Hietzener Jettrtng
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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei
sowie vieler anderer
des Großherzoglichen
Polizei-Amtes
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Expedition: Zeltersweg 83
(Haus Brüder Schmidt.)
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Gesamtleitung: Albin St kirn
Nr. 52
Telephon: Nr. 362.
Donnerstag den 2. März 1911
Telephon: 9k. 362.
23. Jahrg.
Hus arm Reichstag.
(Spezialbericht der „Gießener Zeitung".) (Marine-Etat.)
Der Etat der Verwaltung der kaiserlichen Marine beschäftigte den Reichstag eine ganze Woche. Der Redner des Zentrums, und der der Konservativen sangen ein hohes Lied auf die Marine-Verwaltung und ihren Ches, sodaß der sozialdemokratische Abg. Ledebour als dritter Redner aus dem Hause meinte, der „olle ehrliche Seebär" (der Staatssekretär) sei „im Orient zwei Odalisken in die Hände geraten, von denen er mit Rosenöl bespritzt und mit Rosenworten umfächelt wurde." — Die Rede des Abg. Erzberger bot über die Entwickelung der deutschen Flotte recht wertvolle Ziffern. Wir wollen daraus folgende interessante Daten wiedergeben:
„Es ist sehr interessant, wenn man nur eines jener Momente, die auch im Jahre 1898 für die Schaffung des Flottengesetzes angeführt wurden, sich vor Augen hält, nämlich das schnelle Anwachsen unseres deutschen Außenhandels. Die Marine legte damals das Hauptgewicht für eine Bindung auf den Umstand, daß der Wohlstand in Deutschland schnell wachsen würde, daß insbesondere der Außenhandel im schnellen Tempo sich vermehren würde. Diese Inaussichtstellung ist tatsächlich e i n g e 1 r e t e n; denn 1898 hatten wir einen Auslandshandel von 8837 Millionen Mark, im Jahre 1909 von 14 894 Millionen Mark. Aber nicht nur nach der Millionenzahl sind die überseeischen Interessen gewachsen, sondern auch, was aus den einzelnen Kopf des Reiches fällt, zeigt eine gewaltige Vermehrung der Quote: Anno 1898 184,6 Mk., Anno 1909 232,4 Mk. Es ist interessant, heute festzustellen, daß im Jahre 1907 — das sind die neuesten Zahlen, die zur Verfügung stehen — allein der Seehandel Deutschlands mit 11,2 Milliarden Mark größer war, als im Jahre 1898 der gesamte Außenhandel unseres deutschen Vaterlandes sich belaufen hat. Der Außenhandel in Deutschland ist in diesem Jahrzehnt, für das die Zahlen jetzt zur Verfügung stehen, gewachsen um 60 Prozent. Nur Amerika, das eine Steigerung von 70 Prozent hat, ist uns über; England und Frankreich weisen 38, resp. 41 Prozent Steigerung auf.
Es würde aber nur ein halbes Bild geben, wenn man bei einer solchen Betrachtung in dem Jahre, wo das Flottengesetz aus seinen Höhepunkt in bezug aus Zahl der Bauten kommt, nicht auch die Kosten und Auslagen für unsere Flotte mit in Rechnung stellen würde. Gewiß, auch diese sind gewachsen. Wenn ich auf den Kops der Bevölkerung r e ch n e , so sind im Jahre 1901 ausgegeben worden in Deutschland 3,41 Mk., in England 15,19 Mk., in Frankreich 7,06 Mk. Das Jahr 1910 zeigt uns in Deutschland 6,67 Mk., England 18,41 Mk., Frankreich 7,61 Mark. Da aber die Rüstung zur See immer nur einen Teil der gesamten Vaterlandsverteidigung dar- stellt, so muß man, wenn man gerecht sein will, die jeweiligen Kosten für dasLandheer mit in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Wenn man nun das Jahr 1910 nimmt, so sindet man, daß Deutschland aus den Kops der Bevölkerung 19,07 Mk., England 30 99 Mk. und Frankreich 25,21 Mk. zu tragen hat, daß Deutschland also, was die Ausgaben aus den Kops der Bevölkerung angeht, erst in dritter Lnue steht.
