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Erstes Blatt
Samstaq, vm 29. September 1906
15. Jahrgang
1906.
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Nrraktzängige Tageszeitung
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Fast jeder Tag dringt offene Fragen, sei es, daß er nette Historist, sei eS, daß er alte neu in Erinnerung bringt. Die vergangene Woche hat in dieser Beziehung besondere Frucht- Erkert gezeigt. Zunächst war es die braunschweigische Frage, bk sich nach langer Frist wieder auftollte. Als Prinz-Regent Nbrecht gestorben war, hielt man für sicher, daß der Slegentschaftsrat dem Landtag unverzüglich die Wahl eines neuem Regenten empfehlen und daß aus solcher Wahl Prinze Friedrich Wilhelm von Preußen, der jüngste Sohn des Hrinzen Albrecht, hervorgehen würde. Doch nicht daS Erwartete geschah. Man wollte wenigstens den Versah machen, eine Verlängerung des Regentschasts-Provi- ioriumâ zu vermeiden und zu endgilttger Ordnung her staatsrechtlichen Verhältnisse des Herzogtums zu gelangen. Der Regentschaftsrat ist in diesem Sinne bei dem bmcvi Reichskanzler vorstellig geworden, der die Angelegen-
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heil vor den Bundesrat bringen wird. Es ist nicht unbe- denk! ich, auf kurze Zeit hinaus zu prophezeien. Wir wagen «der die Voraussagung, daß der Herzog von Cumberland ruf seinem früheren intransigenten Standpunkt verharren und seine Berufung auf den Thron von Braunschweig auch weiter unmöglich machen wird. Vielleicht bewirkt sein Verhalten, haß die Bismarcksche Theorie anerkannt wird, wonach Erb-
fdiaÜberträge als Staats- und nicht als Familienverttäge tuftlfassen sind, sodaß im vorliegenden Fall der preußische Staat als Erwerber des hannöverschen Staates für diesen in die braunschweigischen Erbschafts rechte einzutteten hätte, klnstweilen freilich ist auch das noch eine offene Frage.
Der sozialdemottattsche Parteitag, nach dem die vergangene koche die „rote" Woche genannt wird, hat sich sozusagen von ißmlrs wegen mit offenen Fragen zu beschäftigen. Denn das ist ein Charakteristikum dieser Partei, daß sie politische und wirt- gastliche Axiome aufstellt, für die sie unbedingten Glauben ;ki ihren Anhängern verlangt. Die Axiome wechseln, aber k Glaube muß bleiben. Gegenwärtig ist der Generalstreik k «Gegenstand parteitakttscher Erörterungen. Sind diese zu Vorläiufigem Abschluß gebracht, so werden die Sozialdemottaten Ibissen, ivas sie von Partei wegen bis auf weiteres von dem ^ert'ralffreif zu halten haben. Im übrigen sind die Ver- * Handlungen des jüngsten Parteitages viel ruhiger als die der dorren gewesen.
F F v Auch die wissenschaftlichen Kongresse, sowie die Wirtschafts-
unb sozialpolitischen Vereinigungen, die in der abgelaufenen • Koche getagt haben, hielten ihre Besttebungen der Lösung . offerier Fragen zugewandt. Sogar die wissenschaftlichen ^on 8resse dürften ihre Aufgaben in gleicher Weise rubrizieren.
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ist "ein ganz außerordentlicher Fortschritt. Der Vorsitzende der Konferenz hatte so Unrecht nicht, als er sagte, daß dieser Beschluß eine neue Aera in der sozialen Geschichte der Menschheit eröffne und einen ersten Schritt bedeute auf dem Wege zur Lösung der sozialen Frage. Auch das auf dieser Konferenz ge- troffene Abkommen, das die Verwendung weißen Phosphors in Zündholzfabriken verbietet, ist ein großer Gewinn, obwohl erst sieben Staaten ihm beigetteten sind. Den übrigen Staaten bleibt der Beitritt offen. Daß sie ihn vollziehen, dazu wird die öffentliche Meinung sie mit unwiderstehlicher Kraft zwingen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben jetzt ihre besondere offene Frage: Intervention in Kuba oder nicht? Sie möchten gern zur Intervention gedrängt sein, aber die Kubaner wollen ihnen den Gefallen nicht tun. Uebrigens muß anerkannt werden, daß es in Amerika selbst an Gegnern der Intervention nicht fehlt, von der man fürchtet, sie könnte Amerika immer weiter in eine imperialistische Politik hinein- treiben.
