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Steingoetter 'N 1910. Uhr

Gießener Jeitnng

Bezugspreis 40 Pfg. monatlich vorauszahlbar, vierteljährlich 1,20 Mk., durch die Post 1,50 Mk. frei inS Haus. Erscheint Dienstags, Donnerstags u,d Samstags. Zwei Extrabeilagen: Humoristische Blätter- und dieNeue Lesehalle", liegen wöchentlich einmal gratis bei. Redaktion: Sclterüwcg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

Telephon: Nr. 362.

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Bekanntmachung.

i* In dem sestgcstclltcn Bebauungsplan für die Schwarz lach und das Gartseld sind mit Genehmigung Großherzog Uchen Ministeriums des Innern die an der Straße E D-E vorgesehenen Vorgärten gestrichen worden. Der Bebauungsplan liegt aus unserem Tiefbauamt offen.

Gießen, den 26. Juli 1910.

G r o ß h. Bürgermeisterei Gießen. Mecum.

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Das 28. Iugenösest in Gießen.

Endlich war am Donnerstag das von den Kinder so heiß ersehnte Jugcndfeft gekommen. Seit Wochen schon wußten unsere Kleinen kein lieberes Thema als dasselbe zu erörtern. Aber wie wie würde das Wetter werden? Oft wurde das Wetterglas studiert, dessen Nadel gerade in der letzten Zeit recht beunruhigende Wittccungsschwankungen anzeigte. Aber der Himmel hatte am Donnerstag ein Einsehen. Schon am Mor­gen lachte die Sonne aus die Erde herab, während sich am Nachmittag das Wetter völlig aufklärte und dec Himmel seine blaue Decke über den erwartungsvollen Köpfen der Kinder ausspannte. Wer war froher als die Jugend! Jetzt wurde in den Häusern mit doppel­ter Begeisterung für das Fest gerüstet. Wollte doch jeder teilnehmen, welcher sich gesunder Glieder erfreute! Gegen V-2 Uhr begannen sich die Kinder in der Ost- und Südanlage bet ihren Klassenfahnen und Lehrern zu sammeln. Die Abteilungen waren rasch geordnet, so oaß dec Zug nach 2 Uhr nach dem Festplatz, dem Philosophenwald, in Bewegung setzen konnte. Ihn er­öffnete eine Musikabteilung, an welche sich der Festaus­schuß, aus Oberbürgermeister Mecum und den Mit- gliedern des Schulvorstandes bestehend, anschloß. Es folgten die Schülerinnen der höheren Mädchenschule und die Besucher dec unteren Klassen des Gymnasiums, Realgymnasiums und der Oberrealschule. Mit einer zweiten Kapelle schlossen sich die Schülerinnen dec Stadt­mädchenschule an, während den Schluß des Zuges gleichfalls unter Lorantcitt der Musik die Besncher der Stadtknabenschule bildeten. Einen reizenden Anblick gewährten in ihren weißen Kleidern und vekcänzten Haaren die Mädchen, während bei den Knaben wiederum der frische und urwüchsige Schritt nach dem Rhytmus dec Musik gefiel. Aus den Augen aller Teilnehmer aber blickte den Znschauern die Freude an der Veran­staltung entgegen, welche auch durch ein weniger schönes Wetter hätte nicht getrübt werden können.

Im Philosophenwald angekommen, nahm der Zug seinen Weg nach dem größeren freien Platz im Westen des Haines, wo sich die Rednertribüne befand. Doch wurden die dort zuerst eintreffenden Scharen, welche der Festrede zuhören wollten, auf eine gewisse Gedulds- probe gestellt, da ungefähr eine Stunde verfloß, bis die letzten Kinder eingelassen waren. Hieraus hielt Hauptlehcer Knauß nachdem von den Kindern ge- sungenen LiedTretet in die Runde" mit recht ver­nehmbarer Stimme folgende Ansprache:

