Der preußische Etat.
Ein sparsamer Staatshaushalt.
Im preußischen Abgeordnetenhause legte gestern, nachdem sich Herr von Bethmann Hollweg als Ministerpräsident durch eine kurze Ansprache eingeführt hatte, der Finanzmi- nister Freiherr von Rheinbaben die Finanzlage des preu- ßischen Staates dar. Er führte dabei etwa folgendes aus:
Ehe ich zur Begründung des Voranschlags für das Jahr 1910 schreite, darf ich einen Blick auf die beiden vorangehenden Jahre werfen und das tatsächliche finanzielle Ergebnis des Jahres 1908, das voraussichtliche des Jahres 1909 Ihnen in Kürze darlegen. Was das Jahr 1908 betrifft, so habe ich in meiner vorjährigen Etatsrede gesagt, daß das charakteristische, aber betrübende! Zeichen dieses Jahres darin besteht, daß der Verkehr der Staatseisenbahnen, namentlich der Güterverkehr, infolge der ausgangs 1908 einsetzenden scharfen wirtschaftlichen Depression in sehr erheblichem Maße nachgelassen habe, und infolgedessen auch der Beitrag zurückgegangen ist, den die Eisenbahnen zur Deckung der allgemeinen Staatsbedürfnisse bisher geleistet haben. Ich habe damels die voraussichtlichen Mindereinnahmen der Eisenbahnverwaltung für das Jahr 1908 auf 134 Millionen geschätzt. Und diese Schätzung ist fast genau eingetroffen. Die Eisenbahnverwaltung schließt im Jahre 1908 mit einem Minderüberschuß von 134 Millionen ab. Das zweite, das Ergebnis des Jahres 1908 ungünstig beeinflussende Moment waren die erheblichen Aufwendungen für die Beamtenbesoldungen. Das Defizit des Jahres 1908 stellt sich auf nicht weniger als 202 Millionen, also im wesentlichen habe ich meine früheren Schätzungen als richtig erwiesen. Was das voraussichtliche Ergebnis des Jahres 1909 anlangt, so stand der Etat dieses Jahres unter dem Druck der Ungunst der wirtschaftlichen Lage. Vorsichtige Veranschlagung war deshalb am Platze. Erfreulicherweise trat im Laufe des Jahres 1909, besonders in der zweiten Hälfte, die w i r t s ch a f t - liche Besserung ein. Wir haben eine Aufwärtsbe?. Wegung in unserem gesamten wirtschaftlichen Leben zu verzeichnen. — Der Minister kam dann auf den neuen Etat zu sprechen. Es wiederhole sich hier ein ähnliches Bild: zwar sei eine Besserung gegen das Vorjahr eingetreten, aber die erhöhten Ausgaben hätten auch hier ein Defizit zur Folge gehabt. Man müsse eben in Rechnung ziehen, daß der Staat jetzt am Ende einer Periode stehe, in der ganz außergewöhnliche Anforderungen an die Staatskasse gestellt worden seien. Der Minister setzte darauf die Einnahmen und Ausgaben des E i s e n ba h n e t a t s des näheren auseinander und wandte sich darauf den anderen Einnahmequellen zu. Er berührte auch kurz die Frage der Schiffahrtsgelder u. erklärt mit erhobener Stimme, daß Preußen die in dem Wasserstraßengesetz niedergelegten Pläne mit aller Energie zu einem siegreichen Ende führen wolle, unter Beseitigung aller Hemmnisse. Es ist zu erwarten/ daß die Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die in der letzten Zeit eingetreten ist,' anhalten wird. Immerhin beträgt das Defizit für 1910 noch 92 Millionen. Dev ausländische Markt wird uns immer mehr verschlossen. Deshalb werden wir vor allem auf eine Stärkung des inländischen Marktes Bedacht nehmen müssen. Vor allem' muß die Bundesgenossenschaft zwischen Landwirtschaft und Industrie aufrecht erhalten werden. (Beifall). Es ist die größte Sparsamkeit nötig, wenn wir vermeiden wollen, neue Einnahmequellen zu suchen. In guten Jahren müssen wir Vorsorge treffen und Rücklagen machen, weil wir nicht wissen, vor welche Aufgaben wir gestellt werden. Der neue Etat stellt sich im ganzen auf etwa vier Milliarden. Es muß möglichst gespart werden, um das Defizit auf 92 Millionen zu beschränken. Der Minister erörterte sodann diè einzelnen Etats und schloß: Auf dem Wege der Sparsamkeit, der zur Konsolidierung der preußischen Finanzen führt, werden wir weiter fortfahren.
