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(Gießener Zeitung)
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Nr. 138
Telephon Nr. 607.
Gießen, den 22. Oktober 1910
Telephon Nr. 607.
22. Jahrg
Zweites Blatt
Lokal-Nachrrchten.
Gießen, 22. Oktober 19lO.
SonntagsgedanKen.
Der Sinn des Lebens liegt in der Freude. Gesundes Leben ist Freude. Wer sich seines Lebens nicht mehr freuen kann, der ist schon auf dem Wege zum Tode. Denn alle Trauer ist ein Vorspiel zum Sterben.
Es ist nicht immer leicht, sich zu freuen. Denn das Leben blüht nur aus dem Kampf hervor, aus dem steten Kampf mit dem Tode und mit seinen Vorläufern, Krankheit und Trauer. Deshalb liegt aber der Sinn des Lebens doch nicht im Tod und in der Trauer, sondern in dem steten Ringen mit ihnen, und in dem steten Triumphieren über sie.
Lebensfreude ist nichts Billiges und nichts Selbstverständliches. Sie ist eine Aufgabe. Die große' Aufgabe für das menschliche Dasein. Erarbeite die Freude! Verbreite Freude um dich her! Das gilt es.
Das ist nicht leicht. Es gehören gewisse äußere Mittel dazu, die manchen fehlen. Es gehört auch innere Arbeit dazu. Es genügt nicht, daß einer Geld hat. Er muß es auch so vernünftig gebrauchen, daß er reine, dauernde, Befriedigung damit gewinnt. Nicht jeder hat das Verständnis dafür. Und es gibt viel fal-
; sche Freude, mehr i manchen Rausch, ! Darin liegt gewiß
Es gibt aber j heit und Unglück.
noch wie falsches Geld. Es gibt so dem der schrecklichste Jammer folgt, nicht der Sinn des Lebens.
auch so viel Not und Elend, Krank- Soviel, daß der Pessimist nur nach
dieser Seite hin sieht und hier den Sinn des Lebens sucht. Uns aber sagt das alles nur: das sind Ausgaben ! Da ist nicht Sinn, sondern Unsinn. Der Mensch soll aber aus dem Unsinn allmählich den Sinn schaffen. Dazu hat er seine Vernunft. Krankheiten sollen wir heilen lernen. An Stelle der Not soll soziale Gerechtigkeit
treten. Selbst mit der Dummheit ist der Kampf unsere Aufgabe und ist nicht vergeblich. Und auch in ihr liegt nur der Unsinn, aber nicht der Sinn des Lebens.
Aus all den Arbeiten und Kämpfen wächst uns Freude. Keine leichte, vergnügliche Sonntagsnachmittags- freude, sondern eine ernste, heilige Freude: die Freude des Teilhabens an dem Siege des ewigen Lebens.
Denn das Leben siegt über alles. Selbst über den Tod. Denn auch der Tod kann unsere Kräfte aus der
Kette der nehmen, selbst die
Wer Was soll
unendlichen Wirksamkeiten nicht mehr heraus- Es bleiben unsere Kinder, unsere Werke, ja Atome unseres zerfallenden Körpers. aber an all dieser Freude keinen Anteil hätte? er für Trost finden in dem allgemeinen Sinn
des Lebens? Ist ihm nicht doch alles Unsinn?
Ja, ihm ist alles Unsinn. Er lebt nicht mehr. Er ist schon mehr ein Toter. Er wirkt und kämpft nicht mehr. Er läßt sich nur müde zwecklos treiben bis zum Stranden.
Gibt es solche Naturen, die so lebendig tot sind? Die so gar keinen Trost und Sinn mehr im Leben finden? Der Gedanke ist schrecklich. Vor solchen Seelenabgründen müssen wir schaudern.
Und weshalb schaudern wir vor ihnen ? Weil wir in ihnen den Tod sehen, vor dem das Leben sich fürchtet. Weil in uns allen die Sehnsucht nach Leben ist und die Furcht vor dem Tode. Nicht vor dem äußerlichen Sterben, das kein wahrer, endgültiger Tod ist, sondern vor diesem innerlichen Totsein, dem kein Wirken und Schaffen und Kämpfen mehr gegeben ist.