Auf dem Balkan hat sich eine ganz frische offene Frage gemeldet: Ein angeblicher Nachkomme des Bandenführers Stander Beg, Wadro Castriotti, ist nach einer Agitationsreise durch Montenegro, Dalmatien und Serbien nach Sofia gekommen. Sein strenges Inkognito hinderte ihn nicht, durch einen bestellten Interviewer zu verkünden, daß er den Bulgaren im Falle eines Konfliktes mit der Türkei mit einer Armee von 50 000 Albanesen zu Hilfe kommen werde. Lian sieht, der etwas operettenhaft auftretende Held nimmt den Mund recht voll. Die mazedonischen Führer wollen von bem wunderlichen Bundesgenossen nichts wissen, der natürlich für sich selbst den Thron von Albanien beansprucht.
Kaiser Franz Josef ist leidend. Mit lebhafter Besorgnis und inniger Teilnahme blicken alle Völker Oesterreich-Ungarns auf das Krankenzimmer des hochbetaaten Herrschers, dessen Verehrung ungefähr das einzige Gemeinsame aller Parteien in dem vielzerklüfteten Reiche ist. Die herzlichsten Wünsche sind auch bei uns auf seine baldige Genesung gerichtet.
In Rußland wetteifern Feldgerichte und Anarchisten mit einander. Beide fahren fort, ihre Taten Urteile und Urteils- vollstteckungen zu nennen. Die ganze russische Politik, das ganze russische Staatsleben ist eine einzige offene Frage.
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, Tei internationale Ärbeiterschutzkongreß in Bern, der Kongreß für internationales Recht in Gent — der sich hauptsächlich mit dem Kriegsrecht oder eigentlich mit dem Recht des Fried- fati gen im Kriege beschäftigt —, die Krebskonferenz in Heidel- ■ und Frankfurt a. M., sie alle arbeiten mit unermüdlichem fllei ß an der Lösung offener Fragen, durchaus darauf vorbereitet, daß sie nach Lösung einer Frage sofort auf eine neue offene Frage stoßen werden. Besonders die Arbeiterschu Konferenz in Bern hat positive Ergebnisse erzielt. Das ^erbot industrieller Nachtarbeit der Frauen dürfte mit «ainn des Jahres 1911 internationales Recht werden. Das
Der Landwirt
gh. Die Ruhr der Bienen. Diese Erkrankung ist in der Regel darauf zurückzuführen, daß im Winter ungeeignete Nahrung, wie Fichten- und Tannenhonig, gereicht wird. Auch dem Heidehonig wird diese Wirkung zugeschrieben, aber mit Unrecht; vielmehr eignet sich dieser recht gut zur Ernährung der Bienen im Winter. Liefert aber die Heide nur wenig Honig, so bringen die Bienen viel Fichten- ober Tannenhonig heim, und dieser ist es, der die Ruhr hervorruft. Man kann nun diesem Uebelstand Vorbeugen, indem man nach dem Heimbringen der Völker auf den heimischen Stand den auf dem Wanderstand gesammelten Honig aus den Stöcken entfernt und dafür jedem Volk 5—6 Pfund Zuckerlösung einfüttert. Der entnommene Honig kann dann ohne Bedenken im Frühling als Not- oder Triebfutter Verwendung finden, so daß der Imker bei diesem Verfahren keineswegs zu kurz kommt.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Wie jetzt bestimmt versichert wird, tritt der stellv er- tretende Kolonialdirektor Dernburg seine Informationsreise nach den afrikanischen Kolonien erst im nächsten Jahre und twar wahrscheinlich nach Schluß der kommenden Session doS Reichstages an.
