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Nr. 23.

Freitag, den 28 Januar 1910

20. Jahrgang

^ Erscheint st gH^ außer DonntagS.

Bezugspreis vierteljährlich durch die Träger frei tas HauS 1.35 Mk., durch die Poft bezogen L-KO Mk.

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Gießener

Inserate: dir 44 man b tritt Petitzeilr »WM«*, Reklame: 90 V0 ^

Beilage» werden nach Gewicht und Grütze derechnat-

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Telephon-Anschintz : Eietza», Na. LOM.

Neueste Nachrichten

(^Uteuet Ucgârtt) Nnavyängig« Hageszettung (Hießener Deitnngt

für OS erh essen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

S Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen '

Lokales wJ Provinzielles.

** Die Sitzung des Finanzausschusses am Dienstag fand gemeinschaftlich mit der Regierung statt, die durch die Herren Staatsminister Dr. Ewald, Finanz- minfftec Dr. Gnauth, Geheimeräte Wilbrand und Fchrn. V. Biegelnbcn und Ministerialcat Süffert vertreten war. Zunächst gab Abg. Molthan eine Erklärung ab, in der er feststellte, daß eine in den Blättern erschienene Mitteilung über seine Stellung zur Landwirtschaft un­richtig aufgefaßt worden sei. Er habe keineswegs einem Abstrich an dem Zuschuß des Staates für die Land­wirtschaft das Wort reden wollen. Auf Vorschlag des Abg. Dr. Weber soll in der nächsten Sitzung über diese Erklärung weiter gesprochen werden. Zur Be­ratung stand dann dec Etat decK am er al-und Forst - domänen und in Verbindung damit die von der Regierung herausgegebene Denkschrift über die Ent­wickelung der hessischen Staatsforstwirischaft seit dem Jahre 1900. Beim KapitelLokalverwaltungskosten" werden im allgemeinen für Gehalte usw. 686 7 95 Mk. angefordert, darunter für 85 Oberförster an Gehalt und Wohnungsgeldzuschuß 429 599Mk.,fü'. 10 Forstasststenten 26 956 Mk.. für Oberförstereiverwalter und Gehilfen 28000 Mk. Der Ausschuß schlägt vor, 7 Oberförster­und 5 Forstassistentenstellen nur auf den Inhaber zu bewilligen. Abg. Ulrich beantragt dagegen, 10 Ober­förster- und 7 Forstassistentenstellen nur auf den Inhaber zu bewilligen. Geheimerat Wilbrand legt da^ man habe bei der früheren Organisation des Forstweserot-ae- glaubt, durch selbständige Oberförstereien eine'^Us <& nellcre und intensivere Waldwirtschaft erzielen zu führten, und das sei auch geschehen, was die um rund eine Million höheren Einnahmen bewiesen. Abg. Molthan stellt als früherer Berichterstatter über die Organisation des Forstwesens fest, daß die Vermehrung der Ober- förstereien damals anders beurteilt wurde. Es sei jetzt in Fachkreisen ein Umschwung in der Anschauung einge­treten und cs empfehle sich daher, die Frage einer Reorganisation des Forstwesens zugleich mit dec ge­planten Reform dec ganzen Staatsverwaltung in Be­tracht zu ziehen. Geheimecat Wtlbrastd weift darauf hin, daß kürzlich in der Versammlung dec deutschen Forstmänner in Düsseldorf fcstgestellt worden sei, daß sich das Prinzip der erfolgten Reorganisation in Hessen durchaus bewährt habe. Abg. Dr. Gut f letsch erklärt, er halte die jetzige Organisation nach wie vor für zweck­mäßig; er werde aber im übrigen dem Antrag Ulrich auf neue Prüfung dec ganzen Frage zustimmen. Abg. Dc. Weber erklärt, daß eine völlige Reorganisation notwendig sei und weist u. a. auf die Kleinheit des Wormser Oberförstereibezirks hin. Es werde aber vielleicht genügen, nur 7 Oberförsterstellen auf den In­haber zu beschränken und an den Assistentenstellen nicht zu rütteln. Finanzminister Dr. Gnauth erklärt, daß die Regierung zu einer Prüfung dec gemachten Vor­schläge bereit sei; die Regierung sei sich ihcec Verant­wortung voll bewußt und werde die Reformvorschläge

