Gießener Jeitung
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Enthält alle amtl. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
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des Großherzoglichen
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Behörden Gberhessens
Expedition: 5eltersweg 83.
lHaus Brüder Schmidts
Nr. 101
Telephon: Nr. 362.
Montag, Den 1. Mai 1911
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23. Jahrg
Der „Kleltfeiertag.“
Die Sozialdemokratie hält mit aller Zähigkeit an der Idee des „Weltfeiertags" vom 1. Mai fest, obwohl sie wahrlich klüger täte, das Mißlingen dieser völlig zum „Rummel" gewordenen Veranstaltung einzuräumen, um sich nicht zu Beginn eines jeden neuen Wonnemonds auch eine neue Blamage zu holen; ganz zu schweigen von der Rücksicht auf die Folgen, welche die vertragswidrige Arbeitseinstellung für Hunderte und Tausende von Arbeitersamilien regelmäßig mit sich bringt. Aber, wie ja so ziemlich die ganze Sozialdemokratie aus Trug und Täuschung der Arbeiterschaft aufgebaut ist, so wird man auch die Fiktion der „Maifeier" aufrecht zu halten suchen, so lange, bis eben die Arbeiterschaft s e l b st denen, welche sie am Narrenseil herumführen wollen, ein energisches Halt zuruft. Es sehlt nicht an Anzeichen dasür, daß die verständigen, d i e wirklichen Arbeiter mehr und mehr anfangen, das Spiel zu durchschauen, das man mit ihnen treibt. So richtet jetzt das „Slldwestdeutsche Arbeiterblatt", das Organ der vaterländischen Arbeitervereine Badens, Hessens und der Psalz, an die Arbeiter, die zur Teilnahme an dem Maiseierunsug aufgefordert werden, folgende Mahnung:
„Wenn die Herren von der sozialdemokratischen Agitation tatsächlich ein Herz für den Arbeiter hätten, so würden sie aufhören, ihn zu solchen h i r n- und z w ecklos e n Demonstrationen zu verleiten. Unzählig sind die Unannehmlichkeiten, die Tausenden und Abertausenden von Arbeitern erwuchsen, unermeßlich ist der Ausfall an Arbeitsverdienst, der durch die Feier des Tages sowohl wie auch durch Mahregelungen seitens der Arbeitgeber entstanden. Wir haben genug Feiertage und brauchen den 1. Mai absolut nicht. Was geschieht an diesem Tage? Es wird gesungen, getanzt und dergleichen, was man an einem anderen Tage gerade so gut tun könnte. Es werden Reden gehalten, die, ganz abgesehen davon, daß sie durch ihren Schwulst und | Bombast nur zu deutlich die innere Verlogenheit aus der Stirn tragen, bei einer anderen Gelegenheit gehalten werden könnten. Durch diese Komödienspielereien wird der Staat nicht aus den Angeln gehoben. Das Geld aber, das den Arbeitern- bei dieser Gelegenheit abge = knöpft wird, könnten diese besser für sich und ihre F a - milien brauchen. Die roten Herrschaften mißachten übrigens alles, wofür sie demonstrieren. Sie sind für den Achtstundentag — aber in mehr als einem sozialdemokratisch geleiteten Betrieb müssen Arbeiter streiken, um den Zehnstundentag zu kriegen. Sie sind gegen Militarismus — aber ihre Organisationen sind straffer und hartherziger verwaltet als irgend eine militärische Organisation. Sie sind für Völkersrieden — jahraus, jahrein aber sümpfen sie mit Gist und Galle, mit Lüge und Brutalität gegen ihre eigenen Volksgenossen. Mancher deutsche Arbeiter hat durch fanatisierte Genossen bluten müssen. Nein, ein verständiger Arbeiter arbeitet am 1. Mai und läht ihn Leute feiern, die naiv genug sind, und die glauben, zu viel Geld in der Tasche zu haben."
