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Gießener Zeitung

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Enthält alle amtt. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer ^

Expedition

des Großherzoglichen

sPolizei-Amles

Behörden Gberheffens Selters weg 85.

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Verlag der(^icftener Zeitung " ®. m. b. H.

Nr. 127.

Telephon: Nr. 362.

Donnerslag, den 1. Juni 1911.

Telephon: 9ir. 362.

23. Jahrg.

Deulfcbland u. der UklHchiedsverirag. 1 Revision bei Ba ord n n n g vorzulegon und '&abci I

gierung der Vereinigten Staaten mitgeteilt, daß das Deutsche Reich bereit' sei, sich an dem von Amerika ge­planten Weltschiedsvertrag zu beteiligen. Diese illachricht findet ihre amtliche Bestätigung durch folgende, vom offiziösen Draht verbreitete Meldung derNordd. Allg. Ztg.":

Nachdem die Negierung der Unionstaatcn der Deutschen Regierung zu erkennen gab, daß sie gewillt sei, ebenso wie mit England, so auch mit anderen Mächten einen Schiedsgerichtsvertrag aus breiterer Grundlage abzuschließen, sprach die kaiserliche Regie­rung den Wunsch aus, den von der amerikanischen Regierung ausgearbeiteten Entwurf kennen zu lernen, und erklärte ihre Bereitwilligkeit, in die Prüfung des Entwurfs einzutreten. Staatssekretär Knor teilte dem Grafen Bernstorff daraufhin den Entwurf mit, dessen Eintreffen in kurzer Zeit zu erwarten ist."

Die offiziöse Notiz ist, wie man sieht, sehr unver­bindlich abgesagt: der Schritt, den Gras Bernstorff un­ternommen hat, verpflichtet zu nichts. Trotzdem scheint man davon in Amerika hochbesriedigt zu sein, denn das Nachrichtenbureau des Washingtoner Staatsdepartements gibt folgendes Communique aus:

Deutschlands Haltung in der Schiedsgerichtsfrage wird von der amerikanischen Regierung mit der größ- ten Genugtuung begrüßt. Die Washingtoner Regie­rungskreise glauben nun, da vier Großmächte an den Unterhandlungen über den internationalen Frieden teilnehmen, daß eine große diplomatische Errungen - schast in Sicht sei."

Man sieht daraus, daß man in Washington sehr optimistisch veranlagt ist, da man an einegroße diplo­matische Errungenschaft" glaubt, wenn Deutschland ne­ben Frankreich, England und der Union einen Schieds- gcrichtsvertrag unterzeichnet. Wir haben bereits kürzlich betont, daß wir über die Bedeutung der Angelegenheit wesentlich nüchterner denken. Fragen der' Ehre und vitale Interessen sind ja aus den Verträgen ausgeschie­den, und wenn sich ihretwegen zwischen zwei Staaten ernsthafte Differenzen entwickeln, dann wird . eben das letzte Wort nach wie vor das Schwert sprechen. Vor die­ser letzten Möglichkeit kann die Welt nie ein papierner Vertrag schützen. Andererseits besteht für Deutschland > absolut kein Anlaß, sich dem Schiedsvertrag nicht anzu- schließen; warum sollten wir uns weigern, einem Ab­kommen beizutreten, das uns zu nichts weiter verpflich­tet, als das, was jeder vernünftige Mensch im alltäg­lichen Leben auch tut, nämlich, bei Streitigkeiten zweiten und dritten Ranges nicht gleich zu den Waffen zu grei­fen, sondern an das ordentliche Gericht zu appellieren ? Ein derartiger Vertrag wird in den internationalen Be­ziehungen der Staaten sicher nur von Nutzen sein, und es liegt durchaus kein Grund vor, warum Deutschland sich an ihm nicht beteiligen sollte. So wenig wie Ame­rika und England daran denken, sich durch einen der­artigen Vertrag Schranken und Fesseln in ihrer impe­rialistischen Politik auferiegen zu lassen, so wenig braucht man bei uns zu besorgen, daß Deutschland dadurch im Ernste irgendwie in seiner politischen Bewegungsfreiheit gehindert würde. Unb so wird man ein Zustandekom­men eines Schiedsgerichtsvertrages zwischen den genann­ten vier Großmächten zwar ohne überschwengliche Be­geisterung, aber doch als eine im Interesse der inter­nationalen Beziehungen ersreuliche Erscheinung begrüßen können.

