Einzelbild herunterladen
 

Nr. 306.

Montaq, den 31. Dezember 1966

15. Jahrgang

BéiWon v. -«up«rpedrttvv: Gieße», Sel^er-we- 88. ffet*Nire***NH** Nr. MS.

Gratisbeilage»: Qberheffifche Aawilie«ze1t»«- (tL-lich) und die Qiefcevet Seifenblase« (wLcbentltchX

Weue^le

(chießener UsgeSKE) KnaSöängige Tageszeitung (Gießener Zeitung)

für Overheffe« und die Krche Marburg und Wetzlar; Lokalauzeiger für Gießen und Umgebung. '

Enthält alle amtliche, Betmmtmachuu^n dar Grvhh. Bürgermeisterei Gießen, des Grohh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oderhessen.

Die Rticb$fag$wabkn.

Wahlaufruf der Hirsch Dunckerschen Gewerk- Beretue.

In seiner jüngsten Sitzung hat der Zentralcat der Deutschen Gewerkvereine nach lebhafter Diskussion über die Bedeutung der nächsten ReichStagSwahlen füc die deutschen Arbeiter und ihre Berufsvereine folgende Resolution einmütig angenommen:Dec Zentralrat Ler Deutschen Gewerkvereine (H -D.) fordert alle wähl« Berechtigten Berbaadsgenossen dringend auf, am 25.Jan , tezw auch am etwaigen Stichwahltage, ihr Wahlrecht MM Reichstage auSzuüben. In Wahrung dec Neutralitar unserer Geroertvereine lassen wir unseren Verbands, genossen selbstverständlich völlig freie Han> in dec Wahl, erwarten jedoch, daß kein Gewerkvereinler einen Feind Unserer Organisation wählt, auch keinen LebenSmittel- luerteuerer oder Gegner des bestehenden Reichstags- Wahlrechts. Alle deutschen Gewerkvereinler müssen sich Vvtelmehc ernstlich bemühen, daß Reichstagsabgeordnete gewählt werden, die Freunde unserer Bestrebungen und eines freien Koalitionsrechts sind und Gewähr dafür bieten, daß ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, mit der Sache der Arbeiter auch die deS Volkes und Vater- I ander kraftvoll vorwärts zu bringen."

*

Ei« Wahlaufruf derHilfe"-

Pfarrer a. D. Naumann hat in derHilfe" einen Wahlaufruf veiöffentltcht, worin es heißt:UeberaA, wo ein liberaler Mann ausgestellt wird, stehen unsere Freunde ohne weiteres hinter ihm. Für konservative, klerikale und antisemitische Kandidaten sind wir in keinem Falle zu haben. Unsere Arbeit und unsere Geld- mittel stehen uur der freiheitlichen Entwicklung zur Verfügung. DaS ist die beste Art in der gegenwärtigen verworrenen Lage, dem Vaterland und seiner Macht zu dienen. Wir wollen kein Deutschland der Junker wnb Priester, sondern ein Deutschland das in den Bahnen seiner großen Geister, Kant, Fichte, Schiller ßich entwickelt, und daS die freiheitlichen Bewegungeu Ler Zeit der ReichSgründung von neuem in sich auf» «erstehen steht."

*

Hessen und Hessen Nassau.

Der N-tion-lliber-leVerei» Siegen hält Mittwoch, den 2. Januar,, abends 8'/. Uhr, im Kaiserhof -eine General-Versammlung in Sachen der Reichstagswahl ab.

Friedderg-Büdillgen Hier spricht man von einer Kandidatur Dr. Streifer, der die Naumannsche Richtung vertritt. Dr. Streifet ist durch die Volkèbildungs- beftrtbungen in der Wetterau bekannt geworden.

Im Wahlkreis Friedbcrg-BSdiigc, werben die Bündler mit einer Kandidatur Lähr hervortreten. (?) Oberlahnkrei«. Von der sozialdemokratischen Paetei wurde in Weilburg Habicht Frankfurt aufgestellt.

Worms Heppendeim. Die ZentrumSpartei hat Bürgermeister und Landtagsabgeordneten Dr. Freuay- Mainz die Kandidatur angeboren. In zweiter Linie soll Stadtrechner Uebel-Dirburg in Betracht kommen. Als Kandidat der Liberalen wird Rechtsanwalt Justizrat Dr. Gutfleisch Gießen genannt.

