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Nr. 105
Samstag, 6. August 1910
21. Jahrg.
Die Zerfahrenheit des Liirgettums
(Nachdruck verboten.)
Bei der Reichstagscrsatzwahl im zweiten Württemberg gischen Reichstagswahlkreis Cannstadt Ludwigsburg erhielt der gemeinsanic tiandidal der Deutschen Partei und der fortschrittlichen Volkspartci Ziegeleibesitzer Oetinger-Euders- dach 9528 Stimmen, der Kandidat des Bauernbundes, Redakteur Dr. Wolff 4930 Stimmen, der Kandidat der Sozialdemokratie, Landtaghabgeordnetei? st eit 18 702 Stimmen. Keil i st somit y u f den ersten A n h i e b gewählt und Zwar mit einer Mehrheit von 4244 Stimmen. Von 45 135 Wahlbercclffigten haben 33 160 abge- stimmt, das sind 73,4 Prozent. Besonders beachtenswert ist das Ergebnis der zum Teil fast rein ländlichen Streife, wo offenkundig zahlreiche frühere Wähler des Bundes der Landwirte zur Sozialdemokratie übcrgcgangen sind. Dies ergibt sich auch aus den sehr ungünstigen Ergebnissen für den Kandidaten des Bundes der Landwirte, Dr. Wolff, der insbesondere in seinem Landtagswahlkreis Marbach einen gewaltigen Stimmenrückgang zu verzeichnen hat.
Der Ausgang dieser Wahl ist an und für sich gewiß nicht erfreulich. Immerhin war man auf den Sieg der Sozialdemokratie einigermaßen vorbereitet. Bedauerlicher aber als das eigentliche Ergebnis ist die Zerfahrenheit und die Unreife des Bürgertums, die sich bei beiden Wahlen gezeigt haben.
Bei der kürzlich stattgefundcnen Landtagswahl in dem württcmbergischcn Wahlkreis Welzheim schien der Sieg der Sozialdemokratie dagegen ausgeschlossen, da die National- liberalen und die Fortschrittler im ersten Wahlgange nahezu 1400 Stimmen ausgebracht hatten, der Sozialdemokrat aber nur 1000. Die nationalliberale Wählerschaft aber zersplitterte sich bei der zweiten Wähl vollkommen. Ein Teil stimmte für den Bauernbündler und ein nicht unerheblicher Teil für den Sozialdemokraten. In einem Torfe waren im ersten Wahlgange für die Nationalliberalen 330, für alle anderen Parteien nur 50 Stimmen abgegeben worden.
Gerichtet.
Familienroman von Franz Wichmann.
„Was soll das wieder heißen?"
Sie trat dicht vor ihn hin, ihre braunen Augen färbten sich dunkel und blitzten zornig auf.
„Deinetwegen, nur deinetwegen, du undankbarer, herzloser Mensch! Wenn cs nicht die Mutter gewesen wäre, der zulieb ich den Gang gemacht, um dich hätte ich es nicht getan! O, es ist eine Schande!"
„Liebe Schwester, ich verstehe kein Wort!" sagte Otto kalt.
„Nun denn, wenn du es wissen willst: ich war damit im
ßcibbaufe!
(Gerichtet 17 Nr. 8.)
Sie hatte kaum ausgesprochen, als die Försterin hastig durch die Tür hereinfuhr:
„Still, dummes Ding. Habe ich dir nicht verboten, darüber zu sprechen? Er sollte es nicht wissen! Otto, nicht wahr?" wandte sie sich zu dem Sohn. „Du zürnst nicht darüber? Es war nur eine augenblickliche Verlegenheit, die mich dazu nötigte; die stets wachsenden Ausgaben, du wirst das begreifen!" Und leise setzte sie, sich zu dem Mädchen hinüberbeugend, hinzu: „Was fällt dir ein? Warum bringst du das Kleid zurück?"
