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D onnerstaq, den 27. Dezember 1906
15. Jahrgang
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fSr OberhMM und die Kreise MârSnrg und Wetzlar; LskKlMzeiS^ für Metzen und Umgebung.
Enthält alle amH^en BeknmtmachrMtn der Grotzh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. PvLizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
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Die Reicbsiagswabkn.
^^5 . Ueber alle in den ob er hessisch en Wahlkreisen ' ~ --»^ M unb den benachbarten preußischen Kreisen Wetzlar, Bieden- ^“q^ köpf und Marburg stattsindenden Wähler-Ver-
^^ I iammlunßen sind uns direkte den Tatsachen ent-
'^"^ I sprechende Berichre willkommen. Aus Wunsch wird
1*3»? 8 i^to sowie Honorar gezahlt. Für eilige Nachrichten
'1^4 M empfehlen wir telephonische Mitteilung; wir haben ^OF 1 Telephon-Avschrutz Nr 362
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^^: I Zur Auftlürung.
^'-^' In dem Abendblatt der „Frankf. Zeitung" vom ■Hj. Dezember ist ein Artikel enthalten, der das be- douerliche Scheitern der Verhandlungen zwischen der Freisinnigen Partei und den zr«ati on a llibera l en in Darmstadt mitteilt. In diesem Artikel wird ein Punkt verschwiegen, so wird uns geschrieben, der so wesentlich ist, daß bet seiner Angabe adle zu ungunsten der Nationalliberalen gezogenen S chlüsse hinfällig würden. Da die hiesige Parteileitung dec Freisinnigen und das übrige Gießener Publikum durch Verbreitung jenes einseitigen Berichter auf eine falsche Bahn geleitet werden könnten, ist es dringend angebracht, die Ausführungen der „Frankf. Zeitung." richtig zu stellen. Dort heißt es, daß in den Verhandlungen zwischen Iustizrat Gallus (freis.) und Abg. èsann (natlib.), der nationalliberale Vertreter erklärt habe, daß die Natlib. auf Aufstellung einer selbständigen Kandidatur zugunsten einer parteilosen Persönlichkeit verzichten wollten, daß sie aber Pfarrer Korell und Prof. Harnack ablehnten. Hier fehlt, daß die Natlib. als Kandidaten den Herrn Landtagsabgeordneten Noack, der dec freisinnigen Partei in unserem Landtag angehört, vorgeschlagen haben. Nach dessen Ablehnung wurde Oberl. Kissinger in Darmstadt in Vorschlag gebracht, der ebenfalls Angehöriger der Freis. Partei ist, bezw. der National-Sozialen, die mit den ersteren jetzt verschmolzen sind. Auch dieser wurde abgelehnt.
In dem Artikel der „Franks. Ztg." heißt es weiter: „Hiernach ist festzustellen, daß die Freisinnigen zu einer Verständigung mit den Natlib. für alle in Betracht kommenden hessischen Wahlkreise bereit waren, daß aber die Natlib. zu einem billigen Abkommen nicht zu haben waren. Sie betrachteten offenbar die ganzen Verhandlungen nur unter dem Gesichtspunkt, unter allen Umständen zu verhüten, daß der Wahlkreis Darmstadt- : Groß-Gerau dem Herrn Pfarrer Korell oder einem anderen ausgesprochen Linksliberalen zufalle. Die Freisinnigen können in einem solchen Verhalten auch : nicht den Schein eines aufrichtigen Willens auf dec Seite der Nationallibrralen erblicken, ihnen entgegenzukommen und sie überlassen damit den Natlib. die ! volle Verantwortung für das Scheiter» der Verhandlungen und die sich daraus ergebenden Folgen usw." Der erwähnte Artikel ist in eine Form gekleidet, die auf einen Eingeweihten als Verfasser schließen läßt. Wir aber können nur sagen: Der Verfasser hat entweder nicht gewußt, daß die Natlib. den freisinnigen Abg. Noack usw. vorgeschlagen haben, oder er betrachtet dieses Mitglied der freisinnigen Landtagsfraktion nicht als ausgesprochen linksliberal, und setzt ihm also den Stuhl vor die Parteitüre, oder er hat sich einer Sache I schuldig gemacht, die man als politische Brunnenvergiftung ansehen muß. Anschließend seien noch folgende Tatsachen festgestellt: , t t m r
Die Vertreter der Freis. Volksparter und der Natl. Partei im Reichstag sind in Berlin übereingekommen, grundsätzlich sich den gegenwärtigen Besitzstand Zu gewähr- leiftm. Für Hessen wurde bei der Verabredung betreffs Ausführung dieses Grundsatzes nichts bestimmtes festgesetzt, weil hier die Verhältnisse verworren lägen. ÄVer hatte hier seine Hand im Spiel? Es wäre interessant, dies zu wissen.