* Ginen Angriff auf einen deutschen Beamten hat nun buch die fremdenfeindliche Bewegung in Marokko gebracht. Der Ueberfall, dessen Opfer der deutsche Postvorstand in Marakesch, Herr Holtze, geworden ist, vollzog sich in der Nähe des Grabes des Wundertäters Maelain.
Einem mit Holtze befreundeten mohammedanischen Kaufmann aus Fez gelang es, die Fanatiker zu vertreiben. Ueber-- einstimmenden Aussagen zufolge hat Holtze nicht den ge-^ ringsten Anlaß zu den Ausschreittmgen gegeben. Jedenfallsi wird nun bald der nötige Nachdruck auf die Durchführung, der Beschlüsse von Algeciras gelegt
* Das Reichsversicherungsamt hat an alle deutschem Berufsgenossenschaften Anftagpn darüber gerichtet, welche Schritte sie unternommen haben, um dem Mißbrauch geistiger Getränke unter den Arbeitern der ihnen unterstellten Getriebe entgegenzutreten. Gleichzeitig werden die Bcrufsgenossen- schaften aufgefordert, dieser Angelegenheit fortgesetzt ihr Augenmerk zu schenken.
* Auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Mannheim wurde die Resolution Bebel über den politischen Massenstteik angenommen. Die Resolution fand Annahme einschließlich des Zusatzanttages Legien mit 323 gegen 62 Stimmen. Rach längerer Debatte über den Ausschluß der sog. Lokalisten ober Anarchosozialisten beschloß man, die Erledigung der ganzen, Frage einer Besprechung zwischen Parteivorstand und Generalkommission zu überlassen. Gleichzeitig wurden damit sämtliche Anträge für erledigt erklärt. Dann wandte man sich der Maifeier zu.
* In Köln tagte der Bund der deutschen Saalbefitzer. Die Delegierten nahmen einen Anttag an, nach dem die Konzertsaalbesitzer nur tantiemefreie Kompositionen aufführen lassen sollen, um Reibungen mit der Genossenschaft deutscher Tonsetzer zu entgehen. Eine Petitton an die Kriegsministerien wurde beschlossen, um Erleichterungen bei der Konzert-Erlaubnis für auswärtige Militärkapellen zu erzielen. Der Ausschank alkoholfteier Gettänke soll ebenso wie der Flaschen- bierhandel der Konzessionspflicht unterstellt werden nach den Wünschen der Versammlung. Ferner sollen Schritte unternommen werden zur Abschaffting des Militär-Boykotts für Saalbesitzer, die sozialdemokratische Versammlungen in ihren Räumen abhalten lassen.!
* Die diesjährige schlechte Weinernte wird eine politische Aktton in der hessischen Kammer bringen. Der Landtagsabgeordnete Wolf hat der Ständekamnier einen Antrag auf anderweitige Abschätzung der Weinberge für die Steuerdeklaration eingereicht. Er begründet den Antrag mit dem schlechten Ausgang der diesjährigen Weinernte. In der rheinischen Gegend wäre der Minderertrag so groß, daß mit einem Schaden von Millionen zu rechnen sei.
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Giessener *' * * * Catern
Nachdruck verboten.
Kreuz und quer durch Giessen.
Ganz leise kommt der H'rbst g>gangen
Von Busch und Gaum fällt Blatt um Blatt, treibt ein ungestüm’ Verlangen
Mich aus den Toren vor die Stadt.
c>a8 letzte Grün im Sonnengolde,
Nock einmal ganz mit Lust zu schau'n,
Noch einmal.........
