Hiekener Jettnng
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Enthält alle amtt. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen H
Bürgermeisterei^
des Großherzoglichen
ifPolizei-Amtes
sowie vieler anderer Behörden Gberheffens Expedition: Selter $ weg 85. iHaus Brüder Schmidt.)
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Gcsamtlcituttg: Albin Klein.
Nr. 53
Telephon: Nr. 362.
Freitag den 3. März 1911
Teleph on: Nr. 362.
23. Jahrg
Oberlehrer Dr, Werness
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Kandidaten-Rede in Gienen
am gestrigen Abend im Saale des „Case Leib" mutz in jeder Beziehung sachlich genannt werden. Die großen vaterländischen Ausgaben jeder politischen Partei — nur bei der Sozialdemokratie kennt man solche bekanntlich nicht — sollten alle kleinen Parteiinteressen verdrängen. Dr. Werner stellte an Hand verschiedener statistischen Aufzeichnungen fest und führte ganz besonders solche bekannter Sozialdemokraten an, dah die l tzte Reichsfinanzreform nicht zum Schaden des Deutschen Reiches gewesen ist. Nachdem die vaterländischen Hcff- nungen und Wünsche des deutschen Volkes von 1848 unb 1870=71 sich in so glänzender Weise erfüllt und wozu der Liberalismus anerkannterweise sein gut Teil mit beigetragen habe, hätte derselbe Liberalismus sich dann auch mehr den sozialen und Wirtschaftsfragen zuwenden L0?"«-?0 hâ er, wenn das Vaterland in einer oft bedenklichen Lage gewesen? ist, versagt. Auch bei Durchführung der Arbeitergesetze ist er nicht am Platze ae - wesen. Bei den heutigen Verhältnissen des deutschen Kelches ist eine Schutzzoll- und eine Kolonialpolitik unbedingt notwendig. Wir brauchen ein schlagfertiges 6eer unb eine gute Marine, damit uns der Frieden auch wei- ter erhalten bleibt, damit unsere Arbeiter, unsere Hand-
Vwt' sowie die Landwirtschaft gute Absatzgebiete haben. Wenn durch die letzte Reichssinanz- reform |o vieles teurer geworden ist, dann ist das in der Hauptstiche den Produzenten mit zuzuschreiben die auf die Steuer nochmals ihren verdoppelten Gewinn draufschlagen. Die jahrzehntelange Sozialpolitik hat für bie Arbeiter Gesetze geschaffen, welche in keinem anderen ^be, der Erde überragt mürben; der Grotze, der Reiche hilft sich schon selbst, aber der kleine Handwerker, der Mittelstand, ist heute derjenige, dem es am schlech- tc|ten geht Der Mittelstand leidet unermeßlich unter der Last der Steuern, ihm will die Wirtschaftliche Ver- elmgung der er angehöre, Schutz angedeihen lassen.
Von den zahlreich anwesenden Anhängern der Wirtschaftlichen Vereinigung wurde den Ausführungen Dr. Werners begeistert zugestimmt. Viele der anwesenden Gegner, bie vom Freisinn und der Sozialdemokratie natürlich haben durch ihre oft unnoblen Zwischenrufe wieder bewiesen, daß bei vielen Wählern noch die politische Reife fehlt. — Der nächste Redner
Stadtverordneter Rippel-Hagen
hat diesen Leuten in seinen einleitenden Worten zum Korreferat auch den gebührenden Verweis gegeben. Was Dr. Werner von der praktischen Arbeit der Wirtschaftl. Vereinigung, um seine 1% stündige Rede nicht noch umfangreicher zu gestalten, unerwähnt gelassen hat, das wußte Stadtv. Rippel mit Tatsachen noch so glänzend zu ergänzen, daß selbst viele Gegner zu verschiedenen seinen Worten ihm zuwinkten, darunter auch — der sozialdemokratische Herr Krumm 1
Die Widerlegungen des Herrn Krumm in der Diskussion waren deshalb auch so lückenhaft und selbst der sozialdemokratische Redakteur Kaul-Offenbach hat zu dem Kern der Werner'schen Rede — das ist Schaffung der Arbeitergesetze, Notwendigkeit der Schutzzoll- und Kolonialpolitik, Schutz dem Mittelstand — stichhaltige Gegengründe nicht anführen können.