Dieses Bild vervollständigt sich noch dadura) daß man die absoluten Ausgaben anfteht, und da kommt man zu demselben Resultat. England gibt im Jahre 1910 sür seine Vaterlandsverteidrgung aus 13J4 Millionen Mark, die V ° reinigten Staats 1374 Millionen Mark, Deutschland 1241 Mm. Mark, Ruhland 1220 Millionen und Frank, reich 1097 Millionen Mark."
9ëür die Wirtschaftliche Vereinigung nahm Abg. 5> - r z o q das Wort, um die Stiftungen und die Sparsamkeit der Marine-Verwaltung anzu-r - kennen und zum Schluh einige Wunsche w.e d,e des deutschen Kellnerbundes und der Schneider-Innung vorzubringen. Eine längere Erörterung nes die Kürzung der Zulagen der Heizer aus den echtsten hervor. namentlicher Abstimmung wurde die Kürzung abgele in . Die Wirtschaftliche Vereinigung stimmte gegen die KmZ- unq. Fast alle Redner gedachten ehrend der Be atzung Reiter und Verunglückten des gesunkenen Unterfeeb otes U. Z"
Die Sozialdemokraten legten eine Resolution bett. Ta-
rifuerträge rc. vor, von der der Staatssekretär feststelfte, daß sie in zwei Punkten erledigt, bezw. gegenstandslos sei und im dritten Punkt Sache des Reichskanzlers und nicht die einer einzelnen Verwaltung sei. Um dieser verunglückten Resolution, die von einer früheren Zentrums- resolution abgeschrieben war, zur Annahme zu verhelfen, beantragten die Sozialdemokraten namentliche Abstimmung. Sie wurde dann angenommen. Die Wirtschaftliche Vereinigung stimmte dagegen, weil sie für die viel besseren Resolutionen Giesberts-Behrens stimmten und diese dAraus auch angenommen wurden. Die Konservativen stimmten, gegen die arbeitersreundlichen Resolutionen.
Nothilse bei einigen wichtigen Krankheiten der Haustiere.
Darüber hielt in der letzten Generalversammlung der Lokalabteilung Wetzlar des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen Kreistierarzt Dr. Zürn einen Vortrag. Er sagte u. a.:
Krankheiten des Rindviehes. Fe st liegen vor der Geburt. In ärmeren Ställen kommt diese Krankheit häufig vor. Wenn das junge Kalb sich entwickelt, entzieht es dem Muttertiere zur Bildung seiner Knochen Kalk. Sobald man merkt, daß die Kuh an Aussehen verliert und schwach wird, lo muß sofort mit guter Fütterung eingesetzt werden, damit das Tier seine Knochen durch reichliche Kalkzufuhr wieder festigen kann und nachher hinreichend Kraft besitzt, das Kalb bei der Geburt abzustoßen. Vor der Geburt tritt auch öfter eine Tragsackverdrehung ein, die aber nur aus operativem Wege beseitigt werden kann.
Nach dem Kalben muß man immer ein wachsames Auge auf die Kuh haben, da Gebärmuttervorfall, Milchsieber und Euterentzündung entstehen können. Zeigt die Gebärmutter Neigung herauszutreten, so drücke man das Kreuz der Kuh durch, halte die Scheide zu und führe das Tier längere Zeit bergab. (Bergauf Schla- genlinien!) Ist die Gebärmutter vollständig herausgekommen, so muß tierärztliche Hilfe M Anspruch genommen werden. Bis zum Eintreffen des Tierarztes lege man ein reines Laken unter, reinige den Körperteil mit verschlagenem Essigwasser und schlage dann das Laken herum.
