Gießener JeiLnng
Vezugspreis 40 Psg. monatlich vorauszahlbar, vierteljährlich 1,20 Mk., durch die Post 1,50 Mk. frei inS Haus. — Erscheint Dienstags, Donnerstags und Samstags. — Zwei Extrabeilagen: „Humoristische Blätter" und die „Neue Lesehalle", liegen wöchentlich einmal gratis bei. — Redaktion: Seltersweg 83. - Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Telephon: Nr. 362.
Nr. 101.
Donnerstag, 28. Juli 1910 21. Jahrg.
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Das 2. Ziel Gemeindesteuern und Kanalgebühren, die Beiträge zur Land und Forstwirtschaftlichen Bcrufsgcnos- scnscha,t, sowie die Beiträge zur Landwirtschaftskammer, können inncrlmlb der nächsten 10 Tage noch ohne Kosten bezahlt werden.
Gießen, den 25. Juli 1910.
Stadtkasse Gießen
• Mäser.
Bekanntmachung
Die Eindeckung des Wasserturmcs für die Schlachlhof- enveitcrung soll
Samstag, den 30. Juli d. I s., vormittags 11 Uhr, öffentlich vergeben werden.
Zeichnungen, Muster, Arbcitsbeschreibung und Bedingungen liegen bei uns zur Einsicht offen. Angebote aus Vordruck, der daselbst erhältlich, sind bis zum genannten Termin an uns cittzureichen. Zuschlagssrist 14 Tage.
Gießen, 23. Juli 1910.
S 1 ä d 1. Hochbauami.
Gerbel.
$ Gießen
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Lokales.
Gießen, 28. Juli 1910.
* * Der Groß Herzog hat dem Rechner der Spar- und Leihkasse zu Alsfeld Georg Karl Weber dortselbst den Charakter als „Rendant" erteilt.
* Parlamentarisches. Der Entwurf eines Gesches betreffend die Ausübung der Stockholzberechtigun- gen ist dem Landtage zugcgangcn. Tas Gesetz hat nur einen Artikel, der bestimmt: „Besteht an einem Walde eine Stockholzberechtigung, so ist der Eitzontützner des Waldes berechtigt und aus Verlangen der oberen Forstbehörde ver pflichtet, die Stöcke nach Inhalt der Berechtigung von den gerodeten Bäumen abzuttenucn und das Stockholz für den
Gerichtet.
5) Familienroman von Franz Wichmann.
Tie Försterin wußte noch immer nicht genug:
„So erzählt doch genauer! Was sagte er euch?"
Robert machte eine verächtliche Gebärde.
„Wir haben den Unsinn nicht behalten. Jedenfalls aber amüsierten wir uns trefflich. Es ist doch wenigstens etwas Neues in dieser langweiligen Zeit."
„Freilich," stimmte der Freund ihm bei, „so ein Held mit langen Haaren, in wollenem Mantel, der in der Stadt sein selbstgebautes Gemüse verkauft, die Worte des Evangeliums auf den Lippen."
„Und im Herzen!"
„Was sagst du, Klara?" fuhr der Förster auf, denn sie war es, die die Worte gesprochen hatte.
„Was ich weiß!" entgegnete das Mädchen fest.
Auch die Försterin war empört.
„Unerhört!" Was erlaubst du dir?" stieß sie aus.
Klara verlor ihre Ruhe nicht.
»Ich sagte nur, was mein Herz mir eingibt!" erklärte sie.
Otto sah sie von der Seite an.
„Ich glaube, du bist eine heimliche Verehrerin von ihm, Schwester!" spöttelte er.
„Und wenn ich es wäre?"
«Das gnädige Fräulein macht sich einen Spaß daraus, uns zum besten zu haben!" meinte Robert.
Aber der Förster beruhigte sich nicht.
„Mädel, sprichst du wahr?" fragte er aufgeregt.
„Wie ich fühle, ja! Ihr habt mich ja nicht zum Lügen erzogen!" (Gerichtet O 9k. 8.)