Jugendfest!" so hat es schon seit Wochen geklun­gen bei Alt und Jung; denn unsere Kinder haben sich schon längst auf dieses so sehr beliebte Jugend­fest gefreut. Aber auch die Aelteren und Alten, die cs wissen, wie innig das Jugendfest mit unserer lieben Stadt Gießen verwachsen ist, werden im Geiste wieder jung, wenn sie die muntere Kinderschac heute spielen, turnen und tummeln und jauchzen und froh­locken hören. Allen, denen ein jugendfreundliches Herz einerlei ob's unterm leinenen Kittel oder der seidenen Blouse im Busen schlägt, sind heute hierhergekommen, um in ihrer Begeisterung für die Jugendfröblichkeit mitzufeieru und tessrunehmen an dèr cdlèn Aceüve, wlè sie das Jugendfest bietet-

Und wahrlich, Jhc Eltern, Lehrer und Lehrerinnen wer heute sieht, wie sie, unsere Hoffnung und Zukunft, sich freuen und ihrer Freude Ausdruck geben durch Singen, Turnen und Spielen, dec muß ein­sehen, wie gut es ist, wenn unsere Jugend körperlich, sittlich nnb geistig ausgebildet wird, damit sie allen schädlichen Einflüssen von innen und von außen kräftig Widerstand leisten kann. Unsere Aus­gabe muß es darum sein, die materielle nnb geistige Not unseres Volkes zu erkennen und mit Hand an's Werk zu legen, unter Einsetzung aller unserer Kräfte, durch Unterricht und Erziehung unsere Jugend so

Enthält alle amtl. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen

Bürgermeisterei sowie vieler anderer

des Großherzoglichen

Polizei-Amtes

-Behörden Gberhessens

Expedition: Seltersweg 83.

Truck und »Verlag der Giestcuer BerlagSdruckerei (Albiu Klein).

Samstag, 30. Juli 1910

Amtliche Wekanntwachungen.

Bekanntma^ung.

Wegen Vornahme von Straßenbauarbeiten wird die Kathärinengasse und die Hammstraße, zwischen den Unter führungen an der Wcstanlagc und der Neustadt, von heute an bis auf Weiteres für jeglichen Fuhrwerks- und Rad fahrverkehr gesperrt.

Gießen, den 29. Juli 1910.

Großherzoaliches Polizeiamt. Gebhardt.

heranzubilden, daß sie im stande ist, den Wettkampf im Kulturleben dec Völker bestehen zu können.

Wir müssen dem Körper und dem Geiste der Kin­der die zur Erfüllung der Lebensbedürfnisse notwen­digen Kräfte beibringen, damit sie zur Ueberzeugung gelangen, daß sie Glieder im vielverzweigten Orga­nismus des Lebens sind und durch Erfüllung ihrer Pflichten ihre Daseinsberechtigung und Existenz er» möglichen. Das alles, hochgeehrte Festversammlung, kann aber nur errreicht werden, wenn dieselben Fak­toren, die durch einmüiges und tatkräftiges Zusam­menwirken das Jugendfest ermöglichen, auch mit Hand ans Werk zu legen unsere Jugend zu bilden, zu belehren und zu erziehen, und das sind: Eltern­haus, Schule und Stadt.