eingehend erwägen. Der Antrag Ulrich erscheine ihm aber zu weitgehend. Geheimerat Wilbrand vertritt nochmals die Auffassung, daß die beschlossene Ver­mehrung der Obersörsterstellen und die Verkleinerung der Forstbezirke eine gute Sache war, die dem Lande zum Vorteil gereichte. Dec Ertrag der Forstwirschast sei seitdem erheblich größer geworden und habe die Richtigkeit dieses Vorgehens bestätigt. Jetzt hier an der Organisation zu sparen, sei nicht der richtige Ort. Abg. Brauer regt die Verkürzung resp, die Streichung der Tagegelder für die Oberförster an, sofern sie sich in ihrem Dienstbezirk bewegen. Gegen diesen Vorschlag spricht sich der RegierungSvertceter aus. Mit den Tage­geldern werde ein gewisser Ansporn zur Beaufsichtigung des Waldes gegeben; zudem betrügen diese nur durch­schnittlich 378 Mark pro Person. Abg. Ulrich bean­tragt darauf die Streichung von 3675 Mark für Tage­gelder, wogegen sich Finanzminister Dr. Gnauth aus­spricht, dec auch vor dem Vorschlag warnt, nur den wirklichen Aufwand statt der Tagegelder zu bewilligen. Eine längere Debatte entspinnt sich dann noch über die Holzhaueclöhne und namentlich über die Höhe der auf 404 000 Mk. veranschlagten Kulturkosten. Der vom Ausschuß gemachten Anregung, an dieser Summe 50000 Mk. zu streichen, widersprechen der Finanzminister und Geheimerat Wilbrand, die den Vorschlag für bedenk­lich halten, der keinen Kulturvocschritt bedeute. Abg. Dr. Weber meint, daß namentlich an Kosten für Pflanzgartenanlagen Ersparnisse erzielt werden könnten. Die Beratung wird darauf abgebrochen.

* Gießen, 28. Jan. Bei der von uns schon kurz erwähnten gestrigen Parade des Infanterie-Regiments (Kaiser Wilhelm) hielt der Regimentsbefehlshaber Oberst von Müller eine Ansprache, in welcher er die Solda­ten zur Treue gegen Kaiser und Reich mahnte und auf die Bedeutung des 27. Januar hinwies. Nach der Paroleaus­gabe kehrte die Fahnenkompagnie mit den Feldzeichen unter den Klängen der Regimentsmusik nach dem Hause des Re- giments^bersten zurück. Das militärische Schauspiel; hatte den Andrang einer großen Zuschauermenge zur Folge. Am Abend veranstalteten die Kompagnien in verschiedenen Lokalen ihre üblichen Kaisergeburtslagsbälle.

* Gießen, 28. Jan. Im Saale des Gesellschafts­vereins sand gestern ein Fe st essen statt, bei welchem der Rektor der Universität Prof. Dr. Strahl das Kai­serhoch ausbrachte.

-tt- Gießen. (S t a d t t h e a t e r.) Die beiden Sonntag-Aufführungen sinden wiederum bei kleinen Preisen statt. Bemerkt sei, daß die AufführungDer fidele Bauer" am Nachmittag eine der letzten des beliebten Stü­ckes sein wird. Die Sonntag-Abendvorstellung bringt als Wiederholung Karl Niemanns wirkungsvolles historisches LustspielW ie die Alten sungen", das bei der Festvorstellung am Donnerstag durch Inhalt, Darstellung und Ausstattung gleicherweise starken Anklang sand. Dieses Stück wird im Abonnement nicht wiederholt. Lebhaftes Interesse gibt sich auch für das Frankfurter Ensemblegast­spiel am Dienstag kund. Es kommt mitFrau Warrnes Gewerbe" zum ersten Male in unserer Stadt zu Wort, zu dem interpretiert durch 6 erste Kräfte des Frankfurter Schauspielhauses. Es gilt zu dieser Vorstellung der fünfte Abschnitt des Ermäßigungslupons für Abonnenten.

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Aus dem Gerichtssaal.

Gtrafkammer.

Gießen, 25. Jan. 1910.

Dem St. in Wies eck ist die Beleidigung eines Richters zuc Last gelegt. Als er dem Anwalt die Ko­sten zu einer Prozeßsache einschickte, bemerkte er auf dem Poflabschnitt, daß außer dem genannten Richter kein anderer des Amtsgerichts Gießen die fragliche Ver­fügung erlassen hätte. Der Richter fühlte sich dadurch beleidigt, weshalb Strafantrag erfolgte. St. wurde zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt.