Nächste Sitzung Sonnabend, den 15. Januar: Wahl des Präsidiums und der Schriftführer.
Der preußische Haushaltsetat für 1910 berechnet die Einnahmen auf 3,837 412,963 Mark, die Ausgaben im Or- dinarium auf 3,725,019,542 Mark, im Extraordinarium auf 204,393,421 Mark, zusammen auf 3,929,412,963 Mark; mithin sind die Ausgaben um 92,000,000 Mark höher als die Einnahmen. Der Fehlbetrag soll durch eine Anleihe gedeckt werden.
Rindschan vom Cage.
Politisches.
Der angebliche Attentatsplan gegen den Kaiser Wie berichtet, sollte nach Mitteilungen der „Rußkoje Slowo" Anfang 1907 in Warschau ein Geheimbund zur Ermordung des deutschen Kaisers gebildet worden sein. Zu diesem Zweck wären dann vier russische Anarchisten nach Char- lottenburg gekommen, wo die Pläne unter Beistand des berüchtigten deutschen Anarchisten Senna Hoy festere Gestalt angenommen hätten. Eine Berliner Korrespondenz stellt demgegenüber fest, daß in Berlin von der ganzen Angelegenheit nichts bekannt ist und daß es sich ausschließlich um die Erfindung eines russischen Polizeispitzels han
Der San Welshofen
Kriminalroman von M. Kossak.
91 (Nachdruck verboten.)
Als Frida Felix Olfers kennen lernte, bestanden zwischen ihm und Anita Brusio Beziehungen. Die beiden galten als Brautpaar, obgleich sie sich nicht dafür ausgaben. Anita trat zumal in einem anderen Berliner Varieetee auf, aber sie und Felix trafen sich täglich an einem dritten Ort, Restaurants und Eafees und machten auch zusammen Ausflüge. Er erzählte ganz offen jedermann, der es hören wollte, daß er Anita liebe und seinen höheren Wunsch hege, als sie als seine Gattin zu sehen. Wie er später Frida anvertraut, hatte sie den Termin der Hochzeit aber ständig hinausgerückt. Dann plötzlich hatte sie mit ihm gebrochen, weil sie die Bekanntschaft Graf Welshofens gemacht, der sich dazumal für längere Zeit in Berlin aufgehalten und ein großes Interesse für sie an den Tag gelegt. Felix war wie ein Rasender gewesen, er lauerte seiner treulosen Liebsten auf der Straße auf, spionierte ihr nach und machte ihr Szenen. Frida tat das Herz weh, wenn sie sah, wie die Kollegen über ihn lachten. Einmal faßte sie Mut und fragte ihn, ob er es denn garnicht bemerkte, daß er allen zum Gespött diente.
Er stutzte, dann fragte er sie: „Ja, was geht Sie das denn an, kleines Mädchen?"
„Es tut mir weh', wenn man über Sie lacht", gab sie naiv zur Antwort.
Er sah sie lange sinnend an, dann reichte er ihr die Hand und sagte: „Sie sind ein gutes Kind, kleine Frida, viel besser, als jene italienische Schlange und — missen Sie, daß Sie auch sehr hübsch sind?"
Natürlich war sie durch diese Worte sehr verlegen geworden, aber trotzdem beglückten sie sie, denn sie hatte den hübschen Menschen eigentlich vom ersten Augenblick an, da sie ihn sah, geliebt. Von da ab suchte er Fridas Gesellschaft und ein paar Wochen später fragte er sie, ob sie seine Frau werden wollte. Sie gab ihm mit Freuden ihr Jawort, nur beunruhigte es sie, daß er die Hochzeit noch auf längere Zeit hinausschieben wollte. Er müßte erst Ns Zukunft seiner Mutter sicherstellen, meinte er,
delt, Der seine vorgesetzte Behörde von seiner Tüchtigkeit überzeugen wollte. . . , „, .
