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Ar. 254

Montag, yen 29. Oktober 190b

15. Jahrgang

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Redaktion «. Hantztexpedition: Gießen, Selters weg 83.

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Gratisbeilage« : Qberheffische Famittenzeit»«g (täglich) und die Gießener Teifenblasen (wöchmtlich).

(Hießensr P«gsM»tt)

Mnaöyängige Tageszeitung

(Gießener Zeitung)

für CNrNfttt und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen Md Umgebung. tzntM â amtlichen B«Lmnt»ach»mgen der Gr»tzh. Bürgermeisterei Gießen, des Sn^f,. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

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Das neueste.

* Das Groß. Miniftkrium äußert sich endlich in der Darmft. ßtg/ über seine Gründe. die Bestätigung Eißnerts. Es widerlegt darin auch die Ansicht, daß eine Ministerftimwe majorisiert worden sei.

DaS Befinde» des Landwirtschastsministers PodbielSki hat sich erheblich verschlimmert.

Die Deutsche Kolonialgesellschaft hält ihre nächstjährige General-Bersammlung in Worms ab.

Bern, 28. Okt. Die zweite Haager Friedenskonferenz soll in der ersten Hälfte nächsten Jahres tagen.

Anläßlich der Antrittsvorlesung deS Pros. Vorgeß an der Berliner Universität in Gegenwart deS Kaisers kam es zu lebhaften deutsch-amerikanischen Freundschafts-Kundgebungen.

Im Prozeß Biewald gegen die Stadtgemeinde Breslau erkannte daS Landgericht die Ansprüche Biewalds als im Prinzip berechtigt an.

Der Köpenicker Kossenräuber gab eine ausführliche Schilderung seines Raubzuges.

In Petersburg wurde SamStag'Mittag bei der WoS- uesenSki-Brücke gegen einen staatlichen Geldtransport ein Ueberfall auSgeführt. Die ganze Summe betrug rund 600 000 Rubel. Viele Personen wurden durch Bomben und Schüsse getötet oder verwundet.

Zwischen Amerika und Japan ist eine ernstliche Ver­stimmung eingetreten.

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Der Reid von Köpenick.

Im Moabiter Untersuchungsgefängnis ruht Köpenicks Heldengestalt, der Schuster Wilhelm Voigt, nunmehr von seinem letzten Streiche aus. Er wird auch nicht so schnell in die Lage kommen, etwas ähnliches auszuhecken. Das ist eigentlich schade, denn bei der Ansicht Voigts, daß man mit Soldaten alles machen könne, durfte man aus seine weiteren Heldentaten gespannt sein.

2 Onkel Wilhelm.

Wenn man das Vorleben des Verbrechers betrachtet, soweit er nicht hinter Gefängnismauern saß, kommt man immer mehr zu der Ueberzeugung, daß Voigt als Schuster eine ehrliche Zukunft gehabt hätte, wenn ihn nicht seine Ver­gangenheit immer wieder in den Sumpf gezogen hätte. Bei allen Mietern des Hauses Langestraße, in dem er verhaftet wurde, hatte er sich schnell beliebt gemacht und seine stete Hilfsbereitschaft, sowie seine Bartttacht trugen ihm den NamenOnkel Wilhelm" ein. Voigt zeigte sich durchaus als gemütvoller Mensch, wie folgende Episode beweist. Bei seinem Wirt wohnte u. a. ein junges Mädchen, das schwer krank an Schwind­sucht damederlag und keinen Menschen auf der Welt batte, der sich seiner angenommen hätte. In die Pflege dieser armen Kranken teilte sich Voigt mit seinen Wirtsleuten. Als schließlich der Tod sie von den Qualen erlöste, war es Voigt, der ihr die Augen zudrückte und nach den Worten:Nun hat sie es glücklich überstanden und ist wohl dahin" mit ge­falteten Händen der Verstorbenen ein sttlles Gebet weihte. Dann ließ er es sich nicht nehmen und hielt mit einem jungen Nachbar die Totenwache. Am Sonntag darauf ging er noch zur Beerdigung mit. Und dieser Mensch mit dem kindlichen Gemüt war ein alter Zuchthäusler!

Der Phantasiesoldat.