Süddeutsch««»-.

Im Wahlkreise Kreuznach-Simmern wird jetzt doch von feiten der Natianaüibcralen an Prof. Paasche, dem seitherigen Vertreter festgehalten. Der Bund der Landwirte stellte General von Klaeden- Wiesbaden und die So jialbem »traten Bebel auf.

Karlsruhe. Der liberal - freisinnig, demokratischer Block für Baden ist gestern für ganz Baden perfekt ge- worden.

Rorddeutschlaud.

Im 4. Berliner Wahlkreis hat der Abg. Justizcat Albert Träger die ihm vom Vorstand des freisinnigen Wahlvcrcins angcbotcne Kandidatur angenommen.

Für den Wahlkreis Teltow BeeSkow-Starkow- Chaclottenburg wurde Stadtschulrat Dr. Neuffert- Charlottenbnrg als freisinniger Reichstagskandidat auf­gestellt.

Hlkr Anfang ist leicht.

Zum 1. Januar 1907.

Ein fröhliches neues Jahr! Ein fröhliches Jahr, ge­segnet durch Arbeit und Arbeitsertrag auf jedem Feld! Tas ist der Neujahrsglückwunsch, den wir unsern Lesern bieten. Jeder Abschied hat etwas Wehmütiges, jeder Willkomm etwas Hoffnungsfrohes und Befreiendes. Darum wollen wir uns mit dem beginnenden Jahr mehr als mit dem abgeschlossenen beschäftigen. Nicht als ob das abgeschlossene gar so übel ge­wesen wäre. Es hat seine Tücken gehabt und seine Gefahren; aber die Tücken find überwunden, die Gefahren rechtzeitig be­seitigt worden, und an guten Tagen hat es ihm nicht gefehlt.

Aller Anfang ist schwer, sagt ein Sprichwort. Sprich­wörter haben immer recht. Manchmal hat gleichzeitig auch die vollständige Umkehrung recht. Hier trifft das zu. Aller Anfang ist leicht ist genau so wahr, wie das Gegenteil. Aller Anfang ist schwer für den Schwerfälligen, für den, der ohne Selbstvertrauen, ohne Mut, ohne Lust an das Neue herantritt. Dem Gewohnheitsmenschen nicht zu verwechseln mit dem, der pietätvoll, an dem Ueberlieferten hängt ist jede Aenderung schon eine Quelle der Angst, zum mindesten des Mißbehagens. Auch der mag Ursache haben, jede Um­gestaltung zu scheuen, der in allen Dingen alle seine Wünsche schon befriedigt sieht. Darum darf der Dichter sagen:ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen." Beneidenswert aber ist dieser Glückliche nicht. Er ist mit Gaben reich bedacht, doch die höchste Gabe fehlt ihm: die Kraft, die das Glück tm^ sich selbst schafft. Denn nicht das geschenkte, nur das ielbstgewonnene Glück, das unter Umständen auch ertrotzt üin will, ist das wahre, beglückende, das innerlich be­friedigende Glück. Wer erschrecken kann, dem fehlt schon die Voraussetzung des vollen Glückes, das ohne Zuversicht in eine Dauer und ohne den mutigen Willen, sein Ende ohne Furcht 2,11 sehen, gar nicht bestehen kann. Wer aber von Schwächlichkeit sich frei weiß, wer dem Geschick in allein seinem Wandel fest ins Auge blickt, der sieht in dem Wechsel nur die Ntöglichteit erhöhten Behagens, der begrüßt das Neue als die Grundlage neuer Freude, der geht mit frohem Empfinden sogar dem neuen Kampfe entgegen, weil der Kampf die Vor­bedingung und in des Mutigen Augen nichts anderes als der Vorläufer neuen Sieges ist.

Aller Anfang ist leicht, sagen wir deshalb; leicht für den, der nicht schwerfällig und schwerblütig und schwermütig ist. Es ist schon eine Lust, nur aus dem gewohnten Trab einmal herauszukommen, sich anders zu regen, anderes zu versuchen, arideres zu sehen. Nicht aus Freude am Wechsel selbst, nicht aus Verdrossenheit gegenüber dem Hergebrachten und Be­kannten, sondern aus innerem Kraftgefühl, das sich nicht scheut, auch einmal einen wenig aussichtsreichen Versuch zu rvagen einzig, weil die vorhandene Artist sich sehnt und danach verlangt, sich zu erproben, ja, wie man ^i sagen pflegt, sich au-èzutoben. Das Austoben gilt freilich für ein Vorrecht der Jugend. Es schadet aber nichts, wenn man Jugendlichkeit auch bis in höhere Jahre sich wahrt, wenn man nicht vor der Zeit sich selbst alt macht. Die Würde ist ein Trost des späteren 8llters diesen Trost soll man nicht als Vorschuß nehmen.