Der Kronprinz und die Kronprinzesnn haben sich gestern nachmittag, einer Einladung des Fürsten Pletz folgend, nach Fürstenstein in Schlesien begeben, teilte mittag erfolgt die Weiterreise nach Oels. Die Rückkehr nach Berlin findet am Sonnabend abend statt. ,
Das preußische Herrenhaus nahm in seiner gestrigen ersten Sitzung zunächst die Neuwahl des AMömms vor. Es wurden wiedergewählt der bisherige Präsident Freiherr von Manteuffel, der erste Vizepräsident Oberbürgermeister a. D. Becker und der zweite Vizepräsident Feiherr von Landsberg. Alsdann vertagte sich das Haus auf Mttt-
WOt 3itm Straßburger Konflikt. Die Antwort des kaiserlicher' Statthalters an den Bischof Dr. Fritzen in der Angelegenheit der katholischen Lehrer ist, wie offiziös erklärt wird, deshalb nicht der Öffentlichkeit übergeben worden, weil man auf feiten der Regierung gern alles vermeiden möchte, was den Streit noch verschärfen könnte. Sollte indessen der Fortgang der Erörterungen es geraten erscheinen lassen, diese Zurückhaltung aufzugeben, so wird das Schreiben des Statthalters unverzüglich verösfentlicht werden. In der Sache selbst teilt der Statthalter den prinzipiellen Standpunkt, den Staatssekretär Zorn v. Bulach den Bischöfen gegenüber eingenommen hat.
Die ungarische Ministerkrise von neuem akut. Die Mission des Herrn von Lukacs, ein ungarisches Ministerium zustande zu bringen, ist nunmehr endgültig gescheitert. Mit der lückenhaften Ministerliste den Kampf gegen den Reichstag aufzunehmen, dazu hat ihm wohl schließlich der Mut gefehlt. Und so hat er denn das getan, was man längst von ihm erwartet hatte. Er hat seine Mission in die Hände des Kaisers zurückgelegt. Graf Khuen Hedervary ist zum ungarischen Ministerpräsidenten ernannt worden. Damit hat Kaiser Franz Josef auf einen Politiker zurückgegriffen, der bereits zweimal ungarischer Ministerpräsident gewesen ist, und von dem man anscheinend erwartet, daß er auch der riesigen Schwierigkeiten der gegenwärtigen Situation Herr werden könne.
Der russische und der griechische Hof. Am russischen Hofe und in Negierungskreisen herrscht große Besorgnis wegen der Vorgänge in Athen. Man sieht den griechischen Königsthron als erschüttert an. Die Anwesenheit mehrerer griechischer Prinzen in Petersburg erhöht noch die Bedeutung der Athener Meldungen und die Besorgnis um die Dynastie Griechenlands. Man fürchtet, daß es schon binnen kurzem in Athen zu einer schweren Krise kommen werde.
Eine neue Botschaft Tafts. Ein Neuyorker Blatt will wissen, daß Präsident Taft dem Kongreß eine neue Botschaft übermitteln werde, die ein Gesetz verlangt, um dem Terminhandel in Ackerbauprodukten ein Ende zu machen. Dieses Gesetz soll vom Präsidenten der Landwirtschafts- kommission des Repräsentantenhauses vorbereitet werden, der bereits in Uebereinstimmung mit dem Landwirtschaftsminister das Gesetz ausgearbeitet hat. Das Gesetz will die Benutzung von Post, Telegraph und Telephon im Terminhandel ausschließen. Der Minister für Post und Telegraphie soll ermächtigt werden, allen Korporationen, Etablissements und allen Privatleuten, die solche Termingeschäfte machen, die Benutzung der Posteinrichtungen zu unter, binden,
Kleine Nachrichten.
Keine Cholera in Berlin. Zu der ckwleraverdächtigen Erkrankung des am Sonntag aus Petersburg zugereisten Artisten Rosenthal wird mitgeteilt, daß die bakteriologische Untersuchung den Choleraverdacht nicht bestätigt hat. Das Befinden des Patienten hat sich im Rudolf Virchow-Krankenhaus erheblich gebessert.
Defekt des Lenkballons „M. 3". Das neue Militär- luftschiff „M. 3" hat bereits einen Defekt im Betriebe. Die auf Dienstag angesetzte Probefahrt vor der Reichsprüfungskommission und dem Inspekteur der Berkehrstruppen, Generalleutnant Freiherr v. Lyncker, konnte deshalb nicht abgehalten werden.
Untergegangener Dampfer. Der Hamburger Dampfer „Capua" ist auf der Fahrt nach Genua, wie aus aufge- fundenen Schiffstrümmern hervorgeht, in den Stürmen Anfang Dezember mit seiner 23 Mann starken Besatzung untergegangen.
Die „Lustige Witwe" in Saloniki verboten. Der Wali von Saloniki untersagte wegen eines serbischen Protestes die Aufführung der „Lustigen Witwe" durch eine Wiener Operettentruppe, gab aber später seine Einwilligung. Die Serben begingen deshalb während der Vorstellung Ausschreitungen und schleuderten auf das Publikum Sessel, faule Eier und Tinte. Polizei und Militär entfernten alsdann die Serben, worauf die Vorstellung unter militärischem Schutz ihren Fortgang nahm.
Der Bergarbeiteransstand in England. Dem bisher auf einen Teil der Belegschaft der Gruben in Northumberland beschränkten Streik werden sich, wie es heißt, am Montag sämtliche dort beschäftigten Bergleute anschließen. Er würde dann etwa 100 000 Arbeiter umfassen
Noch ein Opfer des Londoner Warenhausbrandes. Bei den Aufräumungsarbeiten in dem abgebrannten Londoner Warenhause wurde die verkohlte Leiche eines Mannes unter den Trümmern ai'snèfnnden ‘'m.-,,. ^^ ca
aber da er viel verdiente, so würde er bald Geld genug beisammen haben, um seiner Mutter eine Rente zu kaufen. Frida dachte, daß sie als Ehepaar seiner Mutter regelmäßig eine gewisse Summe für ihren Unterhalt schicken könnten, aber da sie zu schüchtern war, scheute sie sich, ihm gegenüber ihren Willen geltend zu machen. Er hatte ja auch auf alte ihre Entwürfe Gegengründe. Als der Winter vorüber war, nahmen beide vorübergehend Engagements an Sommerbühnen an und für den nächsten Winter verpflichteten sie sich dem Direktor der „Kaiserhallen" in
trafen sie wieder mit Anti Brusio zusammen. Felix hielt sich der Italienerin scheinbar fern, aber Frida war dessenungeachtet nicht sicher, ob er sich dies Engagement nuht blos deshalb besorgt, um in der Nähe der einst so leidenschaftlichen Geliebten zu sein. Vor kurzem nun war Anitas Verlobung mit Graf Welshofen bekannt geworden Krirz zuvor hatte Felix seiner Liebsten mitgeteilt, daß er nunmehr das Geld beisammen habe, um seiner Mutter die beabsichtigte Rente zu kaufen. Wenn das geschehen, war er pekuniär unabhängig und konnte seinen blonden Schatz heiraten. Zusammen erwarben sie genug, um ein nicht nur sorgenloses, sondern sogar reiches Leben zu führen und sich sogar noch etwas zurückzulegen.
Alle diese Dinge zogen am heutigen Abend an ihrem Geist vorüber und wieder und wieder suchte sie sich die Punkte zu vergegenwärtigen, die ihr rätselhaft deuchten Das war erstens die Frage, „was hat er während der beiden Jahre, die er angeblich bei seiner Mutter lebte, getan?" Zweitens, „warum wollte er die Heirat aufschieben, bis er die Zukunft seiner Mutter gesichert, für die er doch mit Leichtigkeit auch ohnedies zu sorgen vermochte?"
Mehr aber als alles beunruhigten sie zurzeit die seltsamen Reden, die er an diesem Abend geführt.
„Wirst Du mich immer lieben, nie etwas Schlechtes von mir glauben, was Du auch hören mögest? Wirst Du mir immer vertrauen?"
Als ob er das nicht gewußt hätte, ohne daß sie es ihm besonders zuschwor! Wenn er ehedem so gefühlt hätte, wie heute, würde er sie zu einer glücklichen Frau machen können, sagte er, aber jetzt ^ —. Und dann fügte er hinzu:
sich um den vermißten Angestellten handelt, der bei dem Feuer mehrere Mädchen von dem Flammentode rettete und bei dem letzten Versuch von dem einstürzenden Fußboden in die Tiefe gerissen wurde und so umgekommen ist.
Ein deutscher Durchgänger verhaftet. In Paris wurde gestern ein junger Deutscher namens Gustav Zickel ins Meißen in Sachsen, der dort Unterschlagungen verübt hatte und dann flüchtig geworden war, verhaftet. Man fand bei ihm noch 800 Francs und einen Bankdepotschein über U 00 Francs. Die Verhaftung erfolgte auf Veranlassung der deutschen Behörde.
Russische Nuterschleife. Der russische Jntendanturpro- zeß, der augenblicklich in Kasan verhandelt wird und sich gegen 12 Beamte richtet, hat ergeben, daß 47 Prozent des gelieferten Tuches total unbrauchbar waren, ebenso ein großer Teil anderer Montierungsstücke. Nach einer Ankündigung des Senators Garin stehen 67 neue Verhaftungen bevor.
Selbstmord eines Elfjährigen. In Reinickendorf bei Berlin vergiftete sich gestern abend ein elfjähriger Gemeindeschüler, Sohn eines Selterwasserfabrikanten. Die Motive konnten bisher von der Polizei noch nicht aufgeklärt werden.
Mordtaten in der Eifel. Auf dem Wege von Stavelot nach der Eisenbahn wurde ein bejahrter Landwirt, der seinen Sohn besuchen wollte, von zwei Unbekannten, die sich in einem Hohlwege versteckt gehalten hatten, überfallen, erstochen und beraubt. — An der Landstraße nach Weibern fand man einen Schuhmachermefter des Ortes ermordet auf. Anscheinend liegt-auch hier ein Raubmord vor.
Wissenschaft, Knust und Literatur.
Die Zeppeliusche Nordpolfahrt. Das Reichsamt des Innern hat Vlättermelöungen zufolge zu der kommenden Sommer stattfindenden Vorexpedition des Zeppelinschen Nordpolarunternehmens den Dampfer „Poseidon" zur Verfügung gestellt, um von Kiel aus Materialien zur Errichtung der Spitzvergenstation zu beschaffen. Der Dampfer wird jetzt in Geestemünde zu diesem Zwecke umgebaut.
Ein Opernfragment Richard Wagners. Das Antiquariat von Ludwig Rosenthal in München bietet in seinem neuesten Katalog das Partitur-Manuskript von Richard Wagners Jugendwerk „Die Hochzeit" um den Preis v^n 20 000 ^ zum Kauf aus. Das Titelblatt der Handschrift zeigt folgenden Wortlaut: „Fragment einer unvollendeten Oper: Die Hochzeit von Richard Wagner. Dem Würzburger Musikverein zum Andenken verehrt. (Introduktion: Chor und Septett.)" Am Schlüsse des 36 Seiten umfassenden Manuskriptes steht der Vermerk: „Würzburg, den 1. März 1833. Richard Wagner." Der Entwurf des Operntextes „Die Hochzeit" wgr während eines Aufenthaltes des nach nicht zwanzigjährigen Wagner' in Prag entstanden, die Komposition der ersten Nummer — Chor und Septett — führte er noch in Leipzig aus, wo er eben seine Studien bei dem Thomaskantor Weinlig abgeschsasün batte.
Uns den flerkhtssälen.
Das Dienstmädchen als Brandstifterin und Ein» brecherin. Ein verbrecherisches Dienstmädchen, das schon längst für das Zuchthaus reif war, mußte sich gestern wegen mehrerer Straftaten vor dem Strafrichter verantworten. Vor der Berliner Strafkammer war die 23jährige ledige Marie Kopp wegen wiederholten einfachen und schweren Diebstahls im strafschärfenden Rückfalle angeklagt. Die Kopp ist trotz ihrer Jugend schon wiederholt vorbestraft. In diesen Fällen handelte es sich um recht schwere Taten, die einen außerordentlich stark ausgeprägten verbrecherischen Trieb der Angeklagten beweisen. So hatte sie als 16jähriges Dienstmädchen das Büfett ihrer Dienstherrschaft erbrochen und daraus 300 Mark gestohlen. Um den Diebstahl zu verdecken legte die Sechzehnjährige dann Feuer an, so daß die ganze Wohnung ausbrannte. Nicht genug damit, die Angeklagte ging sogar so raffiniert vor und zündete in der Nähe befindliche andere Grundstücke an, um nicht erst den Verdacht aufkoinmeu zu lassen, daß die Brandstiftung nur zur Verdeckung eines Diebstabls geschehen sei. In einer anderen Dienststelle drohte die Angeklagte ihrem Dienstherrn nach ihrer Entlassung in Briefen, daß sie es ihm, wenn er nicht 5C Mark zahle, noch ordentlich besorgen wolle. Als die Zahlung nicht erfolgte, schlich sich die Angeklagte in die Wohnung ihres Dienstherrn und zerrschnitt sämtliche Polstermöbel und Betten. Zugleich verübte sie noch einen Diebstahl der erst jetzt zur Entdeckung kam. In einem anderen Falle benutzte die Angeklagte die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse zu einem recht raffiniert ausgeführten nächtlichen Einbruch, mit dem ein alter routinierter Einbrecher alle Ehre einlegen konnte. Die Kriminalpolizei konnte die Verdächtige noch an demselben Tage festnehme:i. Auf dem Polizeipräsidium spielte die Angeklagte die entrüstete Unschuld. Auf eine Frage bestritt sie, Geld bet sich zu haben. Bei einer Durchsuchung durch eine Aufseherin wurden jedoch vier Hundertmarkscheine bei ihr gefunden, die sie in einem Taschentuch eingewickelt in ihrem Korsett versteckt hatte. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von drei Jahren, da die Angeklagte anscheinend eine unverbesserliche und höchst gemeingefährliche Diebin sei. Das
„Du hättest besser wählen können!"
Das klang ja gerade — ja, großer Gott, das klang als ob — er irgend eine Schuld auf der Seele hätte!
Frida fuhr auf, als hätte sie eine Schlange gestochen Wie konnte sie nur solchen Erwägungen Raum geben? Hatte sie nicht heute noch ihrem Geliebten beteuert, daß sie ihm stets vertrauen, daß nichts sie in dem Glauben an ihm wankend machen würde? sie haßte sich um ihrer häßlichen Gedanken willen, aber seltsam, sie ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Frida wemte ihre Kissen naß, ehe sie endlich Schlaf fand.
Am andern Vormittag, als sie eben mit ihrer Freundin Louison zur Probe gehen wollte, klingelte cs und ein Kolporteur, der sich damit beschäftigte, in den Häusern Volksromane und schlechte Zeitschriften zu verbreiten, trut ein, um die jungen Damen zu veranlassen, auf einesi seiner Blätter zu abonnieren. Sie sagten ihm, daß sie nach seiner Lektüre kein Verlangen trügen, aber der Mann war nicht los zu werden.
„Sehr spannende Geschichten stehen in den Journalen, lauter Kriminalgeschichten," erzählte er ihnen. „Hier zum Beispiel —" damit wies er auf ein Blatt — „ist eine Begebenheit erzählt, die dem Fall Welshofen ausnehmend gleicht. Sie kennen doch die Geschichte von der Er-> mordung des Grafen, Fräulein?" wandte er sich an Frida.
„Natürlich habe ich davon gehört," entgegnete ba£ Mädchen.
, „Ja, ich meine, er ist doch vergiftet worden?" sagte grida ziemlich uninteressiert. „Wie sollte er da in seinem ett überfallen sein und wie hätte er schreien sollen?"
„Ach, Sie wissen Näheres über den Fall, Fräulein?" fragte der Mann lebhaft.
„Aber nicht doch, ich weiß nichts, was nicht ganz Wien weiß."
„Aber vielleicht weiß Ihr Brätigam, der Herr OlferE mehr darüber?" forschte jener, Frida scharf fixierend.
„Mein Bräutigam?" wiederholte sie überrascht. WaH wissen Sie von meinem Bräutigam, Herr —"
(Fortsetzung folgt.)