Nr. 2
Dienstag, den 4. Januar 1910
20 Iab^aang
* Erscheint -»glich außer Sonntags.
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«Menet HaKKVM) A«a»y»«â< Hageszettung (Oleß-v-r Kettang)
für OSerhefsm und die Kreise Marburg Md Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung.
SEnthält eßt amtlichen Bekanntmachungen der Grotzhâ Bürgermeisterei Gießen, bei Sreßh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen ■
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Vorwärts mit Gott!
Vorwärts eilt die Zeit — unaufhaltsam. Die Sekunden reihen sich zu Minuten, die Minuten zu Sinn-" den, die Stunden zu Tagen, zu Monden und Jahren! Ob wir wollen oder nicht, dieses drängende, treibende „Vor - wärts" steht über unserem Leben, und je älter wir werden, umso schneller entschwindet ein Jahr nach dem anderen — „es führet schnell dahin, als flögen wir davon". Aber dieses hastige Vorwärtsgehen, wo mit jedem Pendelschlag der Uhr, mit jedem Schlag unseres Herzens und jedem Stoß unseres Pulses ein Stück Leben dahinstieht, kommt uns in der täglichen Arbeit kaum zum Bewußtsein. Doch wenn die Mitternachitsglocken der Silvesternacht uns mahnen^ stehen wir wohl gedansenvoll still. Es ist, als rauschte der Flügelschlag der Zeit an uns vorüber — und mancher möchte es mit unserem großen Dichter des Mittelalters ausrusen: „O weh! Wohin entschwanden alle meine Jahr'! Hab' ich geträumt mein Leben, oder ist es wahr?"
Aber hier gilt kein Zagen und kein Verweilen. Ob wir in srischer Jugendkrast mit tausend Hoffnungen und Plänen über des Jahres Schwelle treten und freudig dem „Vorwärts" dem Leben entgegenjauch-
zen — oder ob
wir aus der Höhe des Lebens so gerne die
ses „Vorwärts" aushalten und die Jahre zu verweilen bit-
ten möchten — vom Erdenlaus,
oder ob wir in Leid und Kummer, müde dem Leben noch Flügel geben möchten dem
Ende zu: es folgt uns nicht; während wir wünschen, hoffen und sinnen, stürmt unsere Welt weiter in ihrem geordneten Lauf, rinnt unser Leben vorwärts, vorwärts!
Es gibt in Gottes Schöpfung keinen Stillstand, „ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut es kund der anderen". In diesem eilenden Leben, in dem neu sich erschließenden, noch dunklen Jahr, von dem wir nur wissen, daß es dahingehen wird wie seine Vorgänger, gibt es nur einen festen Halt, das ist der ewige unveränderliche Gott, „von dem und in dem und zu dem alle Dinge sind". An seiner Hand und in seiner Gemeinschaft erhält dieses „Vorwärts" ein Ziel und einen Zweck, löst sich alle Wehmut in Festigkeit, erschließt sich auch über unserem letzten Lebensjahre ein ewiges und seliges „Vorwärts".
„Vorwärts mit Gott!" sei darum die Losung des neuen
Jahres:
Hilf du uns durch die Zeiten
Und mache sest das Herz 1
Geh selber uns zur Seiten
Und führ uns -heimatwärts !
Lokales und Provinzielles.
!:! Fortbildungskurse für Organisten und E h o r d i r i g e n t e N. An dem diesjährigen Orgelkursus, der unter der Leitung des Kirchenmusikmeisters Prof. Arnold Mendelssohn in der Zeit vom 21. September bis 10. Oktober in Darmstadt stattfand und wiederum von gutem Gelingen begleitet war, haben 15 Haupt - lehrer, Lehrer und Schulverwalter teilgenommen. Im Jahre 1910 wird wieder ein Kursus in Darmstadt veranstaltet; Meldungen dazu sind bis zum 15. Mai dieses Jahres einzureichen. Meldungen früherer Jahre sind für den bevorstehenden Kursus zu erneuern. Bewerbungen müssen durch Vermittlung der Pfarrämter und Dekanate dem Oberkonsi- storium vorgelegt werden. Es ist in ihnen die Zensurnote für Orgelspiel, womit der Bewerber vom Seminar abging, anzugeben, sowie zu bemerken, ob dieser Organistendienst hat, wenn dies auch für die Zulassung nicht ausschlaggebend ist.