Reiflicher Landtag.

Der vierte Ausschuß der ZweitenKam- m c r beschäftigte sich am Dienstag mit der Vorstellung des H e s s. L a n d e s l e h r e r o e r e i n s, betr. die Aufhebung des Art. 50 des Volksschulgesetzes. Der Ar­tikel bestimmt, daß die Lehrer an Volksschulen verbun­den sind, die kirchlichen Funktionen als Organist, Kan­tor oder Vorleser in denjenigen Gemeinden gegen am gemessene Vergütung zu übernehmen, in ^e" dreVer- binbung dieser Funktionen mit der betreffenden-chul- stelle herkömmlich ist, vorausgesetzt, . baf? biefe gunftw. neu nicht in die ordentliche ^ulM satten^ Hebung wurde mit Stimmenmehrheit beschlossen. Der Antrag Ulrich betr. die Trennung von Kirche und Schule, wurde a b g e l e h n t. Der 1 6 9 bnnasaüsschuß erledigte den Antrag Dr. toiaf- fings,' betr. die Abänderung des Enteignungsge)etzes. Der Ausschuß beschloß, zu beantragen, daß die R-gre-

betr. das Polizeistrasgesetz wegen des Verkehrs mit R u

t o m o b i [ e n, wurde in dem Sinne für erledigt er­klärt, die Regierung zu ersuchen, eine reichsgesctzliche Re­gelung von Bestimmungen zu befürwortens wonach ein Ausweichen sämtlicher Fahrzeuge, auch das der Kraft- wagen, eine anderweitige Regelung erfährt. D e r Sonder-Ausschuß für die Revision der V c r- waltungsgesctzgebung beriet den Dissens der L a n d g e m e i n d e or d n u n g. Die Zweite Kammer hatte auf Antrag des Abg. Dr. Weber beschlossen, dem Höchstbesteuerten nicht mehr wie seither, Sitz und Stim­me, sondern nur noch eine beratende Stimme im Gemeinderat zu erteilen. Die Erste Kammer hatte da­gegen die Regierungsvorlage wieder hergestellt, wonach der Höchstbesteuerte, wie im bestehenden Recht, Sitz und Stimme im Gemeinderat haben soll. Der Ausschuß be- chloß nach kurzer Beratung, dem Kammerplenum den Beitritt zu diesem Beschluß der Ersten Kammer zu em­pfehlen.

Aus Stadt und Land.

Sieben, ben 1. Juni.

* Das Ergebnis des hessischen Blumen- tages. Das Patronat der Großh. Zentrale für M. u. S. in Hessen teilt uns über das Ergebnis des Blumen- tags folgende Abrechnung zur Veröffentlichung mit. Die Einnahmen betragen: Kreis Darmstadt: 34 596,47 Mk.; dazu: Einnahme der Großh. Prinzen, Ueberschuß der Festvorstellung im Großh. Hostheater 1142,45 Mk.; Kr. Bensheim: 6106,25 Mk.; Kreis Dieburg: 5575,83 Mk.; Kreis Erbach: 4594,34 Mk.: Kreis Groß-Gerau: 7424,81 Mark; Kreis Heppenheim: 5426,90 Mk.; Kreis Offen­bach: 30 670,07 Mk.; Kreis Gießen: 10 089,38 Mark; Kreis Alsfeld: 2439,55 Mk.; Kreis Büdingen: 3397,66 Mark; Kreis Friedberg: 11 072,61 Mk.; Kreis Lauter­bach: 3095,05 Mk.; Kreis Schotten: 2289,76 Mk.; Kr. Mainz: 16 638 Mk.; Kreis Alzey: 4061,86 Mk.; Kreis Bingen: 4551,94 Mk.; Kreis Oppenheim: 219l,64M.; Kreis Worms: 10 067,76 Mk. Summe 165 732,33 Mark. In den Städten Darmstadt, Offenbach, Gie­ßen, Mainz, Worms und Bingen betragen die Ein­nahmen 75 329,46 Mk.; in den übrigen Kreisstädten und in Bad-Nauheim 18 947,81 Mk.; in den Landge­meinden 71 079,32 Mk. Die General-Unkosten betragen 7756,07 Mk., sodaß sich ein Reinerträgnis von Mari 157 976,26 ergibt.

