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Donnerstag, Pen 30. August 190b
15. Jahrgang
MchtM-n «Hauvtexvedition : Gieße«, Seltersweg 88.
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(Gießener Tagevtartt)
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Zeitung)
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WDberheffen und die Kresse Marburg und Wetzlar; Lokalarrzeiger für Gichm und UmaebMg.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Plllizeiamtes Gießen und anderer ^Mö^^ nm ^b^"-
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persische Märchen.
Englische Zeitungen sind es vornehmlich, die neuerdings ihr dichterisches Vermögen anstrengen, um Märchen zu er- fianen. Der Schauplatz ist das klassische Land der Märchen- dichtung, Persien, der Held aber ist Deutschland. Die Erzählungen lesen sich ganz lustig, verraten eine üppige Phantasie und eine erstaunliche Fähigkeit, die gleichgiltigsten Vorgänge zu Kulissen für weltbewegende Pläne zu machen. Handelte es sich dabei um ein bloßes Spiel der Einbildung, so könnte man sich dem ästhetischen Genuß ohne Vorbehalt hingeben, unb wahrscheinlich würde man sich dabei ganz gut amüsieren. Ganz so harmlos sind die Dinge aber nicht. Die Märchenerzähler an der Themse rechnen auf ein gläubiges
Deutschland und England sind eben zur Befriedigung beider Völker wiederhergestellt worden. Das gute Werk soll durch die Gewissenlosigkeit phantastischer Märchenerzähler nicht gestört und abermals in Frage gestellt werden. Darum treten wir den Geschichtenträgern mit allem Nachdriut entgegen.
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und eindrucksfähiges Publikum, und ihre stüheren Erfahrungen geben ihnen darin Recht. Aber gerade um dieser Erfahrungen willen, die in gewissem Sinne auch unsere Erfahrungen waren, iueil sie auf unsere Kosten und zu unserem Schaden gemacht wurden, dürfen wir jene Erzählungen nicht unwidersprochen lassen.
Persien ist seit langer Zeit ein Zankapfel für Rußland und England. Anfänglich war es England, das in Persien überwiegenden Einfluß verlangte. Der damaligen Politik entsprechend, die noch heute nicht ganz aufgegeben ist, setzten sich die Engländer zunächst finanziell in Teheran fest. Nachdem die Russen begoimen hatten — das war unter Zar Alexander II. — eine eigene ostasiatische Politik ^u treiben, ihren Länderbesitz und ihre Einfluß-Sphäre in Apen auszudehnen und auf die Grenze Indiens los zu marschieren, zog England sich langsam aus Persien zurück. Es war überhaupt vor den Russen stetig zurückgewichen. Schließlich waren Persien und Afghanistan die beiden Pufferstaaten, die die beiden großen asiatischen Mächte von einander trennten. Stets war Rußland der vordringende Teil gewesen, und nie " hatte England ernstlichen Widerstand versucht. Der russischiapanische Krieg und das spätere englisch-japanische Bündnis haben in diesem Verhältnis starken Wandel hervorgerufen. Rußland hat für absehbare Zeit seine Ausdehnungskraft verloren, kann für absehbare Zeit an keinen Angriffskrieg denken. Dadurch ist für England die Möglichkeit geboten, das fast ausgegebene Terrain in Persien neu zu besetzen, und für England ist eine sich bietende, stets auch eine ergriffene Gelegenheit.
Und nun zeigt sich das Merkwürdige: Während man in England keine Miene verzog, als Rußland sich in Persien festsetzte und den englischen Einfluß verdrängte, als mit russischem Geld eine persische Bank eingerichtet wurde, als mit russischem Geld persische Bahnen gebaut wurden, als englische Großwürdenträger auf den beabsichtigten Besuch Persiens von der Küste aus verzichten mußten, weil die persischen Beamten aus Furcht vor Siii^Ianb den geziemenden Empfang versagten, sind jetzt gewisse englische Blätter überempfindlich, weil eine deutsche Schiffahrtsgesellschaft eine Verkehrslinie nach dem Golf von Persien eingerichtet hat! Das nennt man nachdem biblischen Wort: Mücken seihen und Kameele verschlucken.
