen des Bauernstandes in hohem Grade schädigender Uebelstand bezeichnet werden. Eine marktschreierische und wahrheilswidrige Reklame, mit der solche Mittel angepriesen werden, ist darauf berechnet und geeignet, die Landwirte irre zu führen und sie zu veranlassen, Mittel zu kaufen, deren Wert und Wirkung in gar keinem Verhältnis stehen zu den dafür gezahlten Preisen. Da die in Betracht kommenden Mittel vielfach als Heilmittel gegen Tierkrankheiten angepriesen und vertrieben werden, kann dies leicht die bedenkliche Folge haben, daß deren Anwendung die sachgemäße und rechtzeitige Behandlung der erkrankten Tiere verzögert oder verhindert. Die Landwirte werden deshalb vor dem Ankauf dieser Geheimmittel gewarnt.
-sch- Friedberg, 2. Mai. Im Anschluß an die Mitteldeutsche Reisevereinigung lieh die Briestauben-Ge- sellschast von Bieber hier 220 Tauben fliegen. Bereits 25 Minuten nach dem Auslassen gelangten die ersten, die durch den Wind etwas ausgehalten wurden, auf dem heimatlichen Schlage in Bieber an. Bis Mittag waren sämtliche Tauben wieder in ihren Schlägen.
-)(- Weilburg, 2. Mai. Dem Briefträger Ehri- stian Reitz wurde aus Anlaß seines Uebertritts in den Ruhestand das allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
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* Diez. Wegen der Maul- und Klauenseuche im Regierungsbezirk Wiesbaden wurde vom Landrat die Abhaltung der am 2. Mai in Nassau und Katzenelln- bogen anstehenden Viehmärkte verboten.
* Frankfurt, 2. Mai. Seit dem 1. Mai ver kehren täglich 680 Eisenbahnzüge auf dem Hauptbahn- Hof. Bei einem solch enormen Verkehr ist es kein Wunder, wenn bcr. im Jahre 1888 gebaute Hauptbahnhof zu klein wird,' verkehrten damals doch bedeutend weniger, etwa nur ein Drittel der Züge dort.
* Dillenburg, 2. Mai. Einem Anstreichermeister war in der Nacht zum Sonntag ein Schwein aus dem Stall abhanden gekomnien. Der Polizeihund „Jack" mußte deshalb seine Spürnase in Tätigkeit setzen. Nachdem er das verlassene Schweinenest gründlich berochen, nahm er seinen Weg durch die Hintergasse über die Obertorbrücke zu den Scheunen im Lindenweg. In einer Scheune wurde das Schwein dann munter grunzend vorgefunden und von dem Besitzer wieder in den rechtmäßigen Stall verbracht.
* Köln, 2. Mai. Zum Besuch des Kaiser p a a r e s. Die Majestäten werden am 22. Mai die Stadt besuchen. Die Ankunft erfolgt voraussichtlich zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags am Hauptbahnhof. Von hier aus findet eine Fahrt zur Hohenzollernbrücke statt. An die Brückenfeier schließt sich eine Fahrt mit Gefolge über die Hohenzollernbrücke, die Urbanstraße in Deutz und die Schiffbrücke. — Am Abend wird das Kaiserpaar eine Fahrt aus dem Rhein unternehmen, bei der eine Beleuchtung der Rheinufer mit Feuerwerk und eine Schiffsparade aus dem Strom stattsindet. Die etwa 1 Stunde dauernde Rheinsahrt wird gegen 9% Uhr beginnen und von dem Landstoß der Schiffbrücke stromaufwärts bis in die Nähe von Rodenkirchen, von da stromabwärts bis oberhalb Mühlheim und dann zurück zum Ausgangspunkt gehen. Für die Beleuchtung der Straßen wird der einheitlichen Wirkung wegen weißes Licht in Vorschlag gebracht.
* Essen, 2. Mai. Vom Zuge ersaßt. An einem Eisenbahnübergang lief ein Kind durch die geschlossene Schranke auf den Bahnkörper, als plötzlich ein Zug heranbrauste. Der Bahnwärter sprang hinzu und riß das Kind zurück, wurde aber selber vom Zuge erfaßt und getötet.
* Karlsruhe, 2. Mai. Schneefall. Im höheren Schwarzwald ist Schnee gefallen. Aus dem Feldberg beträgt die Neuschneedecke 20 Zentimeter. Die Temperatur ist bis 4 Grad unter Null gesunken.
)( DreiVrennaborsahrer gingen am Sonntag aus dem Essener Radrennen siegreich hervor, es waren dies I. Böschlin, welcher sowohl den großen Eröffnungspreis (20 Kilometer), wie den Großen Frühjahrspreis (30 Kilometer) gewann, A. Ritzenthaler, der im Vorgabefahren vor Ostermeier, Stellbrink, Münzner u. a. Erster wurde, und Rädlein, der mit seinem Partner im Tandem-Prämiensahren siegte.
Hrachrcke des $üg. Deutschen Sprachvereine.
Mahnung für Beamte.
O Mensch, der du Beamter von Berus, Schreib, wie du sprichst: natürlich, einfach, klar ! Vermeide Redensarten wie „b e h u s", Auch „in Erwägung" klingt zu sonderbar, Und willst für klug du gelten und für weise, So sage „oder" statt „beziehungsweise"! Statt daß man schreibt „z u m Z w e ck" bei vielen Sachen, — Zum Zweck der Anordnung der Vormundschaft — Kann man es sich mit „zu" bequemer machen, Auch „F ü r die Anordnung" hat Sinn und Kraft. „Verwünschter Zopf!", so hört mit Recht man fluchen, Oft ist's, als wär man im Chinesenreich, Und les' ich vom „dortseitigen Ersuche n", Wünsch' ich den Sprachverein herbei sogleich. Weitschweifigkeit — der Ausdruck endlos breit, „Mitteilung machen" und „in Absatz bringe n",
Und dabei ist doch kostbar unsere Zeit, Ein einzig Wort wird g'rad so gut gelingen ! Ach, und der fremden Wörter Flitterputz Paßt läppisch zu dem schlichten deutschen Kleid. Vereinigt euch fortan zu Schutz und Trutz, Dann ist die Hilfe sicherlich bereit. „D e r I n k u l p a 1" — wer mag der Aermste sein ? „D a s q u ä st i o n i e r t e Kind" — unschuld'ges Wurm 1
„D e r Rubrizierte" . . . Himmel hatte ein ! „ „E r p r o p r i a n 1 i n" . . . nein, ich läute Sturm! Ich kenne meine Pfticht, ich bin Beamter, Doch kein zu ew'ger Fremdherrschaft Verdammter! Was das Gesetz befiehlt, das führ' ich aus: Deutsch sei die Losung im B e h ö r d e n h a u s!