Aber auch ihr lieben Kinder vergeßt es nicht, daß eure Eltern, eure Lehrer und Lehrerinnen und eure Vaterstadt alle zusammen gewirkt und gearbeitet und große Opfer gebracht haben, um euch diesen Festtag, diesen Freuden- und Ehrentag zu bereiten. Und da­für sollt ihr von Herzen dankbar sein. Und diesen Dank könnt und sollt ihr beweisen durch Gehorsam, Fleiß und gutes Betragen. Gehorsam, freiwilligen Gehorsam, gegen alle Menschen, denen ihr es schul­dig seid. Fleißig sollt ihr sein schon in der Jugend, denn Arbeit ist die Aufgabe des Lebens und wer diese in rechter Weise erfüllt, der ist ein Meister, gleichviel an welcher Stelle er sein Werk erfüllt, ob in geistiger oder körperlicher Tätigkeit, immer muß der Gedanke in euch lebendig bleiben, daß ihr auch schon Pflichten zu erfüllen habt unö jedes von euch muß sprechen:Auf diesen Platz hat mich mein Gott gestellt und den muß ich suchen auszufüllen." End­lich drittens sollt ihr eueren Dank beweisen durch gutes Betragen. Ihr sollt anständig und brav sein im Elternhaus, in dec Schule und in der Stadt. Und heute auch sollt ihr zeigen, daß an euch gear­beitet wird und Turnen und Spielen veredelnd wir­ken und euch zum Gehorsam, zur Verträglichkeit, zum Fleiß und anständigen Betragen erziehen. Wenn ihr lieben Kinder so eure Pflichten erfüllt und immer gehorsam, brav und fleißig seid, dann werden aus euch gute brauchbare Menschen und nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft. Diejenigen, welche aber diese Mahnungen nicht beachten, sondern ungehorsam, träge sind und sich schlecht betragen, aus denen wer­den arme, unbrauchbare, verachtete Menschen, die im Strome des Lebens untergehen.

Darum faßt heute wieder von neuem den Ent­schluß, da^ ihr gute Menschen sein und werden wollt. Dann könnt ihr sprechen:

Mein Arm wird stark

Und groß mein Mut

Nehmt mich an Eueren Herd

Verachtet nicht mein junges Blut Ich bin der Menschheit wert.

Und daß aus euch brave Menschen und gute Bürger für Stadt und Staat werden mögen, das sei unsere Hoffnung heute am 26. Jugendfest und in dieser Hoff- nug lasset uns ausrufen: Unter Vaterland und in ihm unsere liebe Stadt Gießen sie leben hoch! hoch! hoch!"

Der Gesang des ewig schönenDeutschland über alles" beschloß diesen erhebenden Akt dec Feier. Nun begannen auf den abgesteckten Plätzen unter Leitung der Lehrer, Lehrerinnen oder besonders dazn bestellten Personen die Spiele, für welche die Stadt in ihrer be­kannten entgegenkommenden Weise alle Vorbereitungen getroffen hatte. Bei den Knaben erweckten das be­sondere Interesse der Zuschauer das Sackhüpfen, Topf- schlagen, Balkenlaufen, Wettklettern und Wettucnen, wobei den Siegern neben Spielsachen namentlich Wurst und Semmel als Belohnung winkten, welche gewöhn­lich mit dem besten Appetit zum Ergötzen dec Eltern und Lehrer verzehrt wurden. Bei den Mädchen herrsch­

Anzeigenpreis 15 pfg.

die 44 mm breite Pelnzcilc ober bereu Raum, auswärts

20 Pfg.; die 90 mm breite Petit-eile im Re kl am etc il 50 Pfg., auswärts 60 Pfg. - Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Geivicht und Gröhe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitnng deS ZahlungS- ziclcs (30 Tages, bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wcgiall Platzvorschriften ohneBerbindlichkeit.

T e l c v h o n: Nr. 362.

21. Jahrg

Bekanntmachung.

Tic unterm 17. Juni 1910 angcordncle Sperre der H a tn nt st r a ß P zwischen sden Unterführungen an der Westanlage und Neustadt wird hiermit aufgehoben.

Gießen, den 27. Juli 1910.

Großherzogliches P o l i z c i a m:. Gebhardt.

ten mehr die ruhigeren Spiele wie Ringelreigen, Blinde kuh usw. vor, welche mit dem Gesang von Kinderliedern abwechselten, die mitunter recht innig zu Gehör ge­bracht wurden.