* ! * Die Z a h l der Lehrer an hessischen Gymnasien, Realgymnasien, Oberreal- u. Realschulen, sowie pädagogischen Seminarien beträgt nach dem neuen Hauptvoranschlag für 1910 zusammen 562, darunter akademische Oberlehrer 411, prov. akad. Lehrer 64, Zeichenlehrer 10, seminarrsche Lehrer 75. Im neuen Jahre ist die Vermehrung um 6 Stellen vorgesehen und zwar für das Ostergymnasium Mainz 3, sowie je ein Oberlehrer in Heppenheim, Gießen und Worms.
* * Auch aus dem Gebiete der Hess. Schulverwaltung soll in Zukunft gespart werden. Die höheren Bürgerschulen in Groß-Umstadt. Rüsselsheim, Wimpfen und Sprendlingen (Rheinhessen) sollen wie verlautet, eingehen.
* Gieße n, 2. Jan. Der Musikdirektor Krauße vom hiesigen Infanterieregiment ist mit dem 31. Dezember nach 45jähriger Dienstzeit, von denen er 37 Jahre dem Regiment angehörte, in den Ruhestand getreten. Der K a i - s e r, der Chef des Regiments, hat ihm den Kronenorden 4. Klasse verliehen, sowie die Genehmigung zum Tragen der Regimentsuniform erteilt, das Offizierskorps schenkte dem Scheidenden ein Bild des Kaisers in der Uniform des Regiments. — In einer der letzten Nächte wurde am L i e- b i g d e n k m a l in der Ost-Anlage das Gesicht einer der Marmorfiguren durch Bubenhände mit Lack beschmiert. Außerdem wurden auf der Eisbahn die Musikbühne und sonstigen Einrichtungen demoliert.
-tt- Gießen. (S t a d t 1 h e a t e r.) Es sei darauf hingewiesen, daß die morgige Vorstellung von „Aschenbrö-
del" die letzte de^ hübschen und effektvoll ausgestatteten Märchens ist. — Auf zahlreiche Anfragen sei mitgeteilt, daß am nächsten Sonntag nachmittag der „fidele Bauer" und Sonntag-Abend das Lustspiel „Die Liebe wacht" gegeben wird und daß diese beiden Vorstellungen bei kleinen Preisen stattsinden.
* Gießen, 3. Jan. Der Bahnarbeiter Ludw. Bep- ler aus Klein-Linden kam beim Rangieren zwischen die Puffer und wurde schwer verletzt.
* Friedberg. In Berlin ist am Donnerstag der Direktor der hiesigen Augustinerschule, Dr. Phil. Hermann Balser, infolge einer Gehirnerschütterung plötzlich g e - st o r b e n.
* Offenbach. In der Sylvesternacht ereignete sich ein recht tragischer Vorfall, der den Tod eines jungen Mannes im Gefolge hatte. Der 22jährige Drogist Meier aus der Wilhelmstraße 21 hatte nämlich die Sylvesternacht im Kreise seiner Freunde und Kollegen im Wirtshaus verlebt, wobei er tüchtig dem Sylvesterpunsch zugesprochen haben soll. Erst in der Morgenstunde trennte er sich von seinen Freunden und begab sich nach Hause, wo er den ganzen Tag über geschlafen hat. Noch gegen halb 7 Uhr abends hat seine Wirtin ihn schnarchen gehört, aber eine Stunde später wurde er tot ausgefunden. Nach dem ärztlichen Befund liegt wahrscheinlich eine Alkoholvergift
ung vor.
* Darmstadt, 3. Jan. Hinsichtlich der Geschäftsverteilung in Handelssachen hat das Präsidium des Oberlandesgerichts beschlossen, daß dem 1. Senat zugeteilt werden die Sachen der Kammern für Handelssachen von hier und Gießen, dem 2. Senat die Sachen der Kammern für Handelssachen von Mainz, Worms und Offenbach und die Patente für Schutzsachen.
