Hk. 253
Erstes Blatt
Samstag, ?ev 27. Oktober 190b
15. Jahrgang
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Gratisbeilage, : Oberlesftf*e Familieazeituag (täglich) unb bie Gießener Seife«blafe« (wöchentlich).
Unabhängige Tageszeitung
(Gießener Jeitnng)
für Oberheffeu und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Sdanwhnad^ßen der Grotzh. Bürgermeisterei Gietzen, des Gr-oßh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
politische Rundschau.
Deutscbee Reich«
* In Leipzig hat am 25. Oktober die Versammlung der Deutschen Kolonialgcsellschaft mit einem Begrüßungsabend besonnen. Die geschäftlichen Beratungen eröffnete gestern der Präsident, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg mit einer Ansprache, in der er zu den Klagen der letzten Zeit über die Kolonialverwaltung Stellung nahm. Er betonte, daß die Gesellschaft keinen wirklich Schuldigen in Schutz nehmen wolle, aber Front machen müsse gegen die Art und Weise, wie Anklagen erhoben werden. „Deshalb/ fuhr der Herzog fort, „trete er für den tüchttgen Beamten und Offizier, für den fleißig arbeitenden Kaufmann und Farmer ein und gegen gemeinen Klatsch hier und draußen und die untätigen Personen und Gesellschaften." Kolonialdirektor Dernburg sagte telegraphisch seine Teilnahme an der Tagung wegen dienstlicher Verhinderung ab.
* Der Bundesrat hat einem Abkommen über Einführung einer Zigarettensteuergemcinschaft zwischen dem Deutschen Reiche und dem Großherzogtum Luxemburg zugestimmt. Einige andere Vorlagen wurden den Ausschüssen überwiesen.
* Der seit einiger Zeit anhaltende polnische Schulstteik « der Provinz Posen hat zu einem bedauerlichen Exzeß geführt. In das Schulhaus zu Bendzikowo wurde eine mit Petroleum gefüllte Bombe geworfen, die Schule ist niedergebrannt. Man glaubt, daß es sich um eine Tat polnischer Fanattker handelt. Die Regierung hat eine Belohnung von 500 Mark auf die Ergreifung der Täter ausgesetzt.
Auch in Berlin machen sich Anzeichen bemerkbar von einem Hinüberflackern des Schulstteiks. Von polnsscher Seite wird behauptet, daß die deutschen katholischen Geistlichen den polnischen Schnlkindern, ohne Wissen und wider den Willen der Eltern, Vorbereitungsunterricht für Beichte und Kommunion in deutscher Sprache erteilen. Die Polen wollen zunächst Maffenproteste veranstalten.
* Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hat gegen die Fleischnot in folgendem Anttage Stellung genommen:
Die Stadtverordneten'Versammlung ersucht den Magistrat, bei den Reichs- und Staatsbehörden mit allem Nachdruck erneut dahin vorstellig zu werden, daß mit Rücksicht auf die sich immer mehr steigernde Teuerung des Fleisches und die hieraus sich er- gebende Schädigung und Verschlechterung der Volksernährung sowie die hierdurch herbeigeführte bedrohliche Notlage weiter Volkstteise die erforderlichen Maßnahmen zur Abhilfe schleunigst getroffen, daß insbesondere die Grenzen für die Einfuhr von Vieh und Fleisch sofort geöffnet und die hemmenden Zollschranken beseitigt werden.
Auch die Stadtverordneten von Stettin und M. Gladbach wenden sich gegen die Fleischteuerung und fordern von ^nem.emzuberufenden Städtetag die Stellungnahme zu dieser
RufeUncL
, ** Mdier die neuesten Vorgänge im inneren Aufruhr- gebiet liegen heute nur wenige Meldungen vor:
. . d e t e r s bürg, 26. Oktober. Hiesige Blätter melden, b°K nn Suden -,n politischer Streik in den Eisenbahn- wcrkstatten und -fabriken begonnen bat Bis zum ^Oktober mittags streikten di-Werkstätten inJekaterinoslaw, Nischednieprowèk und die Bransker Werke. Die stahl der streckenden Arbeiter soll mehrere zehntausend betragen.
r ^.»^>'3a' ^'^??°^. In Wenden wurde eine aus < sechs Personen bestehende organisierte Bande verhaftet, bei ' i^F Waffen und eine geladene Bombe vorgefunden wurden. Die Bombe soll für ein Attentat auf den Kreischef von Wenden bestimmt gewesen sein.