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Voigt hat bekanntlich nie gedient, aber er liebte es, von seinerMilitärzeit" zu erzählen und bewies dadurch, daß er eine ungeheuer leichte Auffassungsgabe hat. Er spielte sich als alterSoldat" auf, behauptete, es bis zum Sergeanten gebracht und sogar den Feldzug 1870/71 mitgemacht zu haben. I Isr habe die Absicht gehabt, Zahlmeister zu werden, sei aber davon abgekommen. Soldat war er nur in der Phantasie. . Und doch hat dieser Kunde es fertig gebracht, nicht nur den r Offizieren die nötigen Kommandos abzulauschen, die er zu L seinem Feldzuge brauchte, sondern auch ihr Benehmen, ihre i Haltung usw. zu studieren. Er ist, wie er selbst sagt, ver- i schiedenen Offizieren begegnet, hat sich mit ihnen begrüßt und t ist feinem aufgefallen, ein Beweis, wie gut er seine Rolle £ gelernt hat. Schade um dieses irregeleitete Menschenleben!

Nechcnexempel.

^. Das Geld, das Voigt aus Köpenick mitgenommen hatte, I ist wiedergefunden worden, sogar mehr, als er geraubt hat, s nnö .dieses Rechenexempel erhöht noch die komische Wirkung I der Affäre. Außer den querst gefundenen 3700 Mark hat £ man nämlich noch 388 Mark beschlagnahmt, wovon 88 Mark L Voigts Ersparnisse sind. Es ist also nicht recht klar, wovon der Verbrecher die Spesen des Feldzuges gedeckt und den Pivilanzug bezahlt hat, da der mitgenommene Kassenbestand - ur 4002 Mark betrug.Erkläre mir, Graf Oerindur!" Ein anderes Rechenexempel, das augenblicklich die Juristen be­schäftigt, ist, wieviel Jahre derHauptmann" für seine letzte ^at bekommen wird. Dem Verbrecher fallen diesmal zur ^ajt : Führung eines falschen Namens und Titelanmaßung, unberechtigte Tragung einer Uniform, Betrug, Raub und Ervresiuna. ^-reibeitsberaubuna und Urkundenfälschung. Doch

dürfte" der' Staatsanwalt die stattliche Gruppe dieser Vers brechen und Vergehen wohl noch durch Anführung einiger neuer Straftaten erweitern. Voigt hat zuletzt 15 Jahre Zuchthaus das höchste zeitliche Strafmaß verbüßt. Die neue Strafe dürfte daher nicht viel geringer ausfallen, da er nach § 250 und 255 des deutschen Strafgesetzbuches für den Raub und die Erpressung schon mindestens 5 Jahre Zuchthaus verwirkt hat.

Und wenn die Zuchthausmauern sich hinter dem Ver­urteilten geschlossen haben werden, wird auch das Interesse des Publikums an dem Verbrecher, über dessen Taten und Verhaftung sich sogar der Kaiser besonderen Bericht erstatten ließ, erkalten. Den Verbrecher trifft die gesetzliche Strafe; ob sie ihn bessern wird, ist ein Rechenexempel, das kein Mensch lösen kann.

VoigtS Verteidiger.

Eine Verwandte desHauptmanns" hat den Rechts­anwalt Dr. Schwindt mit der Verteidigung des Verhafteten beauftragt. Dieser wird dem Beschuldigten im Laufe der nächsten Woche den ersten Besuch abstatten. SeineAus­sichten" hält Voigt für nicht sehr günstig. Er fürchtet, daß das Gericht ihn strenger herannehmen werde als jeden anderen. Dagegen meint er, komme es ihm wieder zugute, daß von dem schwersten Verbrechen keine Rede sein könne. Voigt meint, es liege weder Raub noch Urkundenfälschung vor; er glaubt mit vier Jahren davonzukommen.

politische Rundschau

Deutscbee Reiche

* Der Ertrag der neuen Verbrauchssteuern ist bis zuut Oktober hinter den Erwartungen der Regierung zurück- sind erzielt worden an Zigarettensteuer 4 835108 Mark, Frachturkundensteuer 4 217190 Mark, Aersonenfahrkarten 1 771 346 Mark, Steuerkarten für Kraft­fahrzeuge 960 700 Mark, Steuer für Vergütungen an Aufsichts­ratsmitglieder 114115 Mark, Erbschaftssteuer 26 943 Mark.

^ 5n der Schlußsitzung des Vorstandes der deutschen Kolomalgesellschaft zu Leipzig wurde als Ort der nächsten Vorstandssitzung und der Generalversammlung Worms ge­wählt, als Zeit der Zusammenkunft wurde der Mittwoch nach Pfingsten bestimmt.