Aller Anfang ist leicht, sagen wir; leicht für den, dem nicht Sorgen das Herz geschwächt haben, der sich den Sinn für das Neue aufnahmefähig gewahrt hat nicht um immer nach dem Neuen zu greifen, sondern um das Alte recht schätzen zu können, um in freiem Urteil die Wahl zu haben zlvischen dem Guten und dem Besseren.

Diese Stimmung, die das Alte liebt, weil es sich bewährt hat,^ und das Neue mit vorurteilslosem Auge beachtet, weil es sich bewähren kann diese Stimmung ist die rechte zur Begrüßung des neuen Jahres.

Wir können nicht wissen, was das neue Jahr uns bringen wird. Wir sind aber zu den besten Hoffnungen berechtigt. Siachdem wir eben gesehen haben, wie vielfache Uebel geringer fvarerr als sie schienen, und wie schnell sie vor dem festen Willen ihrer Bekämpfung zurückwichen, müßten wir zuvor an unserer eigenen Kraft verzagen, wollten wir mit geringerem Mut und mit gemindertem Vertrauen in die Zukunft blicken. Wir leben in einem mächtigen Reich, das seit mehr als einem Menschenalter seine Kraft zur Erhaltung des Friedens ver­wendet hat. Die Segnungen dieses Friedens haben wir am stetigen Wachstum unseres Nationalwohlstands erfahren. Der Widerstreit der Interessen ist uns nicht erspart geblieben, doch immer hat sich ein Mittelweg gefunden, der die notwendigen Opfer gleichmäßig verteilte, sodaß sie für keinen Bevölkerungs­ausschnitt zu schwer wurden. Die Lehren und Erfahrungen der Vergangenheit können für uns nicht verloren sein. Vor­sicht ohne Aengstlichkeit, Selbstvertrauen ohne Uebermut das kommt uns zu. Nicht leichtsinnig, aber freien Sinnes, "icht leichtherzig, aber beherzt wollen wir der Zukunft ent­gegengehen und dem, was sie bringen mag. Dann wird uns nicht nur der Anfang leicht sein, der doch das Schwerste ist, sondern die ganze Bahn, die vor uns liegt.

politische Rundschau.. -

Deutsches Reich.

Am 5. Januar wird im preußischen Handelsministerium eine Beratung über Einftihrung des Zweischachtsystems im

Kalibergbau stâttfinden, an der Vertreter der preußischen Berg­baubehörden und der Kali-Industrie teilnehmen werden. Die vom Ministerium in sozialpolitischem Interesse zum Schutz der Belegschaft für erforderlich erachtete Einführung des Zweischichtsystems stößt in der Kali-Industrie wegen der da­durch verursachten finanziellen Belastung auf Widerstand. Auf den fiskalischen Kaliwerken ist mit einer Ausnahme, bei der es sich um ein Lager von geringer Ausdehnung handelt, das Zweischichtsystem durchgeführt. Man hofft auf eine Ver­ständigung mit den Vertretern der Industrie.

* Durch die Blätter geht die Nachricht, daß Graf Balleftrem, der bisherige Reichstagspräfident, in Schlesien und zwar im Dorfe Studa eine Niederlassung der Jesuiten begründen wolle. In dieser Form kann die Mitteilung nicht richtig sein. Der nicht aufgehobene Paragraph 1 des Jesuiten- gesetzes sagt:Die Errichtung von Niederlassungen der Jesuiten ist untersagt." Möglicherweise handelt es sich um eine Unterkunft für vorübergehend anwesende Angehörige des Ordens.

Timeruta.