Ottos Stimme nahm wieder den gewohnten bitteren Klang an:
„Ich bin es längst gewohnt, alle Schuld auf mich geschoben zu sehen!"
„Nein, nein, mein Herzensjunge," begütigte die Försterin, „du darfst nicht böse sein, niemand klagt dich an!"
„Das ist nicht wahr, Mutter!" rief Klara.
„Wie?" fragte Otto.
„Es wäre Sünde, zu schweigen," fuhr das Mädchen fort, „wenn die Wahrheit eine Anklage erheischt!"
„Willst du deinen Bruder anklagen, Kind?" kam die Försterin dem Sohne zu Hilse.
Dieser lachte höhnisch.
„Wenn du das Kleid wieder auslöfen konntest, liebe Schwester, so hast du jedenfalls Geld! Willst du mir nicht —"
Er hielt ihr wie ein Bittender die $anb entgegen. Klara wandle sich, Tränen des Zornes in den Augen, von ihm ab:
„Ja, spotte nur noch, das steht dir gleich!"
„Nicht doch," bemerkte die Försterin zu Otto, „Klara follte das Kleid, das ste doch niemals anzieht, versetzen. Warum hast du es nicht getan?" fragte sie noch einmal die Tochter.
„Man bot mir ein Spottgeld dafür. Ich mochte es dafür nicht hingeben und wollte dich erst fragen!"
»Ach, Unsinn," wehrte diese ab, „ich will nichts wissen!
Jm zweiten Wahlgange fielen von den natiotnalliberdlen (stimmen den bürgerlichen Parteien kaum 50, der Sozialdemokratie aber 200 zu, sodaß der sozialistische Kandidat, der im ersten Wahlgange in diesem Orte nur 40 Stimmen erhalten hatte, im zweiten auf 250 Stimmen kam. Es mag sein, daß bei der zwei Tage später stattgechabten Reichs - tagswahl ein Teil der fortschrittlichen Wähler aus Verdruß über dieses Verhalten nationalliberaler Wähler bei der Landtagswahl sich der Wahl enthalten oder gar für den Sozialisten gestimmt hatten.
Das nicht nur vom nationalen, sondern auch von dem Standpunkte vernünftiger Parteitaktik aus vcrdammcnswcrte I Verhalten natioNalliberaler Wähler ist kein vereinzelter Vvr- 1 gang. Wir erinnern daran, wie in Hessen freisinnige Wähler gegen den Nationalliberalen für den Sozialdemokraten und gegen einen Reichsparteiler für den Antisemiten gc- ftinimt haben. Wir erinnern daran, wie in einem westpreußischen Wahlkreise vor ettwa 15 Jahren konservative Wähler für einen Polen und gegen einen reichsparteilichèn Kandidaten ihre Stimmen abgegeben haben. Wir erinnern daran, wie bei den letzten Reichstagswahlen in einigen Wahlkreisen sozialistische Wähler den konservativen Bewerbern gegen freisinnige Kandidaten zum Siege verhalfen haben. Von dem merkwürdigen Verhalten von Zentrums - Wählern allen anderen Parteien gegenüber braucht nicht erst geredet zu werden. So haben also Wähler aller Parteien bei verschiedenen Gelegenheiten das trostlose Bild völliger politischer Unreife bargeboten.
Um auf die Reichstagsersatzwahl in Cannstadt-Lud - wigsburg zurückzukommen, so ist neben der Unreife auch die Trägheit der bürgerlichen Wählerschaft zu beklagen. Der Wahlkreis, der im Juni 1903 etwa 36 000 Wähler gezählt hatte, hatte im Winter 1907, also 3% Jahre später, 40 000 Wahlberechtigte, er würde, gleichmäßige Bevölker - ungszunahme vorausgesetzt, jetzt nach abermals 3% Jahren, mindestens 44 000 Wahlberechtigte zählen. Da nur 33 000 Wähler ihrer bürgerlichen Ehrenpflicht genügt haben, so haben sich mindestens 11 000 der Wahlurne ferngehalten.