Natürlich wird diese eine Stimme nicht viel vermögen, zumal sie den sozialdemokratischen, zum Bezug der Parteiblätter gezwungenen Arbeitern schwerlich zu Gesicht kommt. Die „Maiscier" ist nun einmal eine überlebte Sache, die kein wirklich denkender Mensch mehr ernst nimmt — trotz der krampfhaften Versuche der roten Drahtzieher, durch schwulstige Ausruse, Flugblätter usw. die Massen zu „begeistern". Gegen eine Feier des Tages durch Versammlungen oder sonstige Veranstaltungen außerhalb der Arbeitszeit wird kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden haben — das ist das gute Recht jedes Staatsbürgers — allein die lächerliche Furie mit Arbeitsruhe, Demonstrationszügen :c. sollte man wirklich endgiltig in die Partei-Rumpelkammer verweisen. Ein wirklicher Arbeiter macht den Mumpitz doch längst nicht mehr mit und d i e Elemente, denen der 1. Mai genau so wie jeder andere iTag nur ein zum „Blaumachen" willkommener Anlaß ist, machen durch ihre Teilnahme den „Weitfeiertag" wirklich nicht sehr imposant.
Rticbstagswablvorbtrtituugen.
-e- Die Ortsgruppe Köln der christlich-sozialen Partei hat beschlossen, bei den nächsten Reichstags - wählen für die Kreise Köln-Stadt und -Land mit einer Kandidatur hervorzutreten. Der Bundesdirektor des Weitdeutschen Jünglingsbundes, Heinrich Stuhrmann aus Barmen, hat sich zur Uebernahme der Kandidaturen bereit erklärt.
Bus Stadt und Land.
Gl ehen, den 1. Mai 1911.
* Der Mai ist gekommen. Wie ein Jubel und Jauchzen geht's durch alle Lande, denn er ist da, der Licht und Wärme und neues Leben spendende Mai. Die Sonne kühle die Erde wach und schmückte sie wie mit einem bräutlichen Gewände, sie zauberte die Blumen und Gräser wie mit einem Schlage wieder hervor und hüllte in ein leuchtendes Grün Bäume und Sträucher. Aus denselben heraus ertönt das Singen und Zwitschern der Vögel und erfüllt die Luft mit unvergleichlichem Zauber. Darein mischt sich das muntere Plätschern von Bach und Bächlein, die keine Frostnacht mehr unter eine Eisdecke zwingt. Die ganze Natur atmet und erweckt Lebenslust und Lebensfreude. Und den Menschen, den der Winter wochenlang in die engen Wände seiner Wohnung gebannt hat, packt es ebenfalls mit Allgewalt. Die Hoffnung nach dem Frühling, die Sehnsucht nach seinen grünenden Wiesen und Feldern, seinen Blumen und Sängern ist erfüllt. Groh und Klein drängt hinaus, um in srischer, freier, sroher Wanderung das Frühlingswunder zu genießen, und der Wanderer frohe Lust schallt aufs neue im alten Maienlied in Feld und Wald wieder:
Der Die Da Mit
Mai ist gekommen,
Bäume schlagen aus, bleibe wer Lust hat, Sorgen zu Haus!
* Die Sterbekasse für Mitglieder des Hess. Landesgewerbevereins und des Verbandes deutscher Gewerbevereine hielt ihre diesjährige Delegiertenverjammlung am Sonntag, den 30. April d. Is. in Oppenheim a. Rh., im Gasthaus zur Sonne ab. Für das Jahr 1910 ist zu berichten, daß dasselbe nicht nur mit einem überaus günstigen finanziellen Ergebnis, sondern auch mit einem befriedigenden Mitgliederzugang abgeschlossen hat. Der Mitgliederstand betrug am 31. Dezember 1910 1158, zugegangen waren 40 Mitglieder im Berichtsjahre. Der Stand der versicherten Kapitalien betrug 654 900 Mk. Das Vermögen belief sich nach dem Kurswert auf Mk. 117 423,59 und hat sich in 1910 um 12 938,61 Mk. vermehrt. Der Ueberschuß für das Jahr 1910 betrug 4431,45 Mk. Als Dividende kommt für alle Mitglieder der Erlaß eines Monatsbeitrages zur Verrechnung.
