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Mittwoch, den 28. November 1906

15. Jahrgang

18». 280.________

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«tteieUee«: Oterhesstsche Kamt»«»,ett»«« (tlglW und die Wiefjteer reife,bl«sc» (wLcheutlich).

fSr Oberhssse» und die Kreift MarvNrg und Wetzlar; Lokalameiger für Gießen und Umgebung.

^y^^^ âtlich,» Bek««twachWgen der Grotzh. Bürgermeisterei Gießen, des Troßh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessntr-

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Das neueste.

* Der Gesetzentwurf über die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die gewerblichen Berufsvereine wurde gestern im Reichstage an eine Kommission von 28 Mitgliedern verwiesen.

Die bisherige Zentrumsmehrheit im Stadtrat von Win wurde durch den Sieg der Liberalen beseitigt

DieNordd. Allg. Ztg." erklärt, mangels Hin- reichend glaubhaft gemachten Verdachts sei das Ec- mittelungSverfahren gegen Geh. Legationsrat Dr. Seitz wegen sahrlässiger Urkundenfälschung eingestellt worden.

Die Vorgänge in Marokko.

Zu Anfang dieses JahreS war in Marokko alles ruhig, und alle Welt beunruhigte sich über Marokko. Mittlerweile hat die Konferenz von Alg?ciraS stattgefunden, deren Ver- Handlungen dazu bestimmt waren und das vorgesteckte Ziel auch erreichten, jene Beunruhigung zu beseitigen. Durch all- gemünes Einvernehmen wurde festgestellt, daß der Sultan von Marokko seine Selbständigkeit behalten,? Politik der offenen Tür" gegen jede Beeinträchtigung gewahrt, eine europäische Hafenpolizei mit einigen Vorrechten für Frankreich unÄ Spanien ein geführt werden sollte. Der Sultan gab seine Znsttmmung, Europa hörte auf, sich wegen Marokko auf» zuregen. Seitdem aber ist es in Marokko unruhig geworden. ^Nicht von dem etwas sagenhaften Prätendenten, der dem '&altan die Herrschaft streitig mach:, ist die Beunruhigung aiL'gegaHgm. Im Gegenteil: der Prätendent verhält sich so still, daß die alle Vermutung beinahe bestätigt erscheint, der Prätendent sei wirklich nur eine an französischen Drähten ge- zogene Puppe gewesen, die wenigstens augenblicklich ihre Ro>lle ausgespielt hat. Aber andere Gewalten sind hervor« getreten, die die Ordnung des Landes stören, hier und da sogar die Sicherheit der in Marokko ansässigen Europäer bedrohe«. Es- wäre irrig, wollte man hieraus schließen, die Arbeit der Konferenz von Algeciras sei vergeblich gewesen. Das ist nicht der Fall. Die Konferenz sollte nur bewirken und h«t bewirkt, daß Marokko nicht zu einem Streitgegenstand zwischen deu Mächten wurde. Eine unmittelbare Einwirkung auf di« inneren Verhältnisse Marokkos konnte gar nicht zu den Auf­gaben der Konferenz gehören. Wären die Wirren, die jetzt zu Tage getreten find, früher in Marokko ausgebrochen, vor Öen1 Verständigung in Algeciras, so hätte wahrscheinlich mehr als eine europäische Macht den Versuch unternommen, auf eigene Faust in Marokko einzuschreiten, und das hätte leicht zu Verwicklungen von unabsehlicher Ausdehnung führen löllinen. Gerade jetzt zeigen sich die Segnungen der viel« aeichmähten Konferenz. Die marokkanischen Unruhen stören die Dlbe Europas nicht. Vielmehr darf ein allgemeines Einver« stäkidnis vorausgesetzt werden über die Schritt , die in Marokko zur Wahrung der Interessen aller zu tun sind. Das Einver- standius ist auf dem Wege. Französische, englische, spanische Kriegsschiffe sind nach den marokkanischen Häfen beordert, tiiklleicht werden noch andere Kriegsschiffe dorthin abgeschicÜ t* on, und Truppen verschiedener Staaten sind bereits zur H Landung und zum Sicherheitsdienst in bestimmten maroNa« V nisschen Gebieten, in denen Europäer sich niedergelassen habe«, »bezeichnet. ES ist ferner ein Einvernehmen darüber erzielt, 8 baÈ diese Truppen in keiner Stadt, auf keinem öffentlichen ß^baude eine europäische Flagge hissen, daß sie keine ' ptzergreifung vornehmen. Sie bilden gewissermaßen ein europäisches Polizeiaufgebot, das die marokkanischen Un- n^cilifter zwingen soll, den Schauplatz ihrer Tätigkeit dorthin zu verlegen, wo keine unmittelbaren Interessen von Euro- pQcrn in Frage stehen, wo die Unruhen und Gewalttaten ( nicht Leben und Habe von Europäern bedrohen. Wo die : Herren Marokkaner unter sich sind, da mögen sie nach ihrem öissfallen schalten und walten und nach Landesbrauch ver- sahren. Diese Einrichtung eines europäischen Polizeiaufgebots, das zunächst von Franzosen und Spaniern gestellt wird und dir- auf weiteres 3000 Mann nicht übersteigen soll, bleibt so laiige in Tättgkeit, als die Verhältnisse an bauern, die seine ; Pistung veranlaßt haben. Damit wird zugleich der Sultan selbst gegen die mehr oder minder offenbaren Umstürze lüfte i^nn Großen geschützt. Es ist auch eine unmittelbare Mnivlung dieser Umsturzgelüste zu erwarten, da ihnen der - Meg zu dem letzten Ziele, der Beseitigung des Sultans, nach menschlicher Berechnung versperrt wird. Da die Polizei- koj^en, die nicht gering sein werden, naturgemäß dem Lande zu:r Vaft fallen und von den betreffenden Mächten höchstens veuauslagt werden, so dürften die Marokkaner sich nicht allzu °Mge gegen die Erkenntnis sträuben, daß sie erheblich billiger fo^tkonincen, wenn sie auf den Luxus von Räubereien in dem ^rk europäischer Ansiedelungen verzichren. Auch Raisuli sich bald bequemen, seine ehrgeizigen Pläne wenigstens zu. vertagen. Bei der Uneinigkeit der europäischen Mächte . dimfte er vielleicht auf einen Erfolg für sich rechnen den < ebn gen Mächten gegenüber hat er keine Aussichten mehr.