M i l ch s i e b e r. Der Name ist eigentlich nicht zu- 'reffend, da die Körpertemperatur etwas zurückgeht. Die Kühe, die gut gefüttert werden und gut milchen, er- kranken häufig am Milchsieber. Die Tiere werden schwach und sangen an zu schlafen; die Gehirntätigkeit ist gelähmt. Man gebe keine Flüssigkeiten ein! Kleinere Mengen derselben können leicht durch die Luftröhre in die Lungen gelangen und rufen dann schwere Lungenentzündungen hervor. Tierarzt Schmidt-Koldingen hat folgendes Mittel erfunden, um dem Milchsieber mit Erfolg zu begegnen: Der Kuh wird durch eine Vorrichtung Arzenei in das Euter eingeflößt, und dann wird soviel Lust nachgepreßt, bis das Euter prall wird. Gingen früher 85—90 Prozent aHer am Milchfieber erkrankten Kühe verloren, so werden jetzt 95 Prozent wieder aeheilt, und die übrigen 5 Prozent gehen auch noch nicht 'nlle am Milchsieber ein.
E u t e r e n t z ü n d u n g. Alle angepriesenen Einreibungen sind zwecklos. Um die Krankheit zit beseitigen, müssen die Zitzen ausgespült werden.
Fremdkörper. Die Kühe zeigen Schmerzen, wenn man sie in die Herzgegend drückt; schnelle tierärztliche Hilse ist notwendig.
T r o nrm e l s u ch t. Sie kann einmal hervorgcrusen werden durch Fremdkörper im Schlunde. Man warte dann ruhig ab. In leichteren Fällen rutscht der Fremdkörper bald in die Schlundröhre hinab, in schwereren Fällen sammelt sich nach einiger Zeit soviel Speichel an, daß der Fremdkörper ebenfalls von allein hinabgleitet. Unter allen Umständen vermeide man aber die Verwendung des Schlundrohres. Das Durchstoßen der Schlundröhre ist in vielen Fällen die Folge.
Blähungen können auch durch Grünsutter hervorgerufen werden. Man schütte keine Arzenei ein, sondern führe das Tier in leichteren Fällen bergan unb massiere kräftig den Wanst (in der Minute etwa 9 mal) In ernsteren Fällen verwende man den Trokar. Man stoße das Instrument mit einem k u r- 3 e n, kräftigen Stoße (etwa 3 Finger breithm- ter die letzte Rippe und von der Wirbelsäule in derselben Entfernung) in der Richtung auf den l i n^k e n Ellenbogenhöcker dem Tiere in die Seite, ziehe den Stech- apparat heraus. Die Hülle ziehe man nicht zu s r ü h heraus, unter Umständen lasse man sie einen halben Taa stecken. Hat man die Hülle herausgezogen, so streiche man etwas Teer über die Wunde. (Den Trokar
bringt man am besten im Orte in den Gastwirtschasten unter, von wo er leichter zu beschasten ist, als von Privatpersonen.)
Maul- und Klauenseuche. Ein Universal - mittel gibt es nicht. Man bestreiche mit einem Pinsel jede Klaue und den Spalt mit Holzteer, wodurch man die bösen Folgekrankheiten (Eiterungen am ganzen Körper) verhindert. In größeren Wirtschaften tut man gut — so empfiehlt Kreistierarzt Oppermann-Wanzleben, Bez. Magdeburg — wenn ein Tier erkrankt ist, alle anderen Tiere im Stalle künst- lich anzu st ecken. Man fährt dem kranken Tiere mit einem Strohwisch im Maule herum und tut dann das gleiche bei dem noch gesunden Tiere. Die Krankheit nimmt bei künstlich angesteckten Tieren nach allen bisher gemachten Beobachtungen einen milden Verlaus.
Der Vorsitzende sprach dem Redner für seinen lehrreichen Vortrag den Dank der Versammlung aus. Dr. Zürn habe sich nicht besser in die Lokalabteilung ein- sühren können als durch diese interessanten mit Selbst- entäußerung gemachten Ausführungen.
