Gießener Jettnng
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jeden Werktag früh. — Die ^Jlluftr. Weltrundschau" liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. — Redaktion: LelterSweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Wietzener Zeitung" G. m. b. H.
^Nr. 79.
Telephon: Nr. 362.
Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer^
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
Behörden Gberheffens
Expedition: Selters weg 83.
(Haus Brüder Schmidt.)
Anzeigenpreis 15 pfg.
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Verlag der „Gietzener Zeitung" G. m. b. H.
Montag den 3 April 1911
Telephon: Nr. 362.
23. Jahrg.
Unehrliche Politik.
Beim Postetat hatten sich die Kommissionen mit der Regierung dahin verständigt, daß an dem Besoldungsgesetz in den nächsten Jahren nichts geändert werden solle und nur einzelne Härten ausgeglichen werden sollten. Trotzdem brachten die Sozialdemokraten, um Stimmenfang zu treiben, folgende Resolution ein, obgleich jeder die Aussichtslosigkeit kannte:
„Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, eine Revision des Beamtenbesoldungsgesetzes in dem Sinne vorzubereiten, daß eine angemessene iErhöhung der durchaus unzulänglichen Bezüge der P o st - U n - terbeamten eintritt.“
Bekanntlich hatten bei der Vesoldungsordnung auch die Nationalliberalen einen gegen den einstimmigen Beschluß der Kommission gefaßten, aussichtslosen Antrag zum Besten der Beamten gestellt, der in dritter Lesung von den Nationalliberalen selbst und den Sozialdemokraten preisgegeben wurde. Es stimmten dann alle Parteien, auch die Sozialdemokraten, mit Ausnahme der Polen, für die Vesoldungsordnung. Die Nationallibe- ralen, Freisinnigen und Sozialdemokraten bewilligten natürlich keinen Pfennig zur Durchführung der Besoldungsordnung. Nur der jetzigen Mehrheit verdanken die Beamten 118 Millionen Mark Zulage! Ebenso wie damals stimmten auch diesmal die Mehrheitsparteien gegen die sozialdemokratische Resolution, die nur die politisch nicht reifen Beamten täuschen soll. Die Beamten in ihrer überwiegenden Mehrheit haben allerdings diese „Mache" durchschaut und sich ihren Vers daraus gemacht. Sie erhalten natürlich keinen Pfennig mehr dadurch, sondern es soll ihnen nur Sand in die Augen gestreut werden, auch will man falsche Hoffnungen bei ihnen erwecken, die zur Unzufriedenheit führen. Daß das nationalliberale „Siegener Volksblatt" in echt demagogischer Manier auch hier Veamtensang zu treiben versucht, ist nicht verwunderlich. Ehrlicherweise müßte es den wahren Sachverhalt angeben und sagen, woher die Mittel genommen werden sollen; ferner hätte es mitteilen müssen, daß auch die Naüonalliberalen und Freisinnigen in der Kommission zugegeben haben, daß der Reichstag nach kurzer Zeit nicht wieder die Besoldungsordnung ändern könne. Es ist doch auch bekannt, daß gerade bei den Nichtbeamten, welche das Geld ausbringen müssen, schon hinreichend Unzufriedenheit wegen der Besoldungsordnung vorhanden ist und man gerade deswegen vielfach auf die Finanzreform schimpft.
Hur Stadt und Land.
Gießen, den 3. April 1911.
— Reichskonferenz derVersicherungs- a n g e st e l l t e n. Man schreibt uns: Die letztjährigen Vorgänge in der Bewegung der Versicherungsangestell- ten und besonders die sich mehrenden Kämpfe um Verbesserung ihrer Anstellungsbedingungen erfordern, daß diese Branche des Büroberufs durch gewählte Vertreter zu den beruflichen Verhältnissen und Bestrebungen Stellung nimmt. Zu diesem Zwecke beruft der Verband der Vüroangestellten eine Konferenz der deutschen Versicher- Ungsangestellten, die am Ostermontag, vormittags 9% Uhr im Gewerkschaftshaus in Berlin SO., Engelufer 15, Zusammentritt.