Man ersieht hieraus, daß es recht kurzsichtige Leute ge- ^be:sen find, die von einem Mißerfolg der Konferenz von rll'Izeciras gesprochen haben. Vielmehr wird offenbar, daß S^2 Konferenz sehr zur rechten Zeit stattgefunLen hat, baß sie

mcyr vier Sparer rammen ourfie, cus «e gekommen «i, wenn sie die marokkanischen Wirren nicht zu einer inneren An­gelegenheit Marokkos machen wollte, die Europas Frieden nicht stört und nicht einmal mehr von Ferne bedroht. Man braucht nur daran zu denken, daß die Konferenz erst jetzt stattfände, daß die Wirren während dec Konferenzberatungen »umgebrochen wären, um einzusehen, wie viel schwieriger dann die Verständigung gewesen wäre, die ohnehin schwierig genug und in mehr als einem Augenblick dem Scheitern nahe war.

politische Rundschau.

Deutsches Reich»

r * Der verschiedentlich lautgewordenen Kritik der ToTontalet Denkschriften wird in einer offiziösen Auslassung entgegen« getreten. Darin heißt es u. a.:

Bei der Krtttt der kolsnialen Denkschriften ist beanstandet worden, daß darin der Mangel des Baues von Eisenbahnen als der einzige folgenschwere Fehler der Verwaltung angesehen werde. Die Kritik vergißt hierbei, daß es sich um eine fach­männische Arbeit handelt, welche sich ausschließlich mit dem Stand der abminiftratibe» Verwaltung im Schutzgebiete befaßt, soweit dieser in finanzielle« Ergebniffen ausgedrückt werden kann. Niemand wird der gegenwärtigen Leitung der Kolonial­verwaltung zuttauen, daß sie glaubt, damit alle diejenigen Anstände erschöpft zu habe«, welche sich zum großen Teil mit Recht gegenüber der bisherigen Verwaltung ergeben haben. Die Kolonialverwaltung strebt dahin, den Kolonien möglichst bald eine gewisse Selbstverwaltung zu geben. Im Hinblick darauf finden zurzeit Beratungen in der Kolonialverwaltung statt, die eine Abänderung des Beamtengesetzes für die Kolonien vorbereiten und eine möglichste Ersetzung durch andere als juristisch oder verwaltungstechnisch vorbereitete Personen in gewissem Umfange aLS Kolonialbeamte auszubilden, bezwecken. Au sich befähigt weder die Qualität als Kaufmann noch als Beamter zur Uebernahme einer verantwortlichen Stellung in den Kolonien. Dazu gehört vielmehr eine gesund ausgebildete koloniale Praxis, eine Vorbildung, die möglichst mit Rücksicht auf die kolonialen Bedürfnisse zu erwerben ist, eine einfache, klare, allen Beamten verständliche Verwaltungspolittk und vor allem eine gute Dosis gesunden Menschenverstandes und nationaler Gesinnung.