-Zum Lügen, nein, Gott sei Dank, aber auch nicht zu Dreistigkeit und Ungehorsam!" rief der Förster. „Was soll das heißen? Kennst du ihn?"
Eine liebliche Röte flog über des Mädchens lichte Wangen.
„Ja, sein Herz, seine Seele, ich habe sie herausgelesen aus seinen Worten."
„In den Zeitungen?" fragte die Försterin.
Klara vermied eine direkte Antwort.
„Seine Worte werden auch dort nicht gefälscht sein, wenn man sie auch verspottet!" gab sie zurück.
„Klara!" Der Förster stampfte mit dem Fuße den Boden, die Adern auf seiner Stirn schwollen unheildrohend. Jäh erhob er sich. „Geh hinaus, Klara, wir haben miteinander allein zu sprechen!"
Das Mädchen erhob sich.
Enlhäü alle amll. Bekanntmachungen
der Großherzoglichen
Bürgermeisterei sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei-Amtes Behörden Gberhessens
Expedition: Zeltersweg 85.
Druck und Verlag der Gießener Vcrlagsdruckerei (Albin Klein).
Berechtigten in Raummaße ausarbeiten zu lassen. Dem Eigentümer des Waldes steht derjenige gleich, welcher als Eigenbcsitzer oder aus Grund eines dringlichen oder persönlichen Rechtes die Früchte (den Ertrag) des Waldes bezieht. In den Fällen des Absatz 1 hat der Swckholzbc rcchtigtc, unbeschadet einer Vereinbarung durch welche die Gegenleistung in anderer Weise festgesetzt ist, dem Wald eigentümer zwei Tritteile der für das Roden und Zurich- tcii des Stockholzes entstandenen Kosten an Hauer- und Setzerlohn zu erstatten." Begründet werden diese Vorschris ten vor allem mit forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Namentlich wird daraus hingcwiescn, daß schlecht oder verspätet gerodete Stöcke eine Brutstätte schädlicher Insekten und Pilze bilden.
* * Verschärfte Kasernenkontrolle. Auf Grund höherer Anordnung hat sich das Regiments-Kommando aus dienstlichen Gründen genötigt gesehen, die Kontrolle beim Betreten der Kasernen zu verschärfen Die täglich einlaufenden Gesuche aus der Bürgerschaft um ausnahmsweise Erleichterungen müßten abgelehnt werden. Das Regiments-Komando bittet daher, solche Gesuche nicht mehr einzureichen, da dieselben keine Berücksichtigung finden können.
* Gerichtliches. Bekanntlich wurde am Freitag gegen den Kaufmann Friedrich Walters-Düsseldorf, welcher sich wegen Vernichtung von Urkunden verantworten sollte, aber zu der Verhandlung nicht erschienen war, von der Strafkammer ein Haftbefehl erlassen. Derselbe ist nun aufgehoben worden, da Walter die gerichtliche Aufforderung 3um Erscheinen bei dem Termin nicht erhalten' hatte.
* Die Wormser Lutherdenkmal-Stiftung vergibt in diesem Jahre an acht Kandidaten der evangelischen Theologie deutscher Nationalität, die ihr Examen mit Auszeichnung bestanden haben, Stipendien im Betrage von je 900 M auf ein Jahr zum Zwecke der Erlangung eines höheren Grades wissenschaftlicher Ausbildung durch einjähriges weiteres theologisches Studium an einer deutschen Universität. Beweibungsgesuche mit amtlich beglaubigtenAbschriften (nicht Originale) sind spätestens bis zum 1. September d. J. portofrei an „die Ver- waltunaskommission der Lutherdenkmal - Stiftung in
„Ich will mir in der Küche zu tun machen, Vater, bis du mich rufst," sagte sie einfach.
Sie hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als der Förster sich zu Otto wandte:
„Und du bleibst hier im Zimmer!"
Frau Adelheid fühlte sich von seiner Miene beunruhigt.