* Die hiesigen Versicherungs-Vertreter versammelten sich am Samstag abend 9 Uhr im Hotel Schütz, um sich zu einem Verbände unter Anschluß an den Bund der Versicherungs-Vertreter Deutschlands E. V. zu Berlin zusammen zu schließen. Zu der über alles Erwarten zahlreich besuchten Versammlung waren auch Herren aus den Nachbarstädten Friedberg, Bad-Nauheim, Marburg, Braunfels und Wetzlar erschienen. Der Bund in Berlin, welcher neben anderen auch den Zweck verfolgt, alle unlauteren Elemente von dem Stande fernzuhalten, war durch seinen Generalsekretär Herrn von Reinhard vertreten, welcher über Zweck und Ziele des Bundes referierte. Nach Schluß des überaus lehrreichen Vortrages fand die Gründung des hiesigen Verbandes statt, welcher bereits der 42. im Reich ist. Alle Anwesenden meldeten sich als Mitglieder an. Zu Vorstandsmitgliedern wurden gewählt die Herren K. Mohr-Gießen zum ersten, H. Krieb-Gie- tzen zum zweiten Vorsitzenden, L. Böck-Gießen als Schatzmeister und H. Mobr-EarbeMeich als Schristsüh- rer, Beisitzer wurden die Herren Rausch-Gießen, Kals- Braunfels und Ey Marburg. Die regelmäßigen Versammlungen finden an jedem ersten Samstage nach dem ersten eines jeden Monats im Verbandslokale „Hotel Schütz" zu Gießen statt.
-b° Studentische Walpurgisseiern. In der gestrigen Nacht wurden die Bewohner des südlichen Stadtteils durch die alljährlich stattsindenden Maifeiern der Studenten-Verbindungen aufgeweckt. Punkt 12 Uhr verkündeten Kanonenschläge und Raketen den Anbruch des 1. Mai. Unter den Klängen einer Musikkapelle wurde das Mailied gesungen. Nach Abbrennen von weiterem Feuerwerk und Beleuchtung durch Bunl- feuer sand gegen % 1 Uhr die Feier im Garten ihr Ende. In den Korpshäusern aber wurde dieselbe noch lange ausgedehnt.
• D e k a n a t s k o nf er e n z. Eine gemeinschaftliche Konferenz der evangelischen Geistlichen der Dekanate Gießen, Grünberg und Hungen, findet am 4. Mai d. Is. im Gasthaus zur Traube in Hungen statt. Vormittags 9% Uhr wird Oberkonsistorialrat Dr. B e r n= deck- Darmstadt einen Vortrag über die Bedeutung und Verwaltung der Pfarrpsründe halten, nachmittags 1% Uhr wird Professor Dr. Koepp e-Eiehen über die
Mitarbeit der Geistlichen bei der Mutter- und Säug - lingsfürforge aus dem Lande reden.
* Evangelischer B u n d. Die Verhandlungen des Vorstandes des Darmstädter Zweigvcrcins we gen eines Vortrages über den Modernismus haben zu einem für Darmstadt hochbesricdigcndcn Ergebnis geführt. Es wurde der Hervorragendste unter allen Rednern auf diesem Gebiete gewonnen: der ehemalige katholische Kaplan Konstantin Wieland aus Neu-Ulm (Donau), der wegen der mannhaften Verweigerung des Antimodernisteneides vor einigen Monaten seines gcist lichen Amtes enthoben worden ist. Der epochemachende Vortrag Wielands in der vom Antiultramontanen Reichsverband Ende März einberufenen Versammlung im Beethovensaal zu Berlin ist von der gesamten Presse aus das lebhafteste erörtert worden. Ist auch das Thema seines Vertrages bei uns ein anderes, so bars man seinen Ausführungen doch mit nicht geringerer Spannung entgegensehen.