Wenn du den Kaffee für den Vater bereitet hast trage das Kleid nochmals fort — um jeden Preis; wir brauchen Geld!" Otto ging inzwischen, die Hände in den Hosentaschen, pfeifend im Zimmer umher.
„Recht so, Mama!" sagte er, stehen bleibend. „Klara ist, wie es scheint, der Heilsarmee beigetreten und will die ver« derbte Menschheit mit der Bibel, bekehren."
„Besser, als seine Zeit vergeuden mit —"
Klara konnte nicht zu Ende sprechen; ein erschreckter Aufschrei der Mutter unterbrach sie.
„Der Vater, der Vater! Um Gottes willen, fort mit dem Kleide, er darf es nicht merken!"
Sie raffte hastig das Gewand zusammen und warf es in den Schrank.
„Schnell den Kaffee, Klara!" wiederholte sie.
Während das Mädchen in die Küche eilte, trat der Förster, die Doppelbüchse über der Schulter, herein und Frau Adelheid ging ihm mit freundlichster Miene entgegen.
„Kommst du endlich heim? Wir warten schon lange!"
„Schadet euch nichts," erwiderte Lorenz Reiner, die Flinte beiseite stellend, „habt ja Zeit dazu, seit ihr die Beschäftigung der noblen Welt teilt, zu faulenzen!"
„Schon wieder verstimmt, Lorenz! Hast du kein Glück gehabt?"
„Glück?" Der Förster sah sein Weib mit finsterem Blick an. „Glück, wenn einem das Widerwärtige auf Schritt und Tritt begegnet? Hat der Mensch noch die Frechheit, mich zu grüßen, wie einen guten Bekannten, daß alle Leute auf der Straße stehen bleiben und nach mir gaffen!"
„Aber von wem sprichst du denn?" fragte Frau Adelheid.
„Von wem anders, als von dem sauberen Apostel, der wie ein massierter Affe in der Stadt herumläuft!"
„Wie, Hellborn?" rief Otto. „Er ist hier in der Hauptstadt?"
Der Förster lachte grimmig.
„Wirst ihn schon noch zu sehen bekommen! Wo er sich ügt, erregt er Aufsehen!"
Frau Adelheid ging ganz in Entrüstung auf:
„Rein, ist das ein unbegreiflicher Narr! Sogar in die Otadt wagt er sich mit seinen Schrullen! Aber was kümmert :S uns!"
D er Förster hatte die Büchse zur Hand genommen und sie nit einem Tuche geputzt. Dann hing er sie an ihren gewöhn- ichen Platz an der Wand.
„Hast recht," stimmte er bei, „er ist es nicht wert! Ja, venn die Menschen wären wie die Tiere! Blut und Hagel, :s hat mir wehe getan!"
Die Försterin glaubte, die Anspielung zu verstehen und
Die Sozialdemokratie, der alles darauf ankam, im ersten Wahlgange zu siegen, hat sicherlich all ihre Mannschaften an die Urne hcrangcbrachl, die 11 000 Faulpelze entfallen also fast durchweg auf die bürgerlichen Parteien.
Wenig erbaulich ist das Wahlergebnis auch für den Bund der Landwirte. Der Wahlkreis ist zu einem Drittel ländlich. Der Bund der Landwirte aber hat auf seinen Kandidaten nicht viel mehr als ein Siebentel der auSge gebenen Stimmen und ein Neuntel der Stimmen aller Wahl berechtigten vereinigt. Demnach hat nur etwa ein Drittel der ländlichen Wählerschaft der bündlerischen Fahne Ge solgschasi geleistet. Dies Resultat ist um so kläglicher, als der vom Bunde ausgestellte Kandidat zu den Führern des Bundes gehört, ein tüchtiger und angesehener Mann und ein gewandter Agitator ist, der sicherlich für sich selbst mit mindestens ebenso großer Energie gearbeitet hat, wie er es sonst für andere tut. Und doch dieses Ergebnis! Bei dieser Ersatzwahl hat sich eben wieder, wie schon in zahl reichen früheren Fällen, gezeigt, daß die ländliche Wäh lerschast dem Bunde für das Zufallebringen der Erbschafts steuer keineswegs dankbar ist. In Württemberg dürfte der Bund ähnliche Enttäuschungen bei den allgemeinen Wahlen in noch höherem Maße erleben, denn da Württemberg das Land des SUcinbauerntumeS ist, so hat gerade dort die ländliche Wählerschaft von der Vereitelung der Erbschafts steuer nicht den mindesten Vorteil, während sie die Belast ung durch andere an die Stelle der Erbschaftssteuer getretene Steuern zu empfinden hat.