Dieser Schauder ist der schärfste Ansporn der Sehnsucht nach Leben. Irgendwo sucht der Traurigste noch und der bitterste Pessimist Trost, Hoffnung und Freude. Denn auch er fühlt im Grunde: eigentlich leben kann nur „Sich freuen" heißen.
Darum ringen wir nach Freude in uns! Verbreiten wir Freude um uns! Darin liegt der Sinn des
Lebens.
Reinhard Strecker.
Sitzung der Stadtverordneten Gießens.
-h- Gießen, 20. Oktober 1910.
Anwesend waren: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Keller und Heyligenstaedt, die Stadtverordneten Petri, Entfleisch, Brück, Emmelius, Los, Wallenfels, Jughardt, Helfrich, Faber, Leib, Jann, Gabriel, Schaffftaedt, Eichenauer, Helm, Biermer, Habenicht, Ebel, Simon, Troß, Winn, Plank und Grünewald. Entschuldigt waren Beigeordneter Georgi und die Stadtverordneten Haubach, Schäfer, Haberkorn und Wimmenauer.
Punkt 1 der Tagesdordnung betraf M i 1 t e i l u n- g e n. Stadto. B i e r m e r hatte an die Stadtverwaltung ein schreiben gerichtet, in welchem er mitteilte, daß er sein Amt als Stadtverordneter mit dem 1. Januar 1911 wegen Ueberlastung sonstiger Ehrenämter niederlege. Oberbürgermeister Mecum nahm mit Bedauern von dem Entschluß Kenntnis, und betonte, daß die Stadtverordneten-Versammlung in Pros. Dr. Viermer ein Mitglied verliere, das jederzeit die Interessen der Kommune mit allem Pflichteifer vertreten hatte. — Bei der letzten Tagung war von den Stadtverordneten ein Ausschuß gewählt worden, der sich infolge Kündigung des Kliniksvertrages zum 1. April 1911 mit der anderweiten Unterbringung der kranken Armen befassen sollte. Der Ausschuß schlug als geeignetes Gebäude für obigen Zweck die ehemalige chirurgische Klinik in der Liebigstraße vor, welche für insgesamt 40 Betten eingerichtet werden wird, von denen 6—8 das Obergeschoß aufnehmen soll. Aus diese Weise wird es möglich sein, Kranke mit besonderen Leiden getrennt von den übrigen Siechen behandeln zu lassen. Hierbei ist vorgesehen, daß diejenigen Teile des Gebäudes, welche von der Stadt nicht in Anspruch genommen werden, in ihrer Benutzbarkeit nicht behindert werden, da nach dem Plan der Stadtverwaltung das Gebäude einen weiteren Eingang erhalten soll, so daß der gegenwärtig vorhandene Zugang nach wie vor den Besuchern der Klinik
Versunkene Millionen.
Kriminal-Roman nach dem Französischen von Burghard Aßmus.
I. Teil. — Prolog.
(Nachdruck verboten.)
An einem prächtigen Augustmorgen verrichteten zwei Zollbeamte ihren Wachtdienst an dem felsigen Gestade, welches die Einfahrt zum Golfe von Sankt Tropez begrenzt. Die Mittagsstunde war nahe und die Hitze unerträglich. Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen hatten sie sich im Schatten eines Mastixstrauches niedergelassen, der sie vollkommen verdeckte und in dessen unmittelbarer Nähe eine Quelle, Erfrischung spendend, munter hervorsprudelte. Zu ihren Füßen breitete sich der ruhige Spiegel des Mittelländischen Meeres aus.
Ein derartiges Wetter ist zum Schmuggeln nicht geeignet und eS war wenig Hoffnung vorhanden, einen Fang zu thun. Auch war nirgends ein Segel in Sicht. Nur fern am lieblich blauen Horizont erschien ein kleiner schwarzer Punkt, der ebensowohl eine Wolke, als ein Felsblock sein konnte. Nach kurzer Zeit trat derselbe deutlicher hervor, und eine Stunde später lag kein Zweifel mehr ob, daß es eine Barke war, welche gerade aus das Gestade zusteuerte. Darin lag nichts außergewöhnliches.
