Nr. 201
Dienstaq. Pen 28. Au anst 190b
15. Jahrgang
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(Aidktier Dagevs«4t)
FLnaKKängige Tageszeitung
(Atel) eit er Zeitung)
für ODerheffm und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Metzm und Umgebung
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grotzb. Bürgermeisterei Siegen, des Großh. Polizeiamtes Siegen und anderer W^Hrb^t n^n ^^^
Das neue J^ibilisten-Gescbkcbt.
£eit geraumer Zeit vergeht kaum ein Tag, an dem nt$ aus Rußland von einem schweren und mit erstaunlicher Ver, wegenheit ausgeführten politischen Verbrechen berichtet würde Dabei rechnen wir Bankeinbrüche mit bewaffneter Hand Ueberfälle und Ausraubungen von Eisenbahnzügen gar nichi mit. Das sind gleichsam nur kleine „Requisitionen", die das Kriegsheer der Revolution ausüben läßt, um die Kosten des Krieges aufzubringen. Dergleichen Gewaltstreiche haben nichts charakteristisches, sie können überall vorkommen. Doch wir führen als Beispiel einige Fälle an, obwohl sie allgemein bekannt sind — daß ein dem Anschein nach wohlerzogenes junges Mädchen. Fräulein Prinz, die Tochter eines Generals, die von der Töchtern des Odessaer Generalgouverneurs Kaulbars gewährte Gastfreundschaft kaltblütig benutzen will, um der Vater der Freundinnen zu ermorden — das ist russisch, das ist kennzeichnend für Gesinnung und Vorgehen der spezifisch russischen Propaganda der Tat." Auch das jüngste Verbrechen, das sich gegen den russischen Ministerpräsidenten Stolypin richtete, gehört zu dieser Kategorie. In prächtig bespannter Equipage fahren bei dem Landsitz des Ministers, der gerade Empfangstag abhält, zwei Zivilisten und zwei uniformierte Männer vor; sie treten in die Villa ein, und eine Minute später hat eine explodierende Bombe dreißig Menschen getötet, ebensoviele schwer verwundet und das Haus zerstört. In dem Verlauf nicht so grausam, aber in der Anlage noch raffinierter war der Anschlag gegen den Warschauer Generalgouverneur Skalon, der sich nicht öffentlich zeigte, sich abgeschlossen hielt. Um ihn herauszulocken, griffen die Meuchler zu dem mit Schlauheit berechneten Äiittel, daß sie den deutschen Vizekonsul insultieren ließen. Sie nahmen mit Recht an, daß der Generalgouverneur gezwungen sein würde, dem Beleidigten einen Besuch zu machen, und dieser Besuch, dessen Ziel und ungefähre Zeit sie kannten, bot ihnen Gelegenheit, den Mordversuch gegen Skalon in Szene zu setzen.
Dergleichen kann nicht von wenigen einzelnen Personen ausgehen, das ist das Werk einer weit ausgebreiteten Verschwörung, möglicherweise das Werk nicht blos einer Verschwörung. Hier arbeiten viele einander in die Hände, und reichliche Mittel müssen ihnen zur Verfügung stehen. Der Fanatismus allein ist wohl imstande, Mörderhände zu bewaffnen und in Bewegung zu setzen; aber zu so lang geplanten, komplizierten Anschlägen gehört eine zahlreiche Mitwisserschaft, die auf dem Wege zur Ausführung nicht durch die Sorge um des Leibes Nahrung und Notdurft aufgehalten, auch nicht durch die Rücksicht auf etwaige Kosten in der Wahl der Mittel beschränkt sein darf.
Das scheint neu und noch nicht dagewesen. Es ist aber nicht neu, wir haben es selbst schon erlebt — es war uns nur aus dem Gedächtnis entschwunden. Vor dreißig Jahren begann in Rußland der Nihilismus sein blutiges Werk. Attentate gegen hochgestellte Beamte häuften sich. Auf offener Straße wurden Generäle n politischer Stellung erschlagen, ^nd die Mörder konnten entfliehen. Nicht lange daraus erwählte man nch — und die Erzählungen mürben allmählich glaubhaft — daß die Nihilisten es verständen, schriftliche Ankündigungen und Drohungen unmittelbar vor die Augen des Zaren Alexander II. zu bringen, auf seinen Schreibtisch, in sein Schlafzimmer. Es folgten die Attentate auf den Zaren selbst. Im Winterpalais platzte eine Bombe unter dem Speisesaal und zerriß seinen Boden, unmittelbar bevor der Zar ihn betreten wollte. Ak- der Zar eine Reise antrat, land sich der Eisenbahndamm trotz aller Bewachung unterminiert, und auch hier entkam der Zar nur mit genauer Not dem Verderben. Am 13. März 1881 wurde er wirklich ermordet. Es geschah in Petersburg. Eine unter seines Wagen geworfene Bombe tötete ihn. 'Hätte er einen anderen Weg eingeschlagen, so wartete dort eine unter dem Straßendamm angelegte Stine auf ihn. Seinem Nachfolger, Alexander III ging es nur wenig besser. B i Worki wurde der Eisenbahnzug, in dem er mit der gsnzen kaiserlichen Familie fuhr, zer- trümmert. Seitdem schloß er sich ab, und wenn er eine Reise unternahm, wurde zu seinem Schutz mehr als ein Armeekorps aufgeboten. In dreifacher Kette besetzten Truppen die ganze Länge des Bahndamms, den der kaiserliche Zug benutzte.