* Darmstadt, 2. Jan. Der Heldentenor S p e - mann ist von der Hoftheater-Direktion gegen eine Ab - findungssumme von 5000 Mk. freigegeben worden und in Begleitung der Freifrau von Schilling i m Ä( u t o nach Aegypten gefahren. Der „Hess. Volksfreund" schreibt über diesen Fall: „Die 'Zeiten haben sich in den letzten zwei Jahrtausenden merklich geändert. Heute ist die Sache bequemer. Man fährt per Auto. So macht auch unser seitheriger Heldentenor, der ohne die Dame seines Herzens nun einmal nicht leben kann, die weite Reise nach Aegypten, die er mit ihr anzutreten beabsichtigt, nicht per Esel, sondern in einem 60 HP-Wagen. Die Nachricht, daß wir Spemann vor Abschluß der Saison verlieren sollten, hat sich bestätigt, denn in einer Abfindungssumme von 5000 M. hat die Hoftheaterdirektion den Heldentenor freigegeben. Und dieser hat seine Freiheit dazu benutzt, um dem Süden zuzueilen, aber nicht etwa, um seine Gesundheit zu kräftigen, sondern um dem lästigen Termin zu entgehen, in dem nochmals sein sogenanntes Konkubinatverbrechen verhandelt werden sollte. Dieser Termin war auf den 7. Januar anberaumt, und nun entzieht sich der Heldentenor samt der Dame seines Herzens den peinlichen Erörterungen seiner intimen Beziehungen zu ihr durch die Flucht nach Aegypten." — Bekanntlich waren Hofopernsänger Spemann und die Freifrau von Schilling-Cannstatt laut Befchluß des Amtsgerichtes zu einer Haftstrafe von 8 Tagen wegen Konkubinats verurteilt worden und beide hatten gegen diesen Beschluß Berufung eingelegt.
* Kirchhain, 2. Jan. Der Müller Kenner in Anzefahr rettete seinen sechsjährigen Jungen aus dem Hochwasser der Ohm, indem er ihm 50 Meter nachschwamm.
* Rodheim a. d. Bieber, 3. Jan. Gestern vormittag erschoß sich der Verwalter Städte von der Grube Eleonore bei Bieber. Er stand seit 3 Jahren in Diensten der Gebr. Stumm-Neunkirchen und litt in der letzten Zeit an hochgradiger Nervosität, von der er vergeblich Heilung in einer Anstalt suchte.
* Herborn, 2. Jan. Hier suchte man zu W e i y nachten einen jungen Handwerksburschen dadurch aus einem Heuboden zu vertreiben, daß man mit einer Heugabel das Heu durch st ach. Bei der Gelegenheit erhielt der Aermste einen Stich ins Auge, an dessen Folgen er gestern im Krankenhaus gestorben ist.
* Schlitz. Vor kurzem hat sich hier der ledige, in den vierziger Jahren stehende Fuhrmann Friedrich Hickmann aus dem Grabe seiner Mutter erhängt. Der Beweggrund zur traurigen Tat ist unbekannt.
* Aus Rheinhessen. Die rheinhessischen Weinbaudomänen umfassen zur Zeit 49,35 Hettar mit einem Anlagekapital von 1 887 533 Mark. Die Durchschnitts-Rentabilität, berechnet auf Grund der bis jetzt auf diesen Domänen erzielten und bereits verkauften Weine, betrug 2,95 Prozent. Die höchste Rentabilität mit 6,35 Prozent ergaben die Weinberge in der Gemeinde Oppenheim.
* Groß-Umstadt. Eine wackere Mitbürgerin, die Hebamme Elisabeth Wolf, bat am 29. Dez. ihr vierzigjähriges Berussiubiläum gefeiert. Ein großer Teil derer, denen sie beim Eintritt ins Leben behilflich war, hat ihr gratuliert.
* Mainz. Die Stadt Mainz hat mit der Kreis- , Verwaltung Groß-Gerau einen Vertrag abgeschlossen, inhaltlich dessen die Wasserentnahme der Stadt . Mainz aus den Quellen des Kreises Groß-Gerau völlig 1 gesichert ist.
1 * Usingen. Bei den Aufräumungsarbeiten auf dem Speicher der hiesigen Realschule fand man eine über sechzig Jahre alte Fahne aus schwarzrot-goldenem . Tuche. Die eine Seite der Fahne trägt die Aufschrift: „Turnschule zu Usingen 1848", während die andere Seite folgenden Aufdruck aufweist( „Stärke deine Kraft in frischer Jugend, Um sie fromm dem Vaterland zu weihn, Und : bewahr ein fröhlich Herz zur Tugend, Um dereinst ein freier Mann zu sein." Die 48er Fahne wurde dem hiesigen Museum überwiesen.
* Alzey. Von einem furchtbaren Unglück blieb kurz Vor Weihnachten die Familie des Taglöhners N. hier durch die Geistesgegenwart eines fünfjährigen Mädchens verschont. Die Eltern touren ihrer täglichen Be schäftigung nachgegangen und hatten ihre vier kleinsten Kinder zu Hause eingeschossen. Wäschestücke, zum Trocknen am Ofen aufgehängt, gerieten in B r a n d, und dicker Qualui füllte bald die kleine Stube. Das Schreien und Hilferufen der armen Kleinen wurde in der Nachbarschaft nicht gehört. Im Augenblick der höchsten Gesahr riß das bjährige Schive sterchen ein Fenster auf, schaffte seine drei Geschwister durch dieses in den angrenzenden Hof und warf den Schlüssel zuui Hoftor auf die Straße. Als letzte sprang sie selbst nach, während das ganze Zimmer bereits lichterloh brannte. Hilfe war jetzt rasch zur Stelle und daS Feuer wurde bald ge löscht; das 5jährige. Kind aber hatte vier Menscherrleben gerettet.