Nach Verlaus von zwei Stunden war dieselbe bis auf Flintenschußweite herangekommen und man vermochte einen Mann darin zu unterscheiden. Derselbe ruderte aus vollen Kräften und hielt nur zeitweise inne, um sich zu orientieren.
Bald schien der Ruderer den gesuchten Punkt gesunden zu haben, denn er landete und zog sein Boot zur Hälfte aus den Sand, damit das Wasser es nicht sortspülte. Als er darauf spähenden Blickes die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß niemand ihn belauschte, begann er in aller Eile das Felsgestade zu erklimmen, auf dem die Zollausseher verborgen waren. Dieselben verhielten sich ruhig, da ihnen das Gebühren des Mannes sehr sonderbar erschien.
Ohne Zögern schlug der Unbekannte einen engen Fußpsad ein, der in gerader Richtung aus die Quelle zusührte; er schien also mit der Oertlichkeit vertraut zu sein, obwohl er augenscheinlich nicht zu den Fischern des Umkreises gehörte, die den Zollbeamten sämtlich bekannt waren.
Sobald er die Quelle erreicht hatte, Warf er sich platt auf die Erde und begann in vollen Zügen zu trinken, wie wenn er dem Verdursten nahe wäre. Er wusch sich den Kops, besprengte sich und plätscherte, gleich einer Ente, eine Viertelstunde lang im Wasser herum. Taraus erhob er sich, spähete noch einmal ringsum aus und schickte sich an, nach seinem Boot zurückzukebren.
In diesem Augenblick sanden es die Beamten für gut, einzuschreiten. Wenngleich sie auch eigentlich keinen Grund hatten, gegen den Unbekannten vorzugehen, so schien es teilen doch sonderbar, daß jemand auf dem offenen Meere angesegelt kam, um sich an einer augenscheinlich bekannten Quelle zu erquicken.
Sie sprangen daher auf und versuchten des Verdächtigen habhast zu werden. Das war jedoch keine kleine Arbeit, denn derselbe machte sich, in der Richtung nach seinem Boote, aus dem Staube. Gleich einer Gemse lief er quer durch das Felsgestrüpp von dannen.
Ein flüchtender Mensch erscheint immer verdächtig und setzt sich der Verfolgung aus. Auch die Beamten huldigten diesem Brauche und machten ihn dingfest, als er fast bei seiner Barke angelangt war. Alles Sträuben hals ihn nichts und in wenigen Augenblicken war er regelrecht gebunden.
Gleich einem Tier, das in die Falle gegangen, blickte er ängstlich um sich. Seine Stirn trug eine frische Wunde und seine Bekleidung bestand nur aus einer Leinwandhose und einem durchlöcherten Strohhut; Rock, Hemd und Schuhe fehlten ihm. Die Seeleute des Südens bedürfen zwar nicht einer solchen Kleidung wie die unserigen, aber sie kleiden sich doch wenigstens, während der Fremdling des Nötigsten ermangelte.
Auch bei der Untersuchung des Bootes sand man nichts weiter als die beiden Ruderstangen; keinen Mast, kein Segel, keine Steuerschraube, nicht bm geringsten Mundvorrat, ja nicht einmal einen Krug Wasser, selbst dummer „nb Name fehlten am Hinterteil des Fahrzeuges. . '
Die Auffeher versuchten den Unbekannten zu oesragen, erhielten aber keine Antwort. Sie führten ihn deshalb nach dem nächsten Flecken, wo es einen Friedensrichter und ein Gesängnis gab. Er leistete keinen Widerstand und äußerte aus dem ganzen Wege keine Silbe. Nur bei seiner Ankunft daselbst stieß er die Worte hervor: „Ich habe Hunger!"