Das war das Werk der Nihilisten. Fast plötzlich stellten diese ihre verbrecherische Tätigkeit ein. Man hörte nichts mehr von ihnen und man vergaß sie. Jetzt sind sie wieder an der Arbeit, wenigstens wird ganz nach ihrem Muster gearbeitet, man erkennt förmlich ihre Handschrift. Die Aehn- lichkeit ist zu groß, als daß man ohne weiteres an eine bloße Nachahmung glauben könnte.
Der rote Schrecken in Rußland.
Andauernd hält das weltgeschichtliche Drama, das sich im Zarenreiche abspielt, die Kulturnationeu in Atem. Un= gezählte von Opfern hat der erbitterte Kampf zwischen den entgegenstrebenden Kräften schon gefordert und fast jeder Tag bringt die Kunde blutiger Vorkommnisse. Doch die neuesten Ereignisse übertreffen in ihrer erschütternden Tragik die schlimmsten Erwartungen. Kaum hat der Telegraph die
Nachricht gebracht von dem schaudererregenden Anichlag an| den Ministerpräsidenten Stolypin und schon gewinnt es den Anschein, als ob das Verbr.'chen nur die Einleitung gewesen wäre zu einer Reibe von Greueltaten des politischen Hasse-', Ein General in Petcrhof crmvrdct.
Die zarte Hand eines jungen Weibes war es, die in bei unmittelbaren Nähe des Zaren, m Peterhof, den Kommandeur der Elitetruppe de? SemanowsRegiki-ments, zu finden wußte. De amtliche russische Telegraphen-Agentur berichtet über bas Attentat:
General Minn ist Sonntag abend in ^ctcrhof ermorde, worden. Der General befand sich auf dem Bahnhof mit feinet Familie, als ein junges Mädchen sich ihm näherte und fünf Revolverschüffe auf ihn abfenem, die den General in der Rücken trafen. Fran Minn fasste das Mädchen bei der Hand, das sofort verhaftet würbe. Sodann zeigte die Verhaftete dci Polizei eine auf dem Bahnhof liegende Bombe und bat, sich ir acht zu nehmen. (General Minn verstarb sofort.
Wie verheerend der Fanatismus gerade in jugendlichen weiblichen Gemütern wirkt, zeigt eine andere Meldung aus Odessa, die von einem
neuen Anschlag auf General Kaulbars berichtet. Der General-Gouverneur von Odessa wurde erst vor kurzem durch eine seltsame Fügung gerettet. Eine Freundin seiner Töchter erschoß sich im Hause, als sic ihre Pläne auf das Leben des Generals entdeckt sah. Jcstzt hal wieder ein Mädchen, ein halbes Kind noch, den Versuch bei Ermordung des hohen Offiziers wiederholt.
Man hatte seit einigen Tagen ein halbwüchsiges Mädchen in der Nähe des Kaulbarsschen Palastes bemerkt, das in der Straße aus- und niederging. Doch maß man der schmächtigen, kindlich gekleideten Person weiter keine Bedeutung bei. Plötzlich erfolgte eine sehr starke Explosion, und es stellte sich heraus, daß dem Mädchen eine Bombe entfallen war, die es verborgen gehalten hatte. Personen wurden durch die herumfliegenden Splitter nicht verletzt. Das Mädchen fand man in Stücke zerrissen vor. Der Leichnam wurde sofort beschlagnahmt. Es gelang nicht, die Persönlichkeit des Mädchens festzustellen.
Epidemisches Attentatsfieber.