.. Odessa 25 Oktober. In dem Dorfe Salaglei überfielen fünf Bewaffnete die Gemeindeverwaltung, knebelten den Wächter und schafften zwei eiserne Geldschränke fort, hi denen fich 6000 Rubel in bar und 20 000 Rubel in Wertpapieren befanden. ,!
kleine politische ’Tachrfchten*
Osnabrück, 26. Oktober. Die Bezirksshnode nahm mit allen gegen eine Stimme einen Anttag des Superintendenten ^wner zugunsten der amtlichen Mitwirkung der Geistlichen bei der Feuerbestattung an. ’
Hi J?OfrLb% 2^ Oktober. Der englische Kommissar Napier F nn Chattsgarh-Klub von einem Eingeborenen durch Sttche m den Rücken und Nacken schwer verwundet worden^
26. Oktober. Gestern ist es zwischen a^''^ und katholischen Eingeborenen in Fenghfien ^ ^^en Zusammenstoß gekommen, in dessen Verlaufe htm^y5 W^ katholische Kirche zertrümmert wurde. Nach m Schauplatz der Unruhen find Truppen entsendet worden.
Neer und flotte.
Vom Um.rsceboot „Lutin". Eine Abkeiluna ^es 9?adfpy ÖÄ?»» ^ d^" abgeor^t ^ innert»? der Leichen der mit dein Unterseeboot .Lutin" Ver- 1 umgllickten vorzunehmen. Die Feuerwehrleute sind mit be- ^nderenApparnten ausgerüstet worden zum Eindringen in le m,t Stickluft erfüllten Räume des Unterseebootes.
China baut Panzer. Die chinesische Regierung hat den ,Bau von acht Panzerkreuzern und zwei Schlachtschiffen au ie 8000 Tonnen beschlossen. 4 1
Die Verhaftung des .
„bauptmanns“ von Köpenick,
So hat denn den Verbreche, den man tagelang wegeu seines Geniestreiches bewundert und belacht hat, auch sein Schicksal erreicht und die Berliner Kriminalpolizei darf sich den Ruhm, diesen Gauner ermittelt und festgenommen zu haben, allein zuschreiben. Originell, wie der Köpenicker Stterch, war auch der ganze Kerl, der ihn verübt hat und die Art und Weise, wie er und beim Morgenkaffee verhaftet wurde.
Wer ist der Verbrecher?
Diese Frage ist nun gelöst und die Vermutungen, daß man in dem „Hauptmann von Köpenick" einen ehemaligen Soldaten, etwa gar ei^pn Offizier zu suchen habe, haben sich alle als falsch erwiesen. Wilhelm Voigt — so heißt der geriebene Junge, der preußische Grenadiere und eine ganze Stadt genasführt hat — ist nie Soldat gewesen. Er ist ein „ehrsamer" Schuhmacher, der in seinem Fache tüchtiges leisten könnte, hätte ihn nicht frühzeitig seine „Genialität" auf die Bahn des Verbrechens und hinter die schwedischen Gardinen gebracht. Voigt ist cm 13. Februar 1849 in Tilsit geboren und hat bereits mit 14 Jahren die Bekanntschaft des Straftichters gemacht. Er wurde w-gen Diebstahls in den Jahren l863 und 1864 einmal mit sechs und einmal mit neun Monaten Gefängnis bestraft Dann beging er unter dem Namen August v. Zander in Angermünde, Magdeburg und Prenzlau schwere Fälschungen mit Posturkunden und verschaffte sich dadurch größere Geldsummen. Am 10. Februar 1867 wurde er da- sür in Prenzlau mit 10 Jahren Zuchthaus und 1500 Talern Geldstrafe belegt. Diese Zuchthausstrafe verbüßte er in vonnenburg. Zuletzt wurde er wegen schwerer Urkundenfälschung mit 7 Jahren Zuchthaus und wegen Einbruchs in die Gerichtskasse zu Wongrowitz vom chwurgericht in Gnesen nit 15 Jahren Zuchthaus besttast. Die letzte Strafe trat er nn 1. Februar 1891 an. Am 1. Februar d. I. wurde er aus der Strafanstalt entlassen und unter Polizeiaufsicht gesellt. Er hielt sich zuletzt in Wismar auf, wo er bei einem Hofschuhmacher Stellung fand und, da er ein tüchtiger Arbeiter war, sich schnell das Vertrauen seines Meisters erwarb.
Auf her Spur.