Man reichte ihm ein Weißbrot und führte ihn vor den Richter, der ebenfalls keine Antwort zu erhalten vermochte. Derselbe sah sich deshalb veranlaßt, ihn unter Bedeckung von zwei Gendarmen, bei dem zuständigen Amtsgerichte wegen Vagabundierens einzuliesern. „Ein Vagabund zur See!"
Der Untersuchungsrichter seinerseits versuchte nun die sonderbare Persönlichkeit zu einem Geständnis zu bewegen, doch alle entfaltete Geschicklichkeit scheiterte an einer sehr einsachen Verteidigungsart: Der Unbekannte log nicht, sondern schwieg.
Dieses hartnäckige Schweigen erhob das geringe Vergehen des Vagabundierens zu einer wichtigen Kriminalangelegenheit.
Ein Mensch, welcher jede Auskunft verweigert, wer er ist, was er treibt, woher er kommt, muß gewichtige Gründe zum Schweigen haben, zumal seine Haft dadurch nur verlängert
werden kann. Auch segelt man nicht ohne weiteres nach einer entlegenen Küste, nur um sich zu erfrischen, halb nackt, ohne den nötigsten Mundvorrat und in einem unbemannten Boote.
Höchst wahrscheinlich steckte hinter diesem Geheimnis ein Verbrechen, aber welches? Zunächst dachte man an ein mörderisches Blutbad, von irgend einer Schiffsmannschaft aus offener See begangen; wie kam jener Unbekannte aber dann in dieses mangelhafte Boot? Tann zog man den Umstand in Rechnung, daß er von dem Vorhandensein der verborgenen Quelle Kenntnis hatte, also mit der Oertlichkeit vertraut sein mußte.
Seine Persönlichkeit selbst bot nicht den geringsten Anhaltspunkt. Er war weder alt, noch jung, weder schön, noch häßlich, weder fett, noch mager. Es war weder ein Weltmann, noch ein Bauer oder Matrose, sondern nur ein gewöhnlicher Durchschnittsmensch. Man sah sehr wohl, was er nicht war, vermochte aber nicht zu unterscheiden, was er war.
Der Richter besand sich hinsichtlich dieses Rätsels in großer Verlegenheit; er war ein noch junger, eisriger Beamter und beschloß alle Mittel in Anwendung zu bringen, welche die Strafrechtspflege in so reichem Maße zu seiner Verfügung stellte.
Er begann damit, Kriminalagenten aus Toulon kommen zu lassen, da man es möglicherweise mit einem entflohenen Zuchthaussträsling zu thun haben konnte. Dieselben erklärten, daß der Fremdling ihnen niemals zu Gesicht gekommen wäre.
Er wandte sich unter Beifügung des Signalements an alle Kriminalgerichtshöse von Frankreich und Italien, erhielt aber nur verneinende Antworten. Er fragte bei allen benachbarten Hasenverwaltungen an, ob eine Barke entwendet worden sei, konnte jedoch nichts zweckdienliches erfahren. Schließlich gab man dem armen Teufel in seine Zelle zwei Mitgefangene, sogenannte Spione, welche den Auftrag hatten, ihn auszuspionieren und zum Sprechen zu bringen.
Auch dies war vergebliche Mühe, denn der Fremdling verfiel bei der geringsten Anspielung aus seine Abenteuer in unbedingtes Schweigen, obwohl er sonst ziemlich gesprächig war.
Schließlich griff man zu einem außergewöhnlichen Mittel. Man sorschte nach den Namen der entwichenen Verbrecher oder der steckbrieflich Verfolgten, deren Signalement aus den Unbekannten annähernd paßte, und ries ihn, während man ihn aus dem Schlafe rüttelte, bei einem jener Namen. Man hoffte, daß er sich verraten würde, sobald man aus den feurigen stieße. Doch niemals gab er die geringste Veranlassung zu einem Argwohn.
Da man den Fremdling, gegen den keine direkte Anklage wegen irgend eines Verbrechens vorlag, nicht endlos in Untersuchungshaft halten konnte, so stellte ihn der Richter, von den fruchtlosen Versuchen ermüdet, wegen Vagabundierens vor das Zuchtpolizeigericht.