Dec Taglöhner Wilhelm Keiling in B ü d e s h ei m wurde vom Feldschütz Post beim Aepfelstehlen betroffen; seine Frau bot dem Schützen 20 Mark an, wenn er die Anzeige unterlasse und Keiling schrieb an das Kreis­amt, der Feldschütz hätte unsittliche Beziehungen zu Frauen. Die Sache wurde zwecks weiterer Ermittel- nngen über ein diesbezügliches Ortsgespräch ausgefetzt.

Der in Büdingen wohnhafte Karl Merztnger aus Wien hat um Weihnachten 1908 zu Eichelsdorf Aufträge auf Bilderrahmen entgegengenommen. Als er nach Höchst a. d. Ridder kam, versetzte ec in einer Wirtschaft zwei Brautkränze, die ihm zum Einrahmen übergeben worden waren, für seine Zeche. Später wurde von den Auftraggebern die Schuld »bezahlt und die Kränze ausgelöst. Das Schöffengericht verurteilte ihn wegen Unterschlagung zu zwei Wochen Gefänguts. Ec verfolgte Berufung und behauptete, die Kränze seien ihm gewaltsam zurückbehalten worden. Die als Zeu­gin vernommene Wirtin bestritt dies, was zur Folge hatte, daß seine Berufung verworfen wurde.

In Effolderbach spielte die Parteileidenschaft eine große Rolle. Die Gegner des jetzt wiedergewähl- ten Bürgermeisters Wolf suchten dessen Bestätigung zu vereiteln, indem sie recht alte Sachen hervorkehrten. So hat dec Landwirt Heinrich Jakob Sprtznagel in einer Eingabe an das Kreisamt behauptet, dec Bürgermeister habe vor 6 Jahren einen Meineid geschworen. Trotz­dem eine diesbezügliche Anzeige mit Einstellung des Verfahrens endigte, wollte Sprtznagel, der wegen Be­leidigung unter Anklage gestellt wurde, den Nachweis erbringen. Es gelang ihm dieses nicht; trotzdem sprach ihn das Schöffengericht frei, da er in Wahrnehmung berechtigter Interessen gehandelt habe. Dec Bürger­meister erhob als Nebenkläger Berufung, doch die Straf­kammer hielt Wahrnehmung berechtigter Interessen für vorliegend und bestätigte das Urteil.___________________

Extrabeilage. Der Gesamtauslage heutiger Num­mer liegt ein Prospekt der Tuchfabrik Otto S ch w e 1 a s ch Görlitz bei und machen wir unsere Leser aus diese gute und billige Bezugsquelle aufmerksam.

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Stadttheater Metze«.

Mignon"

Oper in 3 Akten. Musik von Ambroise Thomas.

Kennst du das Land, wo die Citronen blüh'n, Im dunklen Laub die Goldorangen glüh'n, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht?

Kennst du es Wohl?......

Meses wunderbare, tieferfaßte, in seiner Einfachheit großartige Lied und einige Momente der Mignon- und Harfner-Episode sind das Ganze, was die Verfasser des Textes Michel Carre und Jules Barbier von Goethes Mei­sterwerkWilhelm Meisters Lehrjahre" zu retten wußten. Mit Mignon und dem Harfner hatte Goethe die gehermniS- vollen, dem menschlichen Erkennen und Bestimmen entrück­ten Mächte, die in unser Schicksal bedeutungsvoll cingrei- fen, in seinen Roman gefügt.Die eine Macht steigt aus uns selbst heraus, sie liegt in den unergründlichen Tiefen unserer eignen Seele sie ist in Mignon verkörpert; die andere liegt außerhalb, in dem Einwirken gottbegnadeter Geister, als deren echtester, höchster Repräsentant der Dichter: der Harfner erscheint. Denn der Harfner ist zugleich Dich­ter seiner Lieder,Sänger" im uralten Sinne."

Was haben daraus die Textdichter gemacht? Die er­greifende, dichterisch so wunderbar gestalte Geschichte Mig­nons verzerrt in ein romantisches, sentimentales, märchen­haftes* Liebesspiel; im poetischen Sinne ost nicht ohne Tri­vialität der Gedanken und Verse. Was der Oper über die Grenzen Frankreichs hinaus so große Bedeutung verliehen hat, ist das Werk des Komponisten Ambroise Thomas. Die einschmeichelnde Musik, die sorgfältige, reiche und feine Behandlung der Arien, überhaupt der Einzelstimmen haben Atignon" Heimatrecht aus unserer Bühne verliehen. Mig­

nons RomanzeKennst du das Land", das steyerische Lied­chen im 2. Akte, und ebenda das herrliche FinaleTitania ist herabgestiegen" und das Terzett am Schlüsse des 3. Ak­tes werden nie ihre Wirkung einbüßen und mit ihren lock­enden, weichen, sehnenden Tönen in uns wiedertlingen, zu­mal wenn man sie so vollendet schön hören konnte Wie heute abend.