Die Freis. Partei besaß in Hepen 1 Mandat: H^Oen—Alzey. Dieses wurde ihr in Darmstadt auch wieder zugestanden. In keinem anderen hessischen Wahlkreise war die genannte Partei bei den letzten Wahlen in die Stichwahl gekommen. In Rücksicht auf die gegenwärtige politische Lage haben sich jetzt die Natlib. in Darmstadt, deren Kandidat b m der ^retf. Partei um mehrere tausend Stimmen voraus war,
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erboten, auf einen eigenen Kandidaten zu verzichten und eine neutrale Persönlichkeit im Verein mit der Freis. Partei zu wählen z. B. den freisinnigen Herrn Noack. Verdiente diese Haltung der stärkeren d^r beiden liberalen Richtungen nicht Anerkennung? Eine Zustimmung zur Kandidatur Korrell im 1. Wahlgang wäre nicht eine billige Abmachung, sondern eine Demütigung gewesen. Die oben angeführten Schluß- folgerungen enthalten statt dessen eine schwere Beleidigung. Wenn sich die Natlib. weigerten, Hern Pfarrer Korell und Herrn Prof. Harnack zu wählen, so wid das jeder ruhig denkende Mann im Hinblick auf die früheren erregten Wahlkämpfe in jenem Kreise begreifen. So viel Menschen- und Seelenkenntnis darf man ganz besonders von Männern verlangen, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen wollen. Es scheint aber, als ob nicht die nationale Sache, sondern die Personenfrage bei Festhaltung an der Kadidatur Korell ausschlaggebend gewesen sei. Es läßt sich allerdings begreifen, daß die freis. Partei den begabten und politisch eifrigen Pf. Korell um dessen Persönlichkeit willen sogroße Kämpfe durchgefochten worden sind, nicht einfach beiseite schieben konnte. Das hätte als ein Abfall angesehen werden können. Aber es gab zwei Auswege: Eine Verabredung im ersten Wahlgang getrennt zu marschieren und in der Stichwahl vereint zu schlagen und Herr Pfarrer Korell in einem anderen Wahlkreise unterzubringen und die Kandidatur Noack oder Kissinger annehmen. Nach der gleichen Nummer der .,Frankst Ztg " ist aber Herr Pfarrer Korell in einem anderen, der freist Partei sicheren Wahlkreise ein Mandat angeboten worden. Herr Korell hat abgelehnt. Hätte er, den seinen Anhänger als besonders geeignet für einen Reichstagsabgeordneten ansehen, dort angenommen, dann wäre ja sein eigener Wunsch in Erfüllung gegangen und seine Anhänger im Kreise Darmstadt Groß- Gerau hätten an der Wirksamkeit ihres Vertrauens» mannes im Reichstag ihre Freude haben können, einerlei ob er gerade von ihnen gewählt worden war oder in einem anderen Wahlkreise. Dann war der Sache gedient, und darauf kommt es ihnen doch wohl in erster Linie an, und Darmstadt Groß-Gerau war Herrn Noack, also auch der freist Partei sicher gewesen. Auch hätte in jenen leidenschaftlich erregten Wählerkreisen wieder Friede und Eintracht zwischen den b e i d e n aufeinander angewiesenen liberalen Parteien einkehren können, so aber entsteht von neuem Erbitterung und der Wahlkreis bleibt sehr wahrscheinlich in den Händen der Sozialdemokratie, wie auch unser hiesiger Wahlkreis dieser Partei wahrscheinlich anheimfallen wird, wenn die hiesige Parteileitung aus Verdrossenheit sich bestimmen läßt, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, anstatt unseren bisherigen Reichstagsabge- ordneten, Herrn Kommerzienrat Heyligenstaedt, einiger geringfügiger Ausstellungen, die man an seiner Wirksamkeit macht, im Interesse des Reiches und des von ihm vertretenen Wahlkreises erfolgreich gearbeitet hat.