_ * Der aufsehenerregende Prozeß gegen die Michelsdorfer Fürsorge-Zöglinge, der mit der Verurteilung eines Zöglings zum Tode endete, hat anscheinend Maßregeln der oberen Be­hörden hervorgerufen. In den ländlichen Bezirken war es bisher allgemein üblich, daß die Rettungshäuser Zöglinge, die sich gebessert hatten, an Landwirte zur Pflege abgaben. Das scheint nun fortan nicht mehr gestattet zu sein. Das Rettungshaus zu Michelsdorf in Schlesien hatte zahlreiche seiner Zöglinge bei Bauerngutsbesitzern in Pflege gegeben, ^zetzt sind den Besitzern die Zöglinge, welche Land- und Hof- m:beit verrichteten, wieder entzogen worden und zwar auf Grund einer höheren Verfügung, da angeblich diese Arbeit zu schwer für die Zöglinge sei. Ob diese Verfügung allgemein für die Rettungshäuser erlassen wurde, ist nicht bekannt.

Russland*

^ Allmählich scheint eine Beruhigung des Landes ein- zutreten. Die Revolution ist durch die strengen Maßnahmen der Behörden geschwächt und wagt nur noch einzelne Schläge. Es liegen folgende Meldungen vor:

Wilna, 26. Oktober. Die Sicherheitspolizei ver­haftete in der letzten Nacht 26 der Kampfliga angehörige Sozialisten, Revolutionäre und Anarchisten und beschlag­nahmte deren Waffen und Briefschaften.

Petersburg, 27. Oktober. Heute vormittag wurde im Zentrum der Stadt in der Nähe der Wosnesenski-Brücke aus einen geschlossenen Wagen mit Geldsummen der Gou- vernementsrentei ein Bombenattentat ausgeführt. Zwei Gendarmen, eine Passantin und die Pferde wurden ver­wundet. Der Wagen enthielt 600 000 Rubel, den Räubern fielen jedoch nur 3 Pakete mit einem Betrage von 386 000 Rubeln in die Hände. Der Uebeltäter entkam. Einer der Helfershelfer des Attentatsurhebers wurde ge­tötet, ein anderer verwundet und festgenommen, die genaue Zahl der Verletzten konnte noch nicht festgestellt werden.

Tula, 27. Oktober. Die Adelsversammlung der Provinz beschloß ihr Mitglied, den ehemaligen Präsidenten der Duma Muromzew, von der Teilnahme an den Wahlen und anderen Akten der Adelsversammlung auszuschließen, weil er durch Unterzeichnung des Wiborger Manifestes eine unehrenhafte Handlung begangen habe.

OerteTretch-Un^artK

Am 27. Oktober fand die feierliche Nebcrfnhrung der Gebeme Rakoczys von Konstanza nach Budapest statt. Der Sonderzug mit den Särgen, enthaltend die Gebeine Franz ^cakoczys und seiner Exilgenossen, seiner Mutter Ilona Zrimi, seines Sohnes Josef und Emerich Thökölys wurde in Orsova von der für die Feierlichkeiten gebildeten großen Landes­kommission übernommen. Ministerpräsident Wekerle gab in einer Ansprache der tiefen Rührung darüber Ausdruck, daß die Nationalhelden wieder der Erde des Vaterlandes über­geben werden können. Nach Einsegnung der Särge und Niederlegung von Kränzen durch zahlreiche aus ganz Ungarn ringettoffene Abordnungen fuhr der Zug nach Budapest weiter.

Hmerika»

** Zwischen den Vereinigten Staaten und Japan ist ein Konflikt ausgebrochen. In San Francisko sind die Kinder )er dort ^ansässigen Japaner aus den öffentlichen Schulen rusgeschlossen, also gleich denen der Chinesen als Sprößlinge Üner inferioren Rasse hingestellt worden. Die japanische Re­gierung hat dagegen entschiedenen Protest erhoben. Das nnerikanische Staatsdepartement versprach, die Behörden von Zan Francisko auf die Sachlage aufmerksam zu machen, fügte rber die Aufforderung an Japan bei, die Robbenfänger zu bestrafen, die widerrechtlich auf amerikanischem Gebiet in Alaska jagten. Man erwartet friedliche Beilegung der Miß- Migkeiten.

Afrika.