** Da der Prasidentenwechsel tu Vrasikien bevorsteh und Ulan Ruhe im Lande haben will, Hal der Kongreß für die kürzlichen revolutionären Bewegungen in Matto Gross« und Sergipe Amnestie bewilligt. Gerade diese Amnestil wurde aber die Ursache zu einer unerhörten Bluttat. Di« Verwandten des bei den Sergipaner Wirren ermordeten Dr. Fausto Cardow töteten auf offener Straße den Seualoi und Bischof Eampos, der sich hauptsächlich um die Amnestü bemühte, wodurch die Mörder des Doktors straflos auS gingen.

Kleine politische Nachrichten,

Berlin, 29. Dezember. Der Kaiser hat dem russische) Minister der auswärtigen Angelegenheiten von Jswolstl das Großkreuz des Roten Adlerordens verliehen.

Stettin, 30. Dezember. Gegenwärtig schweben Verband lungen, das alte Schloß in Stettin für fdie kaiserliche Hof Haltung, vermutlich zum Gebrauch für einen jüngeren kaiser lichen Prinzen, auszubauen.

Posen, 29. Dezember. Durch königliche Kabinettsordv wurde die hiesige Stadtverordnetenversammlung aufgelös wegen der durch die Eingemeindung der Vororte notwendig gewordenen Neuwahlen.

Hainburg, 29. Dezember. Die erste anarchistische Kaw didatur für den Deutschen Reich-lag soll von den sog. Anarcho, sozialisten im 1. Hamburger Reichstagswahltreis auszustcllrr beschlossen worden sein.

Gotha, 30. Dezember. Erbprinz Hohenlohe-Langen burj ist hier definitiv als Kandidat aller bürgerlichen Parteiey proklamiert worden. Sein Gegenkandidat ist der Sozial demokrat Bock.

Fnlda, 30. Dezember. Domkapitular Joseph Schmitt« Fulda ist zuni Bischof von Fulda gewählt worden.

Athen, 29. Dezember. Eine bulgarische Bande drang ii das Dorf Clepsusna und tötete sieben griechische Einwohner Auch in dem Dorfe Egridere wurden von einer bulgarischei Bande Gewalttaten gegen griechische Einwohner verübt.

Ncwyork, 29. Dezember. Morgans Partner Perkins und der frühere Schatzsekretär Fairchild sind der Fälschung nngeklagt wegen Versicherungsmachenschaften um die Bedin, gungen des preußische n Gesetzes in bezug auf Vev sicherungsaktien zu umgehen.

Crübe Vorz-" -

6§ ^ ). Dezember.

Mit Besorgnis sieht man X allgemein dem kommender Jahr entgegen. Selbst die vevorstehenden Dumawnhlen ver mögen nicht, der gesunkenen Hoffnung neue .Kräfte zu geben Der Pessimismus behält die Oberhand. Kein Denkende« täuscht sich über die Tatsache des vollständigen Versagens bei bisherigen Systems hinweg. Die neuerlichen politischen 11 n taten sprechen eine 511 deutliche Sprache. Von dieser Re lierung erwartet man keine Klärung der Lage mehr, vergeblick ist das Suchen nach der starken, aber gerechten Hand, die da, Neich aus dem Wirrsal hinausführen könnte, in der es sein, besten Kräfte allmählich verzehrt. So macht sich denn ein Niedergeschlagenheit bemerkbar und ein müdes Verzichten an die Versuche, das Problem zu lösen. Kaum daß die Ab derufung des bekannten General Kaulbars vom Oberkommandi des Odessaer Militärbezirks viel beachtet wurde. Er soll nd zu sehr mit dem sog. Verbände des russischen Volkes ein« gelassen und nicht verstanden habe, den Streik der Hasenarbeite« zu verhindern. DieArbeitseinstellungen reißen nicht ab. Aus Lod/ tam die Hiobspost, daß sämtliche dem Fabrikantenverband an gehörige Fabriken geschlossen würden, weil sich die Arbeite« nnes bestimmten Fabrikanten mit diesem nicht einigen sonnten 50 000 Arbeiter sind beschäftigungs- nnd brotlos was dai bei dem unruhigen Charakter gerade der Lodzer Bevölkernnz «gen will, braucht nicht weiter ausgeführt zu werden. Handen inb Wandel liegen übrigens allenthalben darnieder. Heut« wst erklärte das hiesige Handelsgericht die Vorortbabr St. Petersburg Sestrorezk für insolvent. Die Pafnvs betrauen über 6 Millionen Rubel, darunter und 4 429 00n