In der Oeffentlichkeit, in Versammlungen und besonders in der freisinnigen Presse, darunter natürlich auch in der hiesigen „Guten Abend-Zeitung" hat man dem Dr. Werner im gegenwärtigen Wahlkampf eine unreelle Kampsesweise vorgeworfen. Der dritte Diskussionsredner, ein Herr Baer (Israelit) hat gestern abend aber bewiesen, daß leider viele Männer politisch noch nicht reif sind. Wir leben in einem Staate, wo ein jeder seine eigene politische Meinung haben kann, Niemand hat das Recht den Andersdenkenden persönlich zu beleidigen. Dr. Werner ist von z a h l r e i ch e n egrenierten Männern der deutsch- und christlich-sozialen Partei mit Ueberlegung und Liebe zu ihm als Kandidat proklamiert worden, weil Dr, Werner ein tatsächlich befähigter Politiker ist, und da hat Niemand, auch ein Herr Baer nicht das Recht zu sagen: „... Dr. Werner könne nicht froh sein, das Erbe eines Bickenbachs anzutreten, er möge dieses Bild in seinem Studierzimmer aushängen aber nicht in die Nähe des Schulmannes Pestalozzi. In welcher Gesellschaft er sich befinde, zeigen die Namen Hammerstein, Alwardt, Pückler, Dr. Böckel, Th. Reuter, Nippel "unb Hofprediger Stöcker, der es mit dem Eide nicht sehr genau genommen habe. Der Abg. Naab habe im Reichstag -vorige Woche eine odjunb= rede gehalten und Dr. Werner sei vor dem ganzen deut
scheu Volke schon beschmutzt, bevor er in den Reichstag einziehe. . . ."
Fast die ganze Versammlung war natürlich über diese Gemeinheit auf's Höchste empört und hat die- sell politischen Fanatiker sofort mit „Psui-Rusen" nieder- geschriehen. Gemeinheit muß es genannt und kann es nicht anders bezeichnet werden, denn diese dem Herrn Dr. Werner widerfahrene persönliche Beleidigung ist auch eine ebensolche persönliche Beleidigung für die Vertrauensleute Dr. Werners wie für die Anhänger der christlich- und deutsch-sozialen Partei überhaupt. Wer einigermaßen den politischen wie persönlichen Anstand gesichert sehen möchte, der sorge dafür, daß der „Fall Baer" sich nicht wiederholt. Herr Krumm erklärte sofort, daß der Vorstand eine große Geduld gegen diesen Redner bewiesen habe, und daß er sich nicht von diesen Leuten diskretieren lasse, die dieser Ausführung zustimmten.
Der umsichtigen Versammlungsleitung durch Oberbibliothekar Dr. Heuser und der Ruhe der Herren Referenten und dem geschickten Schlußwort des Herrn Rippel war es zu danken, daß nach diesem unfeinen Auftreten dieses Herrn Baer die Versammlung mit einem Hoch auf das Vaterland geschlossen wurde.
Oberlehrer Dr. Werner kann aber mit Ruhe dem 10. März entgegensehen. Die gestrige Versammlung hat ihm auch hier in Gießen viele neue Anhänger gebracht.
steiedZlagsvahlvorbereitungen.
E i n e z w e i t e Wählerversammlung für die Kandidatur Dr. Wertler findet am kommenden Sonntag, den 5. März, in Gießen und zwar nachmittags 3 Uhr in „Steins Garten" statt. Nach einer Ansprache des Neichstagsabgeordneten Liebermann v. Sonnenberg wird Reichs - tagsabgeordneter Amtsgerichtsrat Lattmann einen Vortrag halten. Bei den Vorträgen der bekannten Parlamentarier ist sicher ein starker Besuch in Gießen selbst und vom Lande her zu erwarten, sodaß ein frühzeitiges Erscheinen der Wähler am Platze ist.