• Gießen, 3. April. Freitag nachmittag weilte das Großherzogspaar »mehrere Stunden in unserer Stadt, ohne daß die Bevölkerung davon wußte. Die hohen Herrschaften waren per Automobil, von Darmstadt kommend, in Steins Garten-Etablissement eingefahren, in dem sie gemeinsam mit dem Architekten Hans Meyer- Gießen die Räumlichkeiten besichtigten und danach ihre Anweisung gaben wegen der zu treffenden Einrichtungen zum großherzoglichen Verkaufstag,, der Mitte Juni hier stattsinden soll.
* Gießen, 3. April. Infolge der Reorganisation der Gendarmerie wurde der Oberwachtmeister Ploch- Gießen mit Wirkung vom 1. April in den Ruhestand versetzt und ihm anläßlich dieses Ausscheidens von dem Großherzog der Titel „Leutnant" verliehen.
• Gießen, 3. April. Der Bürgerverein hält heute abend 8% Uhr in Steins Garten eineo f - fentliche Versammlung ab. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung ([. Inserat) ist ein zahlreiches Erscheinen der Mitglieder erwünscht.
* Gießen, 30. März. Der Hess. Landesausschuß des Deutschen Flottenvereins behält für seine diesjährige Fahrt das in früheren Jahren bewährte Programm bei: Hamburg— Kiel; dazwischen Besuch Helgolands. Ze zweitägiges Verweilen vermeidet Ueberanstrengung, so daß auch weniger rüstige Damen und Herren mit Genuß teilnehmen können. Auch Nichtmitglieder find willkommen, aber frühzeitige Anmeldung ist Bedingung.
Dauer 15.—22. Juli, Preis 110 Mk. Beteiligung an einer fünftägigen Anschlußfahrt nach Dänemark wird ermöglicht. Programme sind von den Flottenvereinsge- schästsstellen und von dem Hess. Landesausschuß, Darmstadt, Waldstraße 4 zu erhalten. Im Grohherzogtum Hessen wird nur diese Fahrt vom Flottenverein veran- anstaltet, nur sie gewährt die daraus erwachsenden Vorteile.
- sch- Wetzlar, 3. April. Der Verband zur Förderung der Leibesübungen im Kreise Wetzlar hielt gestern im Hotel Kessel seine Frühjahrshauptversammlung ab. Der Vorsitzende, Pros. Hippenstiel, eröffnete die Sitzung mit einem herzlichen Willkommensgruß. Daraus erstattete er den Jahresbericht. Der Verband zählt gegenwärtig 25 Vereine mit 2000 Mitgliedern. Die Einnahme betrug 495,90 Mk., die Ausgabe 256,24 Mark mithin Bestand 239,66 Mk. Die Vorstandswahl ergab, daß sämtliche Vorstandsmitglieder wieder gewählt wurden; neu hinzugewählt wurde Jockel-Braunsels. Weiterhin wurde beschlossen, sich in diesem Jahre am „Ochsen- sest" zu beteiligen. Mit einem warmen Appell, auch tatkräftig für die Jugendpflege einzutreten, wurde die interessante Versammlung gegen 7 Uhr geschlossen.
— Wetzlar, 3. April. Der diesjährige Frühling liebt die Ueberraschungen. Erst war es bitter kalt und seit einigen Tagen herrscht fast Sommertemperatur. Am Samstag nachmittag zog sogar ein Gewitter über die Stadt. Heute ist bereits wieder eine merkliche Abkühlung eingetreten.
4 = Horhausen (Kr. Altenkirchen). Kürzlich wurde im katholischen Pfarrhause ein Einbruchsdiebstahl verübt. Der Dillenburger Polizeihund „Jack" wurde nach hier geholt und auf die Fährte gesetzt. Er nahm dreimal dieselbe Spur nach dem eine Stunde Wegs entfernten Güllesheim auf und verbellte dort am äußersten Ende des Dorfes ein Haus. Nachdem die Tür geöffnet, holte „Jack" sofort einen Schuh aus der Stube. Nach einigem Sträuben wurde der Eigentümer des Schuhs verhaftet, nachdem der Hund ihn fortwährend verbellt hatte. Fast das ganze Dorf geleitete den Verhafteten, der hartnäckig leugnete, zu dem Tatort. Dort bequemte er sich zu einem Geständnis und nannte noch vier Komplizen. In der Wohnung des Verhafteten wurde ein Teil der gestohlenen Gegenstände gesunden. Die Verhaftung der vier Genossen wurde noch in der Nacht angeordnet.