Hessen und Hessen Nassau.
Die Freisinnigen wollen am 2. Januar in Gießen eine Wahlversammlung abhalten und sich dabei über ihren Kandidaten entscheiden.
Bad-Nanheim. Der hiesige freisinnige Verein unterstützt die Kandidatur des Grafen Oriola (nat -lib.) nicht, beschloß vielmehr dahin zu wirken, daß ein Freisinniger im Wahlkreis Friedberg-Büdingen aufgestellt wird.
Im Wahlkreise Alsfeld wird dec Bauernbund die Kandidatur Wallau unterstützen.
Darmstadt. Die Freisinnigen stellten Pfarrer Korell als Kandidaten auf.
Mainz. Der Ausschuß der demokratischen Partei hat den Beschluß gefaßt, mit der nationalliberalen und deutsch-freisinnigen Partei gemeinsam vorzugehen unter der Voraussetzung, daß eine von der demokratischen Partei vorgeschlagene,zweifellos demokcatiiche Kandidatur von den beiden anderen Parteien acceptiert und tat- ki ästig unterstützt wird. Dieser Beschluß wurde den Vorständen der nationalllberalen und deutsch-freisinnigen Partei zugesandt.
Die Zentrumspartei Alzey Bingen stellt keinen Kandidaten auf, wenn der Bauernbund selbständig vorgeht. In Frage kommt Landtags-Abg. Wols-Stadecken.
Frankfurt. Hier wurde Dr. Quarck als sozialdemo- I kratischer Reichstagskandidat aufgestellt.
Norddeutschland.
Fulda. Von einer Anzahl liberaler Bürger im Reichstagswahlkreise Fulda-Gecsfeld-Schlüchtecn ist die Aufstellung eines uationalliberalell Kandidaten beschloßen worden, der aber nicht nur als Zählkandidat gelten kann. Es ist dies die erste liberale Kandidatur seit 1874.
Rheillprovinz. Der Prvvinzialvorstand der natioval- liberalen Partei hat beschlossen, alle rheinischen Reichs- tagswahlkceise aufzufordern, eigene Kandidaten aufzu- L stellen. "
Breslan. In Breslau wird über ein Zusammen- lt gehen aller bürgerlichen Parteien einschließlich des Zentrums gegen die Sozialdemokratie verhandelt.
Abg. Bassermann wird vielleicht in Rothenburg- Hoyerswerda aufgestellt; der bisherige Vertreter dieses Wahlkreises, Graf Arnim-Muskau, wird nicht wieder kandidieren
Staatsstreicb-pbantafien.