* Lauterbach. Der von den Nationalliberalen im Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach ausgestellte Landwirt Haberkorn, der, obwohl Mitglied des Bundes der Landwirte, von den bündlerffchen Vertrauensmännern zuerst in Alsfeld und letzthin auch in Schotten und Lauterbach abgelehnt wurde, hat feine Kandidatur zurückgezogen. Die Bündler beschlossen die Unterstützung des seitherigen Abg. Bindewald (Wirtsch. Vereinigung).
*) Für Wiesbaden hat die christlich-soziale Partei Herrn General Klingender als Kandidaten für die nächste Reichstagswahl ausgestellt. Derselbe hat die Kandidatur angenommen.
* Kassel. Die deutsch-soziale Partei stellte den seitherigen Abgeordneten für Kassel-Melsungen, Amtsge - richtsrat Lattmann, für diesen Kreis wieder als Kandidat auf. Der Bund der Landwirte hat die Unterstützung der Lattmannschen Kandidatur beschlossen, ebenfalls der Vorstand der Konservativen. Der Verein selbst allerdings hat sich seither noch nicht darüber schlüssig gemacht. Die Nationalliberalen haben als Reichstagskandidaten den Landtagsabg. Dr. Schröder aufgestellt, sie erhielten die Zusicherung der Unterstützung durch die Fortschrittliche Volkspartei.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 3. März
* Gießen. Der Großherzog hat den Oberstaatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen Ludwig Lang zum Oberlandesgerichtsrat bei dem Oberlandesgericht mit Wirkung vom 6. März 1911 und den Landgerichtsrat bei dem Landgericht der Provinz Starkenburg Iakob Hofmann zum Oberstaatsanwalt am Landgericht der Provinz Oberhessen mit Wirkung vom 16. März 1911 ernannt.
* Gießen. Das Museum des Oberh. Geschichts- vereins hat durch Waffen aus den Bauernaufständen, einer Reiterrüstung aus dem 30jährigen Krieg, einem größeren Aquarell (Maskenball 1836 im Gasthaus „Zum Einhorn") mit zahlreichen Anspielungen auf Personen und Tagesereignisse, besonders auf die Beendigung der Lahnkanalisation bis Weilburg (Karikatur), wertvolle Bereicherungen erfahren. Die Totenkisten der fränkischen Reihengräber von Leihgestern sind im Saal 1 ausgestellt. Die Särge geben dem Beschauer ein Bild der damaligen reichen Bestattungsweise.
♦ Gießen. Kommenden Dienstag, nachmittags % 4 Uhr, findet in der Klinik für psychische und nervöse Krankheiten eine Versammlung oberhessischer Vertrauens
männer des Hilssvereins für Geisteskranke Hessens statt. Professor Sommer wird über „Die Zusammenhänge von Säuglings-, Krüppel- und Jdiotensürsorge", und Professor Dannemann über „Die neue Irrenanstalt bei Gießen" sprechen. Gäste haben unter vorheriger Anmeldung bei der Verwaltung der Klinik Zutritt.
— Gießen, 3. März. Der Verband Deutscher Beamtenvereine wird "einen nächsten Verbandstag vom 8. bis 12. Juni d. Js. in Dresden abhalten.
-e- Auf Veranlassung der kirchlich-positiven Vereinigung wird zu Anfang nächster Woche wieder, wie in früheren Jahren, in Gießen durch hervorragende Univ.- Professoren eine Reihe von Vorträgen gehalten werden, an die sich jedesmal freie Diskussion anschließen wird'. Montag, den 6. März, abends 8^ Uhr, behandelt Konststorialrat Pros. D. Walther aus Rostock das Thema: „Hat sich Jesus in die Menschheit eingerechnet
ihr, gegenübergestellt?" Dienstag vormittags 10 Uhr spricht Geh. Konststorialrat Pros. D See - berg aus Berlin über „Autorität und Freiheit" und au dem elben Tage nachmittags 3^ Uhr Geh. Kirchenrat x r.^meIs aus Leipzig über das Thema: '^urch religiöses Erleben zur religiösen Gewißheit" Die Vorträge, zu denen auch Damen Zutritt haben, finden im ^aalbau (Steins Garten) statt und find öffentlich und unentgeltlich. '
Wiesbaden. Die Handwerkskammer bewilligte 2000 Mark zu den Kosten der Errichtung eines Handwerkersekretariats.