In Persien geht es augenblicklich übel zu, ttotz der verheißenen Verfassung. Beinahe wie in Rußland. Der Schah ist krank. Sein Ansehen sinkt von Tag zu Tag, das Volk und die Großen werden schwierig. Die Leibwache des Schah, nach russischer Art ausgebildet und mit russischem Geld er- balten, ist zusammengeschrumpft, seitdem die Subsidien aus Petersburg ausbleiben. In Teheran sind die Europäer nicht ohne Besorgnisse, und die englische Gesandtschaft bildet ihre Zufluchtsstätte.. Der neue Vorrang des englischen Einflusses wird von keiner Seite bestritten, von deutscher Seite ganz gewiß nicht beneidet. Vermutlich wird dieser Einfluß in kurzer Frist noch weiter wachsen, und — wer weiß, was in der Zeiten Hintergründe schlummert! Sollte England Absichten auf Persien haben, so gibt es für Deutschland nur e i n Interesse: das der offenen Tür für den deutschen Handel, und dieses Interesse für gefährdet zu halten liegt kein Grund vor. Um so erstaunlicher ist es, daß englische Blätter in der Einrichtung eines monatlichen Schiffsverkehrs nach dem persischen Golf durch eine deutsche Schiffahrtsgesellschaft ein bedenkliches Unternehmen sehen wollen. Der Bau eines deutschen Gesandtschastshauses in Teheran gilt als ein weiteres Anzeichen finsterer und uneingestandener, aber erratbarer Absichten. Wem das noch nicht genügt, dem wird gesagt, daß in Teheran eine deutsche Hochschule und ein deutsches Hospital begründet seien. Das ist ' Zwar nicht wahr, aber es ist ein ausreichender Beweis dafür, j daß Deutschland Persien annektieren will. Vielleicht nicht 1 ganz, weil der Bissen zu groß ist, aber teilweise. Man 3 braucht nur an Ktautschou zu denken, das doch bekannter- j maßen der Anfang der Besitzergreifiing Chinas durch Deutsch- 1 tanb war. Man muß schon freiwillig blind sein, um nicht zu erkennen, daß die Sicherheit Indiens durch Deutschland j auf das äußerste bedroht ist.
Das ist zwar Wahnsinn, aber es hat Methode. Es sind ' keine ernsthaften englischen Blätter, die diese blöden Fabeln I arktischen; doch es sind verbreitete Blätter, die hartnäckig bei i ihren grotesken Erfindungen bleiben. Wenn da nicht schnell und eindringlich Widerspruch erhoben wird, so findet allmählich ' anch de? offenbare Unsinn Glaube. So weit wenigstens, daß * ein allgemeines Gefühl des Mißbehagens und des Mißttauens i Deutschland gegenüber in England entsteht. Das kenn uns ' ikdenialls nicht nützlich sein.__Die nuten fBa»ebunser. zmiufien
politische Rundschau.
DeutFchcd Reich.
* Durch eine Ministerial-Verordnung ist die Einfuhr von Rindern und Schafen in das Herzogtum Koburg und Gotha aus Oesterreich-Ungarn freigegeben worden. Die Tiere sollen in den Schlachthäusern von Gotha und Koburg unter besonderen Vorsichtsmaßregeln alsbald abgeschlachtet werden. Die Maßregel ist zweffsLos durch die anhaltende Fleischteuerung veranlaßt worden.
* Vom 15. big 22. September wird in Mailand der ^.Weltfriedenskongreß tagen. Auf der Tagesordnung stehen folgende Beratungsgegenstände:
Bericht des Bureaus über die Ereignisse des Jahres, soweit sie auf Krieg und Frieden Bezug haben. Internationaler Unter' richt und pazifische Erziehung. Der Pazifismus und die Arbeiterbewegung. Fragen des internationalen Rechtes, einschließlich Haager Konferenz und Zivilsanktion der Schiedssprüche. Propagandafragen. Revision des Kongreßreglements. Sitz des Weltfriedenskongresses. Aufruf an die Nationen.
Bei dem Beschluß über den dauernden Sitz des Weltfriedenskongresses soll München vorgeschlagen werden.
Oesterreich-Ungarn.
** Wie verlautet, beabsichtigt Kaiser Franz Josef eine bedeutsame Aktion zur Anbahnung einer Verständigung fischen Deutschen und Tschechen in Böhmen zu unternehmen. 3n diplomatischen Kreisen laufen Gerüchte um, der Kaiser wolle sich im Oktober mit seinem gesamten Hofstaate nach Prag, der Hauptstadt Böhmens, begeben und drei Wochen )ort bleiben. Ein so langer Aufenthalt des Kaisers mit seinem Hofstaate in Prag ist seit seinem Regierungsantritt ooch nicht vorgekommen. Die amtliche Bestätigung für den Plan fehlt allerdings noch.