Darum gebührt demTheaterverein" ganz besonderer Dank, daß er auch in dieser Saison trotz der hohen Unko­sten wieder drei Gastspiele des Darmstädter Hoftheaters und der Hofmusik ermöglichte.

Unter Kapellmeister Kittels musikalischer Leitung fügte sich das Ganze zu einer einheitlichen, abgerundeten, in den Ueber'gängen und im Wechsel bei Tempi fein abge­stuften Wiedergabe, die vollstes Lob und uneingeschränkte Bewunderung verdient, kleinere und wohl kaum bemerkte .Unreinheiten im Orchester übergehe ich.

Im Mittelpunkte der Aufführung standenMignon" (Frl. Z e i l l e r) undPhiline" (Frl. Suchanek), die wohl beide in gleicher Weise für ihre gesanglich wie dar­stellerisch prächtige Leistung wohl verdienten, begeisterten und ehrlichen Beifall ernteten. Den Höhepunkt erreichte Frl. Suchanek in dem schon oben erwähnten Gesang Tita­nias; mit bewundernswerter Sicherheit beherrscht die Künst­lerin die Weite Scala klangschöner und reiner Töne auch in den obersten Lagen, ohne dabei ein dem Charakter der Rolle angepaßtes, gewandtes Spiel zu vergessen.

Gleich schön und groß in ihrer dunkeln, heißen Sehn­sucht nach Italien, der erwachten, verzehrenden Liebe zu Wilhelm Meister, der Weichheit zarter, edler Weiblichkeit, der Wildheit ausbrechender Zigeunerlust sang und spielte Frl Z e i l l e r. Das besonders Hervorragende in gesang­licher Hinsicht habe ich schon oben erwähnt.

Ihr Partner, Herr Hans Hacker (als Wilhelm Mei­ster) war gesanglich nicht immer von der nötigen Gleich - mäßigkett, Exaktheit des Tones, wenn ich auch nicht leugnen

kann, daß eine vornehme, schwebende Weichheit und ange­nehme Fülle des Tones und Festigkeit im Einsatz nicht zu verkennen war. Ter Gesamleindruck verdient gewiß künst­lerisch befriedigend genannt zu werden. Offen gestanden, ich habe den Sänger in Darmstadt besser und schöner singen hören.

Die Gestalt des Lothario ist in der dichterischen Con­ception schon falsch und wenig klar gezeichnet; die wenigen bedeutenden musikalischen Momente des verzeichneten Harf­ners gelangen Herrn D r a m s ch recht gut; am besten ge­fiel mir das Duett im 2. Akte mit Mignon.

Zu erwähnen wäre noch der Laertes des Herrn Schwarze, in Spiel wie in Gesang eine einheitliche, auf einen srischen, munteren Ton gestimmte Leistung. Ist dagegen im 3. Akte, wo er Wilhelm Meister die Kunde von Philinens Nähe bringt und ihn warnt, beim Abschied die Bewegung des Kopfes nach dem Zimmer, in dem Mignon ruht, berechtigt?

Vergessen seien nicht Herr de Leeuwe als Friedrich und Herr Ungibauer als Jarno.

Ausgezeichnet war auch der Zigeunertanz im ersten Akte ausgeführt. Die Regie unter Leitung von Herrn Ober­regisseur V â l d e ck bemühte sich passende und möglichst ge­schmackvolle Bühnenbilder mit Hülse des vorhandenen Fun­dus erstehen zu lassen; doch schien mir die mit Statuen ge­schmückte, italienische Galerie im letzten Akle nicht gerade allzu prächtig. Die grandioseste Leistung dieser Regie habe ich jedenfalls in Tarmstad-t bei der Aufführung vor MannsBonifazius" (vielleicht komme ich hierauf noch aus­führlicher zurück) bewundern können. .

Das ausverkaufte Haus spendete bei offener Szene, be­sonders aber nach den Aktschlüssen, reichen und lauten Tc:- sall, der sich gegen Ende enthusiastisch steigerte. Im ganzen betrachtet, war es ein genußreicher, künstlerischer Abeno^ für den wir den ausübenden Künstlern des Darmstadter Hoftheaters, ebenso wie dem Gießener Theat-rverem herz­lich dankbar bleiben.