ßokales.
Gießen, 6. 9luguft 1910.
* * Verliehen wurde vom Großherzog dem Fi- nansamtmann Heinrich Schwarz-Schotten und dem Finanzamtmann Hermann May-Hungen der Charakter als Finanz rat.
* * Ernannt wurde vom Großherzog der Ober lebtet Dr. Hermann Stockhausen-Vad^N auhieim mit Wirk
tat, als ob sie sich die Augen wische.
„Ja, ja, Cäsar und Waldmann, die guten, lieben Tiere! Mber nun sind sie ja fort, werden es darum nicht schlechter ,)aben!" meinte sie, schnell wieder beruhigt.
Lorenz Reiner trat ihr näher und sah sie seltsam an.
„Schlechter? Nein, besser, zehnmal besser als unsereins!" Otto mußte lachen.
„Die Hunde? Das ist Geschmackssache! Ich für meine Person möchte kein Hundeleben führen!"
„So haben sie einen guten Platz?" fragte die Försterin. „Und du hast viel dafür bekommen, nicht wahr? Ich sagte es ia immer! Gib mir das Geld, ich kann dann gleich die Rechnungen von Krämer und Schneider —"
„Auch ich muß bitten, Papa," fügte Otto hinzu, „der Repetitor sollte schon gestern sein Geld erhalten!"
Der Förster schwieg eine Weile, dann leuchtete es düster in seinen Augen auf, und rauh wie der Sturm der Berge stieß er die Worte hervor:
„Könnt es euch holen! Draußen im Finsterwalde liegt's eingegraben unterm frischen, feuchten Moos!"
Es war gut, daß in diesem Augenblick Klara mit dem Kaffee eintrat, sonst wäre die Försterin in jähem Schrecken gegen die Tür getaumelt.
„Im Finsterwalde?" wiederholte sie außer sich. „Nicht auf dem Markte? Und die Büchse--Gütiger Himmel, was kommt mir für ein Gedanke!"
Auch Klara erblaßte.
„Vater," stieß sie hervor, „du wirst doch nicht die armen Hunde —"
„Eben darum, weil mich das Vieh erbarmt hat!" antwortete ruhig der Förster.
Otto war der erste, der das Wort aussprach:
„Tu hast sie erschossen?"
Die Försterin rang die Hände:
„Ist es möglich? Tas konntest du tun? Die wertvollen, schönen Hunde!"
„Tie lieben, treuen Tiere!" jammerte Klara.
Der Alte machte eine ungeduldige Bewegung.
„Was soll das Geplärr? Sie sind gut getroffen inib stehen nimmer auf. Sollten die armen Hunde die Narrheit der Menschen entgelten? Mir konnten sie den Wald, die Lust, die Freiheit nehmen, aber die Tiere hätten es nicht ertragen!"
„Aber, Papa," sagte Otto vorwurfsvoll, „bedenke doch das Geld, das du jetzt nutzlos unter die Erde gebracht hast!"
„Ja", fiel die Mutter ein, „der Otto hätte einen Monat davon leben können! Und du mußtest sie erschießen! Woher sollen wir jetzt Geld nehmen?"
(Fortsetzung folgt.)