Russland.
** Von verschiedenen Seiten wird bestimmt behauptet, bas Attentat auf Stolypin sei nicht ein Werk der Revolutionäre, sondern von den „Schwarzen Hundert", den Handlangern der extremsten Schichten, veranstaltet worden. Die Regierungen von Deutschland, Oesterreich - Ungarn, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, Italien, Belgien und Japan haben dem Ministerpräsidenten Stolypin ihre Sympathie aus Anlaß seiner Errettung aus der Gefahr und ihre Entrüstung über den gegen ihn ausgeführten Anschlag ausgedrückt. Stolypin selbst erklärte, er erwarte neue Attentate und schließe deshalb sein politisches und privates Testament ab. Die Polizei verhaftet^ alle Persönlichkeiten, die nur irgend verdächtig erscheinen. Haussuchungen nach Waffen und geheimen Dokumenten sind an der Tagesordnung. Der Polizei fallen Dokumente in die Hand, aus denen hervorgcht, daß ein allgemeiner Aufstand vorbereitet wird. Man glaubt aber den Angaben der Polizei nicht.
Balkan staaten.
** Die Pforte hat an die Großmächte durch ihre diplomatischen Vertreter ein Zirkular über die Unruhen in Maee- donien gelangen lassen. Sie übermittelt darin das Aktionsprogramm des bulgarischen Komitees für Makedonien und verweist auf die früher schon mitgeteilten bulgarischen Truppenkonzentrationen an der Grenze. Die Meldung aus Belgrad, daß die türkischen Trichpen in den Kämpfen mit den Albanesen im Gebiete von Dernica 2 Geschütze verloren hätten, ist unrichtig.
Hmerika.
* * Trotz der beruhigenden Versicherungen der kubanischen Regierung macht sich wieder eine starke Zunahme des Aufstandes, besonders in der Provinz Pinar del Rio bemerkbar. Das Aufstandsgebiet erstreckt sich schon bis fünfzig Kilometer vor Santiago. Die Regierung hat eine neue Aushebung von Miliztruppen vorgenommen und in den Vereinigten Staaten eine Anzahl Gewehre bestellt.
Kleine politische Nachrichten.
Belgrad, 29. August. Der frühere Regent General Belimarkovic ist gestorben.
Tientsin, 29. August. Auf den hiesigen russischen Konsul Laptew wurde heute ein Attentat verübt. Der Konsul wurde schwer verwundet; der Täter heißt Lewinski.
Dos und Gesellschaft.
Gestern nachmittag 6 Uhr fand im Neuen Palais in Potsdam die Taufe des Sohnes des deutschen Kronprinzen statt. Die Feier wurde durch den Berliner Domchor mit dem Choral „Du Hirte Israel" eröffnet. Prinzessin Victoria Luise, die Tochter des Kaiserpaares, hielt den Täufling, Oberhofprediger D. Dryander vollzog nach einer Taufrede die Taufe nach der vorgeschriebenen Liturgie. Als Taufpaten fungierten: der Kaiser, die Kaiserin, Prinz Eitel Friedrich von Preußen, Prinz Heinrich von 9Rie”£er;-
Prinz Albrecht von 'Preußen, Regent von Braunschweig, Großherzogin Luise von Baden, Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein, Kaiser Franz Josef von Oesterreich, ver- treten durch Erzherzog Josef, Kaiser Nikolaus von Rußland, vertreten durch Großfürst Wladimir, König Eduard von England, bertreten durch Prinz Christian von Dänemark, König Viktor Emanuel von Italien, vertreten durch den Herzog von Genua. Kronprinzessin Alexandrine von Dänemark, Herzogin Karl Theodor in Bayern, Prinzessin Rupprecht von Bayern, König Haakon von Norwegen, Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe, Großherzogin - Mutter Anastasia Von Mecklenburg-Schwerin, Großfürst Michael Nikolajewitsch von Rußland und Königin Marie der Hellenen. Sämtliche preußischen Staatsminister, auch Herr Von Podbielski, waren anwesend. Mit Albert Beckers „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erhöret" (Jesaias 43,1) schloß die feierliche Handlung. Eine Defiliercour folgte.
*** Reichskanzler FürstBülow wird dem dies, jährigen Kaisermanöver nicht beiwohnen.
Deer und flotte.