** Die neuerdings durch mancherlei Unruhen wieder in Fluß gekommene marokkanische Frage ruft lebhafte Be- ingstigung in Frankreich hervor. Der Generalgouverneur Zonnart in Algier hielt eine Rede, in welcher er auf die in kinzelnen Gegenden Algeriens ausgebrochene Gährung Hin- vies. Er sagte unter anderem: Es steht außer Zweifel, daß desonders die Ereignisse, welche sich in Marokko seit 18 Monaten abspielten, in der islamitischen Welt eine gewisse Erregung hervorgerufen haben, welche uns zwingt, Vor­kehrungen zu treffen. In Aegypten verstärken die Engländer ihre Besatzung. Algerin liegt in nächster Nähe des anarchischen Herdes von Marokko, wo eine sehr eifrige franzosenfeindliche Propaganda entfaltet wird. Wir werden uns von den Er­eignissen nicht überraschen lassen. Die marokkanische Frage war niemals akuter als jetzt. In Paris geht das Gerücht, » die Regierung Kriegsschiffe nach Marokko senden will.

Pof und Gesellschaft.

*% Der Reichskanzler Fürst v. Bülow wird in nächster Zeit zu einem mehrtägigen Jagdbesuche bei seinem Verwandten, dem Freiherrn v. Rücker-Jenisch, auf dessen Gut Blumendorf bei Oldesloe, eintreffen.

,** Mit ihrer Tochter Monika Pia ist die Gräfin Montignoso nach Italien abgereist. Der König von Sachsen gab d« Gräfin daS Versprechen, daß fie ihre Kinder jährlich im April und Oktober sehen dürfe. Beim Abschied, sagte die Gräfin zu ihren Kindern, fie möchten dem Papo vielen Dank von ihr sagen für die unendlich große Freuds die er ihr durch das Wiedersehen mit ihnen bereitet habe.

*% Der russische Minister des Aeußern I s w o l s k \ ist von Paris in Berlin eingetroffen und wird vom Kaiser empfangen. Bor seiner Abreise in Paris erhielt er das Groß kreuz der Ehrenlegion.

Soziales Leben,

X Lohnbewegung im Ruhrkohlengebiet. Eine Anzahl Zechen haben mit den Avbetter-Ausschüssen wegen der Lohn- < frage Fühlung genommen. Die Versammlung der Siebener­kommission und der Verbände beschloß eine Resolution, in welcher das Bedauern darüber ausgedrückt wird, daß durch die Haltung des preußischen Handelsministers in der An­gelegenheit des bekannten Arttkels der Norddeutschen All­gemeinen Zeitung die Spannung, die zurzeit zwischen der Bergarbeiterschaft und den Bergherren vorhanden ist, nur noch verschärft werde. In einer Eingabe an die Oberberg­ämter und das Handelsministerium soll auch die Aufhebung der Sperre verlangt werden.

X Streikunruhe« in Budapest. Der Ausstand der An­gestellten der Straßenbahn hat auch Arbeiter anderer Berufe zur Arbeitsniederlegung veranlaßt. Es werden ca. 30000 Feiernde gezählt. Mehrfach kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, bei denen es Verletzte auf beiden Seiten gab.

Aberglaube oder .. .?

Der Fall Frida Wagner in ärztlicher Beleuchtung. *

Von Dr. med. Th. Zlocisti-Berlin.

Seit einigen Tagen ist das Interesse weitester Volkskreise, soweit es nicht durch den höheren Bierulk des Köpenicker Hauptmanns erschöpft ist, auf die mysteriöse Entführung der 12jährigen Berliner Schülerin Frida Wagner gerichtet.

Tatbestand:

Das Mädchen, das wegen einer Rückgratverkrümmung einen orthopädischen Turnlucs mitnimmt, wird beim Ver­lassen des Turnsaals auf der Straße von einer Dame, die sich Eleonore von Sassen nennt und Opernsängerin zu sein behauptet, angesprochen. Am nächsten Tage erscheint die Dame bei der Mutter dieses Kindes, schwärmt ihr von der Schönheit der Stimme Fridas vor und bittet um die Er­laubnis, das Mädchen zu einer Opernsängerin ausbilden zu dürfen. Die Mutter, die sich diesen Vorschlag überlegen will, nennt der Dame die Schule, in der sich das Kind gerade aufhält. Sofort geht die Dame in die Schule, spricht mit dem Rektor und dem Gesanglehrer über die Begabung des Kindes und nimmt das Kind noch während der Schulzeit mit sich, unter der Begründung, sie lei ihre Tante und halte sich nur einen Tag in Berlin auf. Sie fahren dann eine Strecke und gehen dann ein Stück bis zu