Da der Festplatz den Eltern der Kinder leider keine Sitzgelegenheit bot, so füllten sich gar bald die Bänke der Wirtschaften, deren Inhaber somit auch auf ihre Rechnung gekommen sein werden. In den Räumlich» leiten des RestaurantPhilosophenwald" suchten eben­falls viele Leute Unterkunft, während die Kuchenbul^n namentlich von den Kindern umlagert wurden. U^M den Weisen der Mnsik verstrich der Nachmittag zWD lich schnell, viel zu rasch aber für be Schüler unö Schülerinnen, welche sich um 7 . Uhr von den Spiel­plätzen trennen mußten, da um Diese Zeit das Trom- petensignal zur Rückkehr in die Stadt aufforberte. Unter Trommelwirbel, Musik und Gesang langte der Zug wieder bei der Bürgermeisterei an, wo er sich nach Angabe der Klassenfahnen und sonstigen größeren Ab­zeichen auflöste. Ebenso wie das Fest noch lange in der Ecinnecung der Kinder fortleben dürfte, so werden auch die Erwachsenen auf den Verlauf des Donnerstag mit Zufriedenheit zurückblicken können. .h-

Lokales.

Giehe«, 30. Juli 1910.

* Ernann t wurde der Regierungsassessoc Walter Dickorö aus Treis a. Lda. zum Finanzassessoc.

* Militärisches. Versetzt wurde derHauptmann und Komp. Chef v. Stcneusee im Gren.-Regt. König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pomm.) Nc. 2 in das 3nf.= Regt. Kaiser Wilhelm. Zum Assist.-Arzt wurde der Unterarzt der Reserve Dr. Klein-Gießen befördert.

* Liebig-Laboratorium. Dem Ausschuß zur Er­haltung des Liebig-Laboratoriums, welcher sich bekannt­lich vor kurzem in Gießen bildete, sind bereits für die Verwirklichung seines Planes zahlreiche Geldspenden zu­gegangen, welche zu der Hoffnung berechtigen, daß das Laboratorium demnächst wieder hergestellt werden sann. Die genannte Kommission hat sich jetzt an die Stadtverwaltung mit der Bitte um die mietweise Ucber- lassung der einstigen Arbeitsstätte Liebigs gewandt und es steht mit Sicherheit zu erwarten, daß die Stadtver­waltung dem Gesuch entsprechen wird.

* Einberufung während derEcntezeit. In­folge abnormen Witterungsverhältnisse drängt sich in vielen Teilen des Großherzogtums die Eernte in die Zeit zusammen, zu der eine Reihe von Einberufungen zu einer 14tägigen militärischen Uebung seitens der Militärbehörden erfolgt. Das Generalkommando des 18. Armeekorps hat daher soeben die Bezirkskommandos angewiesen, alle Gesuche um Befreiung von den Uebungen wegen der Ernteverhältnisse genau zu prüfen und ihnen soweit wie möglich stattzugeben.

* Stadt und Kirchengemeinde. Die wegen der Eigentumsrechte an dem Stadtlirchlurm und der alten Friedhofslapelle zwilchen der Stadt und der evangelischen Kirchengemeinde entstandene Meinungsverschiedenheit ist jetzt durch einen Vergleich beigelegt worden. Ter Stadtkirchturm geht in den Besitz der Kirchengemeinde über, während als Eigentümerin der alten Friedhosskapelle die Stadt aner­kannt wird. Tas Oberkonsistor»ium hat dieses Abkommen bereits genehmigt. Wahrscheinlich werden auch die Stadt - verordneten demselben zustimmen.

* Nach einer uns zugegangenen Meldung kommt dec greife Turnvater Dr. Goetz, der vor wenigen Tagen den Deutschen Turntag in Straßburg erst ge­leitet hat, bestimmt nach Kreuznach zum Kreisturnfest Man wird Goetz überall mit Jubel empfangen.

-h- Ernte. Auf den Roggenfeldtrn in der Um­gebung von Gießen sind die Landleute nun überall mit der Ernte beschäftigt. Leider gehen die Arbeiten nicht so rasch von statten, da sich das Korn infolge der an­haltenden Feuchtigkeit an vielen Stellen gelagert hat.