* Der Delegiertentag der deutsch-konservativen Partei wird am Freitag, 30. November, in Berlin zusammentreten. Die Verhandlungen find geheim. Die Tagesordnung umfaßt die Gebiete der allgemeinen Politik, der Wirtschafts-- und der Sozialpolitik. Unter den eingegangenen Anträgen befinden sich auch solche auf Abänderung des konservativen Programms.

frankreici)»

* * In der französischen Kammer kam anläßlich einer Interpellatton über die Maßnahmen gegen die Viehseuchen die Absperrung der deutschen Grenzen gcr en französische Vieh, einfuhr zur Sprache. Landwirlschastsminister Ruau erklärte, die Maulseuche habe in diesem Jahre einen gutartigen Charakter gezeigt, und sei niemals tödlich verlaufen. Der Minister legt dar, daß in allen Departements rücksichtslose Maßregeln ge/ troffen werden, und hofft, daß das Auftreten der Seuche feint ernsten Folgen haben werde. Er fügt hinzu, daß zweifellos gewiffe Länder die angeblichen Seuchen ausnutzen, um ihre Grenzen zu sperren, doch würden diese in kurzer Zeit wieder geöffnet werden.

Russland»

In Theodosia wurde ein Bombenanschlag ans General Dawydow verübt. Der General blieb unverletzt. Der Täter trug die Bombe in einem Gemüsekorb. Der Verbrecher wurde ergriffen. Er gab an, österreichischer Staatsangehöriger und 22 Jahre alt zu sein. Er habe das Attentat auf Befehl einer fliegenden Sektion der Südabteilung der Sozial- revoluttonäre verübt. Ein Fuhrmann, der sich weigerte, den Verbrecher zu verfolgen, wurde ebenfalls festgenoumlen, außer­dem noch zwei verdächtige Personen.

Kleine politische Nachrichten»

Berlin, 27. November. Die Nachwahl zum preußischen Landtage im 3. Berliner Wahlkreis hatte das Resultat, daß am 4. Dezember Stichwahl zwischen dem Freisinnigen Dr. Müller-Sagan und dem Sozialdemokraten Ledebour stâtt- finden muß.

Berlin, 27. November. Hofprediger a. D. D. Stöcker ist an einem Herzleiden schwer erkrankt. Doch ist in den letzten Tagen eine leichte Besserung eingetreten.

Stettin, 27. November. Als Nachfolger des verstorbenen Orerlandesgerichtspräsidenten Kurlbaum wird der Zentrums­führer Spahn genannt.

Paris, 27. November. Wie verlautet, haben die französische und die spanische Regierung bezüglich der Aktion in Marokko den übrigen Mächren Versicherungen über den Umfang und die Dauer der Demonstration gegeben, welche auch Deutsch­land völlig genügten.

Paris, 27. November. Die Kommission für die Justiz- reform sprach sich mit acht gegen zwei Stimmen für Ab­schaffung der Todesstrafe aus.

Nom, 27. November. Kardinal Kopp wurde vom Papst empfangen. Die Verhandlungen über den Nachfolger Stablewskis werden voraussichtlich lange Monate in Anspruch Nehmen.

Dos und Gesellschaft.

*** Am 11. Dezember wird der Kaiser in Bückeburg eintreffen und am 12. Dezember als Gast des Fürsten Georg zu Schaumburg-Lippe an der Hofjagd teilnehmen. Die Ab­reise des Monarchen ist auf den 13. Dezember vormittags festgesetzt.

** Gestern mittag wurde unter der Leitung des Kaisers Prinz Sigismund von Preußen, der jüngste Sohn des Prinzen Heinrich, in Kiel feierlich als Offizier in das 1. Garde-Regiment z. F. eingestellt. Der Kaiser fuhr nachmittags nach Berlin ab und traf abends gegen 8 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof ein und dinierte beim Reichskanzler.

*** In Stettin ist der Oberlandesgerichts­präsident Dr. Kurlbaum im 77. Lebensjahre ge­storben. Er galt als einer der bedeutendsten Juristen Deutschlands.