Die Berliner Kriminalpolizei hatte von Anfang an die Vermutung, daß der Köpenicker Raub von einem „schweren" Zungen verübt sein könne. Durch Nachforschung der be- lreffenden Akten über Verbrecher, die in ähnlichem Fache schon gearbeitet hatten, kam man auch auf Voigt, der bis Juli d. I. in Wismar gewesen war und sich dann nach Berlin gewandt hatte, weil ihn Mecklenburg ausgewiesen hatte. Voigt hatte bei seiner verheirateten Schwester, einer Frau Menz in Rixdorf Unterkunft gefunden und ernährte sich durch redliche Arbeit, sodaß kein Mensch im Hause in dem stillen, bescheidenen Manne den alten Zuchthäusler geahnt hätte. Durch Nachrage bei der Frau Menz kam die Polizei in den Besitz eines Bildes von Voigt und alle Beteiligten erkannten in ihm den ^Hauptmann von Köpenick" wieder. Er trug noch den Voll- mrt wie beim Einkauf der Uniform in Potsdam.
Beinahe erwischt.
Unauffällig wurde nun das Haus, in dem Frau Menz wohnt, beobachtet und auch ein Nachbarhaus, in dem eine Frau Niemer wohnt, mit der Voigt verkehrte und die er zu heiraten dachte. Die ganze Nacht lagen die Bear.iten auf der Lauer und bereits morgens um 4 Uhr besetzten die Kriminalkommissare Wehn und Nasse aus Berlin sowie die zum Studium in Berlin anwesenden Kommissare Schoen aus Magdeburg und Müller aus Hannover mit zahlreichen B.-unten die verdächtigen Häuser. Aber Voigt war nicht mehr da. Die eindringenden Beamten fanden das Nest leer. Loigt war nach der Langesttaße in Berlin verzogen und wohnte dort im Hause Nr. 22 in Schlafstelle, war aber nicht angemeldet.
Gestörtes Frühstucksidyll.
Sofort wurden die Nachforschungen in Berlin fortgesetzt. Es gelang alsbald, festzustellen, daß Voigt bei einem Ehepaare Karpeles wohnte und gegenwärtig zu Hause war. Kriminalbeamte besetzten jeden Ausgang und das Dach des Hauses, sodaß es ein Entrinnen nicht gab. Dann verlangten und erhielten die vier Kommissare bei Karpeles Einlaß. Hier saß Voigt beim Morgenkaffee. Ueberrascht sah er die Kriminalbeamten an. Er wußte gleich, um was es sich handelte und bat, nur noch seinen Kaffee zu Ende ttinken zu dürfen. Das erlaubte man ihm gern. Voigt frühstückte nun in aller Ruhe. Gesätttgt legte er bald ein Geständnis ab, und die Durchsuchung seines Raumes förderten dann Dinge zutage, die ohnehin genügt hätten, ihn zu überführen. Der Verbrecher wurde nach dem Polizeipräsidium gebracht und hier dem schleunigst herbeigerufenen Bürgermeister von Köpenick und Dem Rendanten v. Wittberg gegenübergestellt. Beide erkannten sofort in Voigt den falschen Hauptmann wieder und bei seiner Durchsuchung fand man bei ihm noch 2000 Mark bares Geld
and den zerrissenen Fünfzigmarkschein, den der Gauner nicht mehr hatte loswerden können. Er hat also von seinem Raube ruch nicht viel gehabt.
Voigt im Verhör.
Der Verbrecher zeigte bei seiner Vernehmung voll, Emene Ruhe und eine außerordentliche Frechheit. Als ein nuzukommender älterer Beamter ihm seine Verwunderung darüber aussprach, daß er bei seinem Alter und bei seinem altertümlichen Aussehen nur die Hauptmannsabzeichen am gelegt und sich nicht mindestens als Major aufgespielt habe, antwortete der Verbrecher mit der Frage: „Haben Si, gedient?" Nachdem diese Frage bejaht war, fuhr er fort 1 >,Das hatte ich auch überlegt! Aber wenn ich als Major nach Köpenick gekommen wäre, so würde man dort doch vielleicht erstaunt gewesen sein, daß ich selbst in dieser Charge die paar Männerchen kommandierte und nicht wenigstens einen Lentnani bei mir hatte!" Einer der Kommissare äußerte dann, daß er es nicht verstehe, daß man diesem Greise gegenüber nicht sofort nach seiner Legitimation gefragt habe. Voigt fiel als. bald mit der Erwiderung ein: „Mein Herr, ich kenne Sie nicht I Aber wenn Sie auch mit Ihrem Oberregierungsrat und Ahrem Präsidenten gekommen wären — meinen Sie, daß ich mich erst auf eine lange Auseinandersetzung eingelassen hätte?. Ich hätte einfach den Soldaten gesagt: „Packen Sie die Kerls am Genick und führen Sie sie ab!" — und Sie hätten mal sehen sollen, wie schnell Sie hinausgeflogen wären! — Bei seiner weiteren Vernehmung erzählte Voigt über die Vorgänge in Köpenick, daß er beinahe „aus der Fassung geraten" wäre, als der ^Polizei-Inspektor Jäckel ihn um die Erlaubnis gebeten hätte, abtreten zu dürfen, weil er — ein Bad nehmen wolle. Da sei er ganz verblüfft gewesen und habe dem Beamten: „Was? Baden wollen Sie gehen?" Dann habe er seine Fassung wiedergewonnen und gesagt: „Na, ja! Sie können abtreten!" — Uebrigens ist Voigt seit dem Köpenicker Stteich nicht mehr ausgegangen. Er hatte von den Haupt- leannsstiefeln schlimme Füße bekommen und blieb sogar die mtzten Tage im Bette liegen. Ein prachtvoller Kerl!