So weit bin ick mit diesen Versen gekommen, die ich, Urfmnfen in die Schönheit drs prächtigen Septembertages, p erinem tiefimpsundemn AbschicdSjang an den scheidenden èomm^r zu gestalten dachte. Allein es sollte anders kommen. ,Reserve hat Ruh" so tönte ls mir bei meinem „Dichter"- Samg auf Weg und Steg evtgcg.n und ganz besonders ist
dus heute Der Fall. Mit meiner herbstlich-poetischen Stimmung war eS deshalb nichts und ich brach mitten im Dichten jählings ab. Doch es ist gut, daß all-s auf Erden einmal ein Ende nimmt und daß insbesondere nunmehr Reserve wieder auf einige Zeit der Ruhe sich erfreuen kann, denn der Mensch kann nichts schwerer ertragen, als eine Reihe von Tagen, an denen solch geistreiche Lieder, wie das angeführte, mit jugendlichem Feuer und männlicher Ausdauer von den h^mziehenden Reservemännern gen Himmel gesandt werden. Es war aber auch am Montag geradezu lebensgefährlich ein Lokal zu betreten, in welchem die stolzen Reservisten ihren Abschiebstrunk nahmen — und das war in mehreren Lokalen des Oesteren der Fall, — da fuchtelte der bekannte R^servestcck mit der baumelnden Troddel nur so in den Lüften herum, daß man sich aller Vorsicht bifleißig-n mußte, um nicht etwas abzukriegen.
Doch auch dieser Kelch ist vorübergegangen und ich wende mich hen von den „Gießener Neueste Nachr'ckten" auf« geworfenen Preisfragen zu: „Wer ist der populärste Mann im Greife Gießen" und „Welches ist das inten flau teste Gebäude in Gießen", indem ich mir den Kopf darüber zerbreche, ob ich im ersteren Falle den Landtagèabgwrdneten Köhler-LangSdors oder eines unserer stadtbekannten Originale bezeichnen soll und im letzteren tut mir erst recht die Wahl wehe, denn wir haben i« Gießen eine ganze Reihe von Gebäuden, die deS Interessanten soviel treten, daß sie unter ihrer Last schier zusammen zu brechen drohen. Das haben wir ja an der seligen „Kracheburg" gesehen und gleich ihr kann es stündlich bevorstehen, daß verschiedene Häuser in
Der „Drechäusergaße", im „kalten Loch", in der „Bachgaß" und wer weiß wo so? st noch, revoltieren und unter donnerähnlichem Getöse ihr Liben aushauchen. Da ich nach vielem Ueber- legen noch kewe mir zusagende Antwort auf die angeregten Fragen finden kann, so nehme ich meinen Wanderstab und walle um die Schoor, teils der Zerstreuung wegen, theils um neue Anregung für die Lösung dufir schwierigen Probleme zu erhalten. Jäh wurde ich aus meinem Sinnen herausgerissen, als ich auf kurze Zeit meine Zr flucht zu 'inem kleinen Häuschen nehmen wußte, welches v n stolzen Namen „Be- dür'nièanstalt" sührt. Zum Tode erschrecken fahre ich zurück, denn vor mir sehe ich zwei Damen auS Großen-Linden — Ich stammle er. 1s tzt einige Emschuldigungsworte, mit welchen ich gleichzeitig den kijen Borwurf verbinde, daß diese Stätte nur ihn Männern geweiht sei, woraus mir prompt erwidert wurde, daß es doch nicht ang^--erst nach Großen- Linden zurückzugehen. Diese Darlegung leuchtete mir tut ui b ich will diesen Umstand n-cht verschweigen, denn ich bin von der unbedingten Notwendigkeit einer derartigen Einrichtung überzeugt. Unsere Stadtverwaltung würde sich den heißesten Dank unserer Domenwelt verdienen, wenn sie, wie in so vielen anderen Drncpn, auch in der angebeuteten Richtung fortschrittlich und bahnbrechend wirken möchte.
ein
Brreskasten der Laterne.
W. A. in Gießen. Siesragen an, ob wir wöchentlich oder zweimal erscheinen. Das letztere trifft zu.
Abonnent in Grünberg. In nächster Nummer.