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Von einem namhaften, mit den Absichten der regiert en Kreise vertrauten Politiker wird der „Deutschen Resoim. Korrespondenz" geschrieben:
Die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen und der sozialdemokratischen Abgeordneten hat bisher noch bei jeder Reichstagswahl zugenommen. Die Beobachtung dieser T»t- sache hat manchen verleitet, den Zeitpunkt zu berechnen oder doch vorauszusehen, da der Reichstag eine sozialdemokratische Mehrheit haben würde. Man ließ dabei unbeachtet, daß nie und airgenu die Bäume in den Himmel wachsen, daß einer stetigen Zunahme immer ein Stillstand oder auch ohne StrS- stand ein Rückgang folgt. In der Voraussetzung, daß eine einmal eingeschlagene Entwickelungsrichtung immer denselben Weg, vielleicht in wechselndem Tempo, weiter verfolgen müsse, sagte man sich, daß irgendwann, und in nicht sehr ferner Zeit, die Beseitigung des allgemeinen und gleichen geheimen Wahlrechts notwendig sein würde, um die Ausantwortung des entscheidenden Einflußes auf Gesetzgebung und Verwaltung an die Sozialdemokratie zu verhüten. Man sagte sich weiter, daß es schwer, beinahe unmöglich sein würde, in dem aus allgemeinen Wahlen hervorgehenden Reichstag, namentlich bei dessen jetziger Zusammensetzung, eine zur Abänderung des Wahlsystems bereite Mehrheit zu finden. Und nun war man schnell bei der Hand, im „Staatsstreich" den einzig mög- ; liehen Ausweg zu sehen. Von hier aus war uns i noch ein Schritt zu der Vermutung und von der Vermutung zu der Versicherung, daß aus solcher Bedrängnis bloß ein „Staatsstreich" retten könne. Natürlich müßte der „Staatsstreich von der Negierung ausgehen. Die Staatsstreich- Phantasten haben ihrer Natur nach die Neigung, sich von der Realität der Dinge zu entfernen und aus ihren Zukunftsbildern die schwerer berechenbaren Faktoren anszuschalten. Sie denken beispielsweise nicht daran, daß schließlich der deutsche Reichstagswähler keinen Reichstag wollen hum, der bloß nein sagt, der das Reich selbst und seine Existenz- & i bedingungen leugnet; daß der Deutsche wohl leicht zu ver- A - führen ist, seiner Mißstimmung durch Abgabe eines Stimm- zcttels für den Radikalismus Ausdruck zu geben, daß aber 1 seine Unzufriedenheit nicht bis zur Zerstörungswut geht. Auch . der unzufriedene Wähler will den Bestand und die Ehre des 'S i Reichs nicht angetastet wissen. Nicht ohne Grund haben selbst 1 / die freisinnigsten Verfassungen der Regierung das Recht der < Parlamentsauflösung, der Berufung an die Wählerschaft J | gegeben. Es wäre doch geradezu unsinnig, wollte man glauben, daß unter allen Menschen und unter allen Körper- 3 I schaffen einzig ein Parlament nicht mißleitet werden und in i ? seinem Urteil fehlgehen könne. Wer das je gedacht hat, den : belehrt die Geschichte durch hundert Beispiele eines besseren. — Es liegt keine Mißachtung des Volkes darin, daß man • * seine Boten und Vertreter nach Hause schickt. Es spricht sich ' im Gegenteil darin das Vertrauen der Regierung zu dem . Volke aus, daß es in kurzer und besonnener Erwägung die ^ r chten Männer in das Parlament schicken w^de. Freilich ? i bunt auch eine solche auherorbenhirfie Wahl unter Umständen , zu dem gewünschten Ziele nicht führen. Dergleichen ist da- | gewesen und den Aelteren unter uns aus Preußens Parka- ' mentarischer Geschichte noch in lebendiger Erinnerung. Aber gerade diese Erinnerung zeigt, wie leicht eine populäre Strömung, die eine Einzelheit überhoch bewertet, den Weg zu ben selbstgesteckten Zielen verfehlen kann. Auch nach der ♦ jetzigen Reichstagsauflösung haben sich sofort die Staats- .reich - Phantasten wieder geregt und mit der Sicherheit, die gewohnheitsmäßig mit vollkommener Vorkenntnis der Personen und Verhältnisse Hand in Hand geht, voraus-, verkündet: wenn die kommenden Neuwahlen einen ebenso ungünstig oder noch ungünstiger zusammengesetzten Reichstag bringen, so würden die Verbündeten Regierungen sofort eine abermalige Auflösung durch den Bundesrat verfügen, und so immer weiter bis «wh weder das Volk mürbe geworden, .nachgeben oder
die Zeit für einen Staatsstreich reif sein wurde. | Der Staatsstreich steht diesen Phantasie-Politikern immer am Ende jeder Vorstellungsreihe. Tatsächlich spricht kein einziger
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