„Gewiß, wir bleiben," sagte sie rasch, „wenn du mit Klara —"
„Wer spricht von dir?" fuhr Lorenz Reiner auf. „Wenn Vater und Sohn miteinander sprechen, braucht es keinen dritten!"
Otto wagte keinen Widerspruch.
„Robert, lieber Freund, du verzeihst —"
„Natürlich," fiel dieser rasch ein, „ich werde nicht stören, kann ja ein wenig herumspazicrcn, auf dem Weg zum Ochsenwirt vielleicht, den du mir vorhin zeigtest!"
„Schon recht, ich komme dir später nach, ich —"
»Otto, hast du gehört?" unterbrach ihn der Förster streng.
„Ja, Papa, ich komme!"
„Darf ich mich Ihnen anschließen, gnädige Frau?" wandte Herr von Hohlen sich an die Försterin.
„Der Verbannten!" lächelte diese. „Sie erweisen mir eine große Ehre damit!"
Lorenz Reiner wurde ungeduldig.
„Ich warte," sagte er kurz.
Frau Adelheid, von Robert von Hohlen gefolgt, beschleunigte ihre Schritte nach der Tür.
»Ja, ja, wir gehen ja schon!" sagte sie.
Sie wußte, daß sie den Gatten in dieser Laune nicht noch mehr reizen durfte, und fürchtete feine selten, aber dann um desto heftiger austretenden Jähzornsanfälle.
2. Kapitel.
Otto befand sich allein dem Vater gegenüber, doch in einer Art Verlegenheit.
„Soll ich vielleicht die Klara rufen, Papa?" fragte er, nur um das peinliche Schweigen zu brechen.
Aber der Förster schritt dem Ausgang zu.
„Ihr kommt beide daran, doch jedes für sich. Tu bleibst hier, bis ich zurückkomme, denn zuerst will ich mit ihr, deiner törichten Schwester —"
„Du hast wirklich recht, Papa," fiel Otto ein, „Klara ist, seit ich sie nicht gesehen —"
Tie Worte schienen den Alten unangenehm zu berühren; schon an der Tür wandte er sich wieder um und fuhr den Sohn in seiner rauhen Weise an:
„Still, kümmere dich um deine eigenen Sachen! Weißt du, baü b" n^iv r°’”? ~TmS^ Thommi 2 Sirp» ^nnr» Innn hnrt
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Worms" elnzuienden. Die Benutzung des Stipendiums kann beliebig in der Zeit vom 1. Oktober 1910 bis 1. Oktober 1913 stattfineen.
-tt Stadttheater. Als 10. und letzte Operetten abonnementsvorstellung gelangt Dienstag, den 2. August, Georg James neue Operette „T i e F ö r st e r ch r i ft c l" zur Aufführung und zwar mit dem Personal des Emser Kurtheatrrs. von der ursprünglich gepfianten Aufführung des „Grafen von Luxemburg" muß die Direktion für dieses Jahr abschen, da das Aufführungsrecht dieses Werkes von dem Wiener Verlag versehentlich einem reisenden Di reftor übertragen worden ist, der zwar keine Möglichkeit hat, das Werk in Gießen zu geben, aber es trotzdem und aller Bemühungen ungeachtet vorläufig nicht freigibt. Die Abonnenten machen überdies keinen schlechten Tausch, da das reizende Werk James überall sich als Schlager der Spielzeit erweist und gegenwärtig wohl die meiftgegebene Operette sein dürfte.
* • Bc( der P o l i z e i h u n d o p r ü f u n g in Friedberg konnten die Gießener Züchter einen schönen Ersolg verzeichnen. Es wurden nämlich den Gießener Polizeihun den folgende Preise zucrkannl: 1. Preis deutsche Schäfer Hündin Lora, Besitzer Schutzmann K. N c u z - Gießen; 3. Preis deutsche Schäferhündin Minka, Besitzer Schutzmann Wilhelm Seitz- Gießen: 4. Preis deutsche Schäferhündin Zilla, Besitzer Schutzmann Gg. K l ö s - Gießen.