* Alzey, 2. Jan. Heute nachmittag sand hier eine vom Freisinnigen Verein euiberufenc öffentliche Versammlung statt, in welcher Pfarrer K o r e l l-Königstädten über „Die Scheidung der Geister in der Politik" vor mehr als 1200 Personen sprach. Zum Schluß wurde eine Resolution einstimmig angenommen, die die Annahme des P l u. r a l w a h l r e ch t s in der Zweiten Hessischen Kammer entschieden verurteilt und die Ueberzeugung ausdrückt, das; es möglich gewesen wäre, eine Wahlrechtsvorlage ohne bay Pluratwahlrecht zustande zu bringen, wenn die Mehrheit die Bereitwilligkeit der Linken zur Mitarbeit angenommen hätte.
* Aus Kurhessen, 2. Jan. Im Lause des Jah res 1909 ist in Steinbrüchen, Leh m- und ©au d- gruben des Bezirks Kassel eine große Zahl von U n glucks fällen vorgekommen, allein im Monat Sep tember fünf tödliche. Da als Ursache ausschließlich die fehlerhafte Art des Abbaues festgestellt worden ist, hat der Regierungspräsident eine intensive Beaufsichtigung solcher Anlagen verfügt und angeordnet, daß bei Nichtbeachtung der gleichzei..lg erlassenen Vorschriften mit allen zu Gebot stehenden Mitteln vorgegangen werden soll. Wo der Betrieb derart gering ist, daß die Ueberwachungskosten in teurem Verhältnis zum Nutzen der Anlage stehen, soll auf ihre Schließung hingewirkt werden, damit auch die mißbräuchliche Benutzung unmöglich gemacht wird.
* Oberursel, 30. Dez. Im Atter von 90 Jahren starb der Lehrer I. Schneider. Fast 52 Jahre hindurch war er hier als Lehrer tätig und in der nassauischen Leh- rerwett unter dem Flamen „Der alte Schneider" bekannt und beliebt. Er war erst seit 15 Jahren pensioniert.
* S ch i e r st e i n. Das zwischen Hter und Neudorf gelegene Schloß Nußberg wurde für 400 000 Mark von Geheimrat von Borsig angekauft.
* Klein-Heubach. Die Fürstin zu Lö- Wenstein-Wertheim-Rosenberg ist gesternvor- mittag von einem Prinzen und einer Prinzessin im Schlosse zu Kleirr-Heubach a. M. glücklich entbunden worden. Das Schloß trug aus dieser freudigen Veranlasst ung Flaggenschmuck und 150 Kanonendonner veriündeten das frohe Ereignis gestern nachmittag der Bevölkerung. Der Vater des Fürsten, der greise Großpapa der Neugeborenen, Pater Raymundus, wird die feierliche Taufe des Zwillingspaares, seiner Enkelchen, vollziehen.
* Kassel. Die Kasseler Allgemeine Zeitung — gegründet von den inzwischen verstorbenen Buchdruckereibe - sitzern Wilhelm Weber und Eduard Weidemeyer — feiert am 1. Januar ihr 2 5 j ä h r i g e s B e st e h e n. Zugleich begeht der leitende Redakteur Max Müller das Jubiläum seiner 25jährigen Redaktionstätigkeit an demselben Blatt.
* Ober-Mock st ad t. Zu Gunsten der durch den Konkurs der hiesigen Spar- und Darlehenskasse Geschädigten erließ bekanntlich der Vorsitzende des Kriegervereins, Lehrer Jung, einen Aufruf an oie Hassia-Vereine, der einen schönen Erfolg aufzuweisen hat. Jetzt sind innerhalb vier Wochen 2000 Mark eingegangen. Ein schönes Beispiel treuer Kameradschaft. Natürlich wurde Vorsorge getroffen, daß das Geld den Unterstützungsbedürftigen und nicht etwa der Konkursmasse zugute kommt.
Redaktion, Druck und Verlag von Albin Klein. Gieße«.
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Die Expedition
Gießen, Seltelöweg 83