• Weilburg. Um dem im Innern des Eisenbahntunnels wirkenden Zerstörungswerk der im Gestein vorhandenen Feuchtigkeit cntgcgcnzulreteu, wurde bisher bei Tunnelbauten über dem Gewölbe ein Schacht ge sprengt, der allmählich verbreitert wurde, sodaß das ganze Tunnelgewölbe von oben freilag. Dann überdeckte man es mit Asphalt und Zement. Dieses Versahren ist wohl sehr gründlich, aber auch teuer, denn jedes Quadrat - meter verursacht etwa 80 Mark Kosten. An dem hiesigen Tunnel wurde nult ein anderes Verfahren angewandt, das sich gut bewährt hat und nur 18 Mark für das Quadratmeter kostet. Aus einem fahrbaren Untergestell ruht ein Benzinmotor, der komprimierte Lust erzeugt. Durch diese treibt man Bohrer, mit denen man das Gewölbe von unten durchbohrt. Durch die Bohrlöcher wird durch einen Lustdruck von 5 Atmosphären flüssiger Zement, dem leichter Sand zugesetzt ist, eingefühlt. Die Flüssigkeit soll die hohlen Räume zwischen der Tunnelmauerung und dem Erdgestein ausfüllen und so eine Schutzdecke gegen Feuchtigkeit und gleichzeitig ein neues Bindemittel für die alte Mauerung bilden. Diese Arbeit wurde im Herbst hier ausgeführt. Um zu prüfen, ob sie sich bewährt, wurden dieser Tage in dem Tunnel vorsichtig Sprengungen vorgenommen und ein meter - breiter Gang quer über dem Gewölbe gebrochen. Die Arbeit zeigte sich als sehr gut gelungen, alle Lücken waren derart ausgefüllt, daß man annehmen könnte, die Arbeit sei von oben gemacht worden.
* Berns Hausen, 28. April. Hier wurde der in den 50er Jahren stehende angesehene Landwirt H., als er aus dem Felde beschäftigt war, plötzlich vom Ver- solgungswahnsinn befallen; er brachte sich mit einem Messer am Hals mehrere Wunden bei. Der hinzuge- rusene Arzt ordnete seine sofortige Verbringung in die psychiatrische Klinik nach Gießen an.
• Hungen. Durch die hiesige Gendarmerie wurde im Langsdorser Eemeindewald eine etwa 30 Köpse starke Zigeunerbande aufgestöbert, unter der sich eine weibliche Person befinden soll, die schon seit zwei Jahren steckbrieflich gesucht wird. Im Besitz der Bande befanden sich verschiedene Masten, ein Kavalleriekarabiner und ein Säbel. Die Zigeuner wurden nach Lich gebracht, wo sie bis auf weiteres inhaftiert werden.
• Crainfeld. Am Donnerstag hielt der Frühzug oberhalb unserer Station auf freiem Felde an. Grund des Aufenthalts: „Dem Zugsührer fei Kapp is sortgefloge 1“ Ein Schaffner machte sich denn auch eiligst auf den Weg und brachte bald die Mütze zurück. Nach dieser „Kunstpause" setzte unter allgemeiner Heiterkeit das Zügle gemächlich seinen Weg fort.
* Darmstadt, 29. April. Der Finanzausschuß der Zweiten hessischen Kammer hat am Freitag in Anwesenheit der Regierung über die Vorlage aus Errichtung einer Brikettsabrik und eines Elektrizitätswerkes für Oberhessen in Wölfersheim ab gestimmt. Er genehmigte 1 900 000 Mark bei einer Stimmenthaltung. Die Zweite Kammer soll auf den 16. Mai einberufen werden und über den Beschluß der Kommission beraten.
— Darm st ad t. In der nationalliberalen Vertrauensmänner-Versammlung für den Landtagswahl - kreis Darmstadt ist an Stelle des zurückgetretenen Abgeordneten Dr. Glästing der Direktor des hiesigen Realgymnasiums, Geheimer Schulrat Ludwig Münch, zum Kandidaten ausgestellt worden.
• Limburg. In der außerordentlichen Generalversammlung der Spar- und Darlehnskasse Langendermbach wurde mitgeteilt, daß der Eesamtverlust 300 000 Mark beträgt. Die Ursache liegt im Wesentlichen m einer sträflich leichtsinnigen Kreditgewährung des Kastenvorstandes sowie in einer denkbar schlechten Kontrolltatrg- keit des Aufsichtsrates.