*** Das Befinden des P a p st e s , welcher einen erneuten Podagraanfall erlitten hat, hat sich verschlimmert.

Deer und flotte.

Korserpacade 1907. Den Manövern, die im nächsten Jahre zwischen dem 7. und 10. Armeekorps stattfinden, werden Kaiserparaden, in den ersten Septemüertagen 1907 für das 10. Armeekorps in Hannover und für das 7. Armeekorps in Münster in Westfalen vorausgehen.

Zum Unfall in Toulon. An Bord des in Flammen stehenden SchulschiffesLllgesiras" explodierten gestern früh fünf Exerziertorpedos, ohne an den in der Nähe befindlichen Schiffen Schaden anzurichten. Auch der Körper des Schul­schiffes selbst ist in Brand geraten. Es ist jetzt festgestellt, daß bei dem Brande nur drei Mann von der Besatzung, die der Rauch am Entkommen verhinderte, ums Leben gekommen^ sind. Es sind .dies ein Schreiber, ein Bootsmann und ein Arbeiter.

Die Meuterer von Portsmouth. Das Marinekriegsgericht verurteilte den Heizer Mordy, den Rädelsführer bei den Un^ ruhen in der Marinekaserne zu !j^tLmoâ zu fünf Jahren Zuchthaus. ___________

Deutscher Reichstags.

(127. Sitzung.) CB. Berlin, 27. November.

Der Reichstag, schwach besetzt, wie schon seit einer Reihe von Tagen, beschäftigte sich heute zuerst mit Rechnungssachcn. Darunter befand sich auch eine Etatsübersicht für das Gebiet von Kiautschou, das unter der Verwaltung des Reichs-Marine- Amts steht. Es sind bei der Verwalttlng einige Etats- Überschreitungen vorgekommen, die von dem Reichs-Marine- Anrt begründet und gerechtfertigt werden sollen. Da aber ein Vertreter dieses Amtes nicht erschienen war, konnte die Angelegenheit nicht erledigt werden. Von der linken Seite des Hauses wurde dies scharf gerügt und als Rücksichtslosigkeit gegen den Reichstug bezeichnet. Im weiteren Verlaufe der Auseinandersetzungen teilte der Reichsschatzsekretär Freiherr von Stengel mit, daß der Etat erst Mitte nächsten Monats, kurz vor dem Beginne der Weihnachtsferien werde vorgelegt werden können; das ist zu einer Zeit, in der sonst die erste Lesung des Etats bereits beendet zu sein pflegte. Als Grund für diese

außergewöhnlich späte Fertigstellnng des Etats gab der Reichsschatzsekretär den neuen Zolltarif, die neuen Steuern und die dadurch bedingte Unsicherheit in den Ein­nahmen an. Von mehreren Rednern wurde die späte Einbringung des Etats beklagt. Es werde nicht möglich sein, bis Ende März den Etat durchzuberaten und man werde wieder zu einem Notgesetz " n müssen. Vmr anderer Seite wurde dies bestritten. Nach diesen, die Technik des Parlamentarismus betreffenden Debatten wurde in der ersten Lesung der

Berufsvereins-Vorlage fortgefahren. Abg. Draeger von der Freisinnigen Volks­partei sprach sich sehr abfällig über den Entwurf aus. Die Meister­prüfung im Ge'^ - ' au habe die Regierung damit nicht erbracht. Die Vorlage - rz und gar ungenügend. Unter großer Heiterkeit des ^^n'es vergleicht der Redner, der ja auch Dichter ist, ratssekretär Grafen Posadowsky mit dem gefesselten us, an dessen Sozialpolitik Adler und ' f ä' Posadowsky nahm hierauf noch­mals das Wo ii in kurzem einige Bestimmungen der Vorlage zu verteidigen. Polizeiliche Schikane, so betonte er, werde nicht ausgeübt' werden, das Recht aber, die Mitglieder­verzeichnisse zu verlangen, müsse die Negierung haben, sonst würde es zur Bildung geheimer Gesellschaften kommen. Der nächste Redner, Aba"-^''neter Votthoff (freis. Vg.) bekämpft die Vor.igc nachdrücklich.

Ferner sprachen i h der Pole Korfanty gleichfalls gegen die Vorlage und der Nationalliberale Dr. B e u m er. Letzterer betonte, daß er ebenso wie sein Fraktionsganage Bassermann die Vorlage für verfehlt halte. Auch die Arbeit­geber hätten einen solchen Entwurf nicht gew"'' war die erste Lesung beendet. Auf Ant ng der ' kneten