Kapitulationen von Mannschaften für die deutsche Marine, die anderen Marine- oder Truppenteilen oder Behörden angehören oder angehört haben oder zu solchen kommandiert sind, dürfen nur mit Zustimmung dieser Marine- oder Truppen, teile ober Behörden abgeschlossen werden, außer wenn seit der Entlassung oder dem Ablauf des Kommandos ein Jah, verflossen ist.
Folgen der Münchener Spieleraffäre. Der Major im großen Generalstabe von Websky ist von dem Kommando aU Militär-Attache bei der Gesandtschaft in München enthoben worden. Major von Websky war in der Münchener Spieler- Affäre als ein der größten Spieler Münchens bezeichnet worden. Die Enthebung von seinem Posten dürfte daher mit dieser Affäre in Verbindung stehen.
Soldcrhöhung im belgischen Heere. Nach einem Erlaß des Königs von Belgien wird das Jahreseinkommen füi Offiziere vom Kapitänkommandant abwärts, sowie der SolL für Unteroffiziere und Soldaten erheblich erhöht. Den Betroffenen wird das nicht gerade unangenehm fein.
Marokkaner auf dem Kriegspfade.
—Kriegerische Museinandersetzungen im Lande desScherifts.- Eine Reise nach Rabat. — Im Hafen von Tanger. — Die Berg' berber. — Raisulis Krieger. — Hinter den Andjeras. — Schauer' liche Siegestrophäe. — Streit auf dem großen Sokko. — Dit schützenden Berge.
Tanger, im August.
Sultan Mulay Abdul Asis will in kurzem seine Residenz Fez verlassen, um sich nach der an der Küste gelegenen und verhältnismäßig stark von Europäern bewohnten Stadt Rabat zu begeben. Rabat ist der zweitgrößte Industrie- platz Marokkos und Sitz eines deutschen Vizekonsuls. Man braucht diesmal also nicht anzunehmen, daß es sich um einen Kriegszug des marokkanischen Herrschers handelt, wie es sonst wohl der Fall ist, wenn der Scherif auf „Reisen" geht. Die unbotmäßigen Berberstämme machen ihm genug zu schaffen. Hat doch das diplomatische Korps jetzt wieder an den marokkanischen Minister des Aeußern eine Note ge- cichtet, worin gegen die Unruhen in Tanger Einspruch erhoben und energische Maßnahmen gegen die Wiederkehr solcher Ereignisse verlangt werden. Der Sultan erklärte in feiner Antwort, er bedauere die Vorfälle und werde dafür Sorge tragen, daß sich solche nicht wiederholen. Es geht bei den Kriegs- und Vergeltungszügen ein bischen anders zu als in Europa: Gelegenheit, die marokkanische Kampfweise zu beobachten, wurde mir erst kürzlich anläßlich des Aufruhrs in Tanger.
Der Dampfer eines mir befreundeten Kapitäns lag im Hafen von Tanger. Ich stand im Heck und sah auf die friedliche sonnenbeschienene Düne, über die vor ein paar Stunden der neue Pascha von Tanger mit großem Vorantritt von rot- und khaliberöckten Infanteristen, weißgekleideten Reitern und fliegenden Fahnen eingezogen war, als mir ein oorbeisegelnder Araber zurief: Krieg auf dem großen Socko Marktplatz). Im selben Augenblick ertönte auch Gewehrfeuer, und auf dem Kamm der Düne erschienen wie mit Zauberschlag laufende Gestalten, die stehen blieben, nach hinten schossen und weiterrannten.
Das Glas belehrte uns bald: die kurzgeschürzten Krieger mit ihren Strickturbanen waren Andjeras ein Bergberberstamm, der Tangers östliche Umgebung unsicher macht, und die, auf die sie schossen, trugen den blauen Turban Raisulis. In weniger als fünf Minuten war der ganze Strand um die Bucht von Tanger mit flüchtenden Andjeras bedeckt, Männern und Weibern, tue letzteren ihre Maultiere und Esel eiligst vor sich hertteibend. In langem Galopp sprengten jetzt Sultanssoldaten heran, die Flinte auf den Oberschenkel ge= stützt und sie ab und an in die Luft hinein abfeuernd, und aus der Stadt heraus zog sich in langer Linie ein Häuflein Infanterie.
Dabei wurde lustig weiter geknallt, ohne daß man recht sah, auf wen und wohin, bis ich plötzlich durch das Glas ein