Zweites Stott
DMs-Gesundheit und Dolks-Wohlfahrt.
Man ist in vielen Kreisen geneigt, den Wohlstand eines Volkes nach der Fruchtbarkeit des Bodens und dem Klima des betreffenden Landes, nach dem Fleiße und der Sparsamkeit seiner Bewohner, nach der Blüte von Handel und Industrie und nach der Ruhe und Ordnung, die in dem Lande herrscht, zu beurteilen. Gewiß sind die genannten Eigenschaften eines Landes und seines Volkes wichtige Faktoren für den Volkswohlstand und sie können nie und nimmer für das Gedeihen des wirtschaftlichen Lebens entbehrt werden. Neben diesen genannten wichtigen Stutzen des Volkswohlstandes darf man aber auch einen anderen großen Faktor im Menschen- und Völkerleben nicht vergessen, das ist die Volksgesundheit, die möglichst in allen Volksweisen vorherrschend sein muß, wenn sich ein echter Wohlstand voll und ganz entwickeln soll, denn Krankheiten und Siechtum können nicht nur den Wohlstand vieler ein- zclnen Familien vernichten, sondern sie können auch den Wohlstand eines ganzen Volkes untergraben. Zur Volksgesundheit gehört nicht nur. daß die Krankheiten zu den seltenen Heimsuchungen eines Volkes und seiner Familien zählen, sondern daß auch die überwiegende Mehrheit der Volks- genossen in Gesundheit und Kraft ihre Berufsarbeit erfüllen kann und vor allen Dingen auch zur Erzeugung und Heranbildung eines neuen jungen Geschlechtes fähig ist. Die nicht mehr ganz auf der alten Höhe stehende Volksvermehrung in Deutschland, sowie einige voreilige Schlüsseln Bezug auf die Gesundheit und mittlere Lebensdauer des
Hießener Peilung
Expedition: Gießen, Sclterswcg 83.
deutschen Volkes hatten in einigen Kreisen die Meinung entstehen lassen, daß auch die Gesundheit des deutschen Volkes in einem Rückgänge begriffen sei. Diese Meinung ist aber glücklicherweise ein Irrtum, denn die neu berechneten Sterbetafeln in Deutschland zeigen, daß die mittlere Le bensdauer des männlichen Geschlechts in Deutschland sich gegen die Zeit vor etwa vierzig Jahren um etwa 4 Proz. gehoben hat, ebenso ist auch die mittlere Lebensdauer des weiblichen Geschlechtes in diesem Zeitraume gar um cNoa fünf Prozent gestiegen. Die wahrscheinliche Lebensdauer für das männliche und weibliche Geschlecht zeigt ferner für die Gegenwart und nächste Zukunft sogar noch günstigere Zahlen, sie ist fast um 10 Prozent gegen die früheren Zeiten gestiegen. Erfreulich ist bei dieser Erscheinung nicht nur die Tatsache der Fortdauer und Steigerung der Volksgesundheit und Volkskraft in Deutschland, sondern man kann auch anerkennen, daß die größere soziale Fürsorge, der Ar- beilerschutz, die sozialen Versicherungen und die gut organisierte Selbsthülfe recht gute Früchte für die Hebung der Volksgesundheit getragen haben. Die ganze Gesundheitspflege ist unter der Mitwirkung der Regierungen und der Stadtverwaltungen heutzutage ja auch eine viel umfassendere geworden, als in früheren Zeiten, und man weiß heutzutage die gefährlichen Krankheiten, wie Pest, Cholera, gelbes Fieber und Typhus viel eher im Keime zu ersticken oder auf einen kleinen Herd zu beschränken, als in früheren Zeiten. Anerkannt muß auch werden, daß der Kampf gegen den übermäßigen Alkoholgenuß für die Gesundheit des Volkes sicher auch von großem Vorteile gewesen ist, denn man hat doch in sehr vielen BerufSkreisen eingesehen, daß
Samstag,
den 9. April 1910
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es besser ist, zur Stärkung des Körpers und Geistes Kaffee und Tee zu trinken statt Schnaps und Bier. Die Bestrebungen zur Stärkmrg der Volksgesundheit in ihrer Gesamt heit haben denn auch dazu geführt, daß die Sterblichkeit, tvelche in Deutschland vor 40 Jahren auf 1000 Einwohner etwa 31 Todesfälle im Jahre betrug, jetzt auf 19 Todes falle im Jahre herabgesunken ist.
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11) (Nachdruck verboten.)
Als der Vater, schon halb überzeugt, ihr lebhaft zunickte, fuhr sie lachend fort: „Na, siehst du! Und wenn ich wieder dergleichen merke, dann melde
ich es wirklich,
dir
zwischen
sofort!"
Es gelang ihrem lebhaften Geplauder Vater zu beruhigen.
„Und von einem — einem Verhältnis „ , und diesem Herrn — ist also feine Rede?" fragte er noch ein wenig mißtrauisch.
„Nein — nein, Papa. Gewiß nicht! Du darfst ganz
den
dir
rühm sein!"
Vollständig versöhnt langten sie zu Hause an.
IW
Es war ein trüber, regnerischer Tag. Sylvia saß mißmutig am Fenster und sah hinaus in das Nebelge- riesel. Den Wald^ der jenseits der Straße begann, vermochte man kaum mehr zu unterscheiden. Er schien von einem dichten malfenben Schleier eingehüllt. Die Schwalben sammelten sich schon zum Zuge in das ferne Land. Eifrig, geschäftig flogen sie hin und her, als gäbe es vor der Abreise noch manches zu besorgen.