* Lollar, 3. April. Am 5. April findet die Beigeordnetenstichwahl zwischen dem Gemeinderat Gerlach und dem Schreinermeister Geißler 7. statt.
* Wiesbaden, 1. April. Heute besteht der Landkreis Wiesbaden 25 Jahre. Zur Feier dieses Tages findet im Kurhaus ein Festessen statt.
* Homburg v. d. H., 1. April. Königin Olga und Prinz Andreas von Griechenland, die gegenwärtig in Wiesbaden weilen, besuchten gestern die Landgräfin Ton Hessen. Am abend kehrten sie nach W. zurück.
- l- Auerbach a. d. B., 30. März. Der in weiten Kreisen bekannte Frhr. von Wangenheim ist hier gestern gestorben.
* Ilvesheim. Der hiesige Gänsehirt streikte weil ihm der Gemeinderat seinen Gehalt nicht erhöhte. Zu seinem Leidwesen fand sich aber ein Streikbrecher. Kein Geringerer als der Feuerwehrkommandant bewarb sich um den Posten und erhielt ihn zugeschlagen, weil er 30 Mark weniger forderte als sein Vorgänger.
* Frankfurt a. M. Ein Bäckerhausbursche hatte bei seinem Meister zahlreiche Unterschlagungen begangen. Der Geschädigte wollte den Unehrlichen in Anbetracht seiner Jugend nicht gleich „brummen" lassen, sondern vereinbarte, daß er bei einem wöchentlichen Lohnabzug von 5 Mark bis zur Deckung der unterschlagenen Beträge weiter arbeiten solle. Damit hatte der Meister den Bock zum Gärtner gemacht, denn der Bursche veruntreute mit jedem Tag mehr und bald, war die doppelte Summe der anfänglich unterschlagenen Beträge erreicht. Nun übergab man den unverbesserlichen Burschen dem Gericht, das ihn zu zwei Monaten Gefängnis verurteilte. Jetzt eilte der Bursche an das Gewerbegericht und klagte seinen Meister auf Zahlung von 10 Mark zurückbehaltener Kaution und weiteren 23 Mark rückständigen Arbeitslohn ein, mit der Behauptung, er habe mehr gezahlt als die Fehlbeträge seien. Natürlich wurde der unverschämte Kläger unter Auferlegung der Kosten abgewiesen.
» Offenbach. Eine lustige Gerichtssitzung verursachte die Anklage gegen ein junges Mädchen, daß im Geschäft ihres Bruders Feuerwerkskörper an einen 14- jährigen Knaben verkauft hatte. In begreiflicher Aufregung trat es vor die Schranken (es hat noch ^te mit dem Gericht Bekanntschaft gemacht), wo aus dem R,ch- i ,ertischè das „Corpus delicti", ein kleiner Schwärmer,
lag, wie man ihn für 1 Pfennig zu kaufen bekommt.
Da es sich darum handelte, ob man den fraglichen Körper unter die Rubrik „Schußwaffen und ihnen ähnliche Feuerwerkskörper" zu rechnen habe, wurde beschlossen, das Feuerwerk im Gerichtssaale abzubrennen. Sei es nun aber, daß der Schwärmer es nicht mit der Würde des Gerichts vereinbaren zu können glaubte, sich hier zu produzieren, sei es, daß ihm die niedliche Angeklagte leid tat, und er sie nicht belasten wollte, kurz, er sprang auf die Erde herunter und weigerto sich zur größten Heiterkeit aller Anwesenden aus das entschiedenste, zu explodieren. Nun blieb selbst dem Amtsanwalt nichts anderes übrig, als auf Freisprechung zu plädieren, und auch das Gericht kam zu der Ueberzeugung, daß zwischen einem Feuerwerkskörper zu 1 ^fg. und einer lebensgefährlichen Waffe doch wohl ein Unterschied sei.
* Königstein i. T. Kürzlich rissen bei Königstein einige Güterwagen am Zuge los und entgleisten. Ein 60 Jahre alter Landwirt fuhr mit seinem Wagen gerade über die Schienen, als die Wagen daherkamen, es gelang ih^n aber, durch rasches Antreiben seiner Pferde dem Tod auf den Schienen zu entgehen. Der x Schrecken hatte dem alten Mann indessen derart zuge- setzt, daß er sich sofort ins Bett legen mußte, und nun ist er nachträglich an der Aufregung gestorben.