* Die 12. Vertreter-Versammlung des Kysfhäuser^BunIdcs der deutschen Landeskrie- gcrverbände wird am 9. und 10. September bs. Is.

im ser

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Kaisersaale der Denkmalswirlschast aus dem Kyffhäu- stattfinden.

* 38. Eauturnfest des Gaues Hessen Schlitz.Nicht weltberühmten Namen das kleine

Städtlein trägt, nicht breite, stolze Straßen die Mauer dort umhegt, der Fluß trägt keine Schiffe, doch ein Dampfzug kreuzt das Tal, und lieblich ists zu schauen im Hellen Sonnenstrahl." So singen die Schlitzer in ihrem Nationalliede von ihrem Heimatstädtchen, dort in dem Nordostzipsel Hessens, in dem am 8., 9. und 10. Juli das 38. Gauturnfest gefeiert werden soll. Stolz sind seine Einwohner darauf, ein solches Fest feiern zu dürfen, und ihre Ehre setzen sie barein, dasselbe zu einem solch schönen und der Turnsache würdigen zu gestalten, daß alle Besucher noch lange davonsingen und sagen" werden. Wird doch schon die wunderbare Umgebung des Festortes alle Herzen erfreuen. Wie trotzig und doch wie traut blicken seine vier Burgen mit der uralten Kir­che in ihrer Mitte hinunter ins Tal und hinüber zu dem Ringwall von Bergen, der sie umgibt. Wie anheimelnd sind seine schmucken Fachwerkbauten und seine engen Gäßchen. Und wie werden die Herzen der Turnerund Gäste schlagen beim Anblick des Festplatzes, der anders­wo kaum günstiger und schöner sein kann, als hier. Die Festausschüsse sind schon wochenlang eifrig tätig und die Bürgerschaft rüstet sich zum Empfang. Tie Festmu­sik wird von der Kapelle des Insanterie-Regrmenls Nr. 83 zu Kassel und den beiden Stabttapellen ausgesührt, der GesangvereinHarmonisches Kränzchen" wird durch auserwählte Chöre dem Feste eine besondere Weihe ver-

lcihcn. Also auf ihr Turner und Turnsreunde, kommt vollzählig herüber ins schöne Schlitzerland, um mitzu eiern ein Fest, das der cblcii Turnsachc, aber auch dem Fcslorte und seinen Bewohnern znr Ehre gereichen soll. Ertrazüge verkehren: Am Samstag, den 8. Juli: Gießen ab 1.30, Schlitz an 4.30Uhr iiachmittags; Sonn­tag, den 9. Juli: Fulda ab 11.50, Schlitz au 1.10 Uhr nachmittags; Schlitz ab 10.10, Gießen an 1 Uhr nachts; Schlitz ab 10.25 Uhr abends bis Alsfeld und Anschluß nach Grebenhain.

* E i n Hess. P h o l o g r a p h e n - B u n b ist am Dienstag in Darmstadt gegründet worden. Man beschloß, sich dem Zcntralverband der Deutschen Photo­graphen in Berlin anzuschließen.

* Vogelschutz! Unsere Singvögel sind mit ihrer Brut und mit der Auszucht ihrer Jungen beschäs tigt. Da heißt es für den Vogclsreund vorsichtige Zu rückhaltung üben. Die geringste Störung am Nest kann die brütenden und fütternden Alten vertreiben und die Jungen dem Hungertod preisgeben. Am allerwenigsten darf es geschehen, daß man die Eier oder bie Jungen mit der Hand berührt. Will man etwas Gutes tun, dann sichere man das Nest mit Dornreisig ober Stacheldraht gegen kletternde Katzen.