Ein Mann Namens Leontiew schleuderte gegen den Polizeichef Gory in Petersburg eine Bombe in dem Momente, als er im Wagen den Newsky-Prospekt passierte. Der Wagen wurde nur am Vorderteil erheblich beschädigt. Der Kutscher trug tödliche Verletzungen davon. Der Polizeichef wurde nur an Stirn und Nase leicht verletzt. Der Täter entkam. Ei»' Bombenattentat wurde ferner gegen den Gouverneur bor Elizabethpol ausgeführt. Die Bombe explodierte jedoch, ohr^t ihr Ziel zu erreichen und Schaden anzurichten. Der Attes» toter wurde nicht gefaßt.
r Montag Nachmittag entstand panischer Schrecken auf bei 5 Hauptstraße Warschaus. Der Kommandeur des V. Armeekorps r General Wouljarlsgrski wurde von einem Unbekannten erschossen, als der General in einer Droschke vorüberfuhr. Trotzdem schnell herbeieilende Schutzleute sofort die Verfolgung aufnahmen, enttarn der Täter.
Sonntag abend wurde auf der Fnschawinje Zweigbahn ün Personenzug überfallen; ein Polizeioffizier, ein Schutzmann und ein Gendarm wurden getötet, ein Schaffner tödlich verwundet. In einer Vorstadt zu Riga fand die Polizei in einer Privatwohnung 24 Bomben, 8 Pyroxylingeschosse, sowie viele Sprengmaterialien. Eine Patrouille vereitelte einen geplanten Ueberfall auf eine staatliche Branntweinniederlage, fünf an dem Ueberfalle beteiligte Personen wurden erschossen. In einer anderen Schenke tötete der Mob die Frau des abwesenden Wirtes und verwundete dessen fünfjährigen Sohn. Der Pöbel steckte das Haus in Brand und ließ den Sohn des Wirtes in den Flammen umkommen.
In Riga wurden eine Reihe anarchistischer Verbrechen in der Nacht zum Montag begangen. Zwei eiserne Trägermasten der Straßenbahn, die auf der Hauptlinie vor drei Tagen den Verkehr eröffnete, wurden vor dem Gebäude des Friedensgerichtes und dem des deutschen Stadttheaters durch Pyroxylinpetarden zu sprengen versucht. Die Explosion war fürchterlich; im Friedensgericht sind sämtliche Fenster zertrümmert. Bei erneuten Haussuchungen leistete man den Polizisten Widerstand. Militär wurde herbeigerufen, welches Straßen und Häuser mit Maschinengewehren beschoß. Die Stadt ist in furchtbarer Aufregung. Es wird ein Pogrom befürchtet.
Die Katastrophe im Hause Stolypins übertrifft in ihren Folgeck noch die anfänglichen Meldungen, obwohl diese wahrlich grausig genug waren. Die Gesamtzahl der Getöteten und Verwundeten beläuft sich auf nahezu 60. Von den Urhebern sind angeblich drei getötet worden, einer soll nur verwundet und in Haft sein. In das Peter-Pauls- Hospiral wurden 24 Leichname und 22 Verwundete geschafft; drei von den letzteren sind beim Verbände gestorben. Außerdem sind noch drei am Spätabend gestorben. Die Gesamtzahl der durch die Explosion Getöteten beträgt mithin dreißig. Die Tochter Stolypins sowie sein kleiner Sohn sollen sich auf dem Wege der Besserung befinden.
Der Zar sowie mehrere Großfürsten richteten Telegramme an Stolypin, in dem sie ihrer Entrüstung über das Attentat Ausdruck flehen. Die Volizei entfaltete fieberhafte Tätiakeil
nnb hielt alsbald in allen Teilen der Stadt Haussuchungen ab, wobei es gelang, wichtige Anhaltspunkte über
die Persönlichkeiten der Attentäter zu ermitteln.
Der Kutscher, der die verwegenen Menschen gefahren hatte und nur leicht verletzt ist, sagte aus, die Insassen seien Große Morskaja-Straße Nr. 49 eingeftiegen. Bei den Nach, wnchungen stellte sich heraus, daß in dem Hause vor zwei ^agen ein angeblich aus Moskau stammendes Ehepaar namens Morosow nebst Dienstmädchen abgestiegen war, -Morosow nebst zwei anderen Männern verließen kurz vor dem . Attentat das Haus in der Uniform von Gendarmerieoffizieren. Frau Morosow nebst Dienstmädchen sind spurlos verschwunden. Aus Moskau wurde gemeldet, daß die Familie, die sich den Namen Morosow beilegte, ar 5 Rjasan stammt. Die Morosow sind als die eigentlichen Rädelsführer anzusehen. Unter den im Gefängn'ishospua! beindlichen, wegen der Explosion verdächtigen Personen, befindet sich auch ein Polizist.
Russische Bombcnfabrik in Hamburg?