* * Lauter, 3. April. Infolge des Baues der staatlichen Quellwasserleitung in Lauter wurde mehreren Wassermühlen des Lautertälchens das Triebwasser ganz oder zum Teil entzogen. Obwohl dies bereits im Juli 1906 stattfand, also vor dem erst am 15. Juli 1908 erfolgten Inkrafttreten der Novelle zum Bachgesetz, der Staat also nach der damaligen Rechtslage nicht verpflichtet gewesen wäre, die betroffenen Müller zu entschädigen, so hat er das in dankenswerter Weise aus Billigkeitsgründen doch getan und alle Geschädigten haben sich damals mit den im Herbst 1907 mit ihnen vereinbarten Entschädigungsbeträgen zufrieden gegeben. Nachträglich jedoch wendet sich Frau Karle mit dem Gesuch um höhere Entschädigung an den Landtag; ihr Schwiegersohn Ziegenhain verlangt als Pächter dieser Mühle ebenfalls eine Entschädigung. Begründet hat Frau Karle ihr Gesuch mit dem Hinweis darauf, daß der Nachbarmüller Mahr bei genau gleicher Wasserkraft 6250 Mark, also 1750 Mark mehr wie sie, erhalten habe und daß ihre Einwilligung zu dieser viel zu geringen Entschädigung durch die Drohung erzwungen worden sei, sie werde andernfalls gar nichts erhalten. Der Ausschuß beantragt: der Witwe Karle die gleiche Entschädigung zu gewähren, wie sie der Müller Mahr erhalten hat.
* Gau-Algesheim, 31. März. Die größte (Spargelplantage in Hessen besitzt zurzeit der Gutsbesitzer N. Avenarius. Er ließ in der Gemarkung Nieder-«Jngelheim ein Gelände von 30 000 Quadratmeter Bodenfläche (gleich 12 hessische Morgen) neu mit Spargeln anlegen.
* * Berlin. Das deutsche Organisations-Komitee für den europäischen Rundflug hat in einer am Donnerstag, den 30. März, in Berlin abgehaltenen Sitzung seinen Austritt aus der Organisation dieser Veranstaltung beschlossen. Die Veranlassung hierzu war der unberechtigte Rücktritt des „Journal" Paris, von dem mit dem Verlag Ullstein & Co. geschlossenen Vertrage und der Beschluß des Pariser Blattes, Deutschland nicht, wie beabsichtigt, in den europäischen'Rundflug einzuheziehen. Da der Verlag Ullstein & Co. seine Preisstiftung von 100 000 Mk. indes weiter aufrecht erhält und für die Förderung der nationalen Aviatik verwandt wissen will, sind von den Mitgliedern des Deutschen Organisations- Komitees alsbald neue Beratungen eingeleitet worden, um eine neue Ausschreibung für den 100 000 Mark- Preis aufzustellen.
Literarisches.
— In dem soeben erschienenen OffiziellenHo- tel-Adreßbuch des Reichsverbandes Deutscher Gastwirtsverbände ist ein Handbuch für den gesamten Reiseverkehr geschaffen worden, wie es bisher wohl kein Land in dieser Art aufweisen kann. Der stattliche Band in gefälliger moderner Aufmachung ist kein schematisches Verzeichnis von Hoteladressen. Das Werk enthält die Beschreibung von lausenden deutscher Orte in aller Ausführlichkeit, und zwar je nach der Bedeutung, den der einzelne Platz im Reise- und Touristenverkehr einnimmt. Wer sich über einen deutschen Ort, der in touristischer oder kommerzieller Hinsicht nur irgendwie eine Bedeutung hat, heute zuverlässig informieren will, wird nach dem hübschen Band des Offiziellen Hotel - Adreßbuches greifen. Dasselbe liegt fast in jedem größeren Ort in Hotels, in den meistenMeisebureaur, Geschäftsstellen der Verkehrsvereine und vielen Stadt- und Gemeinde-Verwaltungen zur kostenlosen Benutzung auf.