Darm st ad t. Geh. Oberbergrat Karl Braun, vortragender Rat im Ministerium der Finanzen, verschied Dienstag abend an Herzschlag.
-e- Mainz. Für den 3. Hess. Handwerke r- t a g, der Montag, den 13. März 1911, vormittags 11 Ut)r im großen Saale des Konzerthauses der Mainzer Liedertafel zu Mainz beginnt, ist folgende Tagesordnung festgestellt: 1. Mitteilungen, 2. Das Verdingungs- wesen — Arbeiterschutz und Unfallverhütung. 3. Die Verleihung von Privilegien an Gewerbeschulen. 4. Das Meisterprüsungswesen. 5. Fürsorge für die gewerbliche Jugend. 6. Anträge. Die Anmeldungen hierzu haben die Zahl von 400 bereits erreicht, sodaß aus einen starken Besuch der Tagung gerechnet werden kann.
Nieder-Ohmen. Die im Domanialwald der Oberförsterei Nieder-Ohmen zu Grünberg am Donnerstag abgehaltene Holzversteigerung brachte folgende Preise: Für Brennholz pro Nm. in Mark: Buche Sch. 6,98, Kn. 5,74; Eiche Sch. 3,55, Kn. 3,18; Kiefer Kn. 3,—; Fichte Sch. 3,20, Kn. 2,50; Hainbuche Sch. 4,54, Kn. 4,26.
— Wetzlar, 3. März. Gestern hatten wir das erste Märzgewitter zu verzeichnen. Der Regen rann in Strömen, der Wind, der sich manchmal bis zum Orkan steigerte, pfiff ein schauriges Lied, und gegen 5 Uhr vernahm man verschiedene Male das dumpfe Grollen des Donners.
* Gladenbach. Das hiesige Schieferbergwerk werk hat seinen vor Jahren eingestellten Betrieb wieder ausgenommen und gibt dadurch 40—50 Arbeitern wieder lohnende Beschäftigung in der Heimat.
* Biedenkopf. Der vom Zentralvorstand der Gewerkvereine Nassau an die Spitze seiner gewerblichen Fortbildungsschulen berufene Gewerbeinspektor Kern weilte vorige Woche im hiesigen Kreise, um die Ge - werbeschulen, jetzt 9 an der Zahl, zu besichtigen. Im Regierungsbezirk Wiesbaden bestehen zirka 50 Gewerbeschulen zur Weiterbildung der Jugend und ist der Besuch durch Ortsstatut geregelt. Der Zeichenunterricht wird meistens von Fachleuten erteilt.
* Frankfurt, 2. März. Eine bemerkenswerte Illustration zu dem vorgestrigen Narrentreiben bildete die Tatsache, daß vier Frankfurter an diesem Tage ihrem Leben selbst ein Ziel gesetzt haben. In der Altstadt arteten die Fastnachtsscherze so aus, daß einige Personen zu Boden geworfen und getreten wurden, sodaß sie gefährliche innere Verletzungen erlitten.
* Mengeringhausen. Die Vorschriften über den Viehverkehr an der Grenze werden gegenwärtig mit besonderer Strenge gehandhabt, um der Seuchengesahr wirksam zu begegnen. Neuerdings geht die Behörde mit empfindlichen Freiheitsstrafen vor. So wurde ein Gutsbesitzer und Ortsrichter in Sachsen wegen Vergehens gegen das Viehseuchengesetz — er hatte in mehreren Fällen len Rindvieh eingesührt, ohne es vom Bezirksarzt untersuchen zu lassen — neben 20 Mk. Geldstrafe zu einer Woche Gefängnis verurteilt. Weiter erhielt ein Gemeindevorstand 5 Tage Gefängnis, weil er es unterlassen hatte, von dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in seinem Orte der Behörde rechtzeitig Anzeige zu erstatten.