Mit welcher Energie die russischen Revoliltionäre an der Verwirklichung ihrer Pläne arbeiten, und wir rücksichtslos sie vorgehen, zeigt die Entdeckung einer in Hamburg betriebenen Werkstätte zur Anfertigung vor Bomben. Sonntag Abend verhafteten Kriminalbeamte des Reviers Billivärder - Ausschlag einen Russen in ber Sachsenstraße 11. Der Polizei war die Mitteilung geworden, daß dort seit mehreren Wochen zwei verdächtige Leute unangemeldet wohnten. Als sechs Polizcibeainte am Sonntag erschienen, fanden sie nur einen der Fremden vor. Er hatte mehrere Brandwunden im Gesicht und an der Händen, die anscheinend durch Säuren hervorgerufen sind, d^achdem der Verdächtige in sicheres Gewahrsam gebracht worden war, wurde eine Haussuchung vorgenommen. Ein Koffer war mit Revolvern und Vrownina-Pistolen gefüllt, der zweite enthielt andere Waffen und Munition i.nb ein weiterer war angefüllt mit Briefschaften, Rechnungen uni Frachtbriefen, aus denen hervorging, daß die Gegenstände von Hamburg aus nach den russischen Ostseeprovinzen verschickt werden sollten. Seit fünf Wochen haben die beiden Russen zahlreiche Sprengstoffe und Waffen an die Deckadressr E. Hoffmann, Hammerbrookstraße 67, empfangen. Zahlreiche Rezepte zur Anfertigung von Bomben wurden aufgefunden. Der Verhaftete gibt an, er sei der 1871 in Belgien geborene Schriftsteller Farart, verweigert aber sonst jede Auskunft. In seiner Brieftasche fand sich ein Paß auf den Namen Farart lautend. Viele der Pistolen und Revolver waren bei Hamburger Waffenhändlern gekauft. In einer beschlagnahmten Flasche verrnutete man anfänglich Pikrinsäure, diese Annahme scheint sich bei der Untersuchung nicht zu bestätigen.
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Aus Petersburg wird nachträglich gemeldet, daß die Mörderin des Generals Minn einen auf den Namen der aus Pensa stammenden Bäuerin Sophie Larinoff lautenden Paß mit sich führte^ In ihrem Besitz wurde eine Browningpiftole mit vier abgeschossenen Patronen gefunden. Ein seit dem 3. August in der Nähe von Peterhof ansässiger etwa 30 Jahre alter Mann ist der Mitschuld verdächtig. Er wohnte mit der Larinoff in einem Hause und ist seit dem Augenblick des Attentats' verschwunden.
politische Rundschau.
Deutsches Resch»
* In politischen Kreisen glaubt man jetzt den Nachfolger )c§ Herrn von Podbielski zu kennen. Als preußischer Land- Virtschaftsminister soll Freiherr von Schorlemer, Oberpräsident Don Rheinland in Aussicht genommen sein. Man schließt ücs aus dem Umstand, daß Freiherr von Schorlemer in letzter Stunde seinen zum Schützenfest in Neuß in Aussicht gestellten Besuch abgesagt, da er telegraphisch nach Berlin berufen wurde.
* Die Gerüchte von der Beteiligung weiterer Offiziere in der Tippelskirch-Affäre scheinen auf die unbedeutende Tat- 'ache zusammenzuschrumpfen, daß ein Subalternoffizier bei Der Firma Tippelskirch ein Guthaben hatte, das er mit der Zeit völlig aufbrauchte und schließlick) überschritt. Er gab edocb der Firma als Deckung für den schuldigen Betrag von ünigen tausend Mark Wertpapiere in der gleichen Höhe. Amtlich hatte der betreffende Offizier mit der Firma nichts zu tun, so daß gegen ihn überhaupt nichts Belastendes vor- heqt. — Oberst Ohnesorg von dem Oberkommando der Schutztruppe, der direkte Vorgesetzte des Majors Fischer soll kürzlich sein Abschiedsgesuch eingereicht haben. Dem Gesuch • ei aber nicht nachgegeben worden, weil die Beendigung der schwebenden Untersuchung abgewartet werden soll.
* Eine deutsch-französische Verbrüdcrungspolitik wird in Berlin vorbereitet. Auf Einladung der deutschen Friedensgesellschaft werden im November Mitglieder französischer Vereine usw. nach Berlin kommen. Bisher haben sich 1500 Teilnehmer zu der Fahrt gemeldet. Der Aufenthalt der Franzosen in Berlin wird wahrscheinlich drei Tage dauern. Die Deutsche Friedensgesellschaft wird in kurzem' mit einem Aufruf zur Teilnahme der Berliner Vereine unb der Berliner Bevölkerung