* Eigentumswechsel. Das Haus Bleichstraße 26 wurde für 47 500 Mk. an S. Ganß verkauft.
* Freiwilliger Tod. Ein Student machte seinem Leben dadurch ein Ende, daß er sich die Pulsadern öffnete. Der Beweggrund zur Tat ist unbekannt.
* Ein geisteskranker Mann versuchte sich in dem Bergwertswald zu erhängen. Er wurde jedoch rechtzeitig von Arbeitern gerettet und von seinen bcnach richtigten Verwandten nach seinem Geburtsort Hanau zu- rückgebracht.
* Der neue Sportplatz des Gießener Fuß' ballklubs 1900 wurde mit einem Fußballwettspiel der Faust- ballmannschast des Gießener Gymnasiums gege^ den Gie ßcner Fußballklub seiner Bestimmung übergeben. Aus dem Kamps gingen die Gießener Gymnasiasten mit 145 gegen 110 Punkte als Sieger hervor. Hieran schloß sich ein Fußballspiel des Hvnaucr Fußballklubs gegen den Gießener Fußballklub, wobei der zuerst genannte Kämpfer mit 8:2 Tore gewann. du allerlei Vorwände gesunden, während oer wetten in ver Stadt zu bleiben. Ich gab es zu, deiner Arbeiten, der Kosten wegen, und nun du endlich kommst, bist du ein völlig anderer geworden!"
Otto reckte sich mit einigem Selbstbewußtsein auf.
„Heutzutage sind wir alle eben andere Menschen als einst!" sprach er wichtig. „Die Welt und jeder einzelne ändert sich mit der Zeit!"
Der Förster hielt mit Auf- und Niedergehen ein.
„Heutzutage!" wiederholte er. „Ja, freilich, das ist dein Lieblingswort, und ich vergaß, wir leben in einer Zeit, da reden die Herren Jungen per ,Wir' von sich!"
„Papa!"
Ottos Miene nahm einen gekränkten Ausdruck an.
«Ja, ja, du hast recht," rief der Förster in bitterem Tone, „du bist ja ein Feiner, ein Studierter, da muß man dich wohl als etwas Besonderes behandeln!"
„Ich denke, ein Recht darauf zu haben! überhaupt liegt die Zeit, da die Kinder in der Familie nichts mehr als die Sklaven der Eltern waren, Gott sei Tank, hinter uns!"
„Ei, ei, lernt man das auch auf der Universität?" fragte höhnisch der Förster.
„Man lernt es unter freidenkenden, feingebildeten Menschen, Papa!" (Gerichtet 10 Nr. 8.)
„Und was wären denn die Herren Kinder jetzt in der Familie?"
„Was wir alle sind: Menschen und Brüder; alle sind gleich, das Alter macht da keinen Unterschied!"
Tie Antwort versetzte den Alten in hellen Zorn.
„Kommst du mir auch mit der neuen Weisheit? Nur vor Gott sind wir alle gleich, daß du es wissen magst!"
Otto näherte sich der Tür.
„Papa, wenn du mit mir Streit machen willst, geh ich lieber. Tazu bin ich nicht zu euch herausgekommen. Wenn dir, was ich dir sage, nicht gefällt, warum hast du mich dann auf die Universität geschickt?"
„Dumme Frage, damit du etwas lernen solltest!"
„Und weil ich es getan habe, tadelst du mich!"
„Nicht deshalb! Aber — hättest etwas Gescheiteres lernen können!" grollte der Förster.
Otto zuckte die Achseln.
„Ich kann die Welt nicht anders machen, als wie sie ist!" versetzte er.
Tie Schritte des Försters wurden immer hastiger.
„Freilich, ich weiß, die Welt ist jetzt so," — er machte eine bezeichnende Gebärde — „zum Ausspucken!"
„Tu svrichft eben, wie du es verstehst, Pava."