-r- Friedberg, 1. Juni. Dem hiesigen Museum wurde von Herrn R. Volk aus Hamburg ein Tischchen aus antiken Eewcihstücken vermacht. Es handelt sich um Hirschgeweihe von seltener Schönheit aus der R ö- m e r z e i t, die in dem Schutt auf der Westseite der Burg bei der Erbauung der Staatschaussee Friedberg- Bad-Nauheim gesunden wurden.

-)(- R o d h e i m a. b. Bieber, 30. Mai. Die am Sonntag bei Gastwirt Karl Schlierbach abgehaltcnc Ec neralversammlung des Eewerbcvcrcins war besonders von auswärtigen Mitgliedern gut besucht. 9!ach dem Geschästsbericht des Vorsitzenden zählt unser Lokalver- ein 54 Mitglieder und sanden 1 Haupt- unb 3 Vor standssitzungen statt. Die Gewerbeschule, für welche im neuen Schulhaus ein eigenes Heim geschaffen wurde, zählte 33 Zeichen- und 19 Fortbildungsschüler. Nach dem neuen Lehrplan sollen im Sommerhalbjahr an einem Tage 3 Stunden unb im Winterhalbjahr an zwei Abenden 5 Stunden abgehalten werden. Auch ist der Fortbildungsunterricht für die Folge in eine Hand zu legen und wurde derselbe Lehrer Eloes übertragen. Als Vertreter für die diesjährige Generalversammlung in Rüdesheim wurde Techniker Gerlach bestimmt. Die Kas­senverhältnisse unseres noch ziemlich jungen Vereins sind trotz der vielen Neuanschaffungen günstig zu nennen.

- m- Haiger, 1. Juni. Am 10. und 11. Juni findet hier die Tagung des Westerwaldklubs k l u b s statt.

Frankfurt, 1. Juni. Der Main ist nach dem letzten Unwetter gestiegen und führt schmutziggelbcs Wasser,' Gras, Blätter, Zweige und sonstige durch den Hagelschlag in Wald und Flur veruichletc Pslanzeuteile fort, die Zeugnis geben von den oberhalb des Main­laufes durch das Unwetter angerichteten Verwüstungen.

Frankfurt, 1. Juni. Mit der Frage: Ist der Hosenrock ein auffälliges Kleidungsstück? hatte sich ge­stern das hiesige Schöffengericht zu beschäftigen. Der In­haber einer Wirtschaft mit Damenbedienung hatte in­seriert, daß bei ihm die Kellnerinnen im Hosenrock ser­vierten. Er hatte deshalb wie wir seinerzeit initleil- ten einen polizeilichen Strafbefehl über 30 Atari er­halten. Der Wirt erhob gegen diesen Strafbefehl Ein­spruch. Zu der Verhandlung erschien er in Begleitung [einer Frau, die mit dem ominösen Kleidungsstück be­kleidet war. Ferner hatte er den Hosenrock mitgebracht, den die Kellnerin getragen hatte. Der Verteidiger des Wirtes führte aus, daß es zum Schutz der guten Sitte kein praktischeres Kleidungsstück als den Hosenrock gebe. Die Polizei habe sich mit ihrem Strafbefehl einen Ein­griff in das ästhetische Gebiet geleistet, das ihrer Kontrolle nicht unterstehe. Das Gericht sah die vorge­legten Hosenröcke nicht als auffällig an und sprach den Angeklagten frei.

* Büdingen, 31. Mai. Eine Abteilung des Eisenbahnregiments Nr. 3 in Hanau, bestehend aus 3 Offizieren, 6 Unteroffizieren und 50 Mann, hat sich am Mittwoch in bas durch Wolkenbruch heimgesuchte Gebiet bei Büdingen begeben, um bei den Ausräum- ungsarbeiten zu helfen.