Hus Stadt und Cand.
Gießen, den 2. März
* Preußische Klassenlotterie. Die Erneuerung der Lose zur 3. Klasse muß mit Vorlegung der Lose 2. Klasse bis zum Montag, den 6. März, 6 Uhr abends, bei Verlust des Anrechts geschehen sein.
* Gießen, 2. März. Die noch immer austauchenden Beschwerden über die undeutlichen, oft ganz unleserlichen Poststempel haben das Reichspostamt veranlaßt, die Postämter von neuem mit ganz besonderer Anweisung zu versehen. Darnach sollen die Postanstalten mit allen Mitteln daraus halten, daß alle Sendungen deutlich gestempelt werden.
- s- Gießen. Am Dienstag hielt die nationalliberale Partei des Wahlkreises Gießen insgesamt 7 Versammlungen ab, von denen namentlich, so schreibt uns das Wahlbureau, die Abendversammlungen sich eines ungemein regen Besuches erfreuten. In allen, sowohl nachmittags in Harbach, Ettingshausen und Nonnenrod, wie abends in Obbornhofen, Bellersheim, Bettenhausen und Langsdorf sprach der Kandidat, Prof. G i s e v i u s unter starkem Beifall der Versammelten. In Bettenhausen und Langsdorf, dem Geburts- und Wohnort Köhlers, vermochten die Räume nicht die Zahl der Erschienenen zu fassen. Die Anwesenheit des Kandidaten selbst ermöglicht es, vielfach verbreitete falsche Auffassungen, wie sie in erster Linie vom Freisinn durch die Presse propagiert werden, in ruhiger Aussprache, ohne Schärsen nach irgend einer Richtung, auszuklären und richtig zu stellen.
— Wetzlar, 2. März. Der frühere Landrat des Kreises, Regierungspräsident a. D. Gustav v. D i e st ist am Montag in Merseburg in einem Alter von 84 Jahren gestorben.
— Weilburg, 1. März. Einen traurigen Abschluß nahm ein aus Webers Berg mit einem Ball abschließender Tanzkursus, indem sich ein Teilnehmer, ein 17- jähriger Schüler der hiesigen Landwirlschastsschule, nach demselben erschoß.
* Altenkirchen, 2. März. Der Kreistag hat beschlossen, die von Scheuerfeld nach Steinebach führende Kruppsche schmalspurige Grubenbahn anzukaufen und sie zu einer normalspurigen Kleinbahn von Scheuerseld nach Nauroth auszubauen.
— Aus Nassau, 2. März. Die Maul- u. Klauenseuche ist zur Zeit in unserem Bezirk in rund 125 Gehöften verbreitet, von 'oenen die Mehrzahl auf den Landkreis Wiesbaden entfällt. In Erbenheim allein ist die Seuche in 64 Gehöften ausgebrochen, in Norden - [tabt in 25. In b^p Kreisen Frankfurt und Höchst ist die Krankheit so ziemlich erloschen, im Landkreise Wiesbaden dagegen ist von einem Rückgang noch nichts zu merken. Die übrigen Teile unseres Regierungsbezirks sind bis jetzt noch seuchenfrei.
* Butzbach, 1. März. Major Stempel, der neue Kommandeur, hat die Führung des hiesigen Bataillons übernommen.
* Wiesbaden, 2. März. Gestern morgen wurde die 25 Jahre alte Büstetiere Gusti Lucat aus Elberfeld, welche zur Zeit in Dotzheim lebt, im Maskenkostüm e r- sch offen aufgesunden. Die Karnevalssreuden hatte sie bis zur Neige genossen, dann ihrem Geliebten einen Revolver entwendet und sich das Leben genommen.
— Bornheim, 2. März. Ein tödlicher Unfall ereignete sich Dienstag nachmittag .hier während des Faschingstreibens. Ein 6jähriger Junge im Maskenkostüm wurde von einem Zementfuhrwerk überfahren und starb an den schweren inneren Verletzungen.