Wer bekommt die Belohnung?
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Von den ausgesetzten 3000 Mark wird ein großer Teil den Berliner Kriminalkommissaren Wehn und Nasse zufallen, die im wesentlichen die Recherchen geleitet und die Verhaftung bewirkt haben. Anteil hat ferner ein Schuhmacher, der mit Voigt im Rawitschen Zuchthause gesessen hatte und durch Mitteilung einer Aeußerung des Verbrechers die Polizei auf . die Spur brachte, ferner die Beamten des Zuchthauses in ' Nawitsch, die den Namen Voigt ermittelten und die Polizei In Wismar, die das Bild beschaffte.
In der Nachbarschaft.
Die Nachricht von der Verhaftung des Räubers wurde in Berlin sehr schnell bekannt. Vor dem Hause in Nixdorf, * in dem Voigt bis vor wenigen Tagen gewohnt hatte, * sammelten sich große Menschenmengen und Frau Menz, Voigts Schwester, wie auch seine Braut wurden nft Fragen bestürmt. Sie wußten aber nichts über die Köpenicker Tat. Voigt hatte niemandem etwas erzählt und das Abnehmen des Vollbartes damit begründet, daß er ja heiraten wolle und deshalb jung aussehen möchte. Voigts Braut ist von ihrem Manne geschieden und etwa 45 Jahre alt. Sie ist Arbeiterin in e-ner Schraubenfabrik und eine wenig sympathische Erscheinung mit schon ergrautem Haar. Die Mieter des Hauses, in dem Frau Menz einen Seifen laden betreibt, wollten zunächst nicht daran glauben, daß Voigt mit bem vielbesprochenen Räuberhauptmann identisch sei. Der bescheidene ruhige Mensch sah ihnen nicht danach aus, als ob er solche Streiche verüben könnte und außerdem h."tte er doch, wie jemand aus dem Hause bemerkte, „keene O-Beene und keene krumme Neese!" Erst als die Polizeibeamten die Leute aufklärten, daß Voigt mehr als 25 Jahre im Zuchthause gesessen habe, wurde ihnen deutlich, daß man nicht immer einem Menschen ansehen könnte, was alles in ihm steckt.
Der Komödie letzter Mt.
CÄ Berlin, 26. Oktober.
Die letzten Dinge werden schlimmer sein^ denn die ersten -— diese Sentenz aus dem Gleichnis vom Sünder, der nach der kurzen Zeit der Einkehr zurückfällt in seine alten Laster, kommt bei dem Finale der Komödie von Köpenick vollauf zu ihrem Rechte. Auf der Bank, da die Spötter fitzen, erhebt sich neues Kichern und eifrig schleift man an den Pfeilen, mit denen von jeher Ironie und Satire sich zum Aerger der Ge- troffenen und zur Freude der Unbeteiligten bemerkbar zu machen pflegten. Der sagenhafte „Hauptmann", der mit dem Aufgebot Preußischer Gardisten das Rathaus zu Köpenick erstürmte, ist in Gefangenschaft geraten. Spureiftrge Kriminalisten haben ihn, den Helden der überwälttgendsten Sensation seit langen Zeiten, in einem bescheidenen Häuschen zu Rixdorf gefunden und triumphieren!) der Gerechtigkeit zugeführt. Es war nichts mit den Verhaftungen zu Hamburg, Frankfurt a. M., zu Pirmansens, Kassel und ungezählter anderen Orten. Kein internationaler Hochstapler, kein Man, Éön der Qualität eines Fürsten der Diebe wie Manolesc,