Sylvia verharrte regungslos auf ihrem Platze. Der Vater saß stumm im Lehnstuhl am Ofen.Sein Haar war chon völlig ergraut, die Wangen zeigten eine fahle Blässe, ne Augen lagen tief in den Höhlen. Völlig teilnahmslos blickte er vor sich hin. Auch das Mädchen am Fen- 'ter wandte kaum den Kopf, als Frau von Schmettwitz ins ! Zimmer trat.
„Na. natürlich, das konnte ich mir denken, daß du wieder da sitzest und die Hände in den Schoß legst!" rief sie, noch unter der Türe stehend. „Ich dächte, wenn man Braut ist und bald heiraten will, hätte man alle Hände voll zu tun!"
Ein forschender Seitenblick streifte die Nichte.
7,Wer sagt dir denn, daß ich bald heiraten will^ fragte das Mädchen ruhig.
„Nun, ich meine, so sehr lange wird es nicht mehr dauern. Dein Verlobter läßt doch bereits alles Herrichten, das ganze Haus wird renoviert und zum Empfang der jungen Herrin festlich geschmückt. Du hast nur zu bestimmen, wann du dort einziehen willst. Hugo wartet bereits mit Ungeduld auf deine Entschließung. Wie eine Fürstin wirst du drüben empfangen werden. Die Leute können gar nicht genug des Rühmens finden, wie schön und nobel alles gemacht wird. Du brauchst nur deine Wäsche mitzubringen, sonst nichts. Mir scheint, du weiÄ gar nicht, welch großes Glück dir da in den Schoß fällt. Ein anderes Mädchen würde das dankbar anerkennen, würde ihrem Verlobten aus lauter Freude um den Hals fallen. Aber du, — nicht einmal hingehen willst du, um dir die Herrlichkeiten zu betrachten."
Sylvia zuckte ungeduldig die Achseln. '
7,Liebe Tante, das schickt sich doch nicht," lachte sie spöttisch auf.
7,Wenn du in meiner Begleitung hingehst, dann kann niemand etwas dagegen einwenden."
„Das hat doch nicht solche Eile, Tante."
„Aber Hugo würde sich freuen, ich weiß es. Er hat sich bei mir bitter über dich beklagt."
Sylvia runzelte die Stirn.
Wirklich? Ah, das werde ich mir verbitten!"
7,Na, na, nur nicht so heftig," lenkte Frau v. Schmett- witz ein. „Er sagte ja nichts Schlimmes, nur daß du so kühl und zurückhaltend wärst, gar nicht wie eine lie- beiibe Braut, und daß er sich jede kleine Gunst erst förmlich erzwingen müßte. Und das sann ich aus eigener Ueberzeugung bestätigen. Ich mußte ihm recht geben! — Mädchen, besinne dich! Wenn du fortfährst, deinen Bräutigam so zu behandeln, dann löst er vielleicht die Verlobung wieder auf!"
Sylvia lachte bitter.
„Sei ohne Sorge, Tante, — das wird nicht geschehen. Und wenn, er es täte, — ich hielte es für kein Unglück. Es wäre vielleicht das beste für uns beide."
Die Dame schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen
„Na, da hört sich aber alles auf! Ein sehr großes Unglück wäre es sogar.! Du weißt nicht, was du sprichst!
Was willst du denn eigentlich? Ein Prinz wird kaum kommen, um dich auf sein Schloß zu führen! Als ob man eine solche Partie wie Hugo von Trostberg auf Weinfelden alle Tage bekäme. Der Mensch sitz völlig schuldenfrei auf seinem großen Gute, hat weder Eltern noch Geschwister, ist ganz unabhängig, dazu im Besitze eines großen Vermögens, und du — du hieltest es für kein Unglück, ihn nicht zu bekommen? Da mache mir einer einen Vers dazu! das verstehe ich nicht! Nun, Schwager," wandte sie sich an Sylvias Vater, der sich mit keiner Silbe an der Unterhaltung beteiligte, „so rede doch auch ein Wort, was meinst du denn zu solchem Unsinn?"
„Beunruhige doch den Vater nicht, Tante," fiel Sylvia rasch ein, „noch ist es ja nicht so wert. Ich werde Herrn Hugo v. Trostberg auf Weinfelden heiraten, — aber drängen lasse ich mich nicht! Man soll mir Zeit lassen."
Die resolute Dame hatte eine scharfe Bemerkung, auf der Zunge, als sie sah, wie Sylvia leicht zu- sammenzucne.
„Was hast du denn? fragte sie neugierig an das Fenster tretend.
Drunten im Hof schwang sich eben Sylvias Bräutigam aus dem Sattel, übergab mit einem kurzen Befehl das Pferd einem herbeieilenden Diener und trat rasch ins Haus. Frau v. Schmettwitz wollte sich eben kopfschüttelnd entfernen, doch Sylvia bat hastig: „Bleibe doch hier — Tante, du — störst uns gewiß nicht!"
„Ich habe keine Zeit und dann glaubte ich doch schon zu bemerken, daß meine Gegenwart deinem Bräutigam nicht als unbedingt nötig erscheint. Nicht wahr, Hugo?" rief sie lachend dem eben eintretenden, stattlichen Herrn zu, >,Sie bestehen nicht darauf, daß ich hier bleibe?"
Er führte galant die Hand der Dame an die Lippen.
7,Ich fürchte, Sie würden sich langweilen, gnädige Frau, denn ich habe mit Sylvia allerlei zu besprechen, was für Sie — doch kaum Interesse haben dürfte."
„Ja, ja, das kennt man schon", lachte Frau v. Schmettwitz laut, „aber wenn die interessante Unterhaltung beendet ist und Sie wollen bei mir eine Tasse Tee trinken',- solls mir eine Ehre